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"Es gibt keine Entschuldigung dafür, nicht sofort Vegetarier zu werden" Interview mit “Ursache & Wirkung³ (Sommer 2008) Der renommierteste Tierrechtler des deutschen Sprachraums, Helmut F. Kaplan, spricht über die Notwendigkeit, Vegetarier zu werden, über 'Schlachthöfe als KZs von heute' und über die Tierrechtsbewegung als 'Sammelbecken für Vollidioten'.
U&W: Seit wann sind Sie Vegetarier? Warum dürfen wir Tiere nicht töten? Weil es dafür überhaupt keine Notwendigkeit gibt in der westlichen Welt, in der Zivilisation, wenn Sie so wollen. Im Gegenteil, es ist ja sogar in höchstem Maße auch aus anderen Gründen schlecht, Fleisch zu essen: weil wir die Umwelt zerstören, das Grundwasser verseuchen durch Massentierhaltung oder das Klima ruinieren durch Kohlendioxidemission, Regenwaldzerstörung und Methanemission aus Rindermägen. Außerdem könnten bei gleichbleibenden Ressourcen bei vegetarischer Ernährung 10 Mal so viele Menschen ernährt werden. Wir fügen den Tieren also unendliches Leid zu, nicht nur ohne Notwendigkeit, sondern zu unserem eigenen Schaden. Sie betonen: "…in der westlichen Welt…" Vonseiten der Fleischesser wird oft mit der Steinzeit argumentiert: Schon seit der Steinzeit hätten wir dieses und jenes gemacht. Es ist eine komische Geschichte, wenn man sich gerade bei ethischen Fragen auf die Steinzeit beruft. Der Punkt ist: Es kommt immer auf die konkrete Situation an. Es ist ein Unterschied, jemanden in Notwehr zu töten oder zum Spaß. Es ist ein Unterschied, ob ich Menschenfleisch esse nach einem Flugzeugabsturz über den Anden, um zu überleben, oder in einem französischen Feinschmeckerrestaurant. Und es ist ein Unterschied, ob ich Tierfleisch esse, zum Beispiel in der Steinzeit, um zu überleben, oder heute, um meinen Gaumen zu kitzeln. Sie leben auch vegan? Die vegane Ernährung ist die logische Schlussfolgerung aus der vegetarischen, nämlich jedwede Ausbeutung der Tiere zu vermeiden. Die allgemeine öffentliche Propagierung des Veganismus ist aber derzeit kontraproduktiv. Wenn man sagt: "Leute, esst nicht nur kein Fleisch, sondern auch keinen Honig und keinen Käse", das ist sinnlos, weil schon das Nicht-Fleisch-Essen für die meisten Leute so eine Umstellung ist, dass sie bei dem Gedanken an eine vegane Ernährung komplett zumachen. Andererseits gibt es absolut keine Entschuldigung dafür, nicht sofort Vegetarier zu werden. Warum sind wir zu sogenannten Nutztieren eigentlich so anders als zu Haustieren? Oder warum streicheln wir unseren Hund mit der Wurstsemmel in der Hand? Weil wir hoffnungslos irrational sind. Aber diese Diskrepanz bietet auch Gelegenheit, die Menschen argumentativ zu packen, indem wir fragen: Würdest du deinen Hund oder deine Katze essen, und wenn nein, warum nicht? Ich nehme an, Sie werden sich auch schon überlegt haben, unter welchen Umständen Sie Fleisch essen würden. Bei solchen Fragen empfiehlt es sich, ein Beispiel zu suchen, wo die potenziellen Opfer nicht Tiere, sondern Menschen sind. Also: Unter welchen Umständen würde ich Menschen essen, die sich auf dem gleichen Niveau befinden wie – sagen wir – Schweine? Konkret etwa: Wann würde ich kleine Kinder essen? Das hat für Sie eine ganz identische Qualität? Absolut. Hier muss ich einhaken. Meinen Sie das wirklich ernst? Sie haben ein Kind und ein Schwein vor sich stehen – und Sie wissen nicht, wofür Sie sich in einer Notfallsituation entscheiden würden? Ganz konkret: Nehmen wir ein erwachsenes Schwein und betrachten die Merkmale Rationalität, Selbstbewusstsein und Autonomie. Ein neugeborenes menschliches Kind 'startet' quasi auf einem viel niedrigeren Niveau, überholt das Schwein aber irgendwann. Es gibt aber eine Phase, in der sich Schwein und Kind auf gleichem Niveau befinden. Solche Kinder zu töten, hat die gleiche moralische Wertigkeit, wie Schweine zu töten, die sich auf gleichem Niveau befinden. Das heißt, vom Recht her würden Sie Mensch und Tier gleichsetzen? Von den moralischen Rechten her, die wir Menschen und Tieren zusprechen sollten. Konkret: Ähnliche Interessen erfordern ähnliche Rechte, die sicherstellen, dass diese Interessen ernst genommen werden – egal, ob es sich um die Interessen von Menschen oder um die Interessen von Tieren handelt. Gleiches bzw. Ähnliches muss auch gleich bzw. ähnlich bewertet und behandelt werden. Warum eckt man so sehr an, wenn man sagt, man ist aus ethischen Gründen Vegetarier? Offensichtlich ist es so, wer egoistisch motiviert ist, wird von vornherein als rational motiviert betrachtet. Aber angesichts des ungeheuren Leidens, das unser Fleischessen fraglos produziert, ist es in Wirklichkeit geradezu obszön zu fragen: Und ist die Verhinderung dieses Leidens auch noch gesund? Das ist genauso zynisch wie die Frage: Ist es gesund, keine Menschen umzubringen? Oder auf den Punkt gebracht: Ist es gesund, moralisch zu sein? Wie geht es der Tierrechtsbewegung? Schlecht. Seit Mitte der 1990er-Jahre geht's kontinuierlich bergab. Tierrechte sind medial kein Thema mehr. Andererseits wird die Werbung für Fleisch immer offener und zynischer. Die Fleischlobby hat ganze Arbeit geleistet. Weshalb konnte es zu Rückschritten kommen? Haben Sie und die Tierrechtsbewegung versagt? Die Tierrechtsbewegung ist leider zu einem Sammelbecken für Idioten geworden. Das kann man leider nicht anders sagen, und das ist ein Grund für die jetzige Situation. Inwiefern Idioten? Für jeden Tierrechtler ist ein wirklicher Tierrechtler nur jemand, der genauso ist wie er. Die einen sagen: Ein richtiger Tierrechtler raucht nicht. Ein zweiter sagt: Ein richtiger Tierrechtler trinkt nicht. Der nächste: Ein richtiger Tierrechtler ist gegen Kapitalismus. Keinem Menschenrechtler fiele es ein zu sagen, ich gehe nicht auf die Straße mit Leuten, die rauchen/nicht rauchen, trinken/nicht trinken, religiös oder atheistisch sind! Vielleicht noch schädlicher sind die Profilneurotiker. Ich bin immer wieder fassungslos, wenn ich sehe, dass konstruktive Zusammenarbeit allein deshalb verweigert wird, um sich selbst zu profilieren. Stehen Sie nach wie vor zu Ihrer Aussage: Die Schlachthöfe von heute sind die KZs von damals? Auf alle Fälle. Es gibt eine Kampagne von PETA (Anm. d. Red.: 'People for Ethical Treatment of Animals'), die das anschaulich zeigt: ein Leichenhaufen von Menschen damals, ein Leichenhaufen von Tieren heute usw. Allein diese Bilder sagen alles. Der jüdische Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer schrieb: Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi, für die Tiere ist jeden Tag Treblinka. Der Vergleich setzt voraus, dass man Mensch und Tier von der Würde her als gleich betrachtet. Nehmen wir zwei KZs, eines für gesunde Menschen, eines für Hunde. Wenn man mich jetzt zwingen würde zu entscheiden, welches KZ in Betrieb genommen werden sollte, würde ich sagen: Das Hunde-KZ, denn da ist das Leiden dann insgesamt geringer – weil Hunde weniger rational, selbstbewusst usw. sind. Wenn aber in das Menschen-KZ geistig Behinderte kämen, die sich auf dem gleichen Niveau wie die Hunde befinden, würde ich sagen: Macht, was ihr wollt. Was Sie da sagen, ist äußerst heikel und wird zu Recht Proteststürme evozieren. Die Wahrheit ist oft heikel. Zu sagen, dass die Erde um die Sonne kreist, war früher auch heikel. Es hat immer wieder die Forderung gegeben, Schulklassen – wie nach Mauthausen – in Schlachthöfe zu führen. Wäre das gut? Ja, die Menschen sollten gezwungen werden, sich die Fakten anzusehen. Ist es Kindern zumutbar, das Leid in Schlachthöfen zu sehen? Wenn es den Tieren zumutbar ist, umgebracht zu werden, dann ist es deren Konsumenten zumutbar, sich das anzuschauen. Der buddhistische Ansatz ist: Wenn du für dich etwas als richtig erkannt hast, dann sollst du es auch leben. Aber was ist, wenn jemand die Falschheit des Fleischessens nicht erkennt? Dann kann man es ihm auch nicht vorwerfen. Das heißt, Sie nehmen es einem Fleischesser nicht übel, wenn er Fleisch isst, weil er auf einem Bergbauernhof lebt und er sein Leben lang nicht darüber nachgedacht hat? Leute, die lebenslang auf einem Bergbauernhof leben, sind eher die Ausnahme. Aber gerade die wissen, mit welchem Leiden die Verwandlung von Tieren in Leichenteile verbunden ist. Und alle anderen wissen auch, dass Fleisch nicht auf Bäumen wächst – weil es ihnen die Werbung täglich zeigt: Tier auf der Weide – was fast immer erlogen ist –, Fleischverarbeitung, Fleisch am Teller. Außerdem: Bilder und Berichte über Tiertransporte, Legebatterien, Schlachthäuser usw. sind tagtäglich im Fernsehen und in der Zeitung zu sehen, zu hören und zu lesen. Es müsste jemand schon völlig vertrottelt sein, um den Terror und Horror, der hinter dem Fleischessen steckt, nicht wenigstens zu erahnen. Sind Sie auch ein missionarischer Mensch im Bekanntenkreis? Weisen Sie Leute im Alltag darauf hin, dass sie kein Fleisch essen sollten? Ich wende seit Jahrzehnten alle Energie dafür auf, als Autor auf die Menschen einzuwirken: mit Büchern, Aufsätzen, Interviews, Blogs, Reden usw. Aber ich weise immer wieder auf die Notwendigkeit hin, auch im privaten Umfeld konsequent zu sein bzw. Konsequenzen zu ziehen, sich zum Beispiel von hartnäckigen Tierfeinden zu distanzieren. Sie haben sich von allen Freunden getrennt, die nicht vegetarisch leben? Wenn ich nicht Vegetarier bin, kann ich nicht Ihr Freund sein? Wenn sich jemand standhaft weigert, die fürchterlichen Fakten über unseren Umgang mit Tieren zur Kenntnis zu nehmen bzw. daraus die Konsequenzen zu ziehen, muss man irgendwann selbst Konsequenzen ziehen. Ich würde auch mit niemandem befreundet bleiben, der sich weigert, damit aufzuhören, Frauen zu vergewaltigen und Kinder umzubringen! Was ist, wenn jemand sagt, ich verstehe das alles, aber einmal im Monat esse ich Fleisch. Dann sage ich: Einmal im Monat tötest du ein unschuldiges, wehrloses Wesen, nur um eines kurzen Gaumenkitzels willen. Oder um den griechischen Philosophen Plutarch abzuwandeln: Für einen Bissen Fleisch nimmst du einem Tier die Sonne und das Licht und das bisschen Leben und Zeit, an dem sich zu erfreuen seine Bestimmung gewesen wäre.
"Das ist Verrat in reinster Form"
Der Österreicher Dr. Helmut F. Kaplan (geb. 1952) hat mit seinen Büchern und anderen Publikationen wesentlich dazu beigetragen, die Philosophie der Tierrechte im deutschsprachigen Raum populär zu machen. Am bekanntesten ist sein bei Rowohlt erschienenes Buch "Leichenschmaus - Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung". In "Tierrechte - Die Philosophie einer Befreiungsbewegung" (Echo-Verlag) stellte Kaplan alle wichtigen Argumente der Tierrechtsbewegung fachlich fundiert und allgemein verständlich dar. Seine neuesten Bücher sind "Der Verrat des Menschen an den Tieren" (Vegi-Verlag) und "Freude, schöner Götterfunken" (Books on Demand). Im September 2007 wurde Helmut Kaplan der Tierschutzpreis der Hans-Rönn-Stiftung verliehen. Mit dem in Salzburg lebenden Philosophen und Autor sprach
Herr Dr. Kaplan, Weihnachten, das wichtigste christliche Schlachtfest, ist noch nicht lange vorbei und schon haben wir wieder Ostern, an dem es - was Leid und Tod von Tieren betrifft - kaum weniger erbarmungslos zugeht. Dabei sollen diese christlichen Feste doch von Frieden und Versöhnung künden. Dieser evidente Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit müsste eigentlich jeden Menschen, der sich auch nur einen Rest von Mitgefühl bewahrt hat, tief treffen: Es wird gefeiert, gesungen, man ist zu Tränen gerührt - und das bei Festen, die alljährlich für Millionen nicht menschlicher Kreaturen wahre Massaker bedeuten. Auf der einen Seite das Gerede von Liebe und Vergebung, auf der anderen Seite das Gemetzel in den Schlachthöfen. Schaltet man den Fernseher ein und gerät in eine der unzähligen Einkaufs-, Koch- oder Esssendungen - was kaum zu vermeiden ist -, bekommt man den Eindruck, dass sich die ganze Welt nur noch um eines dreht: um das Töten von Tieren für den Gaumenkitzel der Menschen. Umso wichtiger ist daher jeder Einzelne, der sich darüber aufregt und etwas dagegen tut. Was denn zum Beispiel? Nichts einfacher als das, weil sich die Lösung und damit die Auflösung dieser Verlogenheit buchstäblich vor unserer Nase befindet - auf dem Teller. Kaum jemand hat es treffender ausgedrückt als der griechische Philosoph Plutarch vor über zweitausend Jahren: "Für einen Bissen Fleisch nehmen wir einem Tier die Sonne und das Licht und das bisschen Leben und Zeit, an dem sich zu erfreuen seine Bestimmung gewesen wäre." Da Plutarchs Worte bis heute immer noch viel zu wenig Widerhall gefunden haben, stellt sich die generelle Frage nach dem Platz der Tiere im moralischen Wertesystem des Menschen. Welche Kriterien sehen Sie da als die entscheidenden? Moralisch entscheidend und für den Menschen typisch ist, wie wir uns gegenüber jenen Tieren verhalten, mit denen wir in der sogenannten Zivilisation zusammenleben, die von uns abhängig sind und die uns absolut "nichts getan" haben. Von den Diensten, die uns diese Tiere erweisen und erweisen können, machen wir ausgiebig Gebrauch. Nehmen Sie nur den vielfältigen Einsatz von Hunden: Sie fahnden unter anderem nach Drogen, sie suchen nach Verschütteten, sie führen Blinde. Zugleich werden sie in Kriegen bei der Minensuche und zu anderen militärischen Zwecken missbraucht. Tiere werden aber nicht nur in der Ausnahmesituation Krieg rücksichtslos ausgebeutet und zu Tode geschunden, sondern auch - und vor allem - unter "ganz normalen" Bedingungen. Was doppelt tragisch ist, weil es einerseits die Zahl der betroffenen Tiere in unendliche Höhen treibt und weil andererseits diese Praktiken den "Ausnahmen" an Schrecken und Grausamkeit in nichts nachstehen. Ich spreche von den gewöhnlichen Massakern in den Schlachthöfen, dem alltäglichen Verrat des Menschen an den Tieren. Verrat bezeichnet gemeinhin das Hintergehen von Menschen oder Institutionen, denen man moralisch und/oder rechtlich zur Treue verpflichtet ist. Wie lässt sich diese zwischenmenschliche Kategorie auf das Verhältnis des Menschen zum Tier anwenden? Tiere, die von uns abhängen und uns nichts getan haben, zu denen Menschen vielleicht sogar einmal gut waren, finden sich auf einmal in der Hölle eines Schlachthofes wieder, umgeben von Menschen, die ihnen die ungeheuerlichsten und grauenhaftesten Dinge antun. Das ist Verrat in reinster Form. Und beteiligt sind daran nicht nur jene, die das Bolzenschussgerät oder das Messer führen, sondern auch alle, in deren faktischem Auftrag sie das tun - die Konsumenten, die sich an den Fleischtheken der Supermärkte bedienen. Aber dieser Verrat wird - wie ja der unvermindert hohe Fleischverzehr zeigt - von den wenigsten Menschen als solcher empfunden. Weil nach wie vor die Schimäre einer moralischen Kluft zwischen Menschen und Tieren die Ethik beherrscht. Aber die Annahme einer solchen Kluft ist irrational und hat vor allem religiöse Ursachen, zum Beispiel den Glauben, dass nur der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen sei und nur er eine unsterbliche Seele habe. Würden wir endlich ernst nehmen, was wir seit Darwin wissen - dass es EINE Evolution ALLEN Lebens gab und gibt -, würde diese Kluft verschwinden und wir würden unsere moralische Verantwortung auch gegenüber Tieren erkennen. Ihnen geht es aber nicht nur um Verantwortung. "Tiere haben Rechte", behaupten Sie dem Titel eines Ihrer Bücher zufolge. Welche Rechte verstehen Sie darunter? Es geht vor allem um das Recht auf Leben, um das Recht auf physische Unversehrtheit und um das Recht auf Freiheit von Schmerz und Leid - jedenfalls, so weit das von uns Menschen abhängt. Das bedeutet: Wenn wir wissen, dass Tiere leiden, sollten wir Leiden verhindern. Und wo wir nicht sicher sind, ob Tiere leiden, sollten wir möglicherweise Leiden verursachende Handlungen unterlassen. Leider sind solche Erwägungen reine Theorie - weil wir in der Praxis selbst Tiere mit erwiesener größter Leidensfähigkeit behandeln, als wären sie leblose Gegenstände. Verwiesen sei nur darauf, wie in Schlachthöfen etwa mit Rindern oder Schweinen umgegangen wird! Immanuel Kant bezog Ethik ausschließlich auf Pflichten von Menschen gegenüber Menschen. Grausamkeit gegenüber Tieren sah er lediglich mit Bezug auf den Menschen, weil "dadurch eine der Moralität im Verhältnisse zu anderen Menschen sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt wird". Mit anderen Worten: Schlechte Behandlung von Tieren wird nicht der Tiere wegen verworfen, sondern weil sie den Menschen schadet. Was ja nicht falsch ist, aber doch sehr einseitig. Kant gilt heute noch als prägend für die westliche Moralphilosophie. Brauchen wir eine revolutionär neue Ethik? Nein, wir brauchen überhaupt keine neue Ethik, wir müssen lediglich die vorhandene Ethik konsequent zu Ende denken. Und vor allem anwenden! Kants Theorie ist ja nur ein möglicher ethischer Ansatz - der im Übrigen bei strikter Beachtung auch im Hinblick auf Menschen teilweise abstruse Konsequenzen hätte. So müssten wir nach Kant etwa einem Mörder, dem gerade sein künftiges Opfer entwischt ist, verraten, wo es sich versteckt - weil wir auf keinen Fall lügen dürfen. Außerdem ist Kants Betonung der Vernunft im Hinblick auf den moralischen Bereich prinzipiell bedenklich und gefährlich. Die Leidensfähigkeit ist da wohl ein viel näher liegendes und plausibleres Merkmal. Denn wenn wir das wollen, wissen wir sehr genau, wie Tiere behandelt werden möchten. Dazu brauchen wir uns nur ehrlich und ernsthaft in die Situation der Tiere zu versetzen, um uns dann zu fragen, wie wir an ihrer Stelle behandelt werden möchten. Das wird uns in den allermeisten Fällen, etwa bei Tieren im Schlachthof oder im Versuchslabor, überhaupt nicht schwerfallen. Im Gegenteil: Unser moralisches Problem wird vielmehr meistens sein, dass wir uns so leicht in ihre Lage versetzen können! Menschenrechte sind ein etablierter Begriff. Aber Tierrechte? In beiden Fällen geht es um ethisch begründete Rechte, die vor allem kulturellen Ursprungs sind. Wir haben uns im Laufe unserer Entwicklung dafür entschieden, allen Menschen grundlegende Rechte zuzugestehen. Das war bekanntlich nicht immer so - siehe etwa die Sklaverei oder die Frauendiskriminierung. Und die Tierrechtsbewegung ist die logische und notwendige Fortsetzung anderer Befreiungsbewegungen, wie eben der Befreiung der Sklaven, des Kampfes gegen Rassismus oder für die Emanzipation der Frauen. Wir haben erkannt, dass Hautfarbe und Geschlecht moralisch belanglos sind, und jetzt erkennen immer mehr Menschen, dass auch die Spezieszugehörigkeit moralisch belanglos ist. Die historische Linie von der einstigen Befreiung der Sklaven zur künftigen "Befreiung der Tiere" erscheint mir problematisch. Zweifellos hatte das Ende der Sklaverei auch moralische Gründe. Vor allem aber kam es, weil sich diese Form der Ausbeutung angesichts der fortgeschrittenen Produktivkräfte als nicht mehr profitabel erwies. Die Ausbeutung und Nutzung von Tieren dagegen boomt wie nie zuvor. Am besten und wirksamsten ist es natürlich, wenn beides zusammenkommt: moralische und praktische Gründe. Und das ist beim Einsatz für Tierrechte durchaus der Fall. Speziesismus ist nicht nur ethisch ebenso verwerflich wie Rassismus und Sexismus, er ist auch - vor allem in seiner Erscheinungsform Fleischproduktion - ökonomischer Widersinn und ökologischer Wahnsinn. Wegen des Umwegs über den Tierkörper stellt der Fleischkonsum zunächst einmal eine ungeheure Verschwendung der Nahrungsressourcen unseres Planeten dar: Würden wir uns selber pflanzlich ernähren, also vegetarisch leben, anstatt diese Nahrung an Tiere zu verfüttern, um dann deren Fleisch zu essen, könnten wir zehnmal so viele Menschen ernähren. Zudem fördert unser Fleischessen auch die regionale Verelendung in der Dritten Welt. Dort steht nämlich in zahlreichen Ländern die landwirtschaftliche Nutzfläche nicht für die Versorgung der einheimischen Bevölkerung zur Verfügung, weil darauf Futtermittel für die Fleischproduktion in den reichen Ländern angebaut werden. Die Fleischerzeugung hat des Weiteren verheerende Umweltzerstörungen zur Folge, so wegen der damit einhergehenden Wasserverschwendung und Abholzung. Eine der Hauptursachen für die Zerstörung des tropischen Regenwaldes ist die Gewinnung von Land zur Rinderzucht. Die Regenwaldzerstörung führt ihrerseits unter anderem zu Flut- und Dürrekatastrophen und verstärkt den Treibhauseffekt. Es gibt also reichlich Gründe, nicht nur moralische, auf den Verzehr von Fleisch zu verzichten. Nicht zuletzt den, dass vegetarische beziehungsweise vegane Ernährung der menschlichen Gesundheit weitaus zuträglicher ist. Sie stellen eine alte Volksweisheit auf den Kopf: Nicht das Fressen zuerst, sondern die Moral. Unsere Ernährung hat in der Tat sehr viel mit Moral zu tun, weil wir mit der Auswahl dessen, was wir essen, über Leben und Tod entscheiden: Wer kein Vegetarier ist, ist verantwortlich für den Tod von 6 Schafen, 8 Kühen, 25 Kaninchen, 33 Schweinen, 390 Fischen, 720 Hühnern und vielen anderen Tieren. Diese stattliche Anzahl isst der Durchschnittseuropäer nämlich im Laufe seines Lebens! Das Argument, der Mensch sei von Natur aus Fleischesser, lässt sich schwer entkräften. Friedrich Engels betonte in "Dialektik der Natur" sogar: "Und je mehr der werdende Mensch sich von der Pflanze entfernte, desto mehr erhob er sich auch über das Tier." Die Frage, was der Mensch "biologisch betrachtet" sei, ist moralisch belanglos. Aus dieser Sicht sind wir nämlich Steinzeitmenschen, seit mindestens 30.000 Jahren organisch als Art unverändert. Das Wesentliche am Menschen sind aber nicht seine biologischen Grundlagen, sondern das, was er aus ihnen macht. Die gesamte menschliche Entwicklung seit der Steinzeit ist keine biologische, sondern eine kulturelle. Alles, worin wir uns vom Steinzeitmenschen unterscheiden - vom Zähneputzen bis zur Anerkennung der Menschenrechte -, ist nicht die Folge einer biologischen Bestimmung, sondern das Ergebnis einer kulturellen Entwicklung. Und das betrifft auch die existenzielle Frage der Ernährung? Das ist ganz offensichtlich. Denn das Fleischessen widerspricht allen unseren kulturellen und humanistischen Ansprüchen. Drastisch klar wird das, wenn wir uns Bilder oder Filme über Tiertransporte und Schlachthäuser ansehen und dann versuchen, das Gesehene in Einklang zu bringen mit unseren fundamentalen Überzeugungen. Zum Beispiel mit der Forderung, die Schwäche und Wehrlosigkeit anderer nicht auszunutzen. Die ethisch entscheidende Frage ist also nicht: Welche Ernährung entspricht von Natur aus dem Menschen? Sondern: Welche Ernährung entspricht von Kultur aus dem Menschen? Erstveröffentlichung in: Natürlich vegetarisch, Frühling 2008
Gut Aiderbichl weiter im Geschäft mit Tiermördern
Nachdem ich die Ankündigung von Gut Aiderbichl, Ende 2007 den dortigen Fleischverkauf einzustellen, publiziert hatte, wollte es ein Mitglied meiner Liste "Tierrechte jetzt", Maria Luise Prägant, ganz genau wissen und fragte deshalb beim Gut Aiderbichl nach, ob denn die Meldung tatsächlich stimme - um im zutreffenden Fall ebenfalls zu gratulieren.. Die Antwort, die sie erhielt, ist ein Schlag ins Gesicht für alle denkenden Menschen und für alle Tierfreunde - und eine Bestätigung all derer, die Michael Aufhauser schon seit Jahren keine Silbe mehr glauben.. Ich gebe die ganze Mail wieder, damit man mir nicht vorwerfen kann, einen polemischen oder sinnentstellenden Auszug zu präsentieren. Dies, obwohl die Lektüre aufgrund der Langatmigkeit und Widersprüchlichkeit der Ausführungen Geduld und Nerven des Lesers auf eine harte Probe stellt. Mich hat der Text an die Ausreden eines kleinen Kindes erinnert, das beim Eis-Stehlen, passender: beim Wurstsemmel-Stehlen ertappt wurde und sich jetzt mit seinen Ausreden erst recht in ein schlechtes Licht rückt: Erstens habe ich die Semmel gar nicht gestohlen, zweitens hatte ich halt so großen Hunger und außerdem habe ich das meiste an die Enten verfüttert - usw. . "Sehr geehrte Frau Prägant, Michael Aufhauser und viele Mitarbeiter auf Gut Aiderbichl sind Vegetarier. Dennoch vertreten wir eine Philosophie, die alles mit einschließt (Menschen, Tiere und die Natur) und die niemanden ausschließt, auch nicht Menschen, die Fleisch essen. Um Tieren nachhaltig helfen zu können, muss man sich auch mit Menschen, die Tierleid verursachen (z.B. Händler, Metzger etc.) an einen Tisch setzen. Zudem sind wir der Ansicht, dass man jahrzehnte alte Esskulturen nicht per sofort ändern kann.. Wir sind abhängig vom Tourismus und den Besuchern auf Gut Aiderbichl. Diese erwarten, wenn sie Mittagessen wollen, fleischhaltige Gerichte. So haben wir in den letzten Jahren Biofleischprodukte angeboten. Aus dem Grund, um auf Bioprodukte aufmerksam zu machen. Wir berichten darüber auch in unseren Führungen über das Gut. In einem zweiten Schritt werden wir komplett auf fleischlose Gerichte umstellen, da es auch unser Wunsch ist, vegetarische Küche auf Gut Aiderbichl anzubieten.. Wir bemerken bereits ein Umdenken unserer Gäste, haben die fleischlosen Gerichte zu attraktiveren Preisen angeboten als die fleischhaltigen. Dazu sei bemerkt, dass Gut Aiderbichl selbst durch die Einnahmen aus Gastronomie, Verkauf von Geschenkartikeln, Patenschaften und Eintritten nur ca. 80% der Kosten erwirtschaften kann. Das Kostenaufkommen pro Jahr bei über 1000 Tieren, die unter unserem Schutz stehen und über 100 Mitarbeitern liegt bei rund fünf Millionen Euro. Die Differenz trägt die Gut Aiderbichl Stiftung bzw. Michael Aufhauser privat.. Aus unserer Sicht kann erfolgreiche Arbeit im Tierschutz nur Schritt für Schritt vor sich gehen, und diesen Weg sind wir gegangen und hoffen, bald schon den nächsten Schritt gehen zu können.. Wir hoffen, Sie dennoch eines Tages wieder bei uns begrüßen zu dürfen und verbleiben mit. Herzlichen Grüße aus Salzburg und alles Gute für 2008!. Ihr Gut Aiderbichl-Team". Obwohl diese Mail quasi an allen Ecken und Enden nach Kritik schreit, möchte ich mich auf die Kommentierung von drei Aussagen beschränken:. "Um Tieren nachhaltig helfen zu können, muss man sich auch mit Menschen, die Tierleid verursachen (z.B. Händler, Metzger etc.) an einen Tisch. setzen.". Darüber kann man gewiß diskutieren. Aber wenn man sich schon mit solchen Menschen an einen Tisch setzt, kommt es darauf an, was man dann tut. Gemeinsam mit ihnen Tierleichen zu verzehren, liegt beispielsweise wohl kaum im Interesse der Tiere. Vor allem aber: Wo ist der Zusammenhang zum Fleischverkauf auf Gut Aiderbichl? Oder geht es beim Zusammensitzen gar um die gemeinsame Profitmaximierung eben dieses Fleischverkaufs?. "Wir sind abhängig vom Tourismus und den Besuchern auf Gut Aiderbichl. Diese erwarten, wenn sie Mittagessen wollen, fleischhaltige Gerichte.". Da stockt einem der Atem: Hat man auf Gut Aiderbichl wirklich noch immer überhaupt nichts kapiert? Oder hält man die Menschen schlicht zum Narren?. "Aus unserer Sicht kann erfolgreiche Arbeit im Tierschutz nur Schritt für Schritt vor sich gehen, und diesen Weg sind wir gegangen und hoffen, bald schon den nächsten Schritt gehen zu können.". Im Dezember die Einstellung des Fleischverkaufs zu annoncieren (zum Jahresende!), diese aber schon im Jänner nur mehr vage zu erhoffen, dokumentiert - einmal mehr: Auf Gut Aiderbichl gehen die Uhren rückwärts. Gut Aiderbichl fleischfrei!
Zuerst die schlechte Nachricht: In einer Mail an Gut Aiderbichl kritisierte jemand den dortigen Fleischverkauf und stellte in diesem Zusammenhang fest, daß das Abschlachten von Tieren zum "Fest der Liebe" noch perverser sei als sonst. Völlig unverständlicherweise bezog man den Ausdruck "pervers" auf Gut Aiderbichl und stellte dem Schreiber eine Prüfung durch die Rechtsabteilung in Aussicht. Nun zur guten Nachricht: Im gleichen Schreiben teilte Gut Aiderbichl mit, daß man noch Ende 2007 den Fleischverkauf einstellen werde. Dazu kann man nur gratulieren! Endlich! Denn mittlerweile wurde die Situation immer grotesker: Die Besucher, die auf Gut Aiderbichl ja eigentlich etwas in Sachen Tierschutz lernen sollten, waren selber teilweise schon viel weiter! Man muß wohl 50 Jahre zurückgehen, um in eine Zeit zu gelangen, in der der Widerspruch zwischen Tiere schützen und Tiere essen überhaupt niemandem aufgefallen wäre. In der heutigen Zeit, wo man längst selbst in der Höhle des Fleischlöwen McDonald´s problemlos vegetarisch essen kann, wurde Gut Aiderbichl immer mehr zum Kuriositätenstadl. Und das Beste zum Schluß: Dieser ebenso erfreuliche wie überfällige Schritt hilft vielleicht auch Tierdiplomat Michael Aufhauser selbst, endlich mit einer - Halt: Rechtsabteilung! - also, Merkwürdigkeit Schluß zu machen: daß er diejenigen aufißt, die er diplomatisch vertritt. Copyright: Helmut F. Kaplan Laudatio auf Helmut F. Kaplan
Editorische Vorbemerkung: Die folgende schriftliche Fassung von Edgar Guhdes Rede wurde in AK / PAKT-aktuell, 4, 2007, publiziert und von Bernd-Wolfgang Meyer über die tierrechts-news am 12. 12. 2007 im Internet verbreitet. Von mir wurden kleine sprachliche Korrekturen durchgeführt sowie die Absätze eingefügt bzw. positioniert. 31. 12. 2007, Helmut F. Kaplan Laudatio anlässlich der Verleihung des Tierschutzpreises 2007 der "Hans-Rönn-Stiftung Menschen für Tiere" am 30. September 2007 in Düsseldorf Die Hans-Rönn-Stiftung freut sich, eine Persönlichkeit auszeichnen zu dürfen, die sich auf eine besonders nachhaltige Weise um den Schutz der Tiere und ihre noch durchzusetzenden Rechte verdient gemacht hat, nämlich als Autor zahlreicher Veröffentlichungen, in denen die Gründe, warum Tiere eigentlich Rechte haben, auf vielfältige und überzeugende Weise dargelegt werden. Helmut Kaplan, Jahrgang 1952, seit dem 11. Lebensjahr Vegetarier, studierte Philosophie und Psychologie, befasste sich in seiner Doktorarbeit mit der Werteproblematik in der Psychoanalyse, um sich dann mit den Werken des Tierbefreiungspioniers Peter Singer zu beschäftigen. Man kann sagen, dass Helmut Kaplan für den deutschsprachigen Raum als Tierrechtsethiker die Bedeutung beanspruchen kann, die Singer und Tom Regan für den angelsächsischen haben. Unterschiedlich zu diesen Autoren legt Helmut Kaplan Wert auf eine möglichst einfache ethische Argumentation, die somit einem größeren Kreis von Lesern zugänglich wird. Zitat: "Was wir brauchen, sind nicht unverständliche Theorien, sondern einfache, verständliche, praktikable Regeln." Wahre und wirksame Ethik sei einfach. Wobei Tierethik zugleich praktische Ethik sein müsse und Tierbefreiungen eine Konsequenz der Ethik. Von den bisher rund zwölf Büchern Kaplans seien nur einige Titel genannt: "Leichenschmaus - Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung" in drei Auflagen (auch in Japan erschienen), "Tierrechte Die Philosophie einer Befreiungsbewegung", "Die Ethische Weltformel - Eine Moral für Menschen und Tiere", "Der Verrat des Menschen an den Tieren", sowie "Tiere haben Rechte". Hinzu kommen zahlreiche Zeitungs- und Zeitschriftenaufsätze sowie Vorträge und Auftritte in Rundfunk- und Fernsehsendungen. Hervorzuheben ist auch seine eigene Internetseite mit zahlreichen Beiträgen. Immer lesenswert auch sein regelmäßiger Internet-newsletter mit Stellungnahmen zu jeweils aktuellen Ereignissen und Diskussionen. Auf der Grundlage eines illusionslosen, skeptischen Menschenbildes strebt der Preisträger die "gezielte Stärkung der moralischen Konstitution des Menschen" an, wissend, dass Wissensvermittlung und Ethik allein nicht ausreichen. Helmut Kaplan begründet, dass Tierrechte die logische und notwendige Fortsetzung vorangegangener Befreiungsbewegungen wie auch die Konsequenz der universalen Menschenrechte sind. Ein Schwerpunkt ist der Zusammenhang von Vegetarismus und Tierschutz, also das "groteske Missverhältnis zwischen tierlichem Leiden und menschlichen Gaumenfreuden." Helmut Kaplan hat die Wichtigkeit der ethischen Argumentation besonders hervorgehoben und begründet, komme doch der Ethik beim Vorbereiten, Herbeiführen und Vollziehen von Veränderungen eine immense Bedeutung zu: von der Verhaltensänderung bis zur Gesetzgebung, wie es in jüngerer Zeit z.B. hinsichtlich der Gewalt gegenüber Frauen und Kindern war. Dieser Vergleich lasse auch für die Tiere hoffen: Ethische und ökologische Probleme im Zusammenhang mit Tierschutz könne man heute ansprechen, ohne von vornherein als weltfremder, sentimentaler Spinner abgestempelt zu werden. Ein theoretischer Erfolg wie der, dass man früher erklären musste, warum Tiere gut zu behandeln sind, heute aber erklären und begründen muss, warum sie nach wie vor schlecht behandelt werden, sei ein Hinweis, dass dieser theoretische Erfolg über kurz oder lang auch praktische Konsequenzen haben werde. Ethik also kein Luxus, sondern Voraussetzung für die Praxis. Und so sind Kaplans Schriften ein wichtiger Beitrag zur notwendigen Selbstvergewisserung der Tierrechtler und damit zu ihrem Selbstbewusstsein, zum zivilisatorischen Gedankengut überhaupt. Von Helmut Kaplans Beispielen, wie konkret eine ethische Argumentation sein kann und soll, nenne ich -sehr verkürzt - die aus dem Bereich der Tierversuche: "Die sinnvolle Frage lautet: Wären diese Versuche auch dann zu rechtfertigen, wenn sie nicht an Tieren, sondern an Menschen durchgeführt würden? Wer nämlich behauptet, dass diese Versuche bei Tieren zulässig, bei Menschen aber unzulässig sind, der muss eine ganz konkrete Frage ganz konkret beantworten: Was ist der entscheidende, moralisch relevante Unterschied zwischen Menschen und Tieren, der diese höchst unterschiedliche Bewertung und Behandlung von Menschen und Tieren rechtfertigen soll?" Dies nur als Beispiel für die Art Kaplanscher Argumentationsweise. Wichtig auch seine Betonung des rationalen Charakters der Tierrechtsbewegungen, die deshalb Verbündete haben können und suchen müssen, sich vor schädlichen Ausgrenzungen und daraus resultierenden Lähmungen somit hüten sollten: "Was unsere Verbündeten in anderen Bereichen machen, braucht uns im Normalfall nicht zu interessieren. In der Demokratie geht es regelmäßig um Zweckbündnisse für bestimmte Ziele." Mit seinem Gesamtwerk - und wie zu erwarten - mit seinem weiteren Schaffen, hat Helmut Kaplan einen unerlässlichen Beitrag "zur Beendigung des größten Gewaltverbrechens der Menschheitsgeschichte" geleistet. "Sich für die Rechte von Tieren einzusetzen war niemals eine dankbare Angelegenheit" schrieb unser Preisträger an einer Stelle. Nun, verehrter Herr Dr. Kaplan, heute ist das anders, heute ist eine Ausnahme: Die Hans-Rönn-Stiftung dankt Ihnen! Edgar Guhde Copyright: Helmut F. Kaplan Tierschutzpreis der Hans Rönn-Stiftung
Ich war am 30. September 2007 in Düsseldorf, um einen Tierschutzpreis der Hans Rönn-Stiftung entgegenzunehmen. In meiner Dankesrede ging es vor allem um die Notwendigkeit, dem schlimmstmöglichen RÜCKSCHRITT in bezug auf Tierrechte entgegenzuwirken: daß der allgegenwärtige Tiermißbrauch auch noch mit einem guten Gewissen kombiniert wird. Exakt dies geschieht durch den irrationalen Gefühlsbrei, mit dem Michael Aufhauser Österreich und Deutschland überzieht. Damit droht er zunichtezumachen, was die Tierrechtsbewegung in mühseliger jahrzehntelanger Kleinarbeit immerhin erreicht hatte: die Sensibilisierung für die Unmoral in unserem Umgang mit Tieren. Apropos Aufhauser: Unmittelbar bevor ich nach Düsseldorf fuhr, las ich zufällig im Internet, daß sich an der ungeheuerlichen Tatsache, daß Aufhauser auf Gut Aiderbichl den Besuchern Fleisch verkauft, nach wie vor nichts geändert hat! Nach meinem Referat dankten mir viele herzlich und erleichtert dafür, daß ich ausgesprochen hatte, was sie selber denken - sich aber nicht zu sagen getrauen aus Furcht vor den Repressalien von seiten derer, die über die politische / tierschützerische / tierrechtlerische Korrektheit wachen. Und für noch etwas wurde mir häufig gedankt: dafür, daß ich ausdrücklich gegen die absurden Hetzkampagnen gegen das Universelle Leben Stellung beziehe. Diese Angriffe kann man ja auch als großer Freund milder Ausdrücke bestenfalls als schwachsinnig bezeichnen. Viele Grüße
Tierrechte - Eine interdisziplinäre Herausforderung Unter obigem Titel erschien soeben im Harald Fischer Verlag ein Sammelband. Herausgeber ist die Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft Tierethik Heidelberg. Alle weiteren Informationen zum Buch finden sich hier: AG Tierethik Ein Zitat aus meinem Beitrag "Tierbefreiungen - Kriminelle Akte oder konsequente Ethik" (S. 153): "Wenn Tiere ... moralische Rechte haben, dann sollten wir auch danach trachten,
diesen Rechten Rechnung zu tragen, sie zu realisieren. Ein hierfür hilfreiches Konzept ist
meines Erachtens das, was ich als aktionistischen Vorgriff auf künftiges Bewußtsein bezeichnen möchte.
Was damit gemeint ist, sei anhand einer Aussage von Jürgen Habermas in bezug auf Menschenrechte,
genauer, in bezug auf die Menschenrechtspolitik, veranschaulicht. Diese sei vielfach, so Habermas,
'angesichts des unterinstitutionalisierten Weltbürgerrechts zum bloßen Vorgriff auf einen künftigen
kosmopolitischen Zustand, den sie zugleich befördern will, genötigt.' (Die Zeit, 18, 1999, S. 7) Dazu noch eine Bemerkung: Tierbefreiungen sind ein in der Tierethik sträflich vernachlässigtes Thema. Angesichts der realen Situation der Tiere muß Tierethik auch praktische Ethik sein. Anderenfalls führt sie sich selbst ad absurdum. Zur Veranschaulichung eine These: Ein in der Nachbarschaft von Auschwitz angesiedeltes Institut für Menschenrechte, in dem ausschließlich geforscht worden wäre, hätte seinen Zweck verfehlt. © Helmut F. Kaplan
EVANA: Ein Interview mit Helmut F. Kaplan (Februar 2007) "Fleischessen tötet Tiere, gefährdet die Gesundheit, ruiniert die Umwelt, trägt zum Welthunger bei" Frage: Sie haben ein neues Buch mit dem Titel "Der Verrat des Menschen an den Tieren" veröffentlicht. Inwiefern unterscheidet es sich von Ihrem
Bestseller "Leichenschmaus - Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung"? Frage: Was war Ihr Anliegen beim Schreiben dieses Buches? Frage: Im Moment wird viel geredet über den Tierrechtsphilosophen Peter Singer.
Was ist Ihre Meinung zu der Situation.... Frage: Was bedeutet dieser "Singer-Skandal" für die Rolle Peter Singers in der Tierrechtsbewegung? Frage: Haben Sie Humor? Frage: Weil man immer wieder hört, auch von Leuten, die Ihnen wohlgesinnt sind: Ja, aber der Kaplan hat halt so ein negatives, düsteres Image! Frage: Also kein Entrinnen vor der resignativen Grundhaltung? Frage: Sie sprachen eingangs von zwei Ebenen ... Frage: Und da sind Sie ein lustiger Typ? Frage: Wie äußert sich das? Frage: Haben Sie für diese Gelassenheit eine Erklärung? Frage: Leiden als Lebenshilfe? Frage: Woher kommt Ihr Interesse an Tieren? Gab es einen entscheidenden Moment? Frage: Was sind Ihre nächsten Pläne? Frage: Und das nächste Tierrechtsprojekt? Frage: Ein neues Jahr hat begonnen - Wie sieht die Zukunft der Tierrechtsbewegung aus? Frage - weil es auf unterschiedlichen Ebenen widersprüchliche Tendenzen gibt. Beispielsweise ist es höchst erfreulich, daß die FAO endlich zugegeben hat, was sie seit Jahrzehnten weiß, nämlich, daß die Fleischproduktion ein ökologischer Wahnsinn ist. Andererseits scheint mir die Fleischwerbung heute aufdringlicher und schamloser denn je zu sein. Frage: Ihr Fazit? Frage: Und was hat das mit Tieren zu tun? Frage: Noch eine konkrete Zukunftsvision? EVANA: Herr Kaplan, wir danken Ihnen fuer das Gespraech.
Interview mit Freiheit für Tiere Freiheit für Tiere: Warum sind Sie Vegetarier geworden? Gibt es ein Schlüsselerlebnis? Helmut F. Kaplan: Eigentlich kein einzelnes, sondern mehrere: Als Kind sah ich beim Metzger und in den Lebensmittelgeschäften immer diese toten Tiere, Schweinehälften, Fische usw. Das hat mich sehr schockiert und dann als Elfjährigen veranlasst, kein Fleisch mehr zu essen. Freiheit für Tiere: Wie lange setzen Sie sich schon für die Rechte der Tiere ein? Helmut F. Kaplan: Das werden jetzt bald 20 Jahre sein. Den Entschluss, Tierrechtler zu werden, habe ich aber schon als Kind oder Jugendlicher gefasst - das Wort »Tierrechte« gab es damals freilich noch nicht. Ich habe dann bewusst und gezielt Psychologie und Philosophie studiert, um für diese Arbeit gut gewappnet zu sein. Freiheit für Tiere: In Ihren Büchern bringen Sie es deutlich auf den Punkt: Sie sprechen von »Leichenschmaus« und »Kannibalismus«. - Wie reagieren die Menschen darauf? Helmut F. Kaplan: Zum Teil dankbar und begeistert, weil ich die Dinge beim Namen nenne, zum Teil entsetzt und aggressiv - wohl aus demselben Grund. Aber ich denke, dass es für die Tierrechtsbewegung wichtig ist, die gesamte inhaltliche und stilistische Bandbreite abzudecken: von »radikal« bis »gemäßigt«. Denn unterschiedliche Menschen befinden sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen und fühlen sich durch unterschiedliche Botschaften angesprochen. Freiheit für Tiere: Was ist in Ihren Augen die Ursache, dass Tiere in unserer Gesellschaft so leiden müssen? Helmut F. Kaplan: Es gibt viele Ursachen. Eine ganz wichtige sind zweifellos die weit verbreiteten populärreligiösen tierfeindlichen Vorstellungen und Haltungen, die mit Slogans verbunden sind wie »Machet euch die Erde untertan!«, »Tiere sind FÜR den Menschen geschaffen« usw. Solche Slogans werden natürlich auch von Menschen, die mit Religion in Wirklichkeit gar nichts am Hut haben, dankbar aufgegriffen. Hier liegt noch eine immense Aufgabe der Aufklärung und Bewusstseinsbildung vor uns. Freiheit für Tiere: In Ihrem Buch »Die ethische Weltformel« postulieren Sie die Goldene Regel als Lösung: »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg' auch keinem andern zu«. Was bedeutet diese Regel im Hinblick auf die Tiere? Helmut F. Kaplan: Die Goldene Regel gehört zu jenen moralischen Maximen, zu denen sich die meisten Menschen bekennen. Und wenn wir uns beispielsweise in die Lage von Schlacht- oder Versuchstieren versetzen und uns fragen, ob WIR so behandelt werden möchten, dann ist die Antwort wohl klar. Hier ist die Goldene Regel ein wirksames Mittel, um uns die Situation der Tiere und unsere moralische Verpflichtung gegenüber ihnen zu veranschaulichen. Freiheit für Tiere: Sie sprechen immer wieder davon, dass Tiere Rechte haben. - Haben Tiere auch eine Seele? Helmut F. Kaplan: Mit Sicherheit haben Tiere ein SEELENLEBEN, also bewusste Erlebnisse und sie sind glücksfähige und leidensfähige Wesen. Und das sollte für jeden moralisch motivierten Menschen Grund genug sein, Tiere nicht wie gefühllose Automaten zu behandeln, wie dies heute leider noch immer geschieht. Freiheit für Tiere: Jäger argumentieren: »Der Mensch hat schon immer gejagt.« - Liegt das Jagen in der Natur des Menschen? Helmut F. Kaplan: In diesem Sinne liegen auch Lügen, Morden und Vergewaltigen »in der Natur des Menschen«. Aber der gesamte Zivilisationsprozess läuft doch darauf hinaus, durch Manieren, Moral und Gesetze eben solche asozialen und archaischen Anlagen und Tendenzen ZURÜCKZUDRÄNGEN. Und das muss selbstverständlich auch für unseren Umgang mit Tieren gelten. Denn nichts ist unmoralischer als eine Doppelmoral. Freiheit für Tiere: Sie haben einmal gesagt: »Zu den gefährlichsten Feinden der Tiere gehören die Tierfreunde.« Wie ist das gemeint? Helmut F. Kaplan: Tierfreunde haben leider oft recht kontraproduktive Eigenschaften. Neben der notorischen Anfälligkeit für Profilneurosen ist das vor allem die ideologische Intoleranz: Tierfreunde neigen dazu, private Positionen allgemein vorschreiben zu wollen. Das Ergebnis sind dann Haltungen wie: Ein echter Tierfreund müsse Kapitalismuskritiker sein, müsse gläubig sein oder dürfe nicht gläubig sein, müsse Abstinenzler sein usw. Das ist natürlich völliger Unsinn. Ein echter Tierfreund muss vor allem viel für Tiere tun. Und dazu gehört auch, möglichst viele Menschen zum Mitmachen zu motivieren - was mit solchen Ausgrenzungen natürlich nicht funktioniert. Freiheit für Tiere: Was kann getan werden, um die Kräfte für die Tiere zu bündeln und einen Bewusstseinswandel in der Öffentlichkeit herbeizuführen? Helmut F. Kaplan: Ich habe kein Patentrezept, aber folgende Punkte sind auf alle Fälle wichtig: Erstens die Überwindung der ideologischen Intoleranz, siehe oben. Zweitens, siehe oben, muss auf allen Ebenen agiert werden: ethisch und aktionistisch, »gemäßigt« und »radikal« usw. Und drittens: Effiziente Arbeit kann nur auf professioneller Ebene geleistet werden. Die Vorstellung, mit einem Heer von Laien gegen die institutionalisierte und industrialisierte Tierausbeutung etwas ausrichten zu können, zeugt von schrecklichem Realitätsverlust. Freiheit für Tiere: Was kann jeder einzelne tun, um den Tieren eine Stimme zu geben? Helmut F. Kaplan: Im Hinblick darauf, was jeder einzelne zuerst tun kann und tun soll, stelle ich in meinem »Vegetarisch-veganen Manifest« folgende Forderungen auf: Erstens soll jeder sofort Vegetarier werden, also aufhören, Fleisch zu essen. Zweitens soll jeder so viele vegane Produkte wie möglich konsumieren, also solche ohne Milch und Eier. Und drittens sollen die Tierrechtler alles in ihrer Macht Stehende tun, um die HERSTELLUNG veganer Produkte voranzutreiben. Denn mit der Konsumschiene alleine ist die Veganisierung der Gesellschaft nicht zu schaffen. Den tierlichen Lebensmitteln muss von der Konsum- UND von der Produktionsseite her der Garaus gemacht werden. Freiheit für Tiere: Ist ein neues Buch in Arbeit? Helmut F. Kaplan: Ja, in den nächsten Wochen wird »Freude, schöner Götterfunken« erscheinen, eine Art philosophische Lebenshilfe mit nur mittelbarem Bezug zu Tierrechten. Danach soll, hoffentlich noch in diesem Jahr, eine Aufsatzsammlung herauskommen. Geplanter Titel: »Der Verrat des Menschen an den Tieren.« Über beide Bücher wird rechtzeitig auf meiner Homepage informiert werden.
Interview mit Vegetarisch genießen Veg: Hr. Kaplan, am 7. April hat der deutsche Bundesrat beschlossen, dass die Hühner auch in Zukunft in Käfigen ihr Leben fristen müssen. In der Schweiz ist diese brutale Hühnerhaltung bereits seit 1992 verboten. Haben deutsche Politiker kein Herz für Tiere? Helmut Kaplan: Der amerikanische Präsident Bush sen. liebte es, Vögel vom Himmel zu schießen, seinem Nachfolger Clinton macht das, soviel ich weiß, auch großen Spaß, der heutige US-Vizepräsident Cheney schoss während einer Jagd auf Wachteln daneben und direkt auf seinen Freund und vom ehemaligen russischen Premierminister Tschernomyrdin ist zu lesen (Der Spiegel, 22, 1999): "Zu den Jägern, die sich mit Wagenkolonne und schwerbewaffneter Begleitung bei einer Winterhöhle vorfahren ließen, gehörte auch Rußlands Ex-Premier Wiktor Tschernomyrdin: Um die Bärenfamilie aufzuwecken, stachen Helfer mit Stangen in die Höhle, bis zunächst die Jungtiere, dann die Mutter ins Freie taumelten. Weidwerker Tschernomyrdin schoß einem der Jungen aus zwei Meter Entfernung eine Kugel in den Schädel." Wundert es eigentlich wirklich jemanden, wenn solchen Politikern auch Menschenleben nicht viel wert sind? Wären alle Politiker Vegetarier, wäre die Welt gewiss viel friedlicher. Oder, um es mit Leo Tolstoi zu sagen: Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben. Keine vorzeitige Freude über voreilige Schlüsse, liebe Fleischesser! Ich weiß schon: Ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Leider. Es gibt auch fleischessende Politiker, deren Wirken segensreich ist. Und Vegetarier, zumal "fanatische", an den Hebeln der Macht wären keineswegs Garanten für eine friedliche Welt. Sie könnten, zum Beispiel, auf die Idee kommen, möglichst viele Menschen umzubringen, damit es den Tieren besser geht (was rein rational gesehen gewiss richtig wäre). Schließlich soll auch Hitler Vegetarier gewesen sein. Fanatiker hin, Hitler her: Wären alle Politiker ethisch motivierte Vegetarier (also Vegetarier um der Verhinderung von Tierleid willen und und nicht um der eigenen Gesundheit willen), wäre die Welt wirklich wesentlich besser - besser als sie es heute ist, wo die allermeisten Politiker Fleischesser und sehr viele obendrein auch noch "passionierte" Jäger sind. Gleichgültigkeit und Grausamkeit gegenüber Tieren bleiben nicht ohne Folgen für den Umgang mit Menschen. Beweisen lässt sich das freilich nicht. Jedenfalls nicht hier und jetzt. Aber es sprechen gute Gründe für diese Position. Gründe, die auch Fleischesser für richtig halten: Angenommen, jemand müsste sich entscheiden, sein Leben entweder einem fleischessenden Jäger oder einem ethisch motivierten Vegetarier anzuvertrauen. Für wen würde er sich wohl entscheiden? Veg: In den letzten Jahren nehmen Tierseuchen zu. Der letzte Fall ist die Vogelgrippe. Was bewegt Sie dabei am meisten? Helmut Kaplan: Dass es zwischen Vogelgrippe und allen anderen Tier-Seuchen und Fleischessen einen wichtigen Zusammenhang gibt, liegt auf der Hand: Würden die Tiere nicht gegessen, wären die meisten gar nicht auf der Welt (Intensive Zucht und Ghetto-Haltung). Mir geht es hier aber um einen anderen Zusammenhang: Mich erstaunt immer wieder die unglaubliche Gleichgültigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der in den Medien über die brutale Behandlung der (vielleicht) infizierten Vögel berichtet wird. Und zwar ausnahmslos, ich habe noch NIE eine Meldung gehört oder gelesen, in der das Leiden dieser Tiere auch nur ERWÄHNT worden wäre. Da werden Millionen von leidensfähigen Wesen auf unvorstellbar grauenhafte Weise erschlagen, erstickt und vergast und darüber wird berichtet, als ginge es um das Anstreichen von Häusern oder um das Betonieren von Straßen! Woher kommt diese zynische Sachlichkeit? Wie ist diese barbarische Objektivität möglich? Darauf gibt es eine einzige Antwort: Weil die Tiere sowieso nur zum Umbringen gezüchtet werden! Folgerichtig bedeutet die bloße Vorverlegung des Umbringens für die Tiere keine dramatische Veränderung. Und folgerichtig gilt das Bedauern allein den Menschen, die durch das vorgezogene Umbringen wirtschaftlichen Schaden erleiden. So weit so furchtbar. Aber was zeigt dies darüber hinaus? Die Definition von Tieren als Wesen, die zum Aufgegessenwerden da sind, bringt diesen Wesen nicht nur den Tod, sondern erzeugt auch eine Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Leben. Und diese Haltung betrifft grundsätzlich ALLE "Nutztiere" - sowie tendenziell überhaupt alle Tiere: Wenn es völlig "normal", selbstverständlich und unbedenklich ist, bestimmte Tiere, leidensfähige Wesen, umzubringen und aufzuessen, dann können alle Tiere für vergleichbar triviale Zwecke missbraucht werden: zum Begaffen in Zoos, zum Tragen ihres Pelzes, zum "Spaß" beim Jagen usw. Solange wir irgendwelche Tiere essen, werden wir alle Tiere ausbeuten. Veg: Zu Weihnachten aß der Papst einen Kapaun. Zu Ostern wahrscheinlich ein kleines Lämmchen. Was sagen Sie dazu? Helmut Kaplan: Mich erstaunt immer wieder, wie wenig die meisten Christen ihren eigenen Glauben ernst nehmen. Denn es gibt doch viele Gesichtspunkte der christlichen Lehre, die eindeutig gegen Tierausbeutung im Allgemeinen und Fleischessen im Besonderen sprechen. Etwa das Gebot der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Es ist offenkundig weder barmherzig noch gerecht, Tiere um eines kurzen Gaumenkitzels willen lebenslang einzusperren, massiv zu quälen und barbarisch umzubringen. Ein weiterer Aspekt, der konsequenterweise zu einem liebevollen Umgang mit Tieren führen müsste, ist, dass auch Tiere Geschöpfe Gottes sind. Darf man Geschöpfe Gottes so behandlen? Der wichtigste Punkt ist aber vielleicht der Folgende: Im Paradies lebten Menschen und Tiere friedlich miteinander, da gab es kein Fressen und Gefressenwerden. Und dieser paradiesische Zustand, die Zeit vor dem Sündenfall, beinhaltet ja wohl eine moralische Vorgabe: So sollte es sein. Zwar können wir heute nicht verhindern, dass sich Tiere gegenseitig fressen. Was wir aber sehr wohl verhindern könnten, ist, dass wir Tiere essen! INSOFERN steht dem Christen die Wiederherstellung paradiesischer Zustände offen! Und warum ausgerechnet gegenüber Tieren uns gemäß dem Alles-oder-nichts-Prinzip darauf hinausreden, dass wir halt leider aus dem Paradies vertrieben worden seien und paradiesische Zustände daher nicht mehr möglich seien - während wir gegenüber Menschen ganz pragmatisch versuchen, uns dem Ideal soweit wie möglich anzunähern? Kein Mensch käme auf die Idee, den verpflichtenden Charakter der Zehn Gebote dadurch auszuhebeln, dass er sagt: Weil es unmöglich ist, sie ganz einzuhalten, brauchen wir uns erst überhaupt nicht um ihre Einhaltung zu bemühen! Nein, wir sagen: Wenn diese Regeln auch niemand hundertprozentig einhalten kann, so sollten wir uns dennoch an ihnen orientieren und uns bemühen, sie soweit wie möglich einzuhalten. Je mehr, desto besser! Und genau das gleiche gilt selbstverständlich für den Umgang mit Tieren. Die Unmöglichkeit, das Paradies wieder zu errichten, entbindet nicht von der Pflicht, das Böse zu bekämpfen und das Gute soweit wie möglich zu verwirklichen. Veg: Man liest immer wieder von Familiendramen, bei denen der Mann Frau und Kinder erschießt. Auffallend oft werden dafür Jagdwaffen benützt. Sind Jäger gefährlich? Helmut Kaplan: Die Jagd ist eine grauenhafte, verlogene und überflüssige Angelegenheit. Dank der unermüdlichen Aufklärungsarbeit der Tierrechtsbewegung wissen oder ahnen das die meisten Menschen auch schon. Deshalb hat die Jagd, von historisch besonders belasteten Kreisen (wie etwa dem Adel) abgesehen, heute auch einen miserablen Ruf. Insbesondere bei der Jugend. Man kann also davon ausgehen, dass sich das Problem Jagd in zivilisierten Gesellschaften über kurz oder lang von selber erledigen wird - so wie der Stierkampf verboten werden wird und so wie Folter und Todesstrafe bereits abgeschafft worden sind. Dennoch gibt es - neben den dauernden Jagdmassakern an Tieren - eine Problematik, der wir sofort Aufmerksamkeit schenken sollten: Wissenschaftliche Studien lassen keinerlei Zweifel mehr darüber zu, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der Gewalt gegenüber Tieren und der Gewalt gegenüber Menschen gibt. Für einen diesbezüglichen Überblick siehe etwa die Dissertation "Zum psychologischen Zusammenhang zwischen der Gewalt gegenüber Tieren und der Gewalt gegenüber Menschen", Universität Klagenfurt, 2003. Nun wird wohl niemand ernsthaft bestreiten wollen, dass es bei der Jagd um Gewalt gegenüber Tieren geht. Das heißt aber nichts anderes, als dass wir davon ausgehen müssen, dass allein in Deutschland über 380.000 gemeingefährliche Menschen frei herumlaufen. So viele Jäger gibt es hier nämlich. (Natürlich gibt es noch andere gefährliche Zeitgenossen, aber der "Vorteil" der Jäger besteht darin, daß sie leicht identifizierbar sind.) Sicher: Es ist denkbar, dass die systematische, quasi berufsbedingte Verlogenheit der Jäger (die Behauptung, dass sie nicht aus Mordlust töteten, die Bezeichnung von Blut als "Schweiß" usw.) einen gewissen psychologischen Schutz gegen das Überspringen der Gewalt auf Menschen bietet. Aber es wäre unverantwortlich sich auf diese vage Vermutung zu verlassen. Bis zum Beweis des Gegenteils müssen alle Jäger als potentielle gefährliche Gewalttäter betrachtet werden. Veg: Jäger sagen, die Jagd sei eine ökologische Notwendigkeit. Was sagen Sie dazu? Helmut Kaplan: Über allem verlogenen Gerede über die angebliche ökologische Notwendigkeit der Jagd (ginge es uns wirklich um die Umwelt, müßten wir ganz woanders ansetzen, z. B. beim Autoverkehr!) sollten wir eines nicht vergessen: Die Jagd bedeutet einen ununterbrochenen, unbeschreiblichen Terror gegenüber Tieren. Nach einem solchen feigen Anschlag auf Unschuldige und Wehrlose herrscht im Wald das blanke Entsetzen und die pure Panik: Kinder suchen verzweifelt ihre Eltern, Eltern suchen verzweifelt ihre Kinder und ein Ende des Massakers ist nicht abzusehen. Haben sich die Jäger erst einmal in ihren Blutrausch hineingesteigert, kennt das Morden keine Grenzen mehr. Es ist schwierig, für diesen einzigartigen Terror gegen Tiere einen einigermaßen angemessenen Vergleich zu finden. Ich versuche es dennoch: Ein friedlicher Ostersonntag, die Menschen gehen in die Natur hinaus, man unterhält sich, die Kinder spielen und alle freuen sich über das herrliche Wetter. Und urplötzlich springt ein Terrortrupp aus dem Hinterhalt und richtet ein grauenhaftes Blutbad an. Dieser Vergleich hinkt freilich gewaltig: Für Menschen sind solche Überfälle die extreme Ausnahme, für Tiere sind sie die schreckliche Regel. Und bei Menschen kommt nach einem solchen Überfall die Rettung, um die Verletzten zu versorgen. Bei Tieren kehren die Mörder zurück, um die Überlebenden zu erschießen. Veg: Herr Kaplan, vielen Dank für das Gespräch
Interview mit Tierrechtsverein Canis zum Thema "Perspektiven der Tierrechte" MAW: Herr Dr. Kaplan, Sie gelten als Vordenker der Tierrechtsbewegung im deutschsprachigen Raum. Wie schätzen Sie die Chancen ein, daß aus der bestehenden kleinen idealistischen Elite eine breite Bewegung erwächst? HFK: Das ist schwer zu sagen: Je nachdem, unter welchem Gesichtspunkt man diese Frage betrachtet, erscheint ein breiter Erfolg der Tierrechtsbewegung mehr oder weniger wahrscheinlich. Aber das Entscheidende ist doch dies: Wir alle, die wir die philosophische Stimmigkeit und ethische Notwendigkeit der Tierrechtsbewegung erkannt haben, sind verpflichtet, alles in unserer Macht Stehende zu tun, damit diese Bewegung möglichst rasch möglichst erfolgreich ist. MAW: Was muß geschehen, damit Vegetarismus/Veganismus bzw. die Idee, Tieren Grundrechte zu verleihen, gesellschaftlich mehrheitsfähig wird? HFK: Zwei Dinge sind besonders wichtig: Erstens dürfen wir nicht aufhören, den Menschen drastisch vor Augen zu führen, welch gräßliches Leid den Tieren überall und ununterbrochen zugefügt wird. Zweitens muß die Bevölkerung unermüdlich über die entscheidenden biologischen Fakten - etwa die Leidensfähigkeit der Tiere und ethischen Argumente etwa die Parallelen zwischen Rassismus, Sexismus und Speziesismus informiert und aufgeklärt werden. MAW: Teilen Sie unsere Meinung, daß Tierrechte oder Veganismus ebenfalls nur Mosaikteile eines noch weiter gefaßten Zieles sein müssen, nämlich einer holistischen Gesellschaft? Damit soll nicht ein zurück in die Höhlen gemeint sein, sondern ein ganzheitliches Gesellschaftskonzept, daß Mensch, Tier, Natur und Kultur harmonisch integriert? Schluß mit dem Irrglauben "Krone der Schöpfung" oder "Spitze der Evolution". HFK: Hier liegt eine Riesengefahr, der wir uns stets bewußt sein müssen: Die Vertreter der Tierrechtsbewegung kommen aus den unterschiedlichsten "weltanschaulichen Ecken". Das Spektrum umfaßt "wertkonservative" Naturschützer, "linke" Umweltaktivisten, "liberale" Intellektuelle, esoterisch Orientierte usw. usw. Wenn alle diese Menschen beim Argumentieren für Tierrechte auf ihrem jeweiligen ideologischen Hintergrund beharren, ist das Scheitern unumgänglich. Deshalb sollten sich Tierrechtler auf das revolutionär Neue an der Tierrechtsbewegung besinnen: auf die rationale, "ideologiefreie" Argumentation, der sich niemand, der den Anspruch erhebt, rational zu denken und zu handeln, entziehen kann. MAW: Könnte der Holismus eine zukunftsträchtige Alternative zum Kapitalismus der Gegenwart darstellen? HFK: Ich habe mich, unter anderem aus den erwähnten Gründen, nicht näher mit dem Holismus befaßt. Aber grundsätzlich ist natürlich klar, daß die Tierausbeutung nur ein Element eines allgemeinen "kleinteiligen" Denkens darstellt. Auf ethischer Ebene heißt dieses "kleinteilige", isolierte Denken und Handeln Egoismus. Und worum es bei der Tierethik wie der Gesamtethik geht, ist die Überwindung dieses Egoismus. Noch ein Wort zum Kapitalismus: Als institutionalisierte Egoismusförderung ist der Kapitalismus die ethisch widerwärtigste Gesellschaftsform. MAW: Das "Great Ape Project", das Vorhaben, Menschenaffen "Menschenrechte" zu verleihen, wird allgemein als Schritt zur Überwindung des Speziesismus gewertet. Könnte es sich aber nicht als kontraproduktiv erweisen, Grundrechte für Tiere über deren "Menschenähnlichkeit" erstreiten zu wollen? Da steckt der anthropozentrische Ansatz doch weiterhin drinnen. Denn wodurch könnte nach dieser Argumentationsschiene z.B. das Grundrecht auf Freiheit oder Unversehrtheit bei einem Fisch oder Vogel begründet werden; Lebewesen, die evolutionär weit weg vom Homo sapiens anzusiedeln sind? HFK: Erstens: Prinzipiell haben Sie mit Ihrem Einwand natürlich recht. Aber praktisch ist es am einfachsten und effizientesten, zunächst und vor allem mit der Ähnlichkeit zu argumentieren. Zweitens: Damit sensibilisiert man die Menschen dafür, daß die Rechtsgrenze nicht mit der Speziesgrenze Mensch Tier zusammenfällt. Und damit hat man das einfache, praktische Argument: "Weil Tier, keine Rechte" vom Tisch. Mit der Beseitigung des Pauschalurteils "Tiere haben keine Rechte" geht automatisch eine Aufwertung aller Tiere einher eben, weil die Feststellung Nicht-Mensch allein nicht mehr ausreicht, um Wesen auszubeuten. Drittens: Entscheidend ist ja nicht die evolutionäre Nähe, sondern die faktische Ähnlichkeit bzw. Vergleichbarkeit. Und die ist zwischen Menschen einerseits und Fischen und Vögeln andererseits durchaus auch gegeben, allem voran im Hinblick auf die Leidensfähigkeit. MAW: Bei welchen Tiergattungen würden Sie persönlich die Grenze für Grundrechte ziehen? HFK: Bei gar keinen. Alle Wesen haben das Recht, so zu leben, wie es ihren Anlagen, Bedürfnissen und Interessen entspricht. Und wo wir nicht sicher sind, ob ein Wesen bestimmte Interessen hat, müssen wir, quasi nach dem Grundsatz "im Zweifel für den Angeklagten", davon ausgehen, daß es sie hat. MAW: Gegenwärtig gibt es Bestrebungen, Formulierungen wie "human töten" in Gesetzestexte einfließen zu lassen. Sehen Sie darin nicht einen Widerspruch in sich? Es sei denn, man definiert den Menschen a priori als "Töter". Sie selbst schreiben ja auch, daß es ein Unding ist, von "Schlachten in Würde" zu sprechen. HFK: Selbstverständlich ist es grober Unfug und Unsinn, von "humanem" oder "würdevollem" Schlachten zu reden. Ebenso gut könnte man von humaner oder würdevoller Folter oder Hinrichtung sprechen. Andererseits ist aber jede reale Verbesserung des Schicksals der Tiere zu begrüßen. MAW: Prof. Joseph Gitelson, Leiter des ehemaligen Weltraumforschungsprogramms der Sowjetunion, antwortete in Wien bei einem Vortrag auf die Frage, ob Vegetarismus für die Menschheit ein evolutionärer Fortschritt wäre, mit einen knappen und klaren "Ja!". Stimmen Sie dem zu? HFK: Auf alle Fälle. Andere umzubringen und aufzufressen, ist schließlich der Inbegriff des Barbarischen, Rohen, Unzivilisierten. Jede Abkehr davon ist ein Fortschritt. Das Gerede von "natürlichen Kreisläufen" und dergleichen ist hohles Geschwafel, das von menschlicher Unreife und Unmoral ablenken soll. MAW: In den Niederlanden laufen beim Projekt PROFETAS (Protein Food, Environment, Technology and Society) interdisziplinäre Forschungen, wie sich die Herstellung von "Kunstfleisch" auf Gesellschaft, Umwelt und Technik auswirken könnte. Glauben Sie persönlich, daß darin eine Alternative zu Intensivtierhaltung und Umweltzerstörung liegen könnte, nämlich in der massenhaften Produktion von "Fleisch" auf Basis von Soja/Weizen oder Zellkulturen? HFK: Ich halte dies für die mit großem Abstand erfolgversprechendste Zukunftsperspektive. Denn Menschen mit Ethik zu kommen, ist immer ein äußerst mühseliges und unsicheres Unterfangen. Wenn aber vielfältige vegane Lebensmittel zur Verfügung stünden, die gleich wie Fleisch schmeckten und vielleicht auch noch preisgünstiger und gesünder wären, so wäre das eine sehr realistische Grundlage für revolutionierende Änderungen. MAW: Sie waren einer der wenigen Philosophen, die sogenannte "gewaltsame" Tierbefreiungen stets verteidigten, indem Sie schrieben, daß die wahre Gewalt von den Tierausbeutern ausgeht; die Tierbefreier hingegen in der Tradition der Bewegungen stehen, die quer durch die Geschichte gegen Sklaverei oder Sexismus kämpften. Ist für Sie nur "Gewalt" gegen Sachen legitim oder wäre es auch ein Fall von Selbstverteidigung im Namen der gequälten Kreatur, wenn zum Beispiel ein Jäger durch Körpereinsatz dabei gehindert wird, ein Tier zu töten? HFK: Letzteres halte ich nicht nur für zulässig, sondern für notwendig. Auch sollten wir uns auf keine Aussagen in Richtung "nur Gewalt gegen Sachen" festlegen lassen. Das tun wir ja auch in bezug auf Rettungsmaßnahmen für Menschen nicht. Denken Sie etwa an Geiselbefreiungen. Als Orientierung soll vielmehr die Frage dienen: Was wäre legitim, um Menschen in vergleichbaren Situationen zu retten? MAW: Einige persönliche Fragen zum Abschluß. Sie selbst sind Vegetarier. Warum nicht Veganer? Welche Problematik verbinden Sie mit Veganismus? HFK: Zum einen versuche ich, möglichst vegan zu leben. Zum anderen ist die Frage "Vegetarisch oder vegan?" ungleich vielschichtiger, als es zunächst den Anschein hat. Ich arbeite gerade an einem umfangreichen Aufsatz zum Thema "Müssen Tierrechtler Veganer sein?" Er wird in den nächsten Wochen auf www.fellbeisser.de erstveröffentlicht werden. MAW: Auf Ihrer Homepage steht zu lesen, daß nichts dagegen spricht, daß Vegetarier rauchen, zumal dadurch keinen Tieren Schaden zugefügt wird. Nun führen aber gerade die Tabakmultis Testreihen mit Kaninchen oder anderen Tieren durch? Ihre Antwort darauf? HFK: Ich halte diesen Ansatz: "Das und jenes darfst Du nicht tun, denn da laufen diverse Testreihen, die Du damit unterstützt" für völlig willkürlich, verfehlt und wirkungslos. Was machen Sie, wenn es Testreihen zur Entwicklung besserer Sonnen- und Lesebrillen gibt? Darf man dann nicht mehr in die Sonne gehen und keine Bücher mehr lesen? Oder nehmen Sie den medizinischen Bereich generell: Angesichts der vielen Tierversuche, die hier stattfinden, dürfte dann kein Mensch mehr zum Arzt gehen. Die einzige sinnvolle und zielführende Strategie ist: Tierversuche grundsätzlich verbieten egal, wofür sie gemacht werden. Solange dies nicht geschehen ist, wird es immer Diskussionen darüber geben, ob nicht zur Klärung dieser oder jener ganz besonders wichtigen Frage Tierversuche doch noch erlaubt werden müßten. MAW: Würden Sie sich persönlich als religiös bzw. spirituell bezeichnen; nicht im Sinne von kirchengebunden, sondern gewissermaßen von innen heraus? Oder betrachten Sie sich selbst eher als nüchternen Wissenschafter bzw. Agnostiker? HFK: Ich bin Agnostiker und glaube an keinen objektiven, vorgegebenen Sinn des Lebens. Aber man kann dem Leben einen Sinn geben. Den Sinn meines Lebens sehe ich im Lindern von Leiden. MAW: Wir danken für das Interview!
Ingolf Bossenz Mit Plutarch und "Leichenschmaus" für die Rechte der Tiere Der österreichische Philosoph Helmut F. Kaplan vertritt einen konsequent ethisch begründeten Vegetarismus Weihnachten ist ihm ein Gräuel, die Befreiung der Tiere sieht er als die logische Fortsetzung der Sklavenbefreiung, und den Fleischverzehr nennt er "Leichenschmaus". So lautet auch der Titel seines populärsten Buches, das die Zeitschrift "Focus" als "Bibel der Radikalvegetarier und Tierbefreier" bezeichnete. Der Autor, der österreichische Philosoph Helmut F. Kaplan, ist der bekannteste Theoretiker der Tierrechtsbewegung im deutschsprachigen Raum. "Unerträgliche, unübertroffene, grauenvolle Verlogenheit." So sieht Helmut F. Kaplan Weihnachten, das in unserem "christlichen Abendland" als schönstes Fest des Jahres gilt. Auf die Frage, ob diese Häufung negativer Superlative nicht sehr übertrieben sei, begründet der 54-jährige Österreicher im Gespräch diese irritierende Charakterisierung: "Im Gegenteil, der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit kann mit Worten kaum drastisch genug ausgedrückt werden: Es wird gefeiert, gesungen, man ist zu Tränen gerührt - und das bei einem Fest, das alljährlich für Millionen nicht menschlicher Kreaturen ein Massaker bedeutet. Auf der einen Seite das Gerede von Liebe und Vergebung, auf der anderen Seite das Gemetzel in den Schlachthöfen." Die Lösung dieses Widerspruchs und damit die Auflösung solcher nicht nur weihnachtlichen Verlogenheit befindet sich für Kaplan buchstäblich vor unserer Nase - auf dem Teller. Er verweist auf den griechischen Philosophen Plutarch, der bereits vor über zweitausend Jahren schrieb: "Für einen Bissen Fleisch nehmen wir einem Tier die Sonne und das Licht und das bisschen Leben und Zeit, an dem sich zu erfreuen seine Bestimmung gewesen wäre." Fleischverzicht mit 11 Jahren Als sich der Salzburger 1963 entschloss, fortan kein Fleisch mehr zu essen, waren ihm weder Plutarch noch andere Geistesgrößen ein Begriff. Es gab auch kein Schlüsselerlebnis für diese Zäsur. Der 11-jährige Junge hatte einfach genug vom Anblick der blutigen Auslagen in den Metzgerläden, der zerstückelten Kreaturen in den Fleischregalen, der mit Eis beschütteten toten Fische in den Lebensmittelgeschäften. Dem vor allem emotional begründeten Entschluss, nicht mehr mitschuldig sein zu wollen am millionenfachen Töten von Tieren, folgte die Suche nach den richtigen Argumenten. Sie war später maßgeblich für Kaplans Entscheidung, ab 1975 Psychologie und Philosophie an der Universität Salzburg zu studieren. Mit einer Arbeit zu Freuds Psychoanalyse promovierte er dort zum Doktor der Philosophie. Mitte der 80er Jahre begann Kaplans intensive Beschäftigung mit der Philosophie der Tierrechtsbewegung. Österreich und die anderen deutschsprachigen Staaten waren damals Entwicklungsländer, was die Bewertung und Behandlung von Tieren betraf. Dagegen hatten sich im englischsprachigen Raum in dieser Hinsicht bereits revolutionäre Veränderungen vollzogen. Der traditionelle Tierschutz war durch eine Tierrechtsbewegung ergänzt worden, die einen kompromisslosen, ethisch begründeten Vegetarismus propagierte. Ihren führenden Theoretiker hatte sie in dem australischen Philosophen Peter Singer gefunden, dessen 1975 erschienenes Buch "Animal Liberation" (Befreiung der Tiere) zum Gründungsdokument der Tierrechtsphilosophie wurde. Da war es nahe liegend, dass Helmut Kaplan sein Philosophiestudium 1987 mit einer Arbeit zu "Peter Singers Philosophie des Vegetarismus" abschloss. Ein Klassiker - sogar in Japan Von nun an hatte die deutschsprachige Tierrechtsszene ihren eigenen Theoretiker, der mit bislang rund einem Dutzend Büchern (zuletzt erschienen: "Der Verrat des Menschen an den Tieren"), zahllosen anderweitigen Publikationen sowie öffentlichen Auftritten wie kein Zweiter die Debatte um Tierschutz, Tierrechte und Vegetarismus prägt. 1993 erschien bei Rowohlt sein Buch "Leichenschmaus - Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung". Längst ein Klassiker, der sogar ins Japanische übersetzt wurde. Den vom "Focus" geprägten Begriff "Bibel" mag Kaplan allerdings weniger. Nicht unbedingt aus persönlicher Bescheidenheit (Wer liest oder hört derlei nicht gern?). Doch ihm geht es ja gerade um die Verbannung alles Religiösen und religiös Verbrämten aus der Ethik. "Religiöse Überzeugungen sind private Glaubenshaltungen", erklärt Kaplan. "Tierrechte aber sind - ebenso wie Menschenrechte - allgemeinverbindliche Moral-, Rechts- und Gerechtigkeitspositionen." Daher seien alle strikten Verknüpfungen von Tier- oder Menschenrechten mit bestimmten religiösen Vorstellungen unsinnig. Was übrigens auch umgekehrt gelte. Denn die Schimäre einer moralischen Kluft zwischen Menschen und Tieren, die immer noch in der Ethik herrscht, habe vor allem religiöse Ursachen: "Zum Beispiel den Glauben, dass nur der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen sei und nur er eine unsterbliche Seele habe. Würden wir endlich ernst nehmen, was wir seit Darwin wissen - dass es EINE Evolution ALLEN Lebens gab und gibt -, würde diese Kluft verschwinden, und wir würden unsere moralische Verantwortung auch gegenüber Tieren erkennen." Diese Verantwortung muss für Kaplan darin münden, den Tieren Rechte zuzubilligen. Doch was sind eigentlich "Tierrechte"? "Es geht vor allem um das Recht auf Leben, um das Recht auf physische Unversehrtheit und um das Recht auf Freiheit von Schmerz und Leid - jedenfalls, so weit das von uns Menschen abhängt. Das bedeutet: Wenn wir wissen, dass Tiere leiden, sollten wir Leiden verhindern. Und wo wir nicht sicher sind, ob Tiere leiden, sollten wir möglicherweise Leiden verursachende Handlungen unterlassen. Leider sind solche Erwägungen reine Theorie - weil wir in der Praxis selbst Tiere mit erwiesener größter Leidensfähigkeit behandeln, als wären sie leblose Gegenstände. Verwiesen sei nur darauf, wie in Schlachthöfen etwa mit Rindern oder Schweinen umgegangen wird!" Einst die Sklaven - heute die Tiere Helmut Kaplan sieht sowohl Menschen- wie Tierrechte als "ethisch begründete Rechte, die vor allem kulturellen Ursprungs sind". Schließlich hätten wir uns im Laufe unserer Entwicklung dafür entschieden, allen Menschen grundlegende Rechte zuzugestehen. Und Kaplan erinnert: "Das war bekanntlich nicht immer so - siehe etwa die Sklaverei oder die Frauendiskriminierung. Und die Tierrechtsbewegung ist die logische und notwendige Fortsetzung anderer Befreiungsbewegungen, wie eben der Befreiung der Sklaven, des Kampfes gegen Rassismus oder für die Emanzipation der Frauen." Diese Einbeziehung nicht menschlicher Lebewesen ist das eigentlich Revolutionäre an der von Kaplan und anderen vertretenen Ethik. Galt es doch bis in die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts als Konsens unter den Philosophen, dass ausschließlich der Mensch legitimes Subjekt der Ethik ist. Dennoch will Kaplan nicht von einer "neuen" Ethik sprechen: "Wir brauchen überhaupt keine neue Ethik, wir müssen lediglich die vorhandene Ethik konsequent zu Ende denken. Und vor allem anwenden!" Das entscheidende Kriterium dabei sieht der Salzburger Philosoph in der Leidensfähigkeit. "Wenn wir wollen, wissen wir sehr genau, wie Tiere behandelt werden möchten. Dazu brauchen wir uns nur ehrlich und ernsthaft in deren Situation zu versetzen, um uns dann zu fragen, wie wir an ihrer Stelle behandelt werden möchten. Das wird uns in den allermeisten Fällen, etwa bei Tieren im Schlachthof oder im Versuchslabor, überhaupt nicht schwerfallen. Im Gegenteil: Unser moralisches Problem wird vielmehr meistens sein, dass wir uns so leicht in ihre Lage versetzen können!" Der für Kaplan einzige wirkliche Ausweg aus diesem moralischen Konflikt (Biofleisch aus sogenannter artgerechter Haltung ist für ihn nur eine "Notlösung"): Verzicht auf Fleisch und möglichst auch alle anderen Produkte vom Tier, also vegane Ernährung. Doch ungeachtet dieser radikalen Forderung ist der Österreicher Realist genug, der Entwicklung und vor allem den Menschen Zeit zu geben: "Wenn jemand, der bis jetzt zwanzig Prozent vegane Lebensmittel gegessen hat, nunmehr vierzig Prozent solcher Lebensmittel isst, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn ein Fleischesser zum Vegetarier wird, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn ein Fleischesser, der bisher zehn Wurstsemmeln pro Woche gegessen hat, nur noch fünf isst, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Und wenn jemand, der noch nie über Tierrechte nachgedacht hat, beginnt, sich darüber Gedanken zu machen, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung." Erstveröffentlichung: Herz + Schnauze, 2007, S. 22 f.
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