Die Rache der Tiere


Es schmerzt mich, daß es nie zu einer Erhebung der Tiere gegen uns kommen wird, der geduldigen Tiere, der Kühe, der Schafe, alles Viehs, das in unsere Hand gegeben ist und ihr nicht entgehen kann.

Ich stelle mir vor, wie eine Rebellion in einem Schlachthaus ausbricht und von da sich über eine ganze Stadt ergießt .... Ich wäre schon erleichtert über einen einzigen Stier, der diese Helden, die Stierkämpfer, jämmerlich in die Flucht schlägt und eine ganze blutgierige Arena dazu. Aber ein Ausbruch der minderen, sanften Opfer, der Schafe, der Kühe wäre mir lieber. Ich mag es nicht wahrhaben, daß das nie geschehen kann; daß wir vor ihnen, gerade ihnen allen, nie zittern werden.

 

Elias Canetti

Vielleicht sind die Tiere gar nicht so machtlos, wie wir glauben. Vielleicht ist der Rinderwahnsinn das erste Zeichen einer späten Rache für das, was wir den Tieren seit Jahrtausenden mit zunehmender Rücksichtslosigkeit und abnehmender Notwendigkeit antun. Und vielleicht sind die gegenwärtige ökologische Krise und die kommende ökologische Katastrophe auch Teil dieser Rache der vergewaltigten Kreatur.

Immerhin ist der quantitative Anteil der Tiere an der von uns ausgebeuteten Umwelt enorm: Da sind zunächst die Hekatomben von Tieren, die wir direkt ermorden - allein in den USA werden nur in der Fleischindustrie täglich 14 Millionen Tiere umgebracht. Hinzu kommen die buchstäblich unzähligen Tiere, die wir dadurch umbringen, daß wir ihre Lebensgrundlagen zerstören.

Und die Vergiftung des Menschen, die mit der Vergiftung der Umwelt einhergeht, funktioniert zu einem wesentlichen Teil durch die Tiere, die wir essen: Aufgrund der langen Nahrungskette, die uns als Fleisch- und Fischessern "vorgeschaltet" ist, nehmen wir viele Umweltgifte in Form von toten Tieren in uns auf.

Auch haben die getöteten Tiere im Rahmen der zerstörten Umwelt ein besonderes moralisches Gewicht: Sie sind, wie wir selbst, leidensfähige Lebewesen, die nicht nur sterben, sondern die wissen und spüren, daß sie sterben - und denen wir dadurch und deshalb unendliches Leiden zufügen. Es ist eben, wie Konrad Lorenz einmal sinngemäß bemerkte, ein Unterschied, ob ich einen Krautkopf oder einen Hasenkopf abschneide.

Schließlich spielt dieser herausgehobene moralische Status der Tiere innerhalb der Natur beim Prozeß der Zerstörung eben dieser Natur eine entscheidende Rolle: Erst die Brutalität, derer es bedarf, um Hasenköpfe wie Krautköpfe abzuschlagen, hat jene menschliche Unsensibilität befördert und ermöglicht, die notwendig war, um die Natur und damit unsere Lebensgrundlagen so "konsequent" zu vernichten, wie wir es getan haben.

Tiere spielen also bei der Vorbereitung und Herbeiführung unseres Endes eine wichtige Rolle. Sie "bewerkstelligen" unseren Untergang in entscheidendem Maße.

Was uns ökologisch bevorsteht, ist moralisch zweifellos gerecht. Wir verdienen das Ende und wir verdienen dieses Ende. Damit befinden wir uns in der bizarren Situation, hoffen zu müssen, daß es keine Gerechtigkeit gibt.

© Helmut F. Kaplan


Themenverwandte Artikel:




www.tierrechte-kaplan.org - Kaplan@vegetarismus.org