Dürfen wir aufgeben?


Wir, die Tag und Nacht für eine bessere Welt mit weniger Leiden kämpfen, haben ein schweres Los - einen Beruf, eine Berufung, die keine Ruhepause kennt. Aber wir können uns auch glücklich schätzen: Wir brauchen uns niemals vorzuwerfen, unsere Zeit mit Unwichtigem zu vergeuden. Und: Wir haben nie das Problem, unser Handeln vor uns selbst nicht rechtfertigen zu können.

Doch angesichts des furchtbaren Mißverhältnisses zwischen dem Leiden auf der Welt und dem, was wir dagegen tun können, müssen wir auch manchmal "aufgeben", "vergessen" - wenigstens für ein paar Stunden: beim Lesen weiterblättern, beim Fernsehen umschalten, wenn uns das endlose Elend schon wieder anstarrt. Die Gefahr, daß wir wirklich aufgeben, besteht ohnedies nicht: Wer einmal das Leiden der Welt erfaßt und die Dankbarkeit, nicht unmittelbar davon betroffen zu sein, erlebt hat, der kann ohnehin nie mehr ruhen. Das Verlangen zu helfen ist unstillbar.

© Helmut F. Kaplan


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