Dürfen wir Tiere töten, um sie zu essen?


Zuerst gleich das Wichtigste: Fleisch ist nicht notwendig. Dies ist allerdings noch eine satte Untertreibung: Die Produkion von tierischem Fleisch für menschliche Nahrungszwecke ist nämlich nicht nur nicht notwendig, sondern sie ist ausgesprochen schädlich - und zwar nicht nur (naheliegenderweise!) für die betroffenen Tiere, sondern auch für die Menschen.

Stichwort Hunger: Fleisch zu essen bedeutet gegenüber einer vegetarischen Ernährungsweise eine ungeheure Verschwendung der Nahrungsressourcen unseres Planeten - aus einem ebenso einfachen wie einleuchtenden Grund: Die Tiere, deren Fleisch wir essen, benötigen ca. 90 Prozent des Futters, das wir ihnen geben, zur Aufrechterhaltung ihres eigenen Stoffwechsels. Dies bedeutet: Wenn wir selbst Pflanzen essen würden, anstatt sie an Tiere zu verfüttern, um dann deren Fleisch zu essen, könnten wir zehnmal soviele Menschen ernähren!

Über diesen fatalen Beitrag zum globalen Hungerproblem hinausgehend, fördert unser Fleischessen aber auch die regionale Verelendung in der Dritten Welt. Dort steht nämlich in vielen Ländern die landwirtschaftliche Nutzfläche nicht für die Versorgung der einheimischen Bevölkerung zur Verfügung, weil darauf Futtermittel für die überseeische Viehproduktion, das heißt für unseren Fleischkonsum, angebaut werden.

Stichwort Umweltzerstörung: Weil die Fleischproduktion eine so ineffiziente Art der Nahrungsmittelproduktion ist, muß aus den Böden das Letzte herausgeholt werden. Und dies geschieht mit massivem Chemieeinsatz - mit Kunstdüngern und sogenannten Pflanzenschutzmitteln. Diese verseuchen das Grundwasser und haben verheerende Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.

Um die großen Mengen an Fleisch zu erzeugen, die heute konsumiert werden, bedarf es vieler Tiere. Und viele Tiere bedeuten viele Exkremente. Damit sind wir bei der Gülle. Dieses flüssige Gemisch aus Harn und Kot hat katastrophale ökologische Folgen - unter anderem, wiederum: die Verseuchung des Grundwassers.

Die Gewinnung von Land für die Rinderzucht ist eine der Hauptursachen für die Zerstörung des tropischen Regenwaldes. Die Regenwaldzerstörung führt ihrerseits zu Flut- und Dürrekatastrophen und forciert den Treibhauseffekt.

Die negativen ökologischen Folgen der Fleischproduktion sind unübersehbar. Hier konnten nur einige wenige Aspekte und Konsequenzen angetippt werden. Weitere Auswirkungen sind zum Beispiel die enorme Energie- und Wasserverschwendung im Zuge der Fleischerzeugnung. Die angeführten Stichworte sollen lediglich dazu anregen, sich hinsichtlich der verheerenden faktischen Folgen des Fleischessens zu informieren, um dann eine verantwortliche Entscheidung in bezug auf das eigene Verhalten treffen zu können.

Dritter Punkt zum Thema Schädlichkeit von Fleisch für den

Menschen: Krankheit. Fleisch macht krank - und zwar nicht nur jenes Fleisch, das unter den Bedingungen irgendeines "Fleischskandals" produziert wurde, sondern Fleisch an sich. Hinsichtlich der gesundheitlichen Schädlichkeit von Fleisch bedarf es heute Gott sei Dank keiner langen Aufklärungsarbeit mehr. Während man früher, einer archaisch-kannibalischen Primitiv-Psychologie folgend, Fleisch mit Kraft und Gesundheit identifizierte, weiß heute jedes Kind, daß man umso gesünder lebt, je weniger Fleisch man ißt. Da kann die Werbefirma der Fleischmafia, die Centrale Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft - CMA -, noch soviel daherlügen über die Notwendigkeit und Bekömmlichkeit von Fleisch. Im übrigen: CMA steht in Wirklichkeit für Centrale Manipulations Agentur!

Apropos Fleischskandal: Der wirkliche Skandal ist, daß hier das Falsche als Skandal bezeichnet wird - nicht die Qualen der Opfer, sondern die Empfindlichkeiten der Täter: Da werden jeden Tag Millionen von Tieren ohne jegliche Notwendigkeit bestialisch niedergemetzelt und wir beanstanden den Geschmack ihrer Leichen!

Wir verhalten uns wie kannibalisch veranlagte Lustmörder, die sich über die Fleischqualität ihrer Opfer beschweren. Aber der wirkliche Skandal ist natürlich, daß die Mörder Mörder sind. Und diejenigen, die wirklich zu bedauern sind, sind nicht die Mörder, sondern ihre Opfer!

Jetzt werden einige sagen: Der Vergleich zwischen Kannibalen und Fleischessern, zwischen Menschenfleischessern und Tierfleischessern, ist wohl übertrieben! Aber warum denn? Was ist denn der Unterschied zwischen Menschen und Tieren, der diese unterschiedliche Bewertung und Behandlung rechtfertigen soll? Warum sollen Schlachthäuser für Tiere erlaubt, Schlachthäuser für Menschen aber verboten sein? Warum sollen wir Tiere ausbeuten, mißhandeln und quälen dürfen, Menschen aber nicht? Was ist denn hier der moralisch entscheidende Unterschied zwischen Mensch und Tier? Worin soll dieser Unterschied bestehen?

Vielleicht darin, daß Tiere eine andere Behaarung haben als wir? Das wäre wohl eine schlechte Rechtfertigung dafür, daß wir unschuldige, leidensfähige Lebewesen lebenslang einsperren, systematisch foltern und barbarisch umbringen. Oder ist die Anzahl der Beine der ausschlaggebende Unterschied? Viele der Tiere, die wir ohne jegliche Notwendigkeit umbringen, haben anstatt zwei vier Beine. - Wohl auch keine besonders überzeugende Begründung dafür, daß wir sie auffressen.

Oder ist die Intelligenz der entscheidende Unterschied zwischen Menschen und Tieren? Jawohl, die wird es wohl sein - ist doch der Hinweis auf die hohe Intelligenz des Menschen die häufigste und beliebteste Rechtfertigung für unseren Umgang mit Tieren! Unsere "Vernunftbegabtheit", wie wir so schön sagen, ist es doch vor allem, die uns zur "Krone der Schöpfung" macht! Oder?

Einige Probleme ergeben sich allerdings auch hier, zum Beispiel: Gerade diejenigen, die dauernd auf die besondere Intelligenz des Menschen an sich verweisen, sind selbst in aller Regel ganz besondere Hohlköpfe. Vor allem aber: Warum eigentlich soll man jemanden quälen dürfen, weil er weniger intelligent ist? Stellen wir uns einen Serienmörder vor, der sich damit rechtfertigt, daß er bei der Auswahl seiner Opfer stets darauf achtet, daß sie weniger intelligent sind als er. Der Hinweis auf unsere Intelligenz ist der unintelligenteste Rechtfertigungsversuch für das Fleischessen!

Da ist es beruhigend zu hören, daß wir neben unserer "Vernunftbegabtheit" auch noch eine unsterbliche Seele haben. Das soll uns eines der Millionen von Tieren, die wir tagtäglich zutodequälen, einmal nachmachen! Unsere unsterbliche Seele bietet in der Diskussion in der Tat nicht zu unterschätzende Vorteile: Erstens handelt es sich hier um einen im wahrsten Sinne des Wortes "himmelhohen" Unterschied zwischen Menschen und Tieren. Zweitens kann uns diese unsterbliche Seele so leicht keiner mehr wegnehmen. Die wurde uns nämlich, wie ein Orden quasi, gleich am Beginn unseres Lebens verliehen, ohne Ansehung der Person gewissermaßen.

Aber was zum Teufel soll unsere unsterbliche Seele mit unserem Umang mit Tieren zu tun haben? Warum sollen wir deshalb Tiere ausbeuten, quälen und umbringen dürfen?

Wie lange ein Wesen lebt, ist doch für die Frage, wie wir es behandeln, während es lebt, völlig bedeutungslos. Stellen wir uns einen Unfall vor, bei dem ein Hund verletzt wurde. Jemand steht daneben und sagt: "Dem Hund brauchen Sie nicht zu helfen, der wird ohnehin nicht ewig leben." Das ist doch offenkundig eine völlig hirnrissige Reaktion!

Und: Wenn wir tatsächlich eine unsterbliche Seele haben, dann haben wir eine Aussicht auf ein Jenseits, in dem wir für hier erlittenes Unrecht und Leid entschädigt werden. Tiere haben keine solche Aussicht auf eine ausgleichende Gerechtigkeit im Himmel. Sie können auf keine dereinstige Wiedergutmachung dessen hoffen, was wir ihnen jetzt antun.

Daher: Wenn es tatsächlich zutreffen sollte, daß wir eine unsterbliche Seele haben, Tiere aber nicht, dann folgt hieraus eher das Gegenteil von dem, was üblicherweise angenommen und behauptet wird: Wir sollen Tiere nicht schlechter, sondern besser behandeln als Menschen, weil Tiere nur dieses eine Leben haben und nicht auf eine Entschädigung in einem anderen Leben hoffen können.

Natürlich gibt es noch eine ganze Reihe von unsinnigen Argumenten über Unterschiede zwischen Mensch und Tier, die unsere Ausbeutung von Tieren rechtfertigen sollen. Einen Unterschied zwischen Mensch und Tier, der unseren Umgang mit Tieren tatsächlich rechtfertigen könnte, hat mir bisher allerdings noch niemand sagen können. Und das ist auch kein Zufall, es gibt nämlich keinen solchen Unterschied! Diese Erkenntnis ist im übrigen nicht neu. Bereits vor über 200 Jahren hat der berühmte englische Philosoph Jeremy Bentham in bezug auf Tiere geschrieben: "Die Frage ist nicht: können sie denken?, oder: können sie sprechen?, sondern: können sie leiden?"

Das ist der springende Punkt! Die Leidensfähigkeit der Tiere ist der entscheidende Grund, warum es falsch ist, sie so zu behandeln, wie wir sie behandeln. Und daß Tiere leidensfähig sind, haben wir Teufel sei Dank selbst in Abermilliarden von Tierversuchen bewiesen!

Da höre ich schon den Einwand: Aber man könnte die Tiere doch auch leidensfrei aufziehen und töten! Darauf wollen wir näher eingehen, ist dies doch der letzte Rettungsanker derer, die verzweifelt versuchen, ihre nächste Mahlzeit in Sicherheit zu bringen - und der deshalb entsprechend häufig in die Diskussion geworfen wird.

Zunächst: Für das konkrete, aktuelle Handeln ist dieser Einwand völlig bedeutungslos. Da geht es nämlich in keiner Weise um die Frage "Kann man Tiere grundsätzlich leidensfrei aufziehen und töten?", sondern um die Frage "Wie werden die Tiere tatsächlich aufgezogen und getötet?" Und Tatsache ist, daß das Fleisch, das wir im Geschäft kaufen, von Tieren stammt, die während ihres Lebens und bei ihrem Sterben gelitten haben. Wer sein konkretes Fleischessen mit der prinzipiellen Möglichkeit einer leidensfreien Fleischproduktion zu rechtfertigen versucht, handelt wie derjenige, der seinen Ofen mit getrockneten Babys beheizt, aber darauf hinweist, daß er auch Holz nehmen könnte!

Aber nun zur Grundsatzfrage: Sind Methoden vorstellbar, die ein leidensfreies Aufziehen und Töten der Tiere, die wir essen möchten, gewährleisten könnten? Sehen wir uns zunächst die technische Seite dieser Frage an:

  1. Massentierhaltung: Leidensfreie Methoden für Aufzucht, Transport und Schlachtung für die Milliarden von Tieren, die heute jährlich "verarbeitet" werden, sind aus (mindestens) einem ganz einfachen Grund nicht verwirklichbar: sie wären nicht bezahlbar. Die Idee einer leidensfreien "Tierproduktion" großen Stils ist völlig abwegig, jenseits aller Realität.
  2. "Biologische" Tierzucht: Bei der von einzelnen Kleinbetrieben praktizierten sogenannten "biologischen" Tierzucht sollen die Tiere unter natürlichen Bedingungen aufgezogen werden. Dies ist, falls wirklich angestrebt und konsequent durchgeführt, zweifellos eine wesentliche Verbesserung für die Tiere im Vergleich zur "normalen" Tierzucht. Nur: Auch die beste "biologische" Tierzucht bedeutet für die Tiere keine prinzipielle Verbesserung ihrer Situation, geschweige denn ein leidensfreies Leben und Sterben. Warum?
    • Das Motiv, diese Form der Tierzucht zu betreiben, ist nicht primär ein moralisches, sondern ein ökonomisches: das Füllen der Marktlücke in bezug auf "biologisches", "natürliches", "gesundes" Fleisch.
    • Der Zweck der "biologischen" Tierzucht ist der gleiche wie der jeder anderen Tierzucht: die kommerzielle Vermarktung von Tieren.
    • Die Menschen, die diese "biologische" Tierzucht betreiben, sind zu einem Großteil die gleichen, die früher Intensivtierzucht betrieben haben, oder, noch schlimmer, noch immer betreiben. Das heißt: Hier wird oft von den gleichen Personen - aus wirtschaftlichen Motiven - "biologisches" Fleisch für Gesundheits- und Ökologiebewußte und "normales" Fleisch für "normale" Menschen produziert. Das ist so, wie wenn ein Folterknecht auf Kindergärtner umgeschult wird und dann womöglich noch beide Berufe gleichzeitig ausübt! Und: Wer möchte schon auf die Humanität eines solchen Menschen bauen, geschweige denn, ihm seine Kinder anvertrauen!
    • Schließlich: Selbst wenn man es bei all den eindrucksvollen Bemühungen der "Ökobauern" um "Tierschutz", "Tiergerechtigkeit", "Artgerechtigkeit" und weiß der Teufel, was noch, fast vergessen könnte: Auch diese Tiere müssen, bevor ihr "gesundes", "natürliches", "biologisches" Fleisch auf unseren Teller kommt, geschlachtet werden. Und die "biologische" Tierzucht unterscheidet sich, wie schon der Name sagt, von der üblichen Tierzucht vor allem in bezug auf die Aufzucht, nicht in bezug auf die Schlachtung! Dies ist auch nur konsequent, geht es doch hier, wie gesagt, vorrangig nicht darum, Tiere glücklich zu machen - dafür gäbe es vielleicht bessere Methoden, als sie umzubringen -, sondern darum, für Menschen "gutes" Fleisch zu erzeugen. Und dabei spielt die Aufzucht nun einmal eine wichtigere Rolle als die Schlachtung.

      Aber selbst da, wo die "Biobauern" versuchen sollten, auch die Schlachtung möglichst "tiergerecht" zu gestalten - was immer das in diesem Zusammenhang bedeuten soll -, bleibt die Tatsache bestehen, daß sich das Umbringen nun einmal nur in recht engen Grenzen "biologisch" gestalten läßt!

      In diesem Zusammenhang kommt oft der merkwürdige, erstaunlicherweise aber ernstgemeinte Hinweis, daß diese Tiere doch immerhin ein "glückliches Leben" gehabt hätten. Ja ist denn das ein Grund, sie umzubringen? Das ist so, wie wenn sich ein Mörder damit rechtfertigt, daß er bei der Auswahl seines Opfers streng darauf geachtet habe, daß dieses vorher ein "glückliches Leben" gehabt hat!

  3. Tierzucht in kleinstem Rahmen: In kleinstem Rahmen könnte es möglich sein, Fleisch auf eine Weise zu erzeugen, die den Tieren kein Leiden zufügt. Voraussetzung hierfür wäre allerdings, daß die Leidensfreiheit der Tiere ausdrücklich und konsequent angestrebt würde. Dies ist heute nirgends der Fall. Derzeit geht es bei allen "alternativen" Formen der Fleischproduktion, wie gesagt, darum, den Konsumenten etwas (angeblich) Gutes zu tun, nicht den Tieren. Was die Schlachtung anbelangt, so ist die Idee einer leidensfreien Fleischproduktion allerdings wahrscheinlich nicht mehr als ein Hirngespinst, Ausfluß irrationalen Wunschdenkens.
Soweit zu den technischen Aspekten der Frage, ob eine leidensfreie Fleischproduktion möglich wäre. Kommen wir nun zur psychologischen Seite der Sache. Die Probleme, die sich hier ergeben, werden meist völlig unterschätzt, mehr noch: sie werden in aller Regel überhaupt nicht gesehen. Dabei liegt gerade hier die entscheidende und eigentliche Ursache dafür, daß eine leidensfreie Fleischproduktion nicht möglich ist. Selbst wenn es - in kleinstem Rahmen - technisch möglich sein sollte, Tiere leidensfrei aufzuziehen und umzubringen, wären wir psychologisch, als Menschen, nicht in der Lage, dieses technisch Mögliche auch zu verwirklichen:

Die Leiden verursachende Behandlung der Tiere, die für unsere Ernährung bestimmt sind, funktioniert automatisch, da sie auf Bequemlichkit, Gleichgültigkeit, Profitgier, Sadismus und dergleichen beruht - alles Dinge, mit denen die Menschen reichlich gesegnet sind. Die humane Behandlung der Tiere bedarf hingegen der Bemühung. Und wenn diese Bemühung um eine humane Behandlung der Tiere konsequent aufrechterhalten werden soll, dann müssen die Menschen , die mit den Tieren umgehen, entsprechend motiviert sein. Das heißt, sie müssen in ihrem Tun einen Sinn erblicken, sie müssen ein Ziel vor Augen haben, zu dessen Verwirklichung sie beitragen können und wollen.

Aber genau dieses sinnvolle Ziel gibt es hier nicht. Die humane Behandlung der Tiere, die für unsere Ernährung bestimmt sind, widerspricht nämlich tatsächlich der Logik des Gesamtkontexts: Warum sollten wir uns um das psychische und physische Wohlergehen von Wesen bemühen, deren einziger Zweck untrennbar mit ihrem baldigen Tod verbunden ist! Es widerspricht ja auch allen unseren Intuitionen, einem zum Tode verurteilten Menschen noch kurz vor der Hinrichtung eine aufwendige medizinisch-psychologische Behandlung zuteil werden zu lassen, weil das Schicksal des Betroffenen, einmal festgelegt, alle derartigen Bemühungen ad absurdum führt und zunichte macht.

Gerade die theoretisch denkbaren Methoden einer leidensfreien Aufzucht und Tötung von Tieren sind es, die uns die fundamentale Absurdität des Unternehmens Fleischproduktion an sich vor Augen führen - nämlich die Absurdität des Tötens ohne Notwendigkeit. Besonders drastisch zum Ausdruck kommt dieser grundlegende Widerspruch in der eklatanten Diskrepanz zwischen der liebevollen Pflege der Tiere einerseits und dem eigentlichen Ziel dieser Pflege andererseits.

Exakt diese Schizophrenie wäre aber die notwendige Voraussetzung für eine leidensfreie Fleischproduktion! Die Menschen, die die Tiere betreuen, müßten herzlich und emotional engagiert mit den Tieren umgehen, obwohl sie wissen, daß diese liebevolle Zuwendung ausschließlich auf das - völlig unnötige! - Umbringen der Schutzbefohlenen hinausläuft!

Wir haben es hier mit einer abgrundtiefen emotionalen und moralischen Perversion zu tun. Die Abartigkeit dieser Situation kann man etwa anhand folgender Situationen bzw. Beispiele veranschaulichen: Wir streicheln liebevoll unsere Katze, um ihr im nächsten Augenblick den Hals umzudrehen. Oder: Ein Mann umarmt zärtlich seine Frau, hat aber hinter ihrem Rücken bereits das Messer gezückt. Oder: Wir lassen unseren Kindern die beste Pflege, Erziehung und Ausbildung zuteil werden, um sie dann in einem bestimmten Alter oder bei einem bestimmten Gewicht zu erschießen.

Diese Szenen verdeutlichen das unerträgliche psychologische und moralische Dilemma, in das diejenigen notwendig geraten, die ein leidensfreies Leben und Sterben der Tiere, die wir essen möchten, realisieren sollen. Diesen fundamentalen und extremen Widerspruch, diese permanente seelische Zerreißprobe kann kein Mensch verkraften. Deshalb ist eine leidensfreie Fleischproduktion unmöglich.

Es gibt allerdings auch noch einen viel trivialeren Grund für die Unmöglichkeit einer leidensfreien Fleischproduktion: unsere Befangenheit. Wir haben ein Interesse daran, das Fleisch der Tiere zu einem erschwinglichen Preis zu erwerben. Deshalb können wir die Bedingungen, unter denen die Tiere leben und sterben, nicht objektiv beurteilen. Und daraus folgt automatisch, daß wir auch die Leidensfreiheit dieser Bedingungen nicht sicherstellen können.

Fleisch bedeutet Leiden. Eine "humane Schlachtung" gibt es ebensowenig wie eine "sanfte Vergewaltigung" oder eine "humane Hinrichtung". Fleischproduktion ist Mord. Fleischproduktion ist ein Verbrechen. Und Verbrechen können nicht "verbessert" oder "humanisiert" werden. Verbrechen müssen abgeschafft und verboten werden!

Nun werden einige einwenden: "Aber ich als einzelner kann ja doch nichts verändern oder bewirken. Wenn ich aufhöre, Fleisch zu essen, so nützt das den Tieren gar nichts, weil die anderen weiter Fleisch essen werden. Mein Nichtfleischessen fällt doch überhaupt nicht ins Gewicht!"

Dies ist, moralisch gesehen, eigentlich eine merkwürdige Argumentation. Bedenken wir: Jeden Tag verhungern auf der Welt Tausende von Menschen. Jeden Tag werden Tausende von Menschen umgebracht. Wenn ich jetzt auch noch einen umbringen würde, so fiele das auch nicht ins Gewicht! Dennoch denken und handeln wir nicht so. Mehr noch: Eine solche "Rechtfertigung" erschiene uns völlig abwegig. Warum sollte das in bezug auf unseren Umgang mit Tieren anders sein?

Weiter: Die Fleischindustrie ist ja nicht der einzige Bereich, in dem Dinge, die wir verurteilen, geschehen, ohne daß wir sie durch unser konkretes Handeln direkt beeinflussen können. Beim Wettrüsten war es beispielsweise genauso. Was haben wir da gemacht?

Wir haben dagegen demonstriert! Fleisch zu verweigern, ist auch eine Art Demonstration. Wir zeigen damit, daß wir es falsch finden, unschuldige, leidensfähige Lebewesen für so triviale Zwecke wie unsere Geschmacksvorlieben zu quälen und umzubringen. Fleisch zu verweigern, ist hier aber nicht irgendeine Demonstration, sondern die einzig glaubwürdige und daher die einzig erfolgversprechende Demonstration. Denn kein Mensch kann einen anderen von der Richtigkeit einer Sache überzeugen, die er selbst nicht praktiziert.

Betrachten wir die Frage der Verantwortung des einzelnen noch aus einem anderen Blickwinkel. Unser heutiger Umgang mit Tieren ist ein Unrecht weltgeschichtlichen Ausmaßes. Der jüdische Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer schrieb: "Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi ... Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka." Für die Tiere ist die ganze Erde ein einziges KZ, ein endloser Alptraum.

Und im Rahmen dieses Holocaust gegen die Tiere ist das Fleischessen eines der widerwärtigsten Verbrechen, da es hierfür auch nicht den Hauch einer Rechtfertigung oder gar einer Notwendigkeit gibt.

Fleischessen ist ein Verbrechen historischer Dimension. Aber dies beinhaltet auch eine Chance. Denn von früheren und anderen historischen Verbrechen der Menschheit können wir zwei Dinge lernen:

Keine der großen und schließlich erfolgreichen Bewegungen gegen Unrecht und Unterdrückung wäre je entstanden, geschweige denn groß geworden, wenn sich die einzelnen Menschen erst engagiert hätten, als sie sich des Erfolges der Bewegung schon sicher waren. Und: Die Ausrede derer, die die Verbrechen begangen und ermöglicht haben, war zu allen Zeiten die gleiche: "Was hätte ich als einzelner tun sollen, auf mich ist es doch gar nicht angekommen."

© Helmut F. Kaplan


Themenverwandte Artikel:




www.tierrechte-kaplan.org - Kaplan@vegetarismus.org