Eine Humanisierung der Schlachtung bedeutet eine Entmenschlichung des Schlächters


Gibt es eigentlich so etwas wie eine humane Schlachtung, eine leidensfreie Fleischproduktion? Hier muß man zunächst unterscheiden zwischen gegenwärtiger Praxis und künftiger Möglichkeit. Derzeit gibt es gewiß keine Fleischerzeugung, die auch nur im entferntesten das Prädikat "human" verdient. Warum? Sehen wir uns die heutige Realität einmal an.

Eine leidensfreie Fleischproduktion großen Stils - Stichwort Massentierhaltung - ist aus naheliegenden Gründen ausgeschlossen: Wo möglichst viele Tiere in möglichst kurzer Zeit möglichst billig in Fleisch verwandelt werden sollen, ist an eine humane Behandlung dieser Tiere nicht zu denken.

Und was ist mit der sogenannten "biologischen" Tierzucht? Bevor wir uns voreiliger Erleichterung ob dieser vermeintlichen Problemlösung hingeben, müssen einige Punkte bedacht werden:

  • Das Motiv, "biologische" Tierzucht zu betreiben, ist kein ethisches, sondern ein ökonomisches: Es geht nicht darum, die Tiere zu schonen, sondern darum, die Nachfrage nach "Bio-Fleisch" zu befriedigen.
  • Die Menschen, die diese "biologische" Tierzucht betreiben, sind zum Großteil dieselben, die früher "normale" Tierzucht betrieben haben, oder, schlimmer noch, diese noch immer betreiben. Mit anderen Worten: Hier wird oft von den gleichen Personen "biologisches" und "normales" Fleisch produziert. Wir haben es mit Leuten zu tun, die entweder auf "biologische" Tierzucht "umgesattelt" haben oder die "biologische" und "normale" Tierzucht gleichzeitig betreiben. Was dies hinsichtlich der Einstellung gegenüber den Tieren bedeutet, liegt auf der Hand. Um ein Bild zu gebrauchen: Wir haben es hier mit Folterknechten zu tun, die sich zu Kindergärtnern umschulen ließen und die jetzt womöglich beide Berufe gleichzeitig ausüben.
  • Schließlich und vielleicht am wichtigsten: Auch die "biologisch" aufgezogenen Tiere müssen geschlachtet werden, bevor ihr Fleisch auf unseren Teller kommen kann. Und die "biologische" Tierzucht unterscheidet sich, wie der Name sagt, von der üblichen Tierzucht vor allem in bezug auf die Aufzucht, aber nicht in bezug auf die Schlachtung! Dies ist auch nur konsequent, geht es doch bei dieser Form der Tierzucht, wie gesagt, nicht darum, die Tiere glücklich zu machen - dafür gäbe es vielleicht bessere Mittel, als sie umzubringen -, sondern darum, die Menschen mit "natürlichem", "gesundem", eben mit "biologischem" Fleisch zu versorgen. Und hierbei spielt nun einmal die Aufzucht eine wichtigere Rolle als die Schlachtung.
In diesem Zusammenhang kommt übrigens oft ein merkwürdiger, erstaunlicherweise aber tatsächlich ernstgemeinter Hinweis, nämlich: "Aber diese Tiere haben doch immerhin ein glückliches Leben gehabt." Als ob das ein Grund wäre, sie jetzt umzubringen! Das ist so, wie wenn sich ein Mörder damit rechtfertigen würde, daß er bei der Wahl seiner Opfer stets darauf achte, daß sie ein "glückliches Leben" gehabt haben!

Zurück zur "biologischen" Tierzucht bzw. zur Frage, ob sie leidensfrei ist. Aufgrund der angeführten Fakten sollte klar geworden sein, daß auch die beste "biologische" Fleischproduktion meilenweit von einer leidensfreien Fleischpoduktion entfernt ist. Das bedeutet freilich noch nicht notwendig das endgültige Aus für eine leidensfreie Fleischproduktion. Allerdings verlassen wir hiermit die bestehende Praxis und wenden uns möglichen Alternativen zu.

Zuvor aber soll in aller Kürze an eine Tatsache erinnert werden, die vernünftigerweise bei der Beurteiliung jeglicher Fleischproduktion berücksichtigt werden muß: Fleisch zu essen ist für den Menschen nicht nur nicht notwendig, sondern sogar schädlich. Und zwar in mehrfacher Hinsicht und in massiver Weise: Erstens ist eine Ernährung ohne Fleisch unbestreitbar gesünder. Zweitens verursacht die Fleischproduktion immense ökologische Schäden. Und drittens ist unser Fleischkonsum eine der Hauptursachen für das Welthungerproblem.

Jetzt zur denkbaren Alternative zur heutigen Praxis. Nehmen wir einmal an, wir würden alle finanziellen, technischen und organisatorischen Voraussetzungen für eine leidensfreie Aufzucht und Tötung von Tieren schaffen: kleine Betriebe, die den Tieren optimale, artgerechte Lebensbedingungen bieten, modernste technische Ausstattung, die einen raschen, überraschenden und schmerzfreien Tod garantiert, kompetentes und gut bezahltes Personal, das ausreichend Zeit für die Betreuung der Tiere hat, usw.

Eine solche "ideale" Fleischproduktion würde nur mit wahren menschlichen Monstern funktionieren! Denn einerseits müßten die Menschen, die die Tiere betreuen, diese liebevoll behandeln - damit steht und fällt eine "humane" Fleischproduktion. Andererseits wüßten diese Menschen aber, daß diese liebevolle Behandlung ausschließlich auf das - völlig unnötige! - Umbringen ihrer Schutzbefohlenen hinausläuft.

Dieser haarsträubende Widerspruch zwischen liebevoller Pflege und ausschließlichem Ziel dieser Pflege bedeutet eine psychologische Schizophrenie und moralische Perversion, die nur sehr wenige Menschen ertragen könnten. Das heißt: Um eine leidensfreie Fleischproduktion zu gewährleisten, müßten solche schizophrenen und perversen Menschen erst geschaffen werden - "ausgebildet" oder "erzogen werden" klingt in diesem Zusammenhang etwas makaber. Auf alle Fälle müßten Menschen gezielt dazu instand gesetzt werden, die permanente emotionale und moralische Zerreißprobe auszuhalten, die liebevolle Pflege bei gleichzeitigem Wissen um das Ziel dieser Pflege zwangsläufig bedeuten.

Um zu veranschaulichen, welche menschlichen Ungeheuer für eine leidensfreie Fleischproduktion notwendig wären, seien einige Handlungen bzw. Situationen angeführt, die in ihrer psychologischen und moralischen Abgründigkeit mit einer solchen "humanen" Fleischproduktion vergleichbar sind: Wir streicheln unserer Katze liebevoll den Kopf - um ihr im nächsten Augenblick den Hals umzudrehen. Oder: Ein Mann umarmt zärtlich seine Frau - um ihr im nächsten Moment ein Messer in den Rücken zu stoßen. Oder: Wir ziehen unsere Kinder in aller Liebe auf, sorgen dafür, daß es ihnen an nichts fehlt und daß sie eine sorgenfreie, glückliche Kindheit haben - um sie bei einem bestimmten Gewicht umzubringen.

Die Ausbildung für eine solche "humane" Fleischproduktion wäre die geradezu perfekte Erziehung zur Unehrlichkeit. Wir hätten es mit einer wahrlich hohen Schule der Untreue zu tun. Denn die Einstellung und das Verhalten gegenüber den "Schutzbefohlenen" beinhalten notwendig einen in seiner diabolischen Gemeinheit überhaupt nicht mehr zu überbietenden Vertrauensbruch: zuerst lieb und zärtlich sein, dann den Hals umdrehen - und dies alles vorsätzlich, bewußt und am laufenden Band. Man kann sich vorstellen, welche Barrieren und Schleusen in Herz und Hirn dieser Menschen beseitigt bzw. geöffnet werden - und welche Folgen dies für ihr gesamtes Fühlen, Mitfühlen und Verhalten hat!

Daß eine "humane" Fleischproduktion nur mit menschlichen Monstern funktioniert, ist zunächst bestimmt eine überraschende Feststellung. Vor allem aber ist diese Erkenntnis beunruhigend. Beunruhigend deshalb, weil sie zeigt, daß sich die Frage "humane" Fleischproduktion nicht auf technische, organisatorische, kurz: auf methodische Fragen reduzieren läßt, sondern daß wir es hier mit einem grundlegenden - und unlösbaren! - moralischen Problem zu tun haben: Gerade die theoretisch denkbaren Möglichkeiten einer "humanen" Fleischproduktion führen uns die moralische Fragwürdigkeit der Fleischproduktion an sich vor Augen. Konkret: die moralische Fragwürdigkeit, Absurdität und Verwerflichkeit des Tötens ohne Notwendigkeit.

Und weil diese Erkenntnis so unangenehm ist, wird versucht, sie zu leugnen. Dies geschieht manchmal in Form eines Hinweises, der auf den ersten Blick gar nicht unplausibel erscheint: Früher, so lautet der Einwand, als es noch keine industrialisierte Landwirtschaft gab und der Bauer noch eine persönliche Beziehung zu seinen Tieren hatte, da hat die Sache doch auch funktioniert: humane, liebevolle Behandlung der Tiere, obwohl jeder wußte, daß diese ausschließlich zum Umgebrachtwerden und Aufgegessenwerden gehalten werden.

Bei dieser Argumentation spielen gewiß eine Reihe von subjektiven Faktoren eine Rolle: zum Beispiel naives Wunschdenken aus durchsichtigen Motiven ("Wenn es früher funktioniert hat, dann muß es auch heute funktionieren, also ist eine leidensfreie Fleischproduktion ja doch möglich!"), irreale Nostalgie und irrationale Romantisierung. Aber völlig aus der Luft gegriffen ist der Einwand dennoch nicht: Es hat früher tatsächlich immer wieder Fälle gegeben, in denen die Tiere trotz des Wissens um ihr bevorstehendes Schicksal liebevoll behandelt, vielleicht sogar "geliebt" wurden.

Nur darf hier ein ganz wesentlicher Unterschied zu heute nicht übersehen werden: Damals wußten die betroffenen Menschen im allgemeinen weder, daß eine Ernährung ohne Fleisch überhaupt möglich ist (geschweige denn, daß sie viel gesünder ist), noch daß die Produktion von Fleisch im Hinblick auf Umweltverschmutzung und Welthunger heller Wahnsinn ist. Für diese Menschen waren Fleischproduktion und Fleischkonsum eine nicht hinterfragte und nicht hinterfragbare Selbstverständlichkeit. Und daraus resultierte eine vermeintliche objektive und eine reale subjektive Notwendigkeit zum Töten! Der hiermit verbundene Konflikt - Töten von geliebten Wesen - wurde auch durchaus gesehen und erlebt. Es gibt herzzerreißende Berichte über den Abschied vom geliebten Tier bzw. über den letzten gemeinsamen Weg mit ihm zum Schlächter.

Hier liegt ein überhaupt nicht zu überschätzender Unterschied zwischen der zum Teil vorsätzlich verklärten "guten alten Zeit" und der fraglos fürchterlichen Gegenwart: Für damalige sensible Menschen war das Töten eine tragische Notwendigkeit. Wer aber heute von einer "humanen" Schlachtung schwafelt, der nimmt das Töten als lediglich letzten Akt einer insgesamt frivolen Ausbeutung lächelnd und leichtfertig in Kauf. Was der Hinweis auf früher wirklich zeigt, ist, daß es heute für das Fleischessen überhaupt keine Rechtfertigung mehr gibt.

© Helmut F. Kaplan


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