|
In diesem Fall halte ich aber beide "Unsitten" für gerechtfertigt. Die Kritik soll nämlich nicht eine Person treffen, sondern eine Haltung charakterisieren. Und das Zitieren dient dazu, dies auf möglichst anschauliche, lebendige und eindringliche Weise zu tun. Aber kommen wir zur Sache. Vor einiger Zeit fiel mir das Buch "Tierfabriken in der Schweiz" (Orell Füssli Verlag, Zürich, 2. Auflage 1992) von Erwin Kessler in die Hände. Kessler ist, laut Klappentext, Gründer und Präsident des Vereins gegen Tierfabriken. Ob er diese Funktion noch immer inne hat oder ob er inzwischen seine Haltung geändert hat, interessiert hier nicht, da es, wie gesagt, nicht um die Person, sondern um die Position geht. (Beworben wird das Buch, wie ich registriere, jedenfalls nach wie vor.) Beim Durchblättern des Buches stoße ich im Kapitel "Ethik" auf folgende Stelle:
"Die sehr nahe biologische Verwandtschaft zwischen Menschen und anderen hochentwickelten Säugetieren, der weitgehend analoge Bau des Nervensystems und das zu einem nicht unwesentlichen Teil analoge Verhaltensmuster müßten genügen, die nicht geringere Leidensfähigkeit dieser Wesen anzuerkennen. Ihnen müßten vernünftigerweise die gleiche Rücksichtnahme und der gleiche Schutz zukommen, wie sie eine echte Humanität gegenüber ... technisch und intellektuell unterlegenen menschlichen Rassen oder Einzelmenschen verlangt. Die Reduktion der Menschlichkeit auf bloße Mitmenschlichkeit ist ethisch unvertretbar ...." (S. 57) "Ist der Schutz von Weißen oder von Schwarzen wichtiger? Ist ein Mann oder eine Frau mehr wert, ein Säugling oder ein seniler Greis? Ist ein gesunder, intelligenter und sensibler Hund oder Schimpanse weniger wert als ein hochgradig schwachsinniger Mensch? Wer solche Fragen mit klaren Prioritäten beantwortet, ist ein Rassist oder ein Speziesist .... Tiere erleiden seelische und körperliche Qualen nicht weniger als Menschen." (S. 60)
Gegen all dies ist kaum etwas einzuwenden - wenn auch zum Teil deshalb, weil die Ausführungen etwas allgemein und unpräzise sind. Soweit, so gut. Jedenfalls, denke ich, wenigstens wieder ein Buch, das unseren skandalösen Umgang mit Tieren anprangert und so die Sache der Tierrechtsbewegung voranbringt. Jetzt möchte ich aber doch noch wissen, was dem Autor besonders am Herzen liegt. Ich schlage das Vorwort auf und lese:
"Die Geringschätzung nichtmenschlichen Lebens, Rücksichtslosigkeit und Brutalität gegenüber Tieren ist keine Frage der Staatsform oder der Partei, sondern ein zutiefst gesellschaftliches Problem, eng verbunden mit der christlichen Tradition. ( ... ) Diese Ungerechtigkeit gegenüber nichtmenschlichen Lebewesen wird erst dann ein Ende nehmen, wenn eine grundlegend neue ethische Einstellung zum Leben im Bewußtsein der Menschen ... Platz greift: weniger menschliche Arroganz, mehr mitgeschöpfliches Denken und Mitfühlen. Dies stellt fundamentale tradierte Wertvorstellungen in Frage, rüttelt an Tabus. ( ... ) Um tief eingefleischte Vorstellungen in Frage zu stellen, braucht es die Provokation, zu deutsch: die Herausforderung. ( ...) In diesem Buch nenne ich Dinge und Personen beim Namen, ich kritisiere schonungslos, ich provoziere, schockiere .... ( ... ) Was ich tue und schreibe gründet in meiner tiefsten und unerschütterlichen Überzeugung, daß den Nutztieren ein grausames Unrecht angetan wird und daß es jemand braucht, der dagegen kompromißlos und mit allergrößter Entschiedenheit aufsteht." (S. 13 ff.)
Dem Mann geht es also ums Grundsätzliche und Ganze - eine Position, die mir persönlich sympathisch ist. Nicht irgendwelche oder auch alle Gemeinheiten und Grausamkeiten gegenüber Tieren sind sein Thema, sondern das zugrundeliegende Unrecht an sich, das geistige Fundament dieser Barbarei. Die will er schonungslos bewußt machen und energisch bekämpfen. Mit irgendwelchen halbherzigen Reformen oder faulen Kompromissen wird sich dieser Autor nicht zufriedengeben. Und wie stellt er sich das nun konkret und im einzelnen vor, was will er praktisch ändern? Ich blättere zur ersten Seite nach der Einleitung:
"Schweine sind recht sinnlich. Wenn meine Kinder die Ferkel streicheln oder bürsten, schließen sie genießerisch die Augen und legen sich sogleich bewegungslos hin. Von allen landwirtschaftlichen Nutztieren steht das Schwein dem Menschen am nächsten. ( ... ) Es wäre sehr schön, wenn die heutigen Menschen diese interessanten und intelligenten Tiere, die leider weitgehend in Tierfabriken verschwunden sind, wieder kennenlernen würden. Die Hobbytierhaltung ist dazu eine Gelegenheit." (S. 27)
Endlich ein Mensch, der nicht nur denken, sondern auch fühlen und mitfühlen kann! Aber was ist in diesem Zusammenhang unter "Hobbytierhaltung" zu verstehen? Na ja, das werden wir ja gleich erfahren. Ich lese weiter:
"Am frünen Morgen, wenn sie noch schlafen, löst mein Pfiff ein Rascheln im Stroh aus, dann tauchen ihre Köpfe aus dem Stroh. Nach einem herzhaften Gähnen und Strecken kommen sie dann herausgesprungen. Tagsüber haben Schweine lange Aktivitätsphasen: sie erkunden die Umgebung, beschnuppern und bekauen alles, wühlen und spielen. Ihre Spielfreude und ihr Bewegungsdrang zeigt sich in wildem Herumgaloppieren. Kartonschachteln, die ich ihnen manchmal zum Spielen gebe, zerfetzen sie mit offensichtlichem Vergnügen." ( S. 27)
Ich will das Buch gerade zur Seite legen, das mit der Hobbytierhaltung wird schon nicht so weltbewegend sein - da lese ich einen Satz, dessen Inhalt ich zunächst gar nicht wirklich wahrnehme:
"Das Schlachten der liebgewonnenen Tiere stellt für Hobbytierhalter anfänglich ein Problem dar."
Ich lese noch einmal, und da steht tatsächlich:
"Das Schlachten der liebgewonnenen Tiere stellt für Hobbytierhalter anfänglich ein Problem dar."
Das versteht der Mann also unter Hobbytierhaltung! Ich fahre fort und lese die ungeheuerlichsten Sätze, die mir in den letzten Jahren untergekommen sind:
"Es ist aber psycho-hygienisch nicht gut, das Töten zu verdrängen und einfach anderen zu überlassen. ( ... ) Grundsätzlich verkaufe ich keine lebenden Tiere an Händler, welche Schlachtvieh einsammeln und sie in oft grausamen Transporten schließlich in den Schlachthof bringen. ( ... ) Für meine Tiere fühle ich mich bis zu ihrem Ende verantwortlich: ich oder meine Frau bleiben bei ihnen, bis der Schuß gefallen ist. Auf diese Weise bleiben die Tiere in der Obhut ihres vertrauten Meisters ruhig und ohne Angst bis zum schmerzlosen Tod. Schweine können in jedem Alter gechlachtet werden (Spanferkel). Wenn wenig Platz vorhanden ist, müssen sie nicht unbedingt bis 100 kg ausgemästet werden. Eine solche Hobbyschweinehaltung bringt nicht nur viel Freude und Tiererlebnisse. Sie ist ein Beitrag zum Boykott von Fleisch aus den Tierfabriken, wo Schweine ein ganzes Leben lang grausam gequält und vergewaltigt werden. ( ... ) Es liegt an jedem einzelnen Menschen, sich nicht an diesem planmäßigen Verbrechen zu beteiligen. Mit einer Hobbyschweinehaltung können wir diese Tiere, die sonst unsichtbar in den Tierfabriken dahinvegetieren, wieder manchen Menschen bekannt machen. Wer nicht ein Herz aus Stein hat, wird dann gegenüber dem Leiden dieser Tiere keine Gleichgültigkeit mehr aufbringen können." (28 f.)
Angesichts solch unglaublichen Unsinns bin ich zuerst sprach- und fassungslos. (Spätestens hier wird mir der Leser zustimmen, daß man solche Sätze nicht beschreiben, sondern nur zitieren kann.) Der Entsetzenssekunde folgt quälende Hilflosigkeit und panische Aktion: Zwar ist der Mann offensichtlich verrückt, aber wie kann man diese Verrücktheit fassen, ja wie kann man nach diesem Anschlag auf die Vernunft überhaupt noch denken? Wie soll man diesen geballten Wahnsinn ertragen, analysieren, begreifen: Wie ist es möglich, für Tiere gleiche Rücksicht und gleichen Schutz wie für Menschen zu verlangen und dann so etwas auch nur denken? Wie vertragen sich mitgeschöpfliches Denken und Fühlen mit dem Umbringen dieser Mitgeschöpfe? Wie kann man in diesem Zusammenhang ernsthaft für ein "Wiederkennenlernen" der Tiere plädieren? Was hat der Mann für makabre Vorstellungen von Freizeitgestaltung: Umbringen als Hobby! Vor allem aber: Wie um alles in der Welt kann ein Tierschützer das völlig unnötige und daher absolut verabscheuungswürdige Töten von Tieren bedenkenlos befürworten - und es obendrein noch als Boykott gegen den Mißbrauch von Tieren anpreisen! Das ist so, wie wenn ich als "Boykott" gegen die Todesstrafe im Hobbykeller regelmäßig ein paar "Freunde" erschieße - und dann vielleicht auch noch von der "Freude" und den "schönen Erlebnissen" mit diesen Menschen schwärme! So zu denken und handeln ist Perversion pur, Wahnsinn in Reinkultur - eine wahrlich einsame Leistung! Allerdings: Nur mit privater Verrücktheit haben wir es hier nicht zu tun. Als tendenzielle, kaum oder nicht bewußte Haltung ist dieser Wahnsinn vielmehr weit verbreitet, ja fast allgegenwärtig! Überall dort nämlich, wo sich Fleischesser zur Notwendigkeit einer "humanen" Fleischproduktion bekennen. Denn nichts anderes als den hier zu Tage tretenden fundamentalen Widersinn hat Kessler beeindruckend auf den Punkt gebracht: das unnötige Umbringen von geliebten oder zumindest als schutzwürdig erachteten Wesen. Dieser alltägliche, schreiende, aber nicht wahrgenommene Widerspruch ist es, der Kesslers Amoklauf gegen die Logik eine allgemeine Bedeutung verleiht! Kessler ist selbst der beste Beweis für die Richtigkeit seiner These, daß die Grundlage für unseren unverantwortlichen Umgang mit Tieren tiefsitzende Vorurteile sind. Sogar er, ein aktiver Tierschützer, der sich über diese Dinge lange Zeit viele Gedanken gemacht hat, ist nach wie vor und vielleicht lebenslang Gefangener eben dieser Vorurteile - offenkundig, ohne es auch nur ansatzweise zu bemerken. Freilich sind solch aberwitzige Positionen und haarsträubende Widersprüche, wie Kessler sie zu Papier bringt, nichts Neues. Es waren gerade solche in ihrem logischen Gehalt schlicht schwachsinnige "Argumente", die mich vor Jahrzehnten förmlich dazu zwangen, mich näher mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, um solche gedankliche Perversionen in ihrem ganzen abgründigen Widersinn zu erfassen und zu entlarven. Daß allerdings heute, nach zwei Jahrzehnten Tierrechtsbewegung, noch jemand den gefährlichen Unsinn von der Natürlichkeit und Unbedenklichkeit des Umbringens und Fleischessens so "unverfälscht": sprich von keinerlei Fakten und Logik beeinflußt, auftischt, ist aber doch bemerkenswert. © Helmut F. Kaplan Themenverwandte Artikel: |
|||