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Diese Auffassung ist aus einem ganz banalen Grund unsinnig: Ethik ist unteilbar. Wer sich wirklich um Menschen kümmert, dem sind auch die Tiere ein Anliegen, und wer sich wirklich um Tiere kümmert, dem sind auch die Menschen ein Anliegen. "Die Menschen kommen zuerst!" ist die billige Ausrede derer, die weder Tieren noch Menschen helfen wollen. In der konkreten Praxis ist freilich wie im gesamten Bereich gemeinnütziger Tätigkeiten eine Aufgabenteilung sinnvoll und notwendig. Daher kann auch niemand berechtigt kritisiert werden, weil er sich auf das Wohl von Tieren konzentriert. Einer Museumsgesellschaft wird schließlich auch nicht vorgeworfen, sich nur um alte Kunst und nicht auch um alte Menschen zu kümmern (Gotthard M. Teutsch). In weiten Bereichen lassen sich Tier- und Menschenliebe aber problemlos verbinden. So wird etwa niemand in seinem Engagement für Menschen beeinträchtigt, wenn er keine Tiere umbringt und aufißt! Tierschützer haben allerdings weniger Grund als angenommen, sich über die Forderung "Die Menschen kommen zuerst!" aufzuregen. Denn unter ihnen grassiert ein nicht minder unsinniges Motto: Wir kommen zuerst - unser Verein, "unsere" Tiere, unsere Ziele, unsere Methoden sind die besten, wichtigsten und wirkungsvollsten! Anstatt die "Konkurrenz" dauernd zu kritisieren, sollten wir uns über sie freuen. Denn die Vielfalt der Vereine hat, richtig gesehen und richtig genutzt, große Vorteile. Erst durch sie können unterschiedliche Menschen angesprochen und motiviert werden. Denn unterschiedliche Menschen fühlen sich nun einmal in unterschiedlicher Umgebung wohl. Die Vielfalt der Vereine ist die Voraussetzung dafür, das Veränderungspotential vieler optimal zu nutzen. Die Vielgestaltigkeit der Bewegung ist aber auch aus einem anderen Grund wichtig: In bezug auf Tiere befinden wir uns an einem historischen Wendepunkt. Das jetzige Stadium gleicht jener Situation, als immer mehr Menschen erkannten, daß die Sklaverei unhaltbar ist. Solche Umbruchzeiten sind gekennzeichnet durch eine gesellschaftliche Gespaltenheit: Vorhandene gesetzliche Bestimmungen hinken neuen moralischen Vorstellungen hinterher, das Ausmaß, in dem das Unrecht erkannt wird, ist noch sehr unterschiedlich. Die Gespaltenheit der Bewegung widerspiegelt nichts anderes als die Gespaltenheit der Gesellschaft. Und das ist gut so: Es ist wichtig, daß es Menschen gibt, die Tiere befreien. Es ist wichtig, daß es Menschen gibt, die mit Politikern reden. Und es ist wichtig, daß es Menschen gibt, die mit modernem Marketing für die Befreiung der Tiere werben. Erst die Vielschichtigkeit der Bewegung ermöglicht den Brückenschlag zwischen momentan Möglichem und moralisch Notwendigem! Machen wir daher endlich Schluß mit den kindischen und schädlichen Eifersüchteleien. Ein artegoistisches "Menschen zuerst!" brauchen wir ebensowenig wie ein vereinsegoistisches "Wir zuerst!" Jeder, der helfen will, soll helfen, soviel er kann. Es geht weder um die Verwaltung des Leidens noch um die Verteilung des Leidens, sondern ausschließlich um die Linderung des Leidens! Jeder konzentriere sich auf seine Arbeit und respektiere die Arbeit der anderen! © Helmut F. Kaplan Themenverwandte Artikel: |
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