Stierkampf - kulturelles Erbe oder kollektive Schande?


Am 22. Dezember 1993 hat der Rat der Europäischen Union die Richtlinie 93/119/EG "über den Schutz von Tieren zum Zeitpunkt der Schlachtung oder Tötung" erlassen. In Artikel 3 heißt es: "Beim ... Töten müssen die Tiere von vermeidbaren Aufregungen, Schmerzen und Leiden verschont bleiben." Wer je auch nur für einige Sekunden einen Stierkampf verfolgt hat, weiß, daß hier auf eklatante, ja himmelschreiende Weise gegen diese Bestimmung verstoßen wird:

Die Tiere werden vorsätzlich und systematisch gereizt und in höchste Aufregung versetzt, sie werden mit schweren Pfeilen mit Widerhaken massiv gequält und schließlich mit Degen oder Messern langsam und schmerzvoll abgestochen.

Diesem offensichtlichen, skandalösen und ständigen Verstoß gegen geltendes Recht muß endlich Einhalt geboten werden. Dies umso mehr und umso rascher, als es sich bei "Richtlinien" um Gesetze handelt, die laut Maastricht-Vertrag von allen Mitgliedstaaten innerhalb der gesetzten Fristen vollständig und getreu umgesetzt werden müssen. Die hierfür vorgesehene Frist ist bereits am 1. Jänner 1995 verstrichen!

Nun gibt es von der besagten Richtlinie eine Ausnahme, die man als Ausrede benutzen wird: Wenn Tiere im Rahmen von kulturellen oder sportlichen Veranstaltungen getötet werden, gilt die Bestimmung nicht. Aber die Berufung auf diese Ausnahmeregelung wird die Stierkampflobby in einen noch größeren und noch peinlicheren Erklärungsnotstand versetzen: Wer das sadistische Quälen und langsame Abschlachten von unschuldigen Wesen als Kultur oder Sport zu deklarieren versucht, gerät unweigerlich in den Verdacht, einen perversen, monströsen, ja gemeingefährlichen Begriff von Kultur und Sport zu haben.

Jeder Sportler, der diesen Namen verdient, wird sich verbitten, mit einem so unwürdigen Gemetzel, das alle sportlichen Grundsätze auf den Kopf stellt, in Verbindung gebracht zu werden: insgesamt acht Menschen quälen einen einzigen "Gegner", der zum "Kampf" gezwungen wurde und dessen tödliche "Niederlage" von Anfang an feststeht, feige zu Tode, um ihm schließlich als Zeichen des "Sieges" die Ohren oder Hoden abzuschneiden.

Und für wen der ritualisierte, langsame Lustmord unter die Rubrik Kultur fällt, dem sind vielleicht auch andere "Heldentaten" zuzutrauen. Es ist wohl nicht abwegig zu vermuten, daß zwischen einem solchen Kulturbegriff und der Psyche von Massenmördern und Kriegsverbrechern ein zur Beunruhigung Anlaß gebender Zusammenhang bestehen könnte.

Im Vergleich zu solchen gefährlichen Verirrungen, die Kultur, Sport und Mord vermengen und verwechseln, erscheinen die üblichen Rechtfertigungsversuche für den Stierkampf geradezu harmlos.

Zum Beispiel: Auch Picasso war ein begeisterter Anhänger dieses "Sports". Ebensogut könnte man den Alkoholismus verherrlichen, weil einige Prominente ständig besoffen sind! Verbrechen verlieren nicht dadurch an Schrecken, daß sie von bekannten Personen begrüßt oder begangen werden. Darüber hinaus huldigen Anhänger des Stierkampfs häufig einem Sexismus, dessen Frauenverachtung ihrer Tierverachtung verräterisch nahekommt.

Oder: Beim Stierkampf handle es sich halt um uraltes Brauchtum. Als ob das von irgendeiner Bedeutung sein könnte! Kein Mensch käme auf die Idee, solch lächerliche Ausreden in anderen Bereichen zu akzeptieren. Wenn Frauen erschossen werden, weil sie keinen Schleier tragen, wenn sie verbrannt werden, weil sie keine Jungen gebären oder wenn sie gesteinigt werden, weil sie angeblich die Ehe brachen - dann interessieren uns keine obskuren irrationalen Sitten oder Bräuche, sondern wir bestehen auf der Universalität der Menschenrechte.

Und genauso wie Menschenrechte nur Sinn machen, wenn sie universell sind, so müssen auch Tierrechte universell gelten. Schließlich leidet ein Stier in Spanien nicht weniger als ein Stier in Deutschland, wenn er in Angst und Schrecken versetzt und mit Degen und Messer sukzessive hingerichtet wird.

Nur weil etwas alt ist, ist es noch lange nicht erhaltungsswürdig! Kultur besteht nicht darin, naiv und stur an Altem festzuhalten, sondern darin, stets kritisch zu prüfen, ob das Überlieferte nicht faktisch oder moralisch längst überholt ist. Man denke nur an Menschenopfer, Gladiatorenkämpfe oder die Vorstellung von der Erde als einer Scheibe - alles Dinge, die wir inzwischen Gott sei Dank als Aberglauben, Barbarei oder Irrtum entlarvt und überwunden haben.

Andere zum Vergnügen zu quälen und umzubringen, war nie eine Privatangelegenheit. Seit Spanien aber zur Europäischen Union gehört, ist der Stierkampf nicht nur eine Schande Spaniens, sondern eine Schande ganz Europas. Deshalb sind alle Europäer aufgefordert, diesem gesetzeswidrigen, gemeinen und gefährlichen Anachronismus ein Ende zu setzen.

© Helmut F. Kaplan


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