Tiere und Juden oder Die Kunst der Verdrängung


Berichte über die Behandlung von Juden durch die Nationalsozialisten enthüllen immer wieder schreckliche Höhepunkte menschlicher Niedertracht. Diese Greueltaten können gar nicht oft und drastisch genug in Erinnerung gerufen werden: Vielleicht hilft dies ja doch, solche Verbrechen in Zukunft zu verhindern.

Was hingegen völliger Unsinn ist, ist die gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, daß diese Grausamkeiten "einmalig" gewesen seien. Dies ist, zumindest was die Psychologie der Täter betrifft, nicht nur prinzipiell nicht eruierbar, sondern zudem höchst gefährlich:

Kein Historiker, Reporter oder Journalist war bei allen bisherigen Verbrechen dabei, um die Einmaligkeit der nationalsozialistischen Verbrechen dokumentieren zu können - ganz zu schweigen von der Tatsache, daß niemand in einen anderen Menschen hineinschauen kann. Und: Einmaligkeit beinhaltet die beruhigende, aber fatale Gewißheit, daß das Schlimmste überstanden sei. Denn was einmalig und bereits geschehen ist, kommt nicht wieder und bedarf daher auch keiner Vorsorge, um es zu verhindern.

Dieser Einmaligkeits-Unsinn ist allerdings nur ein besonders auffälliges Beispiel für die allgegenwärtige menschliche Verharmlosungssucht. Zu dieser zeitlichen Verdrängungsstratgie - "Einst gab es diese schrecklichen Verbrechen ..." - gesellt sich noch eine zweite, die geographische: "Was da 'unten' in Afrika und da 'drüben' in Südamerika passiert, ist schon schlimm; aber die sind nun mal so!" Wie die Greuel im ehemaligen Jugoslawien zeigen, hält sich der Realitätsgehalt solcher Unten- und Drüben-Gewißheiten in überschaubaren Grenzen.

Die plumpste Form narkotisierender menschlicher Selbstüberlistung ist aber die Leugnung jener Grausamkeiten, die in diesem Augenblick in unserer unmittelbaren Umgebung stattfinden: in Versuchslabors, Schlachthäusern, Pelzfarmen usw. Denn was hier geschieht, entspricht exakt dem Holocaust der Nazis. Um dies zu erkennen, braucht man sich nur Berichte über Menschenversuche in KZs und Berichte über heutige Tierversuche anzuschauen. Dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Die Parallelen sind lückenlos, die Berichte sind austauschbar. Alles, was die Nazis den Juden angetan haben, praktizieren wir heute mit Tieren!

Wer den Vergleich für übertrieben oder pietätlos hält, sei daran erinnert, daß er nicht von irgendwelchen irrationalen oder demagogischen Spinnern, sondern von Juden stammt. Gerade diejenigen, die das Grauen der Konzentrationslager aus eigener Erfahrung kennen, haben immer wieder auf die fundamentale Gleichartigkeit von Menschen- und Tier-KZs verwiesen. Der Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer hat diese Einsicht wohl am prägnantesten formuliert: "Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi ... Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka."

Bücher: Leichenschmaus (rororo), Tiere haben Rechte (Harald Fischer Verlag), Tierrechte (Echo Verlag). Förderbeiträge für weitere Aufklärungs- und Forschungsarbeit an: Dr. H. F. Kaplan, Postfach 213, A-5010 Salzburg.

© Helmut F. Kaplan


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