Anti-Pelz-Bewegung: Neue Krise durch alte Argumente


Seit langem werde ich dafür kritisiert, in der allgemeinen Öffentlichkeit, das heißt gegenüber Nicht-Vegetariern, das Thema Veganismus von mir aus nicht anzusprechen. Generell zu dieser Frage habe ich mich in meinem Beitrag "Vegetarisch oder vegan?" geäußert. Nun gibt es einen weiteren guten und konkreten Grund, in der Öffentlichkeit nicht mit der Vegan-Keule zu schwingen:

Trotz aller Bemühungen von Tierschützern und Tierrechtlern, das Pelztragen als das zu entlarven, was es ist, als ein Verbrechen, ist die Pelzlobby offenkundig wieder im Aufwind. Ob dies einer "Stimmung in der Bevölkerung" entspricht oder lediglich Folge einer frechen Werbekampagne der Pelzwirtschaft ist, vermag ich nicht zu sagen - ist letztlich aber auch belanglos. Fest steht: Pelz ist als Thema, über das "offen diskutiert" werden kann, wieder da; wer sich pro Pelz äußert, manövriert sich damit nicht mehr automatisch, wie dies jahrelang tendenziell der Fall war, ins gesellschaftliche und moralische Aus.

Und diese Diskussion werden wir so schnell auch nicht wieder loswerden. Warum? Weil die Pelzmörder, die aus namenlosem, absolut unnötigem Leiden Profit schlagen, die Schwachstelle der Anti-Pelz-Bewegung erkannt haben und zielgenau die Verlogenheits- bzw. Heuchelei-Karte ziehen: Wer Pelzträger verurteile, selber aber Fleisch esse, habe eine Doppelmoral und agiere scheinheilig.

Da ist was dran. Genaugenommen: Das trifft den Kern der Sache. Denn die Grausamkeiten bei der Fleischproduktion sind um nichts weniger schrecklich als die Grausamkeiten bei der Pelzproduktion. (In Wirklichkeit ist die Argumentationslage noch prekärer: Angesichts der jüngst bekannt gewordenen katastrophalen Zustände in Schlachthäusern könnte man durchaus sagen, daß Fleischesser Tieren sogar viel größeren Schaden zufügen als Pelzträger - zumal man Fleisch naturgemäß immer nur einmal "verwendet", sprich: ißt, während ein Pelzmantel jahrelang hält.)

Die richtige Reaktion auf die neue Situation ist selbstverständlich nicht: "Also gut, Leute, da habt ihr im Grunde ja recht, deshalb dürft ihr als Fleischesser auch ruhig wieder Pelze tragen." Die Botschaft muß vielmehr lauten: "Ja, der Vorwurf der Doppelmoral und Scheinheiligkeit ist in Wirklichkeit berechtigt, deshalb sollt ihr weder Fleisch essen noch Pelze tragen!"

Was man den Menschen klarmachen muß, ist schlicht, daß man unschuldige, wehrlose Wesen weder umbringen soll, um ihr Fleisch zu essen, noch, um ihr Fell zu tragen, weil beides heute absolut unnötig und daher absolut unmoralisch ist.

Das ist die letztlich einzig tragfähige Argumentation. Und dank der jahrelangen Vorarbeit von Tierschützern und Tierrechtlern ist diese Argumentation heute auch anwendbar. Mehr noch, sie enthält sogar eine Riesenchance, nämlich die Chance auf einen positiven Aufschaukelungseffekt in Richtung Tierrechte:

Denjenigen, die aufgrund früherer Aufklärungskampagnen gegen das Pelztragen sind, kann man klarmachen, daß sie konsequenterweise auch Vegetarier werden müssen. Und denjenigen, die aufgrund der Informationen im Zusammenhang mit BSE und anderen Fleischskandalen bereits moralische Bedenken beim Fleischessen haben, kann man klarmachen, daß Pelztragen nichts anderes als ein weiteres Element unserer globalen ungerechtfertigten Ausbeutung von Tieren ist. Und schließlich kann man denen, die bereits sowohl in bezug auf das Fleischessen als auch in bezug auf das Pelztragen ein moralisch mulmiges Gefühl haben, durch das Aufzeigen dieser größeren Zusammenhänge - Stichwort: "Speziesismus" - ein Aha-Erlebnis vermitteln, das sie in ihrer Skepsis gegenüber unserem Umgang mit Tieren weiter bestärkt und in Richtung Tierrechte zu denken beginnen läßt.

All dies ist aber, und das ist jetzt der entscheidende Punkt, nur möglich, wenn der ethisch motivierte Vegetarismus als fester Argumentationsanker zur Verfügung steht. Ist dies nicht der Fall, bricht die ganze Argumentation wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Exakt dies geschähe, wenn man in der Öffentlichkeit den Vegetarismus durch Hinweis auf den Veganismus moralisch diskreditieren würde: "Eigentlich sind Vegetarier ja um nichts besser als Fleischesser ...."

Es käme aber noch viel schlimmer: Durch die moralische Abwertung des Vegetarismus würde nicht nur der Weg vorwärts, gegen Fleischessen und Pelztragen, blockiert, sondern sogar die gegenwärtige tendenzielle Marschrichtung der Gesellschaft in Richtung Anerkennung von Tierrechten umgekehrt: "Zurück in die Steinzeit!" hieße dann das heimliche, aber wahre Motto.

Durch das Zauberwort Veganismus bekämen die Pelzverbrecher eine einmalige historische Chance, die sie garantiert auch nutzen würden: "Schaut her Leute, jetzt zeigt sich, was wir schon immer gesagt haben: Die Pelzgegner sind weltfremde, verrückte Spinner - die erst Ruhe geben, wenn ihr nur mehr Körndln und Wurzeln eßt!" Das Ergebnis einer solchen Entwicklung ist unschwer zu erahnen: Die Botschaft der Pelzlobby wird dankbar aufgenommen und die Menschen kehren erleichtert und guten Gewissens zu einem "vernünftigen" Leben mit Fleisch und Pelz zurück.

Die gegenwärtig einzig zielführende Anti-Pelz-Strategie ist eine möglichst starke Pro-Vegetarismus-Bewegung.

© Helmut F. Kaplan


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