Müssen Tierrechtler Veganer sein ?


Einleitung

Die Frage, ob Tierrechtler bzw. "echte" Tierrechtler nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Milch, Käse, Eier und alle anderen Produkte vom Tier verzichten müssen, gehört zu den meist diskutierten Themen im Rahmen der Tierrechtsbewegung. Für die einen ist die absolute Enthaltsamkeit von allem, was vom Tier stammt, ein moralisches Muß für andere ergeben sich vielschichtige Abwägungs- und Differenzierungsprobleme. Über eines kann es aber keine Zweifel geben: Diese Veganismus-Debatte lähmt die Tierrechtsbewegung in zunehmendem Maße auf unverantwortbare Weise: sie bindet enorme Energien und verursacht endlose Diskussionen, Streitereien und Feindseligkeiten. Das beginnt mit langwierigen, mit geradezu wissenschaftlicher Akribie durchgeführten Recherchen darüber, welche Stoffe nun alle in Produkten enthalten sind - selbst wenn sich diese hart an der Nachweisbarkeitsgrenze befinden -, setzt sich fort in der Frage, woher diese Stoffe kommen, wie sie gewonnen werden und ob sie "natürlich" oder "synthetisch" sind und endet mit der Beschimpfung, Bekämpfung und "Exkommunizierung" Andersdenkender und -handelnder.

Für die Tierrechtsbewegung - und vor allem für die Tiere! - ist es von vitaler, ja existentieller Bedeutung, daß diese unerträgliche Situation so rasch wie möglich beendet wird, damit Kraft und Energie wieder in die praktische und politische Arbeit fließen anstatt in persönliche und interne Konflikte. Die Frage, um die es letztlich geht und die es daher zu klären gilt, lautet: Ist der Verzicht auf Milch, Eier, Käse usw. moralisch genauso "wichtig" wie der Verzicht auf Fleisch? (Wobei zum Fleisch natürlich auch Fische zählen; die Unterscheidung zwischen "Fleisch" und "Fisch" ist ja unsinnig.)

Bevor ich versuche, diese Frage zu beantworten, möchte ich meine "private Lebenspraxis" und den Weg, der zu ihr führte, kurz "offenlegen". Ich bin seit 1963 Vegetarier. Schätzungsweise Anfang der 90iger Jahre begann ich, vegan zu leben - nachdem ich bereits lange Zeit und in zunehmendem Maße ein ungutes Gefühl in bezug auf meinen "Nur-Vegetarismus" hatte.

Der "ganz strenge", also wirklich konsequente Veganismus erschien mir aber zunehmend als kaum praktikabel. Andererseits erwiesen sich alle Versuche, "vernünftige" Grenzen zu ziehen, das heißt zu bestimmen, wie weit man mit dem Vegan-Leben gehen soll, letztlich als höchst willkürlich und unbefriedigend. Irgendwie ergaben sich bei jeder "Regelung" rasch wieder Situationen, die die mühsam aufgestellten Grundsätze ad absurdum führten. Dies führte schließlich zu meinem Entschluß, folgende Formel als praktische Richtlinie zu befolgen: zu Hause vegan, außer Haus vegetarisch. Ich kaufe keine Seiden- und Lederprodukte (Ausnahme siehe unten), trage aber vorhandene noch auf. (Für alle, die es ganz genau wissen wollen: Meine Geldbörse und Brieftasche sind nun zwanzig Jahre alt.)

Während ich lange das Gefühl hatte, daß alles, was vom strengen Veganismus abweicht, moralisch letztlich doch irgendwie unter "willensschwach", "unrein" und "unvollkommen" einzuordnen ist, habe ich in letzter Zeit zunehmend das Gefühl, daß es zwischen der moralischen Wertigkeit bzw. Notwendigkeit von Vegetarismus und Veganismus doch einen entscheidenden Unterschied gibt.

Ich kann diesen Unterschied noch nicht benennen (so wenig ich vor Jahrzehnten den entscheidenden ethischen Grund für die Verwerflichkeit des Fleischessens konkret benennen konnte), vermute aber, wie gesagt, daß die moralische Gleichsetzung von Fleischkonsum einerseits und dem Konsum von Milchprodukten usw. andererseits falsch ist. Die folgenden Erörterungen dienen nicht zuletzt dazu, mir selbst über diese Frage klar zu werden.

2. Faktische Zusammenhänge zwischen der Fleischindustrie und der Milch-, Eier- und Lederindustrie

Jede kommerzielle Nutzung von Tieren, also auch die in der Milch-, Eier- und Lederindustrie, bedeutet de facto eine Ausnutzung der Tiere - weil Konkurrenz, Wirtschaftlichkeitsdenken und Profitstreben automatisch und notwendig zur Ausbeutung der Tiere führen. Darüber hinaus besteht zwischen der Milch-, Eier- und Lederindustrie einerseits und der Fleischindustrie andererseits ein enger, vielfältiger und unlösbarer Zusammenhang dergestalt, daß jeder Konsum bzw. jede Nutzung von Milch(produkten), Eiern und Leder gleichzeitig die Fleischindustrie ankurbelt.
Dazu drei Beispiele: Die Milchkühe selber und deren Kinder landen, sofern sie nicht weiblich sind und ebenfalls der qualvollen Milchproduktion zugeführt oder gleich nach der Geburt zur "Marktbereinigung" getötet werden ("Herodesprämie"), im Schlachthaus; die Legehühner enden nach ihrem leidvollen Leben ebenfalls im Schlachthaus; der Verkauf von Leder erhöht die Gewinnspanne der Fleischproduzenten.

3. Faktische Unterschiede im Zusammenhang mit Vegetarismus und Veganismus

Trotz des beschriebenen unleugbaren engen Zusammenhangs zwischen der Milch-, Eier- und Lederindustrie einerseits und der Fleischindustrie andererseits ist es dennoch unsinnig, Vegetarier und Fleischesser "in einen Topf zu werfen" nach dem Motto: Wer Käse ißt, kann gleich auch Fleisch essen. Warum? Weil der Fleischesser - der ja immer auch ein Milch(produkte)-, Eier- und Lederkonsument ist - schlicht mehr Tiere auf dem Gewissen hat: Der Fleischesser fragt nicht nur, wie der Vegetarier, Milch-, Eier- und Lederprodukte nach und fördert damit direkt die Milch-, Eier- und Lederindustrie und indirekt die Fleischindustrie, sondern er forciert durch sein Fleischessen auch noch massiv und direkt die Fleischindustrie selber. Der Fleischesser richtet also schlicht einen viel größeren Schaden an - weil er insgesamt viel mehr tierliche Produkte nachfragt und damit einen viel größeren Beitrag zur Aufrechterhaltung der Tierausbeutung leistet.

Ein weiterer Unterschied im Zusammenhang mit Vegetarismus und Veganismus, der sofort ins Auge springt, ist: Angesichts des aktuellen faktischen Lebensmittelangebotes (insbesondere auch in der Gastronomie) ist es sehr viel leichter, sich vegetarisch zu ernähren, als es ist, vegan zu leben. Das mag zwar "prinzipiell" bzw. "individual-ethisch" gesehen nebensächlich erscheinen (denn noch einfacher wäre es, gleich "alles", also auch Fleisch zu essen), ist aber praktisch, real und "global-ethisch" betrachtet durchaus bedeutsam: Wer das Leiden der Tiere lindern will, darf vor den faktischen Lebensbedingungen der Menschen, die es zu beeinflussen gilt, nicht die Augen verschließen!

Gäbe es mehr vegane Lebensmittel, gäbe es auch mehr Veganer. Es ist in hohem Maße eine rein praktische Frage, ob jemand, der mit dem Veganismus sympathisiert, tatsächlich auch Veganer wird.

Und dabei geht es nicht nur um die Vielfalt der angebotenen veganen Produkte, sondern sehr wohl auch um deren Geschmack. Nicht wenige vegane Lebensmittel sind schlicht ungenießbar. Außerdem sind die Preise zum Teil horrend. Das hängt natürlich mit den geringen Produktionsmengen zusammen, darf aber bei einer seriösen und realistischen Gesamtbetrachtung nicht außerachtgelassen werden.

Hinzu kommt eine geradezu unglaubliche Unfähigkeit und Einfallslosigkeit der professionellen Lebensmittelhersteller, der Fooddesigner, wie es in diesem Zusammenhang so unpassend heißt: Es müßte doch möglich sein, ein paar Käsesorten auf veganer Basis "nachzubauen"! Was es bis jetzt an "veganem Käse" gibt, ist schauerlich.

Bei der Veganisierung der Gesellschaft haben wir es praktisch und realistisch betrachtet, letztlich viel mehr mit einem lebensmitteltechnischen als mit einem ethischen Problem zu tun: Gäbe es ein attraktives und überall verfügbares Angebot an veganen Produkten könnten wir uns einen Großteil der ethischen und sonstigen Argumente sparen.

Ein Unterschied zwischen dem Konsum von Fleisch einerseits und dem Konsum von Milch(produkten) und Eiern andererseits, der leicht übersehen wird (und der angesichts der aktuellen faktischen Zusammenhänge momentan ethisch auch tatsächlich vernachlässigbar ist), ist: Milch und Eier könnte man grundsätzlich in einer Tierrechts-konformen Weise produzieren, Fleisch nicht (außer man nutzte nur das Fleisch natürlich verstorbener Tiere). Ein Paradies, in dem wir Milch trinken, ist denkbar, ein Paradies, in dem wir Fleisch essen, nicht.

Selbstverständlich gilt auch hier, was Peter Singer immer wieder betont: Entscheidend ist nicht die Frage: wie könnten Tiere behandelt werden, sondern die Frage: wie werden Tiere behandelt. Dennoch sollte dieser Unterschied zwischen Fleischessen und dem Konsum anderer tierlicher Produkte im Hinblick auf elementare Wertigkeit und prinzipielle Möglichkeit nicht unerwähnt bleiben.

4. Psychologische und persönliche Unterschiede im Zusammenhang mit Vegetarismus und Veganismus

Im Zusammenhang mit dem angeführten immensen Ungleichgewicht zwischen dem Angebot an vegetarischen und dem Angebot an veganen Lebensmitteln muß auch noch ein individueller bzw. psychologischer Faktor berücksichtigt werden, auf den im Internet unter anderem Martin Balluch hingewiesen hat: Für manche Menschen ist es ungleich schwieriger als für andere, dieses schmale vegane Angebot zu nutzen oder auszuschöpfen bzw. damit das Auslangen zu finden. Hier spielen unter anderem Arbeitsplatz, Wohnort, soziales Umfeld, Einkommen, Krankheiten und Süchte eine Rolle und es wäre ungerecht und unrealistisch, diese Umstände einfach zu ignorieren. Stellvertretend für die vielfältigen individuellen Faktoren, die hier zum Tragen kommen können, möchte ich zwei Beispiele anführen, die mich selber betreffen:
1) Es ist ein Unterschied, ob jemand ein passionierter veganer Hobbykoch ist oder ein in bezug auf alles Praktische völlig uninteressierter und unbegabter Wissenschaftler, Schriftsteller oder Philosoph. Für manche Menschen gibt es nichts Schöneres, als mit Gleichgesinnten den ganzen Nachmittag neue vegane Rezepte auszuprobieren oder einfach "wild darauf los" zu kochen, um danach in geselliger Runde das solcherart Fabrizierte gemeinsam zu verzehren.

Es gibt aber auch Menschen, für die die Küche ein Ort des Schreckens und das Kochen ein Buch mit sieben Siegeln ist. Es sollte einleuchten, daß es einen Unterschied macht, ob man jemanden, der zur ersten Sorte Mensch gehört, oder jemanden, der zur zweiten gehört, nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag auffordert, sich in der Küche "schnell mal was leckeres Veganes in die Pfanne zu werfen".

Eine nur unwesentliche Erleichterung wird für einen Vertreter der zweiten Spezies auch der gute Rat sein, ausgerüstet mit einem veganen Restaurantführer noch schnell ein paar hundert Kilometer zur nächsten "sauberen" Gaststätte zu fahren. Und selbst das Zugeständnis, "im Notfall" ausnahmsweise eine Kneipe in der Umgebung aufsuchen zu dürfen, wenn dort gewisse moralische Mindestregeln berherzigt werden, wird keine wirkliche Hilfe darstellen, wenn diese Auflagen darin bestehen, in investigativer Manier und mit möglichst großem kriminalistischem Geschick Kellner und Köche zu verhören, um allen möglichen versteckten Milch- und Eierpartikeln zuverlässig auf die Spur zu kommen.

2) Ich trage aus medizinischen Gründen (nach einer Hüftoperation links, zur Vermeidung einer Hüftoperation rechts) Schuhe mit möglichst ausgeprägtem Luftkisseneffekt. Bei jedem Schuhkauf bedarf es langen Suchens und intensiven Testens, bis ich ein geeignetes Produkt gefunden habe. Würde ich dabei auch noch darauf bestehen, daß die Schuhe lederfrei sind, so wäre dies ein absolut aussichtsloses Unterfangen - und ich müßte mich höchstwahrscheinlich noch einmal operieren lassen (mit Methoden und Medikamenten, die allesamt im Tierversuch getestet worden sind).

Soweit zu möglichen individuellen Unterschieden, die im Zusammenhang mit Vegetarismus / Veganismus zum Tragen kommen können. Nun gilt es, einen weitgehend allgemeingültigen, psychologischen Unterschied zwischen Vegetarismus und Veganismus zu würdigen: Zum Veganer wird - im Unterschied zum Vegetarier - praktisch niemand mit einem Schritt. Vielmehr vollzieht sich die Wandlung vom Fleischesser zum Veganer so gut wie immer über den Zwischenschritt Vegetarier.

Schon allein aus diesem Grund ist es nicht nur unsinnig, sondern schlicht unverantwortlich, die faktische Voraussetzung für den Veganismus, den Vegetarismus, moralisch zu verurteilen. Der entscheidende "strategisch-pädagogische" Unterschied im Zusammenhang mit Vegetarismus und Veganismus ist aber dieser: Für den Vegetarismus öffentlich zu werben, ist sinnvoll, weil die Gründe für den Verzicht auf Fleisch nicht nur ethisch und rational, sondern quasi auch "lebenspraktisch" nachvollziehbar sind: Daß das Huhn, das Schwein, das ich gerade esse, vorher für mich getötet werden mußte, leuchtet unmittelbar ein. Und daß ich in Hinkunft statt der Wurstsemmel eine Käsesemmel und statt den Spaghetti mit Fleischsauce Spaghetti mit Käsesauce essen werde, ist auch noch vergleichsweise leicht vorstellbar.

Beim Veganismus ist hingegen alles viel komplizierter, indirekter - und schwerer zu akzeptieren: Daß die Milch, die in meinem Käse ist, ebenfalls von einem Tier stammt, das gequält wird und letztlich im Schlachthof landen wird, ist schon "viel weiter hergeholt", als daß das Tier, das ich gerade esse, vorher für mich getötet werden mußte. Und daß man in Zukunft weder eine Wurstsemmel noch eine Käsesemmel, weder Spaghetti mit Fleischsauce noch Spaghetti mit Käsesauce mehr essen dürfen soll, ist für jemanden, der bisher jetzt gewohnt war, all dies zu verzehren, schlicht unvorstellbar. Mit einem Schritt auf "alles" verzichten zu sollen, übersteigt die Kraft und Vorstellungskraft der Menschen hoffnungslos.

Deshalb ist das öffentliche Werben für den Veganismus nicht nur nicht sinnvoll, sondern sogar ausgesprochen schädlich - weil die Menschen augenblicklich geistig wie buchstäblich die Flucht ergreifen ("Dann esse ich doch lieber gleich so weiter wie bisher!").

Zum Vegetarismus kann man die Menschen führen, zum Veganismus müssen sie selber kommen. Der Schritt vom Vegetarier zum Veganer vollzieht sich im Stillen, im Privaten. Allerdings in aller Regel nur unter einer Voraussetzung: wenn die Betroffenen aus ethischen Gründen kein Fleisch essen. Deshalb ist es von so herausragender Bedeutung, die Menschen zum moralisch motivierten Vegetarismus zu führen. Alles weitere geschieht, wenn es geschieht, von selbst.

5. Der ernsthafte Aspekt des Veganismus

Wir sagten oben: Es ist unsinnig, Vegetarier "in einen Topf mit Fleischessern zu werfen", nach dem Motto: Wer Käse ißt, kann gleich auch Fleisch essen - weil Fleischesser einen viel größeren Schaden anrichten als Vegetarier. Dies ist allerdings nur eine, quasi die globale Seite der Sache. Betrachtet man die einzelne Handlung, macht es durchaus Sinn zu sagen: Wer Käse ißt, kann gleich auch Fleisch essen. Denn ob ich nun eine Wurstsemmel oder eine Käsesemmel esse, scheint moralisch in der Tat kaum einen Unterschied zu machen: In beiden Fällen mache ich mich an der Ausbeutung von Tieren schuldig.

Auf den Punkt gebracht: Zwar sind Fleischesser als Personen "schlechter" als der Vegetarier - weil sie im Laufe ihres Lebens mehr Tiere schädigen. Betrachtet man aber die Handlungen Fleischessen und Käseessen für sich genommen, so befinden sich diese mehr oder weniger auf der gleichen moralischen Ebene. Das ist der ernsthafte und nicht wegzudiskutierende Kern der Veganismus-Diskussion, bzw. genauer: das sehr starke vegane Argument gegen alle "Kompromiß-Lösungen" in Richtung Vegetarismus.

In diesem Zusammenhang fällt mir immer folgende Begebenheit ein: Im Jahre 1992 war ich zu Gast in der österreichischen Talkshow "Club 2". Thema: "Fleischesfrust". Dabei ging es überhaupt nicht um eine vegane Ernährung, sondern um Fleichessen kontra Vegetarismus. Im Laufe der Diskussion entwickelte sich zwischen dem Gastgeber, Adolf Holl, und mir so etwas wie ein moralischer Handel, den ich wie folgt in Erinnerung habe: Holl, offenkundig ein leidenschaftlicher Leberkäsesemmelesser, konnte es nicht fassen, daß ich ihm überhaupt keinen Leberkäse mehr vegönne und versuchte herausfinden, wieviele Leberkäsesemmeln ich ihm vielleicht doch noch als moralisch tolerabel zugestehen würde. Am Schluß waren wir, glaube ich, bei seiner Frage angelangt: "Und eine Leberkäsesemmel zu Weihnachten?" Ich verneinte kategorisch mit der Begründung: Ich könne ja auch niemandem erlauben, "nur zu Weihnachten" jemanden umbringen. Bei etwas, das grundlegend und grundsätzlich falsch sei, könne es keine Ausnahmen oder quantitativen Zugeständnisse geben.

Damit sind wir bei der Kardinalfrage: Warum sollte dies in bezug auf den Konsum von Milchprodukten anders sein? Warum sollte es hier irgendwelche quantitativen Grenzen geben? Warum sollte hier irgendetwas anderes als der ausnahmslose Verzicht moralisch gerechtfertigt sein?

Bei jedem Versuch, im Hinblick auf den Veganismus irgendwelche "realistischen" oder "vernünftigen" Grenzen zun ziehen, fällt mir diese Frage Holls ein: "Nicht einmal zu Weihnachten?" Wo ist der Unterschied zwischen der strikten Vegetarismus-Forderung und der strikten Veganismus-Forderung? Gibt es einen solchen Unterschied? Kann es einen solchen Unterschied überhaupt geben?

6. Der fragwürdige Aspekt des Veganismus

Zur Beantwortung der eben gestellten Fragen empfiehlt es sich, von einem Unterschied zwischen Vegetarismus und Veganismus auszugehen, der zwar bereits angeklungen ist, bisher aber nicht ausdrücklich ausgesprochen wurde: Konsequent vegetarisch zu leben, also kein Fleisch zu essen, ist möglich. Konsequent vegan zu leben, also keinerlei tierliche Produkte zu nutzen, ist unmöglich.

Dies veranschaulicht ein Beitrag im Internet anschaulich, in dem auf ein paar Dinge hingewiesen wird, die sich schlecht vermeiden lassen, aber unweigerlich mit Tierleid verknüpft sind: Wollte man wirklich strikt vegan leben, dürfte man sich nirgends die Hände waschen, weil die Seife sicher im Tierversuch getestet wurde, man dürfte in keinem Restaurant essen, weil das Geschirr sicher mit Mitteln gewaschen wurde, die im Tierversuch getestet wurden, man dürfte kein Medikament nehmen usw.

Absolut konsequent vegan zu leben, ist in der Tat unmöglich. Hinzu kommt, daß man beim Versuch, möglichst konsequent vegan zu leben, unweigerlich und immerzu in paradoxe, ja gerade zu absurde Situationen "verstrickt" wird. Dazu einige Erfahrungen und Überlegungen von Martin Balluch: "Ich arbeite an der Renovierung eines alten (aufgelassenen) Bauernhauses, manchmal zusammen mit Fleischfressern, die ich dafuer auch bezahle. Naja, und diese Leute leben dann fuer einige Zeit auch in dem Haus, und wollen was zu essen haben. Und so wollen sie Fleisch essen. Und das soll ich ihnen kaufen gehen.

Also, das tu ich nicht. Da graus ich mir zu sehr. Und so hats wer anderer fuer sie gekauft. Aber, was bitte ist der Unterschied, ob ich das jetzt kauf, oder wer anderer das mit meinem Geld fuer sie kauft, oder ich ihnen Gehalt gebe, mit dem sie sich selbst Fleisch kaufen? Die Situation hat mir das nur deutlich gezeigt, was mit meinem Geld passiert.

Oder Werkzeug. Ich kaufe nichts Tierliches, also auch keinen Pinsel aus Tierhaaren. Jetzt kaufen sich aber diese Arbeiter mit meinem Geld einen Pinsel aus Tierhaaren zum Arbeiten. Is es da ned schon egal, ob ich jetzt physisch selber den Pinsel kauf, oder sie?

Aber das betrifft natürlich nicht nur Arbeiter im eigenen Haus. Jedesmal, wenn Du einen Fernseher kaufst, z. B., von einer Fleischfresserein, dann nimmt die dein Geld und kauft sich Fleisch damit, und finanziert so mit Deinem Geld die weitere Tierausbeutung.

Aber selbst wenn ich nur von veganen Leuten Sachen kaufen wuerd, koennten die dann mein Geld nehmen, und einen Fernseher bei einer Fleischfresserin kaufen, die dann wieder mit meinem Geld die Tierausbeutung finanziert. Und so weiter.

Irgendwie wirkt angesichts dieser Tatsachen das E-Nummernlesen ein bissel blasser." (Beitrag von Martin Balluch im Internet vom 20. 2. 2002)

Wie "blaß", genauer: wie fatal realitätsferne E-Nummernlesen und dergleichen sein bzw. werden kann, soll anhand zweier weiterer kurzer Internet-Texte demonstriert werden. Zuvor aber noch eine Bemerkung, die mir sehr wichtig ist: Nichts liegt mir ferner als diejenigen, die sich um weitgehende Konsequenz bemühen, lächerlich zu machen, geschweige denn zu verurteilen. Erstens ist eine solche Bestrebung moralisch bzw. menschlich bewundernswert. Zweitens ist es höchst erfreulich, daß die Tierrechtsbewegung in weniger als drei Jahrzehnten schon so erfolgreich ist, daß selbst solche "Extrempositionen" bereits so viele Anhänger gefunden haben. Und drittens sind es diejenigen, die sich heute überall nach tierfreien Inhaltsstoffen und Verfahren erkundigen, denen wir es alle mitzuverdanken haben, daß tatsächlich immer mehr auf solche Stoffe und Methoden verzichtet wird.

Hier nun die beiden Texte, eine Information und eine Anfrage, die meines Erachtens deutlich zeigen, daß die vegane Konsequenz mittlerweile auf kontraproduktive Bahnen geraten ist.

"Die Firma Dr. Pandalis entdeckte, 'daß Sanddornschalen bestimmer Biotope neben Vitamin C auch reichlich Vitamin B 12 aufweisen'. Auf Anfragen teilte man mir mit, dass der Vitamin B12-Gehalt nicht mit der von Leitzmann / Hahn monierten mikrobiologischen Analytik mit Lactobacillus leichmannii, die auch Analoga des Vitamins erfasst ..., bestimmt wurde, sondern mittels eines ELISA-Tests (Enzyme linkes Immuno Sorbent Assay). Wer also aus weltanschaulichen oder sonstigen Gründen nicht auf die im Labor hergestellten Vitamin B12-Präperate zurückgreifen will, findet hier anscheinend eine 'natürliche' Alternative." (Vitamin B 12, E-Mail-Information der Internationalen Vegetarischen Initiative vom 25. 6. 2001. Tippfehler wurden korrigiert, H. F. K.)

"ich hab jetzt mal eine frage: ich weiss nicht genau wie das in europa is, aber hier hab ich noch keine soja/reiskaese sorte gefunden in der nicht caseine drinnen waere - son milch protein, das die zur gerinnung brauchen oder so ... naja - trotzdem haun sich veganer kiloweise zwischen die kiemen - und wenn ich mich recht entsinne steht sogar was auf der verpackung von wegen vegan ... hat irgendjemand eine ahnung, ob das zeugs auch synthetisch hergestellt wird?" (nochmal ... CASEINE, Anfrage im Internet vom 28. 8. 2001)

In einem Leserbrief in der Zeitschrift Anima vom Winter 2001 / 2002, S. 14, bringt Klaus Schmidinger die mittlerweile gefährliche Realitätsferne mancher Veganer auf den Punkt. Er spricht vom Veganismus als einer "Ersatzreligion", "für die überproportional viel Energie, Zeit und Geld investiert" wird. Schmidinger diagnostiziert eine Situation, in der sich die Durchschnittsbevölkerung überhaupt nicht für den Veganismus interessiert, aber andererseits "eine winzige Gruppe von Idealisten einem Konsequenzwahn" frönt.

7. Der fanatische Aspekt des Veganismus

Bevor wir in der sachlichen Auseinandersetzung fortfahren, muß auf einen weiteren, ungleich gefährlicheren Aspekt des Veganismus hingewiesen werden: auf die Selbstgerechtigkeit und das Sektierertum mancher Veganer sowie auf den fanatischen, ja geradezu inquisitorischen Eifer, mit dem nicht selten für die Ersatzreligion Veganismus missioniert wird. Lösen diese Bekehrungsversuche schon bei Tierrechtlern zuweilen Befremden aus, so kann ihre abstoßende Wirkung auf "normale" Menschen - und um deren Sensibilisierung und Mobilisierung sollte es allen Tierrechtlern im Interesse der Tiere gehen! - gar nicht überschätzt werden.

Am 12. März 2001 erhielt ich von Iris Berger eine E-Mail. Aus dieser sowie aus der darauf folgenden Korrespondenz möchte ich nun ausführlich zitieren, weil hier, wie ich denke, der destruktive Aspekt militanten Veganmissionierens besonders drastisch und anschaulich zum Ausdruck kommt. Iris Berger schreibt: "Hallo Herr Kaplan, ich habe viele Ihrer Texte im Internet und Bücher von Ihnen gelesen und erkannt, daß es Ihre Strategie ist, nicht für Veganismus, sondern für Vegetarismus zu plädieren .... Über diese Strategie ... möchte ich mit Ihnen gar nicht debattieren .... ( ... ) Um ... diese Vorbildfunktion, die Sie aufgrund Ihrer Popularität ... haben, geht es .... Da Sie in fast all Ihren Texten ausschließlich für Vegetarismus argumentieren ..., sind zu Recht viele Veganer irritiert und fragen sich, ob Sie selbst eigentlich vegan leben oder nicht. Auf www.vegan.de ist sogar eine heftige Diskussion darum entbrannt, ob Sie nun vegan sind oder nicht .... Einige Leute waren davon überzeugt, Sie könnten es schon deshalb nicht sein, weil Sie rauchen und aufgrund der Argumentation in Ihren Texten, für andere scheint geradezu eine Welt zusammenzubrechen, wenn Sie nicht vegan wären ('Helmut Kaplan ist DER Tierrechtler im deutschsprachigen Raum - er muß vegan sein!'), denn für die stellt sich berechtigter Weise die Frage: Wenn Sie es schon nicht sind, von wem kann man es dann überhaupt erwarten?

Nach allem, was ich bisher von Ihnen gelesen habe, kann ich nur davon ausgehen, daß Sie nicht vegan sind bzw. wenn Sie es sind, es bewußt verheimlichen, um Ihre Strategie zu verfolgen, weil sie anscheinend davon ausgehen, daß es Leute davon abhalten würde, Vegetarier zu werden, wenn sie auch nur wüßten, daß Sie vegan leben ... und ahnen könnten, daß der Schritt zum Veganismus notwendig ist, um die Tierrechte vollends zu respektieren, daß also die Verheimlichung Ihres persönlichen Veganismus Teil Ihrer Vorgehensweise ist. Sie sehen, es wird viel spekuliert, es wird von seiten der Veganer in Ihren Texten nach Hinweisen darauf gesucht, daß Sie doch vegan sind, die sich aber nirgends finden lassen. M. E. sollten Sie die Leute, die Sie z. T. sehr schätzen und nun verunsichert sind, darüber aufklären .... Ich gebe zu, daß es mich persönlich auch brennend interessiert und ich gerne darüber bescheid wüßte .... Daher muß ich hoffen, daß Sie sich dazu entschließen, einen Kommentar dazu ... abzugeben ..., was ziemlich unwahrscheinlich ist, da Sie eigentlich nur ins Fettnäpfchen treten können:

  • Sind Sie kein Veganer, werden Sie sicherlich von vielen Leuten angegriffen werden, man wird sich fragen, warum bloß nicht, und viele werden enttäuscht sein.
  • Sind Sie vegan, können Sie es womöglich aufgrund Ihrer taktischen Überlegungen nicht ‚zugeben'. Wenn Sie es aber doch tun, setzen Sie sich damit der Debatte darüber, ob man nun für Veganismus oder in erster Linie für Vegetarismus plädieren soll, aus, die Sie ja eigentlich vermeiden wollen. ( ... )

Trotzdem denke ich, die Leute haben eine Antwort verdient. Mir geht es ... konkret um die Fragen: Essen Sie Eier und Eiprodukte? Konsumieren Sie Milchprodukte? Essen Sie Honig? Konsumieren Sie weitere, versteckte Tierprodukte wie gelatinegeklärten Wein oder Säfte, tierkohleraffinierten Zucker, Aromen oder sonstige Stoffe tierlichen Ursprungs? Dabei interessiert mich nicht, auf welche Weise diese Produkte gewonnen oder wie häufig sie konsumiert werden, denn das wäre genauso zynisch wie die Ausflüchte eines ‚Tierschützers', der beteuert, nur ganz wenig Fleisch zu essen und wenn, dann aus ‚biologischer Haltung‚.
Über eine (ehrliche) Antwort würde ich mich sehr freuen .... ( ... ) Mit freundlichen Grüßen, Iris Berger." (Tippfehler wurden korrigiert, H. F. K.)

Hier meine Antwort, in die ich Bergers Reaktionen, wie beim E-Mailen üblich, gleich integriere: "Liebe Frau Berger, vielen Dank für Ihre Mail. Ich halte Ihr Anliegen durchaus für legitim. Hier also - Überraschung! - meine ‚ehrliche Antwort‚.

Zuvor noch eine Bemerkung: Sie können mit dieser Information machen, was Sie wollen, also auch bei irgendwelchen 'Chats' veröffentlichen. Ich selbst möchte mich da nicht 'einbringen': Einerseits habe ich bei vegan.de gelesen, daß ich ein 'schmieriger Typ' sei. Und gestern erhielt ich per E-Mail eine besorgte Anfrage, ob ich noch am Leben sei. Auf tier-befreier.de würden Meldungen kursieren, wonach ich einerseits beim Fleischessen gefilmt worden sei und andererseits überhaupt schon tot sei.

1) Da stets die Gefahr besteht, 'objektive Argumente' zur Rechtfertigung des eigenen faktischen Verhaltens zu mißbrauchen, hier zunächst eine wertungsfreie Darstellung meiner Eßgewohnheiten - damit versteckte, unbewußte oder irrationale Argumentationselemente möglichst leicht identifizierbar sind: Ich versuche, soweit als möglich vegan zu leben, das heißt konkret: zuhause vegan, außer Haus, also auf Reisen und im Restaurant vegetarisch. Seitdem mich meine Frau verlassen hat, kommt hinzu: Wenn mein Sohn zu mir kommt, bestellen wir Pizza Margheritta oder ich 'koche' Fertignudeln. Und: Meine 80jährige Mutter schafft es nicht mehr, sich beim Kochen auf vegan umzustellen, sodaß ich zum Beispiel bei ihr auch eine Panier (am Seitan) esse, die mit Eiern kontaminiert ist. [Das ist inzwischen abgestellt: Meine Tochter hat meiner Mutter gezeigt, wie man die Panier vegan herstellen kann, H. F. K.] Ansonsten esse ich seit Jahrzehnten praktisch täglich 'Hamelner Töpfchen' und 'Vitam-R'. Letzteres auch regelmäßig als Jausenbrot in der Schule!"

Dazu Berger: "Ich muß ehrlich sagen, daß ich von diesen Aussagen entsetzt bin .... ( ... ) Trotz aller Spekulationen, die kursieren, dachte ich dennoch, Sie müßten einfach vegan sein, das ginge gar nicht anders. Ich kann es immer noch nicht begreifen und werde es auch nie. ( ... ) Sie wissen ... selbst, daß die einzige ethisch einwandfreie Lebensweise die vegane ist und verstecken sich nicht hinter Lügen - umso mehr frage ich mich, wie es Ihnen möglich ist, mit diesem Wissen einen Bissen Tierliches hinunterzubekommen. Sie wissen, daß der Käse auf Ihrer Pizza (der, wie Ihnen sicherlich bekannt ist, aufgrund des darin enthaltenen Kälberlabs nicht einmal vegetarisch ist, was aber m. E. aufgrund dessen, daß für die hierfür benötigte Milch ohnehin Kühe mißbraucht werden, irrelevant ist) oder die Eier am Seitan direkt aus den KZs der Nahrungsmittelindustrie kommen und die dafür ausgebeuteten Tiere die reinste Folter durchleiden mußten. Wie also können Sie diese Dinge konsumieren? Wie? Das frage ich nicht einen beliebigen Bürger auf der Straße, sondern Sie, der Sie zahlreiche Texte zur Tierrechtsthematik verfaßt haben und sich selbst Tierrechtler nennen. Wie können Sie auf der einen Seite für die Rechte der Tiere plädieren und sich auf der anderen Seite an deren Ausbeutung beteiligen?

Zur von Ihnen beschriebenen Praxis des 'soweit-als-möglich-vegan' möchte ich noch bemerken, daß das ganz und gar nicht das ist, was ich mir unter 'soweit wie möglich' vorstelle. Denn es IST möglich, vegan zu leben - in jeder Situation, das beweisen diejenigen, die es tun. Indem Sie einfach irgendeine Käsepizza bestellen, versuchen Sie nicht, soweit wie möglich vegan zu leben - das würden Sie tun, wenn sie zumindest eine Pizza ohne Käse bestellen würden (das ist möglich!) und nachfragen würden, ob im Teig Eier oder Milch enthalten sind. [Aus dem "zumindest" schließe ich, daß auch eine Pizza ohne Käse, Milch und Eier noch irgendwie bedenklich ist, H. F. K.] Abgesehen davon wird es Ihnen sicherlich nicht entgangen sein, daß es zahlreiche vegane Fertiggerichte gibt, die sich weitaus schneller zubereiten lassen als eine Pizza geliefert wird [es ist mir in der Tat entgangen, daß es vegane Fertiggerichte gibt, ganz zu schweigen von vielen, H. F. K.], doch wenn [oder "weil" - mein Computersusdruck ist hier unvollständig, H. F. K.] Sie lieber ein Tierqualprodukt bestellen als schnell etwas in die Pfanne zu werfen, dann tun Sie das wohl nur aus Bequemlichkeit oder Ignoranz; genau das gleiche gilt für den Restaurantbesuch: Ihr absolut unbedeutendes Interesse, auszugehen und in einem Restaurant zu essen, wird über das weitaus wichtigere Interesse eines anderen Tieres gestellt, zu überleben bzw. nicht mißhandelt zu werden. Mit welchem Recht, welcher Begründung? Daß es so gut wie unmöglich ist, in einem Restaurant vegan zu essen, weiß ich selbst, aber Restaurantbesuche sind schließlich nicht lebensnotwendig, sondern in Anbetracht der Tatsache, daß für diesen 'Genuß' ein anderes Tier entsetzlich leiden muß, überflüssiger Luxus. Sich auf Reisen vegan zu ernähren, mag zwar kompliziert sein, aber unmöglich ist es nicht, genauso, wie es nicht unmöglich für Ihre Mutter wäre, den Seitan zum Panieren anstatt in Ei in Sojamehl mit Wasser zu wenden .... Wenn meine Mutter das nicht tun würde, würde ich entweder nichts bei ihr essen oder aber selbst dort kochen. ( ... ) Die meisten Veganer leben 'so-weit-als-möglich-vegan', was mir in vielen Punkten nicht weit genug geht, aber das von Ihnen praktizierte Vorgehen tut es mit Sicherheit nicht, denn es geht nicht soweit wie möglich - möglich wäre viel, viel mehr. ( ... )"

Kaplan weiter: "2) Die beschriebene Praxis macht mich nicht glücklich, wobei das selbstverständlich nicht den Punkt trifft: der ist nicht, wie ich mich subjektiv fühle, sondern wie etwas objektiv zu rechtfertigen ist. Die Bestrebung des Soweit-als-möglich-Vegan ist dem gleichen Zynismusvorwurf ausgesetzt wie das Sowenig-Fleisch-als-Möglich. Dennoch glaube ich, daß es, wie beschrieben, besser ist, 'sehr wenig' Milchprodukte zu essen, als solche 'in normalem Maße' zu essen. Das ist einerseits tendenziell ein Widerspruch, aber andererseits muß man dieses quantitative Moment auch mit ins Kalkül ziehen, weil man oft nicht umhin kommt, eine - letztlich notwendig dem Willkürvorwurf ausgesetzte - Quantitäts-bezogene Grenze zu ziehen."

Dazu Berger: "( ... ) Natürlich werden weniger Tiere getötet bzw. gequält, wenn eine Person weniger Fleisch bzw. Milch konsumiert als jemand, der dies in 'normalem Maße' tut, aber letztendlich geht es doch darum, daß überhaupt Tiere für die Ernährung eines anderen mißhandelt werden. Jedes konsumierte Tierprodukt ist eines zuviel!"

Weiter Kaplan: "Konkretes Beispiel: Nachdem es geregnet hat, gehe ich hinaus, um die Würmer und Schnecken, die jetzt am Gehsteig sind, zu retten. Irgendwo muß ich mit dieser Aktion aber aufhören - wissend, daß, wenn ich weitergehen würde, ich gewiß noch weitere Tiere retten könnte. Wo ist die Grenze? Wie weit muß ich gehen? Um den Häuserblock? Auch um den nächsten? Soll ich eine Viertelstunde gehen? Oder eine Stunde? Oder den ganzen Tag? Irgendwo muß ich eine Grenze ziehen, aber es gibt keinen Punkt, der von vornherein und offensichtlich, geschweige denn von allen akzeptiert der 'wirklich richtige' ist. Bei der Frage vegan - vegetarisch ziehe ich die Grenze so, wie ich es oben beschrieben habe. ( ... )"

Dazu Berger: "Diese beiden Handlungen kann man nicht miteinander vergleichen. Daß sich nach einem Regenschauer Schnecken und Würmer auf der Straße befinden, ist 'normal' - es passiert nun mal und ist nicht Ihre Schuld. Wenn Sie einige Tiere dennoch retten wollen, ist das gut und richtig, aber daß Sie nur eine geringe Anzahl von Tieren retten können, ist leider auch nun mal so, das kann man nicht ändern. [Auf meinen Punkt des Irgendwo-die Grenze-ziehen-Müssens geht Berger also überhaupt nicht ein, H. F. K.] Wenn Sie aber in einem Restaurant etwas bestellen, wofür ein Tier leiden mußte, ist das sehr wohl Ihre Schuld, es ist eine bewußt durchgeführte Handlung, die die Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere unterstützt. Es ist möglich, das zu umgehen, aber es ist nicht möglich, tagelang Schnecken vom Gehsteig zu retten." (Warum nicht? Wenn ich lange genug Schnecken rettete, könnte ich vielleicht sogar mehr Tierleid verhindern, als wenn ich nicht ins Restaurant ginge. Außerdem sind "normal" und "Schuld" im angesprochenen bzw. unterstellten Sinne keine ethisch relevanten Kategorien: Wenn meine Katze eine Maus fangen will, so ist das auch "normal" und "nicht meine Schuld". Das entbindet mich aber dennoch nicht von der Pflicht, der Maus zu Hilfe zu kommen. HFK.)

Weiter Kaplan: "4) Denjenigen, die jetzt von mir hoffnungslos enttäuscht sind - was mich alles andere als kalt läßt! -, kann ich zu meiner Entlastung und zu ihrem Trost lediglich sagen: Ich glaube, daß ich nach wie vor für viele als Vorbild tauge, da ich mein ganzes Leben den Tierrechten gewidmet habe und seit vielen Jahren buchstäblich nichts anderes tue, als zu versuchen, diesem Ziel möglichst weitgehend Rechnung zu tragen."

Dazu Berger: "Das finde ich nicht, denn wenn Sie das tun würden, würden Sie doch nicht Tierqual und Folter durch Ihr eigenes Konsumverhalten unterstützen. Es ist so simpel, vegan zu leben [daß sie es eben noch als "so gut wie unmöglich" bezeichnet hat, in einem Restaurant vegan zu essen, hat Berger offenkundig schon wieder vergessen, H. F. K.], ich kann nicht verstehen, warum man das nicht einfach praktizieren kann! Sie wissen doch auch, daß es Menschen gibt, die ebenfalls ihr ganzes Leben den Tierrechten widmen, aber dennoch (bzw. gerade deshalb) vegan leben. Ich bin wirklich erschüttert. ( ... ) Da könnte ich mich wirklich schreiend und weinend auf dem Boden wälzen, wenn es nur etwas nützen würde, denn die Erkenntnis, daß nicht mal Sie das durchziehen, ist mehr als deprimierend: Warum sollte jemand, der vorher nie von der Thematik berührt wurde, durch irgendwelche Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit, die wir leisten, vegan werden wollen?

Vielleicht können Sie mir noch einmal antworten, denn für mich ist es so selbstverständlich und logisch, vegan zu leben, daß ich nie begreifen werde, wie jemand, der über das gesamte Wissen in diesem Bereich verfügt, trotzdem etwas Tierliches über seine Lippen bringen kann. ( ... )"

Weiter Kaplan: "5) Zu meiner 'Öffentlichkeitsstrategie': Im Februar war ich in Hamburg bei einer Talkshow zum Thema BSE ('Talk vor Mitternacht'). Die anderen Gäste: die EU-Finanz-Kommissarin, der EU-Agrarausschuß-Vorsitzende, die NRW-Landwirtschaftsministerin und der Bauernbund-Vizepräsident. Um mich herum: ein paar Dutzend Bauern, die mit dem Bus zur Sendung gekarrt worden waren. Frage: Glauben Sie allen Ernstes, daß mich da irgendwer auch nur ansatzweise verstanden hätte, wenn ich für den Veganismus geworben hätte?"

Dazu Berger: "Bestimmt nicht, aber dennoch sind Sie so immer der Gefahr ausgesetzt, daß jemand Ihnen vorwirft, sich ebenfalls an Tiertötung und -quälerei zu beteiligen, denn daß für die Milch'gewinnung' Kälber und für die Ei'produktion' männliche Küken getötet werden müssen, müßte gerade ein Bauer besser wissen als der uninformierte Durchschnittsmensch. Außerdem müßte man immer darauf hinweisen, daß die Tierausbeutung in derart viele Bereiche geht und so viele Facetten hat, um das ganze Ausmaß menschlicher Gewalt gegenüber nichtmenschlichen Tieren zu verdeutlichen. Darauf baut der Speziesismus doch überhaupt auf, quasi jede menschliche Handlung ist ein Verstoß gegen die Tierrechte. Es ist wichtig, das klar zu machen und zu zeigen, daß es nicht so einfach ist, lediglich nur kein Fleisch mehr zu essen, denn die Ausbeutungsmaschinerie geht viel weiter. Was hätten wir von einer Gesellschaft, in der zwar die meisten Leute Vegetarier sind, aber dennoch speziesistisch denken und handeln?"

Zweierlei soll hier festgehalten werden:
- Berger ist offenkundig der Meinung, ich hätte vor diesem Publikum vegan argumentieren müssen, obwohl mich kein Mensch verstanden hätte!
- Berger ist offenkundig der Meinung, daß eine Gesellschaft, in der die meisten Menschen Vegetarier sind, kein Fortschritt für die Tiere wäre.

Am Schluß bemerkt Berger eher beiläufig: "Im Übrigen habe ich vor Längerem meiner Mutter, die ich schon ewig vom Veganismus zu überzeugen versuche und die inzwischen Vegetarierin ist, u. a. Ihr Buch ‚Leichenschmaus' zu lesen gegeben, da ich es für sehr geeignet halte, jemanden vom Vegetarismus ... zu überzeugen. Sogar ihr ist aufgefallen, daß Veganismus dort nicht erwähnt wird, und folglich dachte sie, so sagte sie, wenn das in solch einem Buch nicht mal erwähnt wird, sei es bestimmt nicht so schlimm, z. B. Käse zu essen, wovon sie sich auch bis jetzt nicht abbringen läßt .... ( ... )"

Ohne es zu bemerken, bestätigt Berger also zum Schluß zumindet teilweise meine Position bzw. Strategie: Schenkt man jemandem ein Buch, um eine Wirkung zu erzielen, die man nicht will?

8. Das Konsequenz- und Quantifizierungsdilemma

Fahren wir nun in der sachlichen Auseinandersetzung fort, indem wir zwei bisherige Ergebnisse wiederholen bzw. zusammenfassen:
1) Ganz konsequent vegan leben, als ohne jegliche Tierausbeutung, ist unmöglich.
2) Beim Versuch, möglichst konsequent vegan zu leben, gerät man notwendig in paradoxe, ja absurde Situationen.
Das Dilemma ist: Einerseits müssen wir, um irreale und irrationale Konsequenz-Exzesse zu vermeiden, irgendwo eine "vernünftige" quantitative Grenze ziehen - dergestalt, daß wir eben ein gewisses Maß an Beteiligung an Tierausbeutung wohl oder übel akzeptieren. Exakt damit setzen wir uns aber dem Vorwurf aus, im Grunde genauso inkonsequent zu sein wie Fleischesser, die nur "wenig Fleisch" essen.

Theoretisch läßt sich dieses Dilemma weitgehend lösen. Nämlich durch den Hinweis auf die eben vorhandenen und bereits erwähnten Unterschiede zwischen der Vegetarismus- und der Veganismus-Forderung:
Absolute Konsequenz in bezug auf Nicht-Fleischessen ist nicht nur möglich, sondern (aufgrund des vielfältigen Angebotes an vegetarischen Lebensmitteln) sogar leicht möglich. Absolute Konsequenz in bezug auf Nicht-Tierausbeutung ist nicht nur schwer möglich, sondern schlicht unmöglich. Deshalb ist der Vorwurf an "inkonsequente" Veganer, sie seien "um nichts besser" als inkonsequente Vegetarier, die nur "wenig Fleisch" essen, letztlich nicht stichhältig: Es ist unzulässig, wenn es um Konsequenz geht, einen Bereich, in dem absolute Konsequenz leicht möglich ist, mit einem Bereich gleichsetzen, in dem absolute Konsequenz völlig unmöglich ist. In letzterem ist man gezwungen, inkonsequent zu sein - wenngleich es einen großen Spielraum in bezug auf das Maß dieser Inkonsequenz gibt -, in ersterem nicht.

Dem praktischen Problem, entscheiden zu müssen, wie weit wir in unserer veganen Konsequenz gehen sollen, können wir allerdings dennoch nicht entrinnen. Und hier gibt es nun einmal weder ethisch noch praktisch eine wirklich befriedigende, rationale, "saubere" Lösung. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen, damit müssen wir leben.

Es gibt Probleme, die nur schwer oder letztlich vielleicht auch gar nicht lösbar oder entscheidbar sind. Denken wir nur an die aktuelle Bioethik-Debatte um embryonale Stammzellen und Präimplantationsdiagnostik. Oder an die bereits "klassische" Abtreibungsdebatte mit all ihren psychologischen, praktischen, rechtlichen und ethischen Facetten - und Fallstricken.

In solchen Situation sollten wir etwas tun, was in emotionalen und hitzigen Debatten sehr schwer fällt - und deshalb viel zu selten passiert: einen Schritt zurücktreten, innehalten und uns fragen: Worum geht es hier nun eigentlich? Beziehungsweise: Worum sollte es hier eigentlich gehen? Was ist hier das letztlich wirklich Entscheidende?

Wenn wir uns diese Frage angesichts der Veganismusdebatte stellen, kann es nur eine Antwort geben: Das Entscheidende sind die Folgen für die Tiere!

Und deshalb soll jetzt auch nicht das individuelle, "private" Verhalten im Mittelpunkt unserer Überlegungen stehen, sondern dessen Konsequenzen für die Tiere. Klaus Schmidinger hat das in seinem bereits zitierten Leserbrief wie folgt auf den Punkt gebracht: "Ich will ... niemanden davon abhalten, absolut 100 % vegan zu leben, gebe aber zu bedenken, dass der Effekt daraus (und der ist meiner Meinung nach das wesentliche Kriterium) wahrscheinlich bestenfalls ein Heiligenschein ist."

Als vorrangiges Kriterium für die Richtigkeit unseres Handelns sollen in Hinkunft daher keine abstrakten Argumente oder Ziele mehr herangezogen werden, sondern die konkreten Folgen für die Tiere. Es soll nicht mehr primär um das persönliche Konsequentsein gehen, sondern um die praktischen Konsequenzen für die Tiere. Das sind wir den Tieren schuldig. Denn ihnen nützt es gar nichts, wenn wir - um im obigen Bild zu bleiben - unter immensem Energieaufwand und vor allem bei immensem Energieverlust Heiligenscheine sammeln, von denen sie nicht das Geringste haben. Vielmehr dürfen die Tiere von uns erwarten, daß wir unsere Kräfte so wirksam wie nur irgend möglich einsetzen, um ihnen so vie und so rasch wie irgend möglich zu helfen.

Wir müssen erkennen - und entsprechend handeln! -, daß wir es bei der Frage "Wie weit vegan?" mit einer dialektischen Entwicklung zu tun haben: Erst nachdem wir mehr und mehr reale Hindernisse aus dem Weg geräumt haben, können wir auch mehr und mehr ethisch konsequent handeln. Das ist ein langwieriger Prozeß mit dauernden Unsicherheiten, Widersprüchen und Spannungen. Diese gilt es auszuhalten und diese Wegstrecke gilt es durchzuhalten. Stetiges Abwägen und fortwährendes Infragestellen und Korrigieren des eigenen Verhaltens sind unverzichtbare Bestandteile dieses Entwicklungsprozesses, der letztlich einzig und allein zum besten, das heißt effizientesten Ergebnis für die Tiere führen kann.

Was hier grundsätzlich bedacht und akzeptiert werden muß - ohne es zum Vorwand für billige Ausreden und faule Kompromisse machen zu dürfen! -, ist: In einer durch und durch bösen Welt ist es halt leider nicht möglich, ganz gut zu sein. In einer durch und durch auf Tier-Ausbeutung aufgebauten Gesellschaft ist konsequente Nicht-Tierausbeutung nicht realisierbar.

9. Der politische Aspekt

Wir haben soeben von der Notwendigkeit gesprochen, unser Verhalten stets den aktuellen Rahmenbedingungen anzupassen, um so die momentan zielführendste Strategie anwenden zu können. Das kann sinnvollerweise selbstverständlich nicht heißen, daß wir unser Handeln sozusagen von Tag zu Tag neu prüfen, bewerten und verändern müssen. Vielmehr geht es darum, für eine gewisse Zeit einmal festzustellen und festzulegen, welches Verhalten gegenwärtig am geeignetsten ist, um die Tierrechtsbewegung ihren Zielen näherzubringen. Erste und wichtigste Voraussetzung hierfür ist, daß wir uns einmal ein möglichst umfassendes und ungeschminktes Bild von den relevanten Fakten machen:

9.1 Fakten

9.1.1 Fleischessen

Individuelles Fleischessen ist, auf die Gesamtgesellschaft bzw. auf einen hohen Prozentsatz derselben hochgerechnet, zweifellos die für die Tiere schlechteste menschliche Verhaltensvariante im Bereich Ernährung, weil sie das höchste Maß an Tierausbeutung mit sich bringt.

9.1.2 Vegetarismus

Individueller Vegetarismus bedeutet, auf die Gesamtgesellschaft bzw. auf einen hohen Prozentsatz derselben hochgerechnet, im Vergleich zum allgemeinen Fleischkonsum für die Tiere einen immensen Fortschritt.

9.1.3 Veganismus

Der individuelle Veganismus ist, auf die Gesamtgesellschaft bzw. auf einen hohen Prozentsatz derselben hochgerechnet, die für die Tiere beste Lösung, weshalb die Realisierung des veganen Szenarios Ziel der Tierrechtsbewegung sein muß.

9.1.4 Szene-Autismus

Unter Tierrechtlern findet ein andauernder kollektiver Trugschluß statt: Aus dem Umstand, daß man sich nur im Szene-Milieu bewegt, schließt man, daß es nur das Szene-Milieu gibt. Aber für eine Veränderung der Gesellschaft in Richtung Vegetarismus / Veganismus ist das, was sich innerhalb der Tierrechtsszene abspielt, also Aktivitäten, Belehrungs- und Bekehrungsversuche à la Berger - bestenfalls! - irrelevant: Die Tierrechtsbewegung repräsentiert schlicht eine viel zu kleine Zahl von Personen, als daß deren Verhalten von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung sein könnte. Was einzig und allein zählt, ist die "Außenwirkung": die positive Beeinflussung und Veränderung der "Normalbevölkerung".

9.1.5 Eine Vegetarisierung der Gesellschaft ist jetzt möglich

Für den Vegetarismus zu werben, ist, wie bereits (oben, 4.) ausgeführt, sinnvoll und erfolgversprechend, weil die Gründe für den Verzicht auf Fleisch nicht nur ethisch und rational, sondern quasi auch "lebenspraktisch" nachvollziehbar sind. Das immer umfangreicher werdende Angebot an vegetarischen Lebensmitteln in Handel und Gastronomie, die immer "frechere" Werbung dafür und die Tatsache, daß "fleischlos" immer häufiger mit "bewußter", "gesunder" und "moderner" Ernährung assoziiert wird, tragen zusätzlich dazu bei, daß die Beförderung des Vegetarismus ein durchaus realistisches Unterfangen ist.

Und, nicht zu vergessen: Vegetarismus ist - nicht logisch, aber praktisch - zwar keine hinreichende, wohl aber eine notwendige Voraussetzung für den Veganismus: Zwar wird nicht jeder Vegetarier später auch Veganer, aber jeder Veganer war früher Vegetarier. Das heißt: Jeder tatsächliche Schritt zum (ethischen) Vegetarismus ist gleichzeitig ein möglicher Schritt zum Veganismus ist. Wer den (ethischen) Vegetarismus fördert, fördert auch den Veganismus.

9.1.6 Eine Veganisierung der Gesellschaft ist jetzt unmöglich

Da man Fleischesser nicht mit einem Schritt zu Veganern machen kann und wir eben erst damit begonnen haben, die Menschen etwas in Richtung Vegetarismus zu bewegen, ist es völlig illusorisch zu glauben, man könne zum jetzigen Zeitpunkt einen nennenswerten Teil der Bevölkerung zu Veganern machen. Umso wichtiger ist es, mit den Menschen quasi "im Gespräch" zu bleiben, um sie immer weiter in die richtige Richtung bewegen zu können. Genau das geschieht, wenn wir die Umstellung auf eine vegetarische Lebensweise als ethisch notwendigen und praktisch möglichen Schritt zur Überwindung der ungerechtfertigen Tierausbeutung aufzeigen. Damit haben wir sozusagen den Fuß in der Tür. Überfallen wir die Menschen hingegen mit der rigorosen Forderung, Veganer zu werden, werden sie uns, um im Bild zu bleiben, die Tür vor der Nase zuschlagen - und wir haben für lange Zeit die Möglichkeit verspielt, sie in bezug auf ihre Einstellungen und Handlungen positiv zu beeinflussen.

9.1.7 Eine Veganismus-Werbung ist jetzt schädlich

Der Versuch, die Menschen zum jetzigen Zeitpunkt zu Veganern zu machen, ist nicht nur aussichtslos, sondern, wie gesagt, auch schädlich. Und zwar nicht nur allgemein ("Türe zuschlagen"), sondern auch ganz konkret: Wir schaffen damit nämlich nicht nur keine Veganer, sondern wir verhindern damit auch noch viele Vegetarier!

Denn auch die Menschen, die innerlich bereits soweit wären, daß man sie für den Vegetarismus gewinnen könnte, werden sofort eine "Kehrtwende" machen, wenn wir ihnen - so wie es Berger allen Ernstes fordert - sagen: "Moment, liebe Leute, die Sache ist eigentlich so: wenn ihr jetzt auch aufhört Fleisch zu essen, so reicht das leider überhaupt nicht, denn damit seid ihr in Wirklichkeit noch um nichts besser als die Fleischfresser." Ein solcherart "aufgeklärter" potentieller Vegetarier wird augenblicklich aufstehen, weggehen und weiterhin Fleisch essen.

Diesen immens wichtigen Zusammenhang haben die Vegan-Missionare nachweislich nicht kapiert. Und wer in einer Sache derart dramatisch irrt, liegt leicht auch in anderen Fragen völlig daneben. Siehe etwa Bergers Behauptung, eine vegetarische Gesellschaft sei im Vergleich zu einer fleischessenden Gesellschaft für die Tiere kein Fortschritt. Wer ernsthaft solch unglaublichen Unsinn behauptet, beweist, daß ihm jeglicher Wirklichkeitsbezug abhanden gekommen ist. Wir haben es hier mit geradezu lebensgefährlichen und für die Tiere buchstäblich tödlichen Irrtümern zu tun.

Man kann es mit der Ethik eben auch übertreiben. Etwa, wenn man, wie im Falle des missionarischen Veganismus, die Fakten aus den Augen verliert und etwas zur Ersatzreligion wird. Dann kann passieren, was bei Religionen oft passiert, daß die tatsächlichen Handlungskonsequenzen das Gegenteil von dem sind, was ursprünglich erreicht werden sollte: Man wollte den Tieren helfen, fügt ihnen aber in Wirklichkeit größten Schaden zu. Wenn zuwenig Realismus und zuviel Fanatismus zusammentreffen, ist das Egebnis oft verheerend.

Zurück zur sachlichen Analyse in bezug auf die Rollen, die Vegetarismus und Veganismus im Hinblick auf die Verwirklichung oder Verhinderung von Tierrechten spielen. Halten wir fest:

  • Eine vegetarische Politik zum jetzigen Zeitpunkt schafft Vegetarier und (spätere) Veganer.
  • Eine vegane Politik zum jetzigen Zeitpunkt schafft weder Veganer noch Vegetarier.
  • Eine vegane Politik zum jetzigen Zeitpunkt verhindert sogar mögliche Vegetarier.

Doch selbst damit sind die katastrophalen Auswirkungen einer Veganismuspolitik zum jetzigen Zeitpunkt nicht hinreichend beschrieben. Eine solche Veganismuswerbung würde sogar die Gefahr einer Umkehr der derzeit ansatzweise vorhandenen Tendenz pro Vegetarismus und pro Tierrechte in sich bergen. Dies soll anhand zweier konkreter Beispiele, einem privaten und einem politischen, veranschaulicht werden.

Im Internet berichtet ein Aktivist vom Problem seiner Bekannten: Als diese noch vegetarisch lebte, hatte sich ihr Freundeskreis und ihre Verwandtschaft mittlerweile schon weitgehend auf ihr Nichtfleischessen eingestellt: Die Leute kochten nicht nur für diese Bekannte "automatisch" vegetarisch, sondern kauften auch für sich selber schon vorwiegend vegetarisch ein. Nun aber, nachdem diese Bekannte Veganerin geworden ist und daher vieles Vegetarische nicht mehr essen will, ist es ihrem sozialen Umfeld "zu dumm" geworden, und die Leute, die vorher selber schon fast vegetarisch gelebt hatten, kaufen und essen wieder "ungehemmt" Fleisch.

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Diese Geschichte spricht meines Erachtens nicht dafür, daß diese Person, die Veganerin geworden ist, nun wieder Vegetarierin werden soll. Was die Begebenheit aber zeigt, ist, daß "normale" Menschen auf die Konfrontation mit dem Veganismus oft ganz anders als erwünscht reagieren.

Hier das zweite, politische Beispiel, das die Gefahr einer Umkehr der gegenwärtigen ansatzweisen Tendenz in Richtung Vegetarismus und Tierrechte veranschaulichen soll: Bereits an anderer Stelle (in meinem Aufsatz "Anti-Pelz-Bewegung: Neue Krise durch alte Argumente") habe ich auf die möglichen negativen Folgen einer öffentlichen Veganismus-Propagierung zum jetzigen Zeitpunkt hingewiesen. Da die dortigen Ausführungen genau den Punkt treffen, um den es hier geht, sollen sie hier in verkürzter Form wiederholt werden:
Trotz aller Bemühungen von Tierschützern und Tierrechtlern, das Pelztragen als das zu entlarven, was es ist, ein Verbrechen, ist die Pelzlobby offenkundig wieder im Aufwind. Dies zeigt sich unter anderem darin, daß Pelz wieder zu einem Thema geworden ist, über das "offen diskutiert" werden kann: wer sich pro Pelz äußert, manövriert sich damit nicht mehr automatisch, wie dies tendenziell bereits der Fall war, ins gesellschaftliche und moralische Abseits.

Und diese Diskussion werden wir so schnell auch nicht wieder loswerden. Warum? Weil die Pelzproduzenten, die aus namenlosem Leid Profit schlagen, die Schwachstelle der Anti-Pelz-Bewegung erkannt haben und zielgenau die Verlogenheits- bzw. Heuchelei-Karte ziehen: Wer Pelzträger verurteile, selber aber Fleisch esse, habe eine Doppelmoral und agiere scheinheilig.

Da ist was dran. Genaugenommen: Das trifft den Kern der Sache. Denn die Grausamkeiten bei der Fleischproduktion sind um nichts weniger schrecklich als die Grausamkeiten bei der Pelzproduktion. (In Wirklichkeit ist die Argumentationslage sogar noch prekärer: Angesichts der jüngst bekannt gewordenen katastrophalen Zustände in Schlachthäusern könnte durchaus argumentiert werden, daß Fleischesser sogar einen viel größeren Schaden anrichten als Pelzträger, weil man Fleisch naturgemäß immer nur einmal "verwendet", sprich: ißt, während man einen Pelzmantel jahrelang trägt. Deshalb werden für das Fleischessen viel mehr Tiere fürchterlich gequält und getötet als für die Pelzgewinnung.)

Die richtige Reaktion auf diese Situation ist natürlich nicht, daß man sagt: "Also gut, Leute, da habt ihr im Grunde ja recht, deshalb dürft ihr als Fleischesser auch ruhig wieder Pelze tragen." Die Botschaft muß vielmehr umgekehrt lauten: "Ja, der Vorwurf der Doppelmoral und Scheinheiligkeit ist berechtigt, deshalb sollt ihr weder Fleisch essen noch Pelze tragen!"

Was man den Menschen klarmachen muß, ist, daß man unschuldige, wehrlose Wesen weder umbringen soll, um ihr Fleisch zu essen, noch, um ihr Fell zu tragen, weil beides heute absolut unnötig und daher absolut unmoralisch ist.

Das ist die letztlich einzig tragfähige Argumentation. Und dank der jahrelangen Vorarbeit von Tierschützern und Tierrechtlern ist diese Argumentation heute auch erfolgversprechend. Mehr noch, sie enthält sogar eine Riesenchance, nämlich die Chance auf einen positiven Aufschaukelungseffekt in Richtung Tierrechte:
Denjenigen, die aufgrund früherer Aufklärungskampagnen gegen das Pelztragen sind, kann man klarmachen, daß sie konsequenterweise auch Vegetarier werden müssen. Und denjenigen, die aufgrund der Informationen im Zusammenhang mit BSE und anderen Fleischskandalen bereits moralische Bedenken beim Fleischessen haben, kann man klarmachen, daß Pelztragen nichts anderes als ein weiteres Element unserer globalen ungerechtfertigten Ausbeutung von Tieren ist. Und schließlich kann man denen, die bereits sowohl in bezug auf das Fleischessen als auch in bezug auf das Pelztragen ein moralisch mulmiges Gefühl haben, durch das Aufzeigen der größeren Zusammenhänge - Stichwort: "Speziesismus" - ein Aha-Erlebnis vermitteln, das sie in ihrer Skepsis gegenüber unserem Umgang mit Tieren weiter bestärkt und in Richtung Tierrechte zu denken und handeln beginnen läßt.

All dies funktioniert aber nur, und das ist der springende Punkt, wenn der ethisch begründete Vegetarismus als fester Argumentationsanker zur Verfügung steht. Ist dies nicht der Fall, bricht die ganze Argumentation wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Und exakt dies geschähe, wenn man nun in der Öffentlichkeit den Vegetarismus durch Hinweis auf den Veganismus moralisch diskreditieren würde: "Eigentlich sind Vegetarier ja um nichts besser als Fleischesser ...."

Es käme aber noch viel schlimmer: Durch die moralische Abwertung des Vegetarismus würde nicht nur der Weg vorwärts, gegen Fleischessen und Pelztragen, blockiert, sondern sogar die gegenwärtige tendenzielle Marschrichtung der Gesellschaft in Richtung Anerkennung von Tierrechten umgekehrt : "Zurück in die Steinzeit!" hieße dann das heimliche, aber wahre Motto.

Denn durch das Zauberwort Veganismus bekämen die Pelzverbrecher eine einmalige historische Chance, die sie garantiert nutzen würden: "Schaut her Leute, jetzt zeigt sich, was wir schon immer gesagt haben: Die Pelzgegner sind weltfremde, verrückte Spinner! Sie werden erst dann Ruhe geben, wenn ihr nur mehr Körndln und Wurzeln eßt!" Das Ergebnis einer solchen Entwicklung ist unschwer zu erahnen: Die Botschaft der Pelzlobby wird dankbar aufgenommen und die Menschen kehren erleichtert und guten Gewissens zu einem "vernünftigen" Leben mit Fleisch und Pelz zurück.

9.2 Verhalten

9.2.1 Vegetarische Politik

Da eine vegane Politik zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur nicht zielführend, sondern sogar ausgesprochen schädlich ist, kann die aktuell sinnvolle Strategie nur in einer möglichst wirksamen Werbung für den (ethisch begründeten) Vegetarismus bestehen.

Je mehr jemand zusätzlich zu dieser vegetarischen Politik privat auch noch vegan lebt, desto besser ist es natürlich. Denn das individuell effizienteste Verhalten ist zweifellos die Kombination von öffentlicher Werbung für den Vegetarismus und möglichst weitgehendem privaten Veganismus - Vegetarismus predigen und vegan leben sozusagen. Bei letzterem gilt es allerdings, unter allen Umständen folgendes zu berücksichtigen:
1) Das eigene Vegansein darf nicht mit einer Verurteilung von Vegetariern einhergehen.
2) Das eigene Vegansein darf nicht zuviel Energie verschlingen, die anderswo wesentlich wirksamer eingesetzt werden könnte.

Nicht zuletzt aus diesem Grund sollte der Veganismus zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht als moralisch verpflichtend betrachtet werden. Denn das dauernde Gefühl, moralisch zuwenig konsequent zu sein, verzehrt immens viel Energie.

Für eine solche Freistellung der Entscheidung "vegetarisch oder vegan?" zum jetzigen Zeitpunkt spricht auch folgendes: Es ist sowohl ethisch als auch psychologisch problematisch und schwierig, ein Verhalten in bezug auf das eigene Leben als moralisch zwingend zu betrachten, das man von anderen nicht nur nicht fordert, sondern ihnen gegenüber sogar tendenziell verschweigt.

Damit können wir die eingangs gestellte Frage "Müssen Tierrechtler Veganer sein?" für die Phase, in der sich die Tierrechtsbewegung gegenwärtig (2002) befindet, so beantworten: Momentan ist nicht ausschlaggebend, ob man vegetarisch oder vegan lebt, sondern daß man einen möglichst wirksamen Beitrag zur Beförderung der Tierrechtsbewegung leistet. Und die diesbezüglich aktuell wichtigste Aufgabe besteht in der Beförderung des ethisch begründeten Vegetarismus.

Und selbst beim Werben für die vergleichsweise gemäßtige Zielsetzung Vegetarismus sollten wir uns stets einer großen Gefahr bewußt sein: der Gefahr, diejenigen, die wir überzeugen wollen, mit zusätzlichen privaten, politischen oder religiösen Wahrheiten und Weisheiten zwangzusbeglücken - und abzuschrecken.

Immer wieder geschieht es, daß der Vegetarismus "weltanschaulich verpackt" oder "gemeinsam mit Glaubenspaketen geliefert" wird. Dies ist nicht nur nicht notwendig - weil die faktischen und ethischen Gründe für den Vegetarismus ohnehin überwältigend sind -, sondern extrem schädlich, weil es den Kreis derer, die wir überzeugen können, unnötig und drastisch einschränkt. Deshalb sollten wir wir stets darauf achten, daß unsere Botschaft so "schmal" und "ideologiefrei" wie nur irgend möglich ist.

Allerdings, wie gesagt: Die ethische Dimension und Notwendigkeit des Vegetarismus sollte sehr wohl immer hervorgehoben werden. Denn nur ein moralisch motivierter Vegetarismus kann jene Mechanismen mobilisieren, die zur Beförderung und Verwirklichung von Tierrechten notwendig sind.

9.2.2 Vegane Vision

Endziel der Tierrechtsbewegung ist die Veganisierung der Gesellschaft. Voraussetzung hierfür ist aber eine Vegetarisierung der Gesellschaft. Denn:

  • Eine vegane Politik zum jetzigen Zeitpunkt würde weder Veganer noch Vegetarier schaffen.
  • Mehr noch: Eine vegane Politik zum jetzigen Zeitpunkt würde sogar mögliche Vegetarier verhindern.
  • Eine vegetarische Politik zum jetzigen Zeitpunkt kann hingegen Vegetarier und (spätere) Veganer schaffen.

Denn, wie gesagt: Der (ethische) Vegetarismus ist die praktisch notwendige Voraussetzung für den Veganismus. Alle Veganer waren vorher Vegetarier. Jeder tatsächliche Schritt zum (ethischen) Vegetarismus ist gleichzeitig ein möglicher Schritt zum Veganismus. Mit anderen Worten: Jeder tatsächliche Schritt zum (ethischen) Vegetarismus bedeutet insgesamt betrachtet einen Schritt in Richtung Veganismus. Wer jetzt den (ethischen) Vegetarismus fördert, fördert damit automatisch auch den Veganismus.

Dieser psychologischen Tendenz vom Vegetarismus hin zum Veganismus entspricht auch eine sachliche. Bestes Beispiel hierfür: die aktuelle (Frühjahr 2002) Einführung ganzer veganer Produktpaletten von seiten großer Lebensmittelketten (in Österreich).

Dies geschieht nicht, weil die vegane Fraktion der Tierrechtsbewegung bereits eine so starke gesellschaftliche und wirtschaftliche Kraft darstellt, sondern entspricht vielmehr einer banalen allgemeinen Gesetzmäßigkeit: Jede Entwicklung zieht an ihren Rändern auch entsprechende Maximalausprägungen nach sich. So wie der Minirock auch den Mikro-Mini hervorbrachte, die "sexuelle Freiheit" auch zu völlig wahllosem Geschlechtsverkehr führte und jeder Modesport auch entsprechende Extremvarianten mit sich bringt, so werden im Zuge der Entwicklung weg vom Fleisch auch (noch) "extremere", sprich: vegane Produkte angeboten. Jede Entwickung in Richtung Vegetarismus ist daher auch auf dieser Ebene eine Entwicklung in Richtung Veganismus. Der Vegetarismus schiebt den Veganismus quasi vor sich her, der Vegetarismus ist der Motor des Veganismus.

Schließlich gibt es noch einen weiteren tendenziellen Automatismus in Richtung Veganismus: Das gegenwärtige System der Nahrungsmittelproduktion auf tierlicher Basis ist objektiv unsinnig und schwer angeschlagen:
1) Biologisch: Die Fleischproduktion bedeutet eine Ressourcenvergeudung gigantischen Ausmaßes (bei vegetarischer Ernährung könnten zehnmal so viele Menschen ernährt werden) und eine verheerende Umweltzerstörung (etwa Grundwasserverseuchung, Regenwaldszerstörung und Treibhauseffekt).
2) Ökonomisch: Dieser institutionalisierte Wahnsinn wird bekanntermaßen nur mehr durch ein aberwitziges, ja geradezu geisteskrankes Subventionssystem künstlich am Leben erhalten.
3) Medizinisch: Es besteht kein Zweifel daran, daß eine vegetarische Ernährung der Bevölkerung immense gesundheitliche Vorteile mit sich brächte.

Die objektiven Nachteile und Schwächen dieses Systems haben horrende Dimensionen, die durch diese stichwortartige Aufzählung nur angedeutet werden konnten. Kommen weitere gravierende destabilisierende Faktoren hinzu, wird dieses System letztlich in sich zusammenbrechen. Und zwar, und das ist der entscheidende Punkt: in seiner Gesamtheit. Das heißt: Das Ende dieses Systems wird nicht nur das Ende der Fleischindustrie, sondern auch das Ende der Milch-, Eier- und Lederindustrie bedeuten.

Die kranke Restrentabilität des Systems (wäre es eine "gesunde", echte Rentabilität, bedürfte es ja nicht des aberwitzigen Subventionssystems) beruht nämlich auf der optimierten Mehrfachnutzung der Tiere unter Ausschöpfung aller möglichen Kostenminimierungen und Gewinnmaximierungen: Die Tiere werden lebenslang soweit biologisch, technisch und organisatorisch nur irgend möglich ausgebeutet (z. B. bei der Milch- und Eierproduktion), dann vielleicht noch um irgendwelcher perverser Prämien willen ohne Essen und Trinken ein paar tausend Kilometer zum Schlachthof transportiert, um dann von billigen Hilfskräften bei unzulänglicher oder fehlender Betäubung im Akkord geschlachtet zu werden, damit (auch noch) Fleisch, Haut und Pelz verwertet werden können.

Alle Abstriche von der maximalen Verwertung der Tiere bedeuten Gewinneinbußen für das Gesamtsystem. Wird die zentrale Verwertungskomponente Fleischnutzung (am Ende fast jeder Tierausbeutung steht die Fleischverwertung) dauerhaft und stark geschwächt, wird das letztlich zum Zusammenbruch des Systems führen:
Wenn die Gewinne aus der zentralen Verwertungskomponente Fleisch geringer werden, weil die Menschen immer weniger Fleisch essen, werden die tierlichen Produkte insgesamt teurer und damit als Rohstoff für die Lebensmittelindustrie immer unattraktiver. Also werden sich die Hersteller nach anderen, preisgünstigeren Rohstoffen umsehen. Dadurch verteuern sich die tierlichen Nahrungsmittel neuerlich, was zum weiteren Konsumrückgang führt. Und so weiter. Am Ende dieses Prozesses wird die völlige Neuausrichtung des Marktes hin zu nichttierlichen Rohstoffen und Produkten stehen.

Gelingt es, die Fleischproduktion in die Knie zu zwingen, wird sich die Produktion der übrigen tierlichen Produkte letztlich von selber erledigen. Schaffen wir den Schritt zum Vegetarismus, vollzieht die Wirtschaft den Schritt zum Veganismus.

Es gibt also zwei tendenzielle Automatismen vom Vegetarismus hin zum Veganismus:

  • Auf psychologischer Ebene: Wer keine Tiere ausbeuten will, kommt naturgemäß zum Veganismus.
  • Auf ökonomischer Ebene: Wer kein Fleisch ißt, verringert die Rentabilität der Gesamtsystems tierlicher Nahrungsmittelproduktion, mit dem Ergebnis, daß die Industrie zunehmend auf nichttierliche Rohstoffe umsteigt.

In Gang gesetzt werden beide Mechanismen durch den ethischen Vegetarismus: Der psychologische Automatismus funktioniert nur bei ethischer Motivation. Die dauerhafte Abkehr vom Fleisch, die allein den ökonomischen Automatismus in Gang setzt, wird erfahrungsgemäß ebenfalls nur bei ethischer Motivation bewerkstelligt.

Ich rufe daher alle, denen die Tiere am Herzen liegen, auf, mit aller Kraft den ethischen Vegetarismus zu fördern. Denn Vegetarier nützen der Tierrechtsbewegung gewiß mehr als Fleischesser. Und alle Faktoren, die den Veganismus fördern, wurzeln im Vegetarismus.

© Helmut F. Kaplan


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