Schadet "Tierdiplomat" Aufhauser den Tieren?


Die Meinungen über den "Tierdiplomaten" Michael Aufhauser gehen, was nicht weiter verwunderlich ist, weit auseinander. Die einen sind begeistert von seinem finanziellen Einsatz und seinem vernünftigen Vorgehen, die anderen sind entsetzt ob seines freundlichen Umgangs mit Bauern, Metzgern und anderen Tierschindern.

Diese unterschiedlichen Einschätzungen sind, wie gesagt, nicht weiter verwunderlich. Erstaunlich ist vielmehr, daß man so oft auf eine weitgehende Übereinstimmung in bezug auf Aufhauser stößt. Die lautet dann ungefähr so: Also, bei aller möglicher Kritik, es gibt bestimmt Schlimmeres als jemanden, der sein Vermögen dazu verwendet, um ein so imposantes Tierheim wie das Gut Aiderbichl zu errichten und zu betreiben. Was immer der Mann sonst noch so von sich geben mag, ist angesichts dieser Leistung schlimmstenfalls harmlos.

Ohne dem Ergebnis unserer Analyse inhaltlich vorgreifen zu wollen, muß festgestellt werden: Hier handelt es sich um eine voreilige Schlußfolgerung bzw. Verallgemeinerung: Aus der Tatsache, daß jemand ein tolles Tierheim betreibt, folgt nicht automatisch, daß auch seine Aussagen "Hand und Fuß" haben oder im schlimmsten Falle harmlos sind. Wir wollen daher im folgenden strikt zwischen zwei Fragen unterscheiden:

  • Schadet Aufhausers Gut Aiderbichl den Tieren?
  • Schaden Aufhausers Aussagen den Tieren?

Die erste Frage läßt sich schnell und sicher beantworten: Selbstverständlich schadet Gut Aiderbichl den Tieren nicht. Für alle Tiere, die hier landen, ist dies ein großes Glück. Gut Aiderbichl gleicht einem kleinen Paradies inmitten einer großen Hölle. Was auch immer Aufhausers Motive gewesen sein mögen, dieses Tierheim zu errichten – und es gibt keinen Grund, ihm schlechte zu unterstellen –: Für die Tiere ist es ein Segen, auf Gut Aiderbichl zu leben.

Merkwürdige Philosophie

Kommen wir also zur zweiten Frage: Schaden Aufhausers Aussagen den Tieren? Dazu müssen wir uns seine "Philosophie" einmal ansehen. Im Meinungsforum des Salzburger Fensters vom 13. März 2002 beschreibt Aufhauser den Zweck von Gut Aiderbichl so: "Ich möchte mit dem Gut ein sichtbares Symbol für die Würde des Tieres schaffen!" Es soll "vorgeführt werden, wie empfindsam" Tiere sind. Und: "Gut Aiderbichl soll sensibilisieren."

Wozu sensibilisieren, fragt man sich allerdings, wenn man weiter liest: "Die Tatsache, dass die Tiere von Gut Aiderbichl letztendlich nicht zum Schlachter kommen, soll die Fleischproduktion nicht in Frage stellen."

Wenig erhellend ist auch die Information: "Die Tiere auf Gut Aiderbichl ... haben ... eine Art Diplomatenrolle für ihre Artgenossen." Das ist so, wie wenn ich ein Vorzeigeheim für mißbrauchte Kinder errichte, diese Kinder dann zu Diplomaten für alle ihre Leidensgenossen erkläre, um dann festzustellen: Die Tatsache, daß diese Kinder nicht mehr mißbraucht werden, soll den Kindesmißbrauch an sich nicht in Frage stellen.

Bemerkenswert auch Aufhausers Warhnehmungen in bezug auf Bauern: Seine Mitarbeiter, die allesamt Bauernfamilien entstammten, brächten "ein großes Gespür für die Tiere ... mit." Außerdem sei der Salzburger Bauer "zu Recht stolz auf das beispielhafte Verhältnis zu seinen Tieren." Und überhaupt: "Bauern sind Tierschützer der vernünftigen Art."

Man sieht: Zunehmend wird es überflüssig, Aufhausers Aussagen zu kommentieren, sie sprechen für sich – und gegen ihn. Spätestens bei folgender Bemerkung läßt man alle Hoffnung auf Logik und Vernunft fahren: "Tierschutz heißt auch, dem Beruf des Metzgers die entsprechende Achtung entgegen zu bringen." Und schließlich, völlig irrwitzig, Aufhausers Zukunftsvision:

"Freier Handel bedeutet ja nicht nur Import. Österreichische Produkte können ebenso exportiert werden. Ich denke da zum Beispiel an hochwertige Eier .... Oder der Tafelspitz als Export-Markenartikel ... mit einer Empfehlung von Gut Aiderbichl, das den Menschen in Deutschland mittlerweile auch bekannt ist. Utopie?"

Nein, keine Utopie, sondern Schwachsinn! Den Namen eines Tierasyls als Gütesiegel für Tierleichen zu vermarkten, ist abartig!

Gefährlicher Unsinn

Unsinn zu reden, ist niemals harmlos. Dies aber obendrein quasi unter falschem Namen zu tun, ist doppelt gefährlich. Wer etwa sagt, Menschen umzubringen, sei nicht weiter schlimm, solange man dabei nur ihre Würde respektiere, ist gefährlich. Wer aber diese Aussage im Namen der Menchenrechte macht, ist noch viel gefährlicher: Weil er zusätzlich die Bewegung, die Menschen schützen soll, ruiniert, indem er sie ad absurdum führt!

Genau das macht Aufhauser. Er sagt, Tiere umzubringen, sei schon in Ordnung, solange man dabei nur ihre Würde respektiere. Und er sagt dies als "Tierrechtler". Das ist wichtig. Aufhauser sieht sich selbst als Tierrechtler ("Förderkeis für Tierrechte", "Privatstiftung für Tierrechte") und er wird von den Medien als Tierrechtler gesehen (zum Beispiel bei TV-Sendungen regelmäßig als solcher angekündigt).

Damit kommen wir zur Beantwortung der Frage, ob Aufhausers Aussagen den Tieren schaden? Die Antwort lautet: Ja, Aufhausers Aussagen schaden den Tieren, weil sie keinen Fortschritt in Richtung Befreiung der Tiere darstellen oder bewirken, sondern im Gegenteil für Stillstand und Rückschritt stehen:

Stillstand: Die katastrophale Botschaft Aufhausers lautet: Leute, ihr braucht euer Verhalten nicht zu ändern, ihr könnt ruhig weiter Fleisch essen und ihr braucht dabei auch kein schlechtes Gewissen zu haben!

Rückschritt: Die Tierrechtsbewegung bemüht sich seit über 25 Jahren in mühseliger Kleinarbeit, die jahrhundertealte Vorstellung, daß Tiere essen und Tiere schützen vereinbar sei, als verhängnisvollen rationalen und ethischen Unsinn zu entlarven. "Tierrechtler" Aufhauser schickt sich an, eben diesen Unsinn quasi flächendeckend zu plakatieren.

Bedenkliche Wirkung

Bevor wir zu den Schlußfolgerungen kommen, möchte ich das Ergebnis, daß Aufhausers Aussagen Stillstand und Rückstand bedeuten und bewirken, noch etwas ausführen:

Beim Lesen von Texten von und über Aufhauser hatte ich ein Erlebnis, das ich zuletzt vor Jahrzehnten hatte, als es noch keine Tierrechtsbewegung gab: Man denkt, Donnerwetter, endlich ein Mensch, der kapiert, worum es geht – um am Ende doch wieder fassungslos feststellen zu müssen: Fehlanzeige, wieder nichts! So vernünftig und nett der über Tiere auch redet, dagegen, daß man sie umbringt und aufißt, hat er dennoch nichts einzuwenden.

Aufhausers abenteuerliche Rückreise in den unbekümmerten, naiven und irrationalen Speziesismus ist auch das Geheimnis seiner großen Beliebtheit. Da kann und will jeder mitmachen: Weiter Fleisch essen, lustig sein und dabei ein gutes Gewissen haben!

Nichts zu fordern und nichts zu bewirken – das ist Aufhausers "Erfolgsrezept": Er trifft sich wahllos mit beliebigen Society-Deppen, die irgendetwas vom Liebsein zu Tieren ins Mikrofon faseln – um schon im nächsten Augenblick und auch noch nach einem Jahr wieder in ihr Schnitzel zu beißen oder auf die Jagd zu gehen. Aufhausers Promi-Freunde beweisen ununterbrochen vor laufender Kamera, daß sie von Aufhauser nichts gelernt haben. Und Aufhauser scheint das auch nicht zu stören. Hauptsache, wieder ein tolles Foto für die Medien!

Schließlich zu einer besonders bedenklichen Konsequenz von Aufhausers "Philosophie": Mit seinem ewigen Gerede von der Freundlichkeit, Vernünftigkeit und Achtbarkeit von Bauern und Metzgern und der damit notwendig einhergehenden Verleugnung der grauenhaften Realtität richtet Aufhauser einen kaum mehr wiedergutzumachenden Schaden an: Wenn ohnehin im Grunde alles in Ordnung ist, wozu dann die ganze Aufregung, wozu dann die ganzen Aktionen der Tierrechtler? "Der Aufhauser sagt ja auch ...!" droht zum ultimativen Totschlagargument der Tierschinder zu werden!

Notwendige Konsequenz

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Aufhauser ändert seine Aussagen in Richtung Tierrechte. Oder er gibt seiner "Philosophie" einen passenden Namen, etwa "Umbringen mit Herz" oder "Ausbeuten mit Würde". Daß er weiter den Terror gegen Tiere im Namen von Tierrechten propagiert, darf nicht länger hingenommen werden.

Im Interesse der Tiere ist natürlich die erste Möglichkeit vorzuziehen: Es soll alles unternommen werden, um Aufhauser die Augen zu öffnen und ihn zu ermutigen, endlich seinem eigenen Anspruch, nämlich Tierrechtler zu sein, gerecht zu werden.

Das heißt nun überhaupt nicht, daß er sofort alle Menschen zu Vegetariern oder Veganern machen muß. Worum es geht, ist, Schritte in die richtige Richtung zu setzen bzw. zu bewirken. Und dies beinhaltet, wie ich in meinem Text "Eine Reise von zehntausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt" ausgeführt habe, viele Möglichkeiten:

Wenn jemand, der bis jetzt 20 % vegane Lebensmittel gegessen hat, nunmehr 40 % vegane Lebensmittel ißt, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn ein Fleischesser zum Vegetarier wird, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn ein Fleischesser, der bisher zehn Wurstsemmeln pro Woche gegessen hat, nur mehr fünf ißt, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Und wenn jemand, der noch nie über Tierrechte nachgedacht hat, beginnt, über Tierrechte nachzudenken, so ist das ein Schritt in die richtige Richtung.

Entscheidend ist, um es bildlich auszudrücken, Hinweisschilder in Richtung Befreiung der Tiere, also in Richtung Beendigung der Ausbeutung von Tieren aufzustellen. Was Aufhauser macht, ist, Schilder aufzustellen, die die Menschen zum Stehenbleiben und Rückwärtsgehen ermuntern.

Allgemeiner Appell

Ich hege für Michael Aufhauser durchaus freundschaftliche Gefühle. Deshalb fiel es mir auch nicht ganz leicht, diesen Beitrag zu verfassen. Aber es geht nicht um Aufhauser und es geht nicht um mich. Es geht nicht um seine Feinde und es geht nicht um seine Freunde. Worum es einzig und allein geht und gehen muß, sind die Tiere. Und deshalb war diese nüchterne Analyse notwendig. Ebenso notwendig ist aber nun, leidenschaftlich zu versuchen, Aufhauser doch noch konstruktiv in die historische Aufgabe der Befreiung der Tiere einzubinden.

Die Ethische Weltformel (Vegi-Verlag)
Tierrechte (Echo Verlag)

© Helmut F. Kaplan


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