Was ist am Menschenfresser von Rotenburg so aufregend?


Angesichts der allgemein bekannten und akzeptierten Fakten (Darwin, Evolution) versucht niemand, das Charakteristische am Menschen, das ihn von den Tieren unterscheidet, an biologischen Merkmalen festzumachen. Alle Versuche, den Menschen über die Tiere zu erheben, spielen sich auf der "geistigen", sprich: auf der psychologisch-moralischen Ebene ab.

Das heißt: Rein biologisch betrachtet ist der Mensch anerkanntermaßen ein Tier, genauer gesagt: ein Säugetier. Also befindet sich auch das Essen eines Menschen, rein biologisch betrachtet, auf der gleichen Ebene wie das Essen etwa eines Schweines: In beiden Fällen wird das Fleisch eines Säugetieres verzehrt.

Der immense Unterschied zwischen dem Essen eines Menschen und dem Essen eines Schweines ergibt sich erst aus der dem Essen notwendig vorausgehenden Tötung: Die Tötung eines Menschen wird aufgrund seiner "geistigen" Eigenschaften als ein unvergleichlich gravierenderer Akt betrachtet als das Töten eines Schweines. Mehr noch: Das Töten eines Schweines wird sogar in dem Sinne als völlig "harmlos" betrachtet, daß dies ja normal, naturgegeben und notwendig sei – was sich schon daran ablesen lasse, daß dies "schon immer" so war.

Weil das Töten eines Menschen aufgrund seiner "geistigen" Eigenschaften ein Verbrechen ist, das Töten eines Schweines aber normal und harmlos, ist das Essen von Menschenfleisch pervers, das Essen von Schweinefleisch aber unbedenklich und normal.

Exakt dieser Unterschied entfällt nun aber im Falle des Menschenfressers von Rotenburg weitgehend. Denn das Opfer hat seiner Tötung ja zugestimmt. Damit kommt dem Tötungsvorgang das entscheidende Element des Verbotenen und Verbrecherischen abhanden. Der Fall wird auf die biologischen Fakten und Vorgänge reduziert. Und die sind die gleichen wie beim Töten und Essen eines Schweines.

Diese Identität im Wesentlichen ist es, die die Menschen so aufregt - und nervös macht. Denn daraus resultieren beunruhigende weitere Fragen: Warum sollte man eigentlich nicht auch Menschen, die ihrer eigenen Tötung zustimmen, essen dürfen? Warum sollte man nicht auch Menschen essen dürfen, bei denen die "geistige Differenz" zu Tieren nachweislich nicht (mehr) existiert, etwa geistig behinderte, senile oder komatöse Menschen?

Und wenn wir diese Menschen nicht essen dürfen: Warum dürfen wir dann Tiere essen?


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