Das Ende einer Illusion


Es war eine Illusion zu glauben, daß sich die Tierrechtsbewegung analog zur Befreiung der Sklaven und zur Emanzipation der Frauen entwickeln werde. Logisch und ethisch sprach ja in der Tat viel für eine solche Parallele:

In allen drei Fällen geht es darum, moralische Diskriminierungen aufgrund moralisch belangloser Merkmale zu erkennen und zu überwinden: Wir haben erkannt, daß die Hautfarbe belanglos ist. Wir haben erkannt, daß die Geschlechtszugehörigkeit belanglos ist. Und wir beginnen zu erkennen, daß auch die Artzugehörigkeit moralisch belanglos ist: Warum soll man jemanden quälen dürfen, weil er zu einer anderen Art gehört? Die Ausbeutung und Diskriminierung aufgrund der Art, aufgrund der Spezies, der Speziesismus, ist genauso falsch wie Rassismus und Sexismus!

Aber drei Punkte haben wir leider nicht oder zuwenig beachtet:

  • Tiere können keinen Beitrag zu ihrer Befreiung leisten.
  • Ihre Peiniger haben keine Rache von ihnen zu befürchten.
  • Bei der Befreiung der Tiere wird der wichtigste oder zweitwichtigste menschliche Trieb massiv berührt: das Essen.

Die illusionäre Einschätzung der Tierrechtsbewegung wurde durch den autistischen, inzestuösen Lebensstil der meisten Tierrechtler begünstigt: Man trifft nur seinesgleichen und hält die hier gemachten Erfahrungen für gesellschaftlich repräsentativ. Nur so sind die hirnrissigen Strategien und haarsträubenden Hoffnungen zu erklären.

Wer Kontakt zur gesellschaftlichen Wirklichkeit hat, wer die Menschen beobachtet und wer mit ihnen spricht, erkennt, daß hier mit Ethik und Argumenten meist nichts, aber auch wirklich gar nichts zu erreichen ist.

Der Glaube, daß sich die Befreiung der Tiere in Analogie zur Befreiung der Sklaven und zur Emanzipation der Frauen vollziehen werde, war eine schöne Illusion, vielleicht sogar eine vorübergehend hilfreiche und notwendige Illusion. Aber jetzt ist es hoch an der Zeit, sich von dieser Illusion zu verabschieden.

Wer Tiere retten will, muß Realist werden.

Wer noch immer glaubt, daß mit Ethik und Argumenten etwas auszurichten ist, sehe sich die Situation am Pelzsektor an:

Nirgendwo sonst ist die Grausamkeit so überflüssig.
Nirgendwo sonst ist die Grausamkeit so offensichtlich. Und nirgendwo sonst hat sich so wenig geändert.

Nach wie vor werden Pelze, der Inbegriff absurder, perverser und obszöner Tierausbeutung, wie selbstverständlich ausgestellt und angeboten. Wer glaubt, in einer Gesellschaft, in der all die Anti-Pelz-Kampagnen praktisch nichts bewirkt haben, Menschen mit Moral zu Veganern machen zu können, ist ein gemeingefährlicher Narr.

Das Erkennen von Illusionen ist die Voraussetzung für die Veränderung der Realität.

© Helmut F. Kaplan


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