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Zur moralischen Motivierbarkeit der Menschen Bedauerlicherweise ist vieles komplizierter, als einem recht sein kann. Vor kurzem habe ich an anderer Stelle geschrieben, daß die Realisierung von Tierrechtszielen von der Bevölkerung ausgehen müsse, weil nur eine solche "Bewegung von unten" zu zuverlässigen und anhaltenden Veränderungen führen kann. Das trifft für vergleichsweise allgemeine und "harmlose" Forderungen wie etwa Verbot von Käfighaltung oder langen Transporten wohl auch zu. Aber andererseits wäre es völlig unrealistisch, davon auszugehen, daß sich in absehbarer Zeit eine Mehrheit der Menschen für eine vegetarische (geschweige denn für eine vegane) Ernährung gewinnen ließe. Eine diesbezügliche "Bewegung von unten" ist absolut illusorisch. In seiner Arbeit "Die Zukunft einer Illusion" (1927) führt Sigmund Freud aus, daß und warum die gesellschaftliche Funktion der Religion zuverlässiger auf rationale Weise erfüllt wird als auf religiöse. Im Hinblick auf die Vegetarisierung bzw. Veganisierung der Gesellschaft besteht hierzu eine gewisse Parallele: Auch dieses Ziel wird zuverlässiger auf rationale Weise erreicht - als auf ethische Weise. Es ist iIlusorisch zu glauben, eine Mehrheit der Menschen ließe sich mit moralischen Argumenten zu Vegetariern, geschweige denn zu Veganern machen. Entscheidender Unterschied Damit ist auch die Hoffnung, daß sich die Befreiung der Tiere analog zur Befreiung der Sklaven und zur Emanzipation der Frauen vollziehen werde, illusorisch. Aus einem einfachen und einleuchtenden Grund: Im Unterschied zu diesen beiden Befreiungsbewegungen wird bei der Befreiung der Tiere der wichtigste oder zumindest der zweitwichtigste menschliche Trieb, das Essen, elementar und massiv berührt. Den Menschen das gewohnte Essen wegnehmen zu wollen, ist ein genauso hoffnungsloses Unterfangen, wie ihnen den Sex wegnehmen zu wollen. Ob wir es wollen oder nicht und ob es uns gefällt oder nicht: Für die meisten Menschen ist Essen die wichtigste oder zweitwichtigste Beschäftigung. Was die Tierrechtsbewegung daher dringend braucht, ist eine Anpassung an die Realität: Es ist ein unverzeihlicher Unfug, sich weiterhin an die Hoffnung auf eine moralische bzw. weltanschauliche Vegetarisierung bzw. Veganisierung der Gesellschaft zu klammern. Dafür sind die Menschen zu dumm oder zu schlecht oder zu unreif oder alles zusammen. Auch im menschlichen Bereich wird der Umgang miteinander nicht mit moralischen Mitteln bewerkstelligt! (Siehe meine "Ethische Weltformel", z. B. Abschnitt 3.2 "Überforderung der Tierethik".) Was daher angestrebt werden muß, ist, eine QUALIFIZIERTE MINDERHEIT für unsere ethischen Ziele zu gewinnen. Zehn Prozent der Bevölkerung vielleicht. Und diese moralische Minderheit muß dann die moralischen Ziele PRAKTISCH durchsetzen. Moralische Minderheit Dazu finden sich in Freuds oben angeführter Arbeit merkwürdig passende Passagen: "So bekommt man den Eindruck, daß die Kultur etwas ist, was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderzahl auferlegt wurde, die es verstanden hat, sich in den Besitz von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen. ( ... ) Ebensowenig wie den Zwang zur Kulturarbeit, kann man die Beherrschung der Masse durch eine Minderzahl entbehren, denn die Massen sind träge und einsichtslos, sie lieben den Triebverzicht nicht, sind durch Argumente nicht von dessen Unvermeidlichkeit zu überzeugen, und ihre Individuen bestärken einander im Gewährenlassen ihrer Zügellosigkeit. Nur durch den Einfluß vorbildlicher Individuen ... sind sie zu den ... Entsagungen zu bewegen, auf welche der Bestand der Kultur angewiesen ist." Ich will diese Ausführungen weder im einzelnen kommentieren, noch behaupten, daß sie auf unsere Fragestellung vollkommen zutreffen. Schließlich handelt es sich hier um allgemeine kulturtheoretische Aussagen. Aber eine gewisse prinzipielle und prophetische Bedeutung für unser Thema wird man diesen Erwägungen schwerlich absprechen können. Gesellschaftliche Veränderungen und Verbesserungen wurden seit jeher von moralischen (oder intellektuellen) Eliten angestoßen. Erst im Zuge diverser psychologischer, sozialer und politischer Entwicklungen und Prozesse werden solche Neuerungen von einer Mehrheit akzeptiert. Man denke etwa an die Durchsetzung von Minderheitenrechten, an die Abschaffung von Folter und Todesstrafe, an die Senkung der Promillewerte beim Autofahren und an die Einführung von Gurtenpflicht und Euro. Was die qualifizierte Minderheit von moralisch motivierten Menschen im Hinblick auf Tierrechte vorrangig durchsetzen muß, ist die Umstellung der Ernährung auf eine nichttierliche Rohstoffbasis. Und diese Zielsetzung ist angesichts der realen (aber vielfach verschwiegenen) gegenwärtigen Umstände auch gar nicht so utopisch, wie es auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mag. Denn die jetzige Lebensmittelherstellung auf tierlicher Basis ist nicht nur ein moralisches Verbrechen, sondern auch nachweislicher ökologischer, ökonomischer und medizinischer Unfug: Krimineller Unfug Nun gilt es, ökologische, ökonomische und medizinische Experten zu gewinnen, um diesem institutionalisierten kriminellen Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Und um diese Menschen zu motivieren, müssen sie vorher quasi moralisch infiziert werden. Daher ändert sich in unserer strategischen Arbeit erstaunlich wenig. Denn um diese Experten zu finden bzw. zu erreichen, müssen wir nach wie vor "flächendeckend" das tun, was wir schon jetzt tun: informieren, aufklären, Bewußtsein bilden. Was sich hingegen ändern muß, sind die Erwartungen über den möglichen Erfolg dieser Maßnahmen. Wir dürfen es nicht länger als Mißerfolg betrachten, wenn wir nur eine Minderheit erreichen. Diese moralische Minderheit muß dann mit praktischen Mitteln jenes Ziel verwirklichen, von dem wir illusorischer Weise glaubten, es mit moralischen Mitteln erreichen zu können: die menschliche Ernährung auf eine nichttierliche Basis zu stellen. © Helmut F. Kaplan Themenverwandte Artikel: |
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