Politik oder Purismus


Im Rahmen einer Dokumentation anläßlich des 15. Todestages von Thomas Bernhard war auch ein Stierkampf zu sehen. Bernhard kommentierte das scheußliche Schauspiel erfreulich ablehnend. Das Entsetzen war ihm ins Gesicht geschrieben.

Mir wurde bei dieser Gelegenheit klar wie nie zuvor, wie wichtig auch die "praktische Seite" der Tierrechtsbewegung ist: Wir können und dürfen uns nicht damit begnügen, jahrzehntelang gegen solche schauerlichen Grausamkeiten zu demonstrieren und zu protestieren. Vielmehr müssen auch immer wieder und immer mehr handfeste Aktionen gesetzt werden mit dem Ziel, solche Massaker zu verhindern oder zumindest zu stören.

Damit meine ich keine Angriffe gegen Personen. Das wäre der falsche Weg. Eine "Gewalt-Diskussion" dieser Sorte wäre kontraproduktiv. Aber Angriffe gegen die entsprechenden Einrichtungen müssen sein. Keine Befreiungsbewegung kommt ohne solche symbolträchtigen Aktionen, die die Aufmerksamkeit auf das himmelschreiende Unrecht lenken, aus.

Das Grundproblem in diesem Zusammenhang ist freilich: Wir haben nicht die Mehrheit, sodaß solche Aktionen immer Gefahr laufen, entweder zu verpuffen oder aber im Sinne des Gewalt- und Terror-Vorwurfs interpretiert zu werden.

Deshalb gilt es, hier klug und selektiv vorzugehen, und der Stierkampf ist hierfür ein gutes Beispiel: Wir müssen uns solche Massaker aussuchen, bei denen die Gewalt gegen Tiere besonders abstoßend, sinnlos und niederträchtig ist. Kommen Begründungen, Erklärungen und Rechtfertigungen im Hinblick auf Religionen oder Traditionen hinzu, die die Mehrheit der Menschen NICHT teilen oder akzeptieren, umso besser!

Durch die gezielte Auswahl dessen, was mit spektakulären Mitteln bekämpft wird, läßt sich das Manko, daß wir allgemein in der Minderheit sind, für Einzelbereiche aufheben. Solche möglichen "Mehrheits-Inseln" müssen genutzt werden. Erfolgversprechende Kandidaten für diese Strategie sind zum Beispiel Stierkampf und Schächten.

Wer immer sich gegen solche schauerlichen Massaker mit uns verbündet, soll uns willkommen sein. HIER geht es um Tiere. Und was unsere Verbündeten in ANDEREN Bereichen machen, braucht uns im Normalfall nicht zu interessieren. In der Demokratie geht es regelmäßig um Zweckbündnisse für bestimmte Ziele. Das sollten endlich auch Tierrechtlerinnen und Tierrechtler begreifen, anstatt sich mit puristischer Idiotie und infantiler politischer Korrektheit gegenseitig zu lähmen.

© Helmut F. Kaplan


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