Zukunftsweisend!
Der Holocaust-Vergleich setzt eine Reife voraus, die vielen noch fehlt
Über die tagesaktuelle Effizienz der Peta-Kampagne „Der Holocaust auf Ihrem Teller“
kann man angesichts der negativen Publikums- und Pressereaktionen geteilter Meinung sein. Mittel- und langfristig ist diese Aktion aber mit
Sicherheit sinnvoll und notwendig:
- Alle vergangenen "vernünftigen" Tierrechts-Kampagnen haben wenig bis nichts bewirkt. Die Menschen essen nach wie vor
Fleisch und sie haben dabei auch noch ein gutes Gewissen. Mehr noch, wir waren sogar schon einmal viel weiter: Das
Thema moralische Fragwürdigkeit des Fleischessens war in Medien und Bewußtsein vor einigen Jahren deutlich
präsenter als heute. Momentan gibt es sogar eine Renaissance der unverfrorenen Werbung für Fleisch in allen
Varianten.
- Hätte Peta bei dieser Kampagne auf die "Menschen-Seite", also auf den Vergleich der Massaker an Tieren mit den
Massakern an Menschen verzichtet, wäre die Medien-Resonanz viel, viel geringer gewesen.
- Im Kielwasser dieser "provokanten" Kampagne konnten Pro-Tierrechts-Fakten und –Argumente in einem Maße und auf eine
Weise verbreitet werden, wie dies anderenfalls NIEMALS möglich gewesen wäre. Beweis: der erste (vierseitige!)
"Spiegel"-Artikel zum Thema Tierrechte – und das nicht nur nicht zynisch, sondern sogar ausgesprochen wohlmeinend!
Das sind mindestens drei Sensationen auf einmal!
- Für einen durchschlagenden Erfolg der Tierrechtsbewegung ist es unerläßlich, deren zentralen Begriff, den Speziesismus,
begrifflich zu erläutern und gesellschaftlich zu etablieren. Dies läuft NOTWENDIG auf die prinzipielle moralische
Gleichsetzung von Menschen und Tieren hinaus. Und nichts anderes als exakt diese Gleichsetzung ist es, die die
Menschen beim Holocaust-Vergleich so empört. Mit anderen Worten: An der Erörterung und Etablierung dieses
Kernpunkts der Tierrechtsphilosophie kommen wir sowieso nicht vorbei.
- Wie Thomas Winger, Initiator der Tierrechts-Plattform United Creatures, eindrucksvoll und anschaulich
herausgearbeitet hat, stehen dem rationalen und emotionalen Verständnis des Holocaust-Vergleichs bei der
älteren und (in geringerem Maße) bei der mittleren Generation zwei schwer unüberwindbare Hindernisse entgegen:
- Das Dogma der Einzigartigkeit des Menschen: Den Vertretern dieser beiden Generationen steckt der unreflektierte,
platte Speziesismus noch in den Knochen. Darwin und die Evolution sind für sie meist ebenso abstrake wie blasse
Begriffe, die ohne echten Einfluß auf ihr Weltbild blieben.
- Das Dogma der Einzigartigkeit der Nazi-Verbrechen: Die relative zeitliche Nähe zum Dritten Reich erschwert eine
objektive Auseinandersetzung mit den Nazi-Verbrechen und macht vor allem einen Vergleich dieser Verbrechen mit anderen
Menschheitsverbrechen historischen Ausmaßes so gut wie unmöglich.
Bei der jüngeren Generation treffen wir hingegen auf ungleich
günstigere Voraussetzungen für eine positive Aufnahme des Holocaust-Vergleichs: Diese Menschen haben
dank Kenntnisnahme der Evolution aller Lebewesen eine viel realistischere, offenere und positivere
Einstellung gegenüber Tieren. Und ihr emotionaler Abstand zum Dritten Reich ermöglicht ihnen eine
rationale Reflexion der Nazi-Verbrechen und deren unvoreingenommenen Vergleich mit anderen großen
Menschheitsverbrechen. Hieraus resultiert die Fähigkeit und Bereitschaft, Leiden mit Leiden zu vergleichen.
Deshalb wird die Festigung der Assoziation von
Massentierhaltung / Tiertransport / Schlachthof mit dem Nazi-Holocaust bei jüngeren Menschen
gesellschaftspolitisch letztlich ungleich schwerer wiegen als die negativen Reaktionen, die
der Holocaust-Vergleich heute bei der mittleren und älteren Generation auslöst. Denn, wie
Peter Sloterdijk richtig bemerkt: "Die Jugendlichen, die in fünf bis zehn Jahren
wahlberechtigt sein werden und in 20 Jahren die Wählermehrheit bilden, halten schon jetzt praktisch
alles, was in der Nutztierhaltung passiert, für ein Umweltverbrechen in einer Größenordnung, die an das Diktum des
Literatur-Nobelpreisträgers Isaac B. Singer erinnert: ‘Für die Tiere sind alle Menschen Nazis; für sie ist
jeden Tag Treblinka."
© Helmut F. Kaplan
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