Zukunftsweisend!


Der Holocaust-Vergleich setzt eine Reife voraus, die vielen noch fehlt

Über die tagesaktuelle Effizienz der Peta-Kampagne „Der Holocaust auf Ihrem Teller“ kann man angesichts der negativen Publikums- und Pressereaktionen geteilter Meinung sein. Mittel- und langfristig ist diese Aktion aber mit Sicherheit sinnvoll und notwendig:

  1. Alle vergangenen "vernünftigen" Tierrechts-Kampagnen haben wenig bis nichts bewirkt. Die Menschen essen nach wie vor Fleisch und sie haben dabei auch noch ein gutes Gewissen. Mehr noch, wir waren sogar schon einmal viel weiter: Das Thema moralische Fragwürdigkeit des Fleischessens war in Medien und Bewußtsein vor einigen Jahren deutlich präsenter als heute. Momentan gibt es sogar eine Renaissance der unverfrorenen Werbung für Fleisch in allen Varianten.
  2. Hätte Peta bei dieser Kampagne auf die "Menschen-Seite", also auf den Vergleich der Massaker an Tieren mit den Massakern an Menschen verzichtet, wäre die Medien-Resonanz viel, viel geringer gewesen.
  3. Im Kielwasser dieser "provokanten" Kampagne konnten Pro-Tierrechts-Fakten und –Argumente in einem Maße und auf eine Weise verbreitet werden, wie dies anderenfalls NIEMALS möglich gewesen wäre. Beweis: der erste (vierseitige!) "Spiegel"-Artikel zum Thema Tierrechte – und das nicht nur nicht zynisch, sondern sogar ausgesprochen wohlmeinend! Das sind mindestens drei Sensationen auf einmal!
  4. Für einen durchschlagenden Erfolg der Tierrechtsbewegung ist es unerläßlich, deren zentralen Begriff, den Speziesismus, begrifflich zu erläutern und gesellschaftlich zu etablieren. Dies läuft NOTWENDIG auf die prinzipielle moralische Gleichsetzung von Menschen und Tieren hinaus. Und nichts anderes als exakt diese Gleichsetzung ist es, die die Menschen beim Holocaust-Vergleich so empört. Mit anderen Worten: An der Erörterung und Etablierung dieses Kernpunkts der Tierrechtsphilosophie kommen wir sowieso nicht vorbei.
  5. Wie Thomas Winger, Initiator der Tierrechts-Plattform United Creatures, eindrucksvoll und anschaulich herausgearbeitet hat, stehen dem rationalen und emotionalen Verständnis des Holocaust-Vergleichs bei der älteren und (in geringerem Maße) bei der mittleren Generation zwei schwer unüberwindbare Hindernisse entgegen:
    • Das Dogma der Einzigartigkeit des Menschen: Den Vertretern dieser beiden Generationen steckt der unreflektierte, platte Speziesismus noch in den Knochen. Darwin und die Evolution sind für sie meist ebenso abstrake wie blasse Begriffe, die ohne echten Einfluß auf ihr Weltbild blieben.
    • Das Dogma der Einzigartigkeit der Nazi-Verbrechen: Die relative zeitliche Nähe zum Dritten Reich erschwert eine objektive Auseinandersetzung mit den Nazi-Verbrechen und macht vor allem einen Vergleich dieser Verbrechen mit anderen Menschheitsverbrechen historischen Ausmaßes so gut wie unmöglich.

Bei der jüngeren Generation treffen wir hingegen auf ungleich günstigere Voraussetzungen für eine positive Aufnahme des Holocaust-Vergleichs: Diese Menschen haben dank Kenntnisnahme der Evolution aller Lebewesen eine viel realistischere, offenere und positivere Einstellung gegenüber Tieren. Und ihr emotionaler Abstand zum Dritten Reich ermöglicht ihnen eine rationale Reflexion der Nazi-Verbrechen und deren unvoreingenommenen Vergleich mit anderen großen Menschheitsverbrechen. Hieraus resultiert die Fähigkeit und Bereitschaft, Leiden mit Leiden zu vergleichen.

Deshalb wird die Festigung der Assoziation von Massentierhaltung / Tiertransport / Schlachthof mit dem Nazi-Holocaust bei jüngeren Menschen gesellschaftspolitisch letztlich ungleich schwerer wiegen als die negativen Reaktionen, die der Holocaust-Vergleich heute bei der mittleren und älteren Generation auslöst. Denn, wie Peter Sloterdijk richtig bemerkt: "Die Jugendlichen, die in fünf bis zehn Jahren wahlberechtigt sein werden und in 20 Jahren die Wählermehrheit bilden, halten schon jetzt praktisch alles, was in der Nutztierhaltung passiert, für ein Umweltverbrechen in einer Größenordnung, die an das Diktum des Literatur-Nobelpreisträgers Isaac B. Singer erinnert: ‘Für die Tiere sind alle Menschen Nazis; für sie ist jeden Tag Treblinka."

© Helmut F. Kaplan


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