Das vegetarisch-vegane Manifest


Kulturelle Entwicklung

1) In der Menschheitsgeschichte gibt es eine Entwicklung hin zu Zivilisation, Kultur und Moral: Ächtung von Selbstjustiz, Folter und Vergewaltigung, die Bestrebung, den Krieg als Konfliktlösungsmittel abzuschaffen usw.

Ein wichtiger Motor dieser kulturellen Evolution ist der technische Fortschritt. So hat uns etwa erst die Vervielfachung der Zerstörungskraft unserer Waffen vollends verdeutlicht, daß Krieg etwas zu Überwindendes ist. "Im Grunde" war Kriegführen wahrscheinlich schon immer irgendwie "falsch" und "unreif", aber erst die technische Vervollkommnung unserer Waffen hat uns dies so richtig bewußt gemacht.

2) Parallel zu dieser Zivilisierung und Kultivierung im Umgang mit Menschen vollzieht sich, zeitlich versetzt, auch eine Sensibilisierung im Hinblick auf unseren Umgang mit Tieren. Und auch hier spielt der technische Fortschritt eine wichtige Rolle: Das Essen von Tieren wurde zwar seit jeher als moralisch problematisch betrachtet, aber erst die optimierte und industrialisierte Tötung von Tieren verdeutlicht die Erkenntnis, daß hier etwas grundsätzlich völlig falsch läuft ­ zumal wir, ebenfalls dank technischer Entwicklungen, auf das Fleischessen ja in keiner Weise mehr angewiesen sind.

3) Zwischen der Zivilisierung und Kultivierung gegenüber Menschen und dieser Zivilisierung und Kultivierung gegenüber Tieren gibt es einen wesentlichen Zusammenhang: Das eine ist ohne das andere nicht möglich. Wir können den Krieg zwischen Menschen nicht abschaffen, solange wir Krieg gegen Tiere führen. Ethik ist unteilbar.

4) Ziel der Zivilisierung und Kultivierung gegenüber Tieren kann nur eine vegane Gesellschaft sein, also eine menschliche Ernährung nicht nur ohne Fleisch, sondern ohne jegliche tierliche Produkte. Denn die Milch- und Eierproduktion ist aufs engste mit der Fleischproduktion verknüpft und würde auch ohne diese endloses Leiden und Sterben von Tieren verursachen.

5) Wie bei der Abschaffung des Krieges unter Menschen sind wir auch bei der Abschaffung des Krieges gegen Tiere aufgrund unseres mörderischen Erbes schwer belastet und heillos überfordert. Deshalb gilt es hier wie dort, auf allen Ebenen alle Möglichkeiten zu nutzen, um das wünschenswerte und notwendige Ziel möglichst rasch zu erreichen.

Moralische Ernährung

1) Was jeder tun soll

Was jeder tun soll, ist, aufzuhören, Fleisch (inklusive Fisch) zu essen. Angesichts des gigantischen Nahrungsmittelangebotes in den "zivilisierten westlichen" Ländern ist es nicht zuviel verlangt, auf Fleisch grundsätzlich zu verzichten.

2) Was jeder noch tun soll

Was jeder noch tun soll, ist,

  • bei Lebensmitteln, die Milch und Eier enthalten können, zu jenen Produkten zu greifen, die keine Milch und Eier enthalten;
  • Milch- und Eiprodukte möglichst durch entsprechende vegane, also nichttierliche Alternativprodukte zu ersetzen.

3) Was Tierrechtler tun sollen

Diejenigen, die sich der Verwirklichung von Tierrechten verschrieben haben, müssen "alle Hebel in Bewegung setzen", damit möglichst rasch möglichst viele nichttierliche Produkte auf den Markt kommen:

  • Lebensmittel, bei denen die Milch- und Eibestandteile ohnehin "unwesentlich" sind, sollen ohne diese hergestellt werden.
  • Milch- und Eiprodukte, z. B. Käse, sollen durch entsprechende nichttierliche Produkte ersetzt werden.
  • Fleisch soll durch "Fleischersatz"-Produkte (z. B. auf Weizen- oder Sojabasis) ersetzt werden, um dem Fleischesser den Ausstieg zu erleichtern.

Tierliche Nahrungsmittel müssen unbedingt auch von der Produktionsseite her bekämpft werden. Mit Appellen zum Konsumverzicht alleine ist ihre Verbannung aus unserem Leben nicht zu schaffen. Den tierlichen Produkten muß von beiden Seiten der Garaus gemacht werden: von der Konsum- UND von der Produktionsseite!

Wie wichtig die "technische" Seite gesellschaftlicher Umbrüche ist, zeigt ein Blick auf die Frauenrechtsbewegung: Auch hier erfolgte der Durchbruch keineswegs nur auf weltanschaulicher, sondern vor allem auch auf chemischer Ebene: durch die Entwicklung der Anti-Baby-Pille!

Wirksame Umsetzung

Im folgenden sollen einige Überlegungen darüber angestellt werden, wie die skizzierte moralische Ernährung möglichst rasch und zuverlässig realisiert werden kann:

1) Vegetarismus

Der moralisch motivierte Vegetarismus ist gleichsam die "Eintrittskarte" ins Tierrechtsdenken. Hier gehen Logik und Ethik besonders plausibel Hand in Hand:

  • Der Kausalzusammenhang zwischen Fleischessen und Tiertötung leuchtet unmittelbar ein ("Wenn ich Fleisch esse, muß ein Tier für mich sterben").
  • Der moralisch motivierte Vegetarismus ("Ich esse kein Fleisch, damit kein Tier für mich sterben muß") ist ein "logischer" Schritt und der Startpunkt für das Denken, Fühlen und Handeln im Sinne von Tierrechten.

Die Tierrechtsphilosophie und -ethik stellt eine solide und überzeugende Grundlage für die Abkehr von der herkömmlichen steinzeitlichen Ernährung dar. Ökologische und gesundheitliche Aspekte liefern weitere wichtige Gründe für einen Verzicht auf tierliche Produkte.

2) Veganismus

Bei der Werbung für den Veganismus können fürchterliche Fehler passieren. Das haben jene irrationalen Fanatiker eindrucksvoll bewiesen, denen es durch äußerstes Ungeschick "gelang", der ethisch und ökologisch fraglos besten menschlichen Ernährungsform, dem Veganismus, ein verheerendes öffentliches Image zu verpassen. Deshalb empfiehlt es sich dringend, sich über die momentanen Möglichkleiten der Förderung des Veganismus ein realistisches Bild zu machen, um nicht Maßnahmen zu setzen, die den Gesamtprozeß in Richtung vegane Gesellschaft letztlich verlangsamen und behindern. Hierzu bietet sich der Blick auf ein anderes, quasi "bewährtes" Tierrechts-Thema an: Tierversuche.

Wie bei der Förderung von Vegetarismus und Veganismus geht es auch bei der Bekämpfung von Tierversuchen darum, durch eine Verhaltensänderung der Menschen eine Verbesserung für die Tiere zu erreichen: daß sie nicht länger ausgebeutet, gequält und getötet werden ­ als Fleisch-, Milch- und Eiermaschinen oder als Versuchsobjekte.

Bei der Anti-Tierversuchs-Bewegung begegnen wir im Hinblick auf die von den Menschen geforderten Verhaltensänderungen einer differenzierten Situation. In bezug auf Kosmetika, Shampoos und Seifen, die im Tierversuch getestet wurden, wird ein Boykott verlangt. Ein Boykott von Medikamenten, Ärzten und Krankenhäusern wird hingegen nicht gefordert, obwohl der gesamte medizinische Bereich auch auf Tierversuchen beruht und seine Nutzung daher Tierversuche fördert.

Dennoch wird von Tierversuchsgegnern nicht verlangt, nicht mehr zum Arzt zu gehen oder keine Medikamente mehr zu nehmen, sondern lediglich, daß sie sich dafür einsetzen, daß diese Leistungen und Produkte künftig ANDERS, nämlich ohne Tierversuche, erbracht bzw. produziert werden.

Mit anderen Worten: Man fordert lediglich einen Boykott dessen, worauf sich vergleichsweise leicht verzichten läßt, und wechselt bei Leistungen und Produkten, deren Boykott schwerer zumutbar ist, von der Boykott- zur Protest-Strategie: Es soll politisch alles daran gesetzt werden, um zu erreichen, daß diese Leistungen und Produkte künftig ANDERS, nämlich ohne Tierleid, erbracht bzw. hergestellt werden.

Dies muß auch bei der Förderung des Veganismus berücksichtigt werden:

  • Es ist unrealistisch, von den Menschen zuviel zu verlangen.
  • Es ist wichtig, die "Produktions-Seite" zu verändern:
    So, wie es bei der Bekämpfung von Tierversuchen notwendig ist, die tier(versuchs)freie Herstellung von Medikamenten zu fördern, so ist es bei der Förderung des Veganismus notwendig, die tierfreie Herstellung von Nahrungsmitteln zu fördern.

3) Produktveränderung

So wichtig bei der Vegetarisierung die Ethik ist - quasi die moralische Initialzündung für eine gesellschaftliche Veränderung -, so wichtig ist bei der Veganisierung die Produktveränderung: die Herstellung von Lebensmitteln auf nichttierlicher Basis.

Denn erst wenn vegane Produkte überall vielfältig und kostengünstig angeboten werden, werden sie auch in großem Maßstab konsumiert werden. Nichttierliche Lebensmittel müssen so praktisch, profitabel und selbstverständlich werden, daß nur mehr verrückte Außenseiter auf die Idee kommen, sich wie in der Steinzeit von Leichen, Milch und Eiern zu ernähren.

Was wir daher brauchen, ist eine lebensmitteltechnologische Revolution hin zur Verwendung nichttierlicher Rohstoffe. Wobei das Wort "Revolution" vielleicht der falsche Ausdruck ist. Denn je "schleichender" und unauffälliger sich diese Entwicklung vollzieht, desto besser. Wenn die Regale erst mal voll mit veganen Produkten sind, dann werden sie die Menschen auch kaufen! Wenn der McDonald´s um die Ecke auf einmal McVegan´s heißt, werden die Leute eben da rein gehen!

Außerdem und bis es soweit ist: Erst die wenigstens ansatzweise Realisierung der "Produktionsschiene" ermöglicht die Ausschöpfung des vielleicht gar nicht so kleinen Potentials derer, die gegenüber Tierrechten und tierfreien Produkten durchaus aufgeschlossen sind. Aber diesen Menschen muß man konkrete Vorschläge machen können, man muß sagen können: Nimm doch mal die vegane Version von dem!

Die Chancen für eine Wende zum Veganismus stehen im übrigen viel besser als vermutet. Denn das gegenwärtige GESAMTSYSTEM der Lebensmittelproduktion auf tierlicher Basis, also die Herstellung von Fleisch und die Herstellung vegetarischer Produkte (Milch, Eier usw.) ist aufgrund vieler und gravierender Nachteile und Schwächen in Wirklichkeit sowieso schon schwer angeschlagen:

  • Ökologisch: Die Fleischproduktion bedeutet eine immense Ressourcenvergeudung (bereits bei vegetarischer Ernährung könnten zehnmal so viele Menschen ernährt werden, bei veganer Ernährung noch mehr) und eine verheerende Umweltzerstörung (etwa Grundwasserverseuchung, Regenwaldszerstörung und Treibhauseffekt).
  • Ökonomisch: Dieser institutionalisierte Wahnsinn wird bekanntermaßen nur mehr durch ein aberwitziges Subventionssystem künstlich am Leben erhalten.
  • Medizinisch: Es besteht kein Zweifel daran, daß eine vegetarische / vegane Ernährung enorme gesundheitliche Vorteile mit sich brächte.

Die negativen Konsequenzen des gegenwärtigen Systems der Lebensmittelherstellung auf tierlicher Basis sind also bereits jetzt enorm und werden sich auf Dauer immer schwerer verleugnen lassen. Selbst in der EU-Agrar-Bürokratie ist bereits ein Umdenken im Gange, Stichtwort: produktionsunabhängige Subventionen.

Kommen zu den erwähnten Nachteilen und Schwächen dieses Systems weitere destabilisierende Faktoren hinzu, kann dies dessen Ende einläuten. Denn die kranke Restrentabilität dieses Systems (wäre es eine "gesunde", echte Rentabilität, bedürfte es ja nicht des aberwitzigen Subventionssystems) beruht auf der optimierten Mehrfachnutzung der Tiere unter Ausschöpfung aller möglichen Kostenminimierungen und Gewinnmaximierungen: Die Tiere werden lebenslang soweit biologisch, technisch und organisatorisch nur irgend möglich ausgebeutet (z. B. bei der Milch- und Eierproduktion), dann vielleicht noch um irgendwelcher perverser Prämien willen ohne Essen und Trinken ein paar tausend Kilometer zum Schlachthof transportiert, um dann von billigen Hilfskräften bei unzulänglicher oder fehlender Betäubung im Akkord geschlachtet zu werden, damit (auch noch) Fleisch, Haut und Pelz verwertet werden können.

Alle Abstriche von dieser maximalen Verwertung der Tiere bedeuten Gewinneinbußen für das Gesamtsystem. Kommt es nun zu einer (weiteren) gravierenden Schwächung der zentralen Tierverwertungs-Komponente, also der Fleischnutzung (am Ende fast jeder Tierausbeutung steht die Fleischverwertung), kann dies den Zusammenbruch des Gesamtsystems bewirken:

Wenn die Gewinne aus der zentralen Tierverwertungs-Komponente Fleisch geringer werden, werden sich die tierlichen Produkte insgesamt verteuern und damit als Rohstoff für die Lebensmittelindustrie immer unattraktiver werden. Also werden sich die Hersteller nach anderen, preisgünstigeren Rohstoffen umsehen. Dadurch verteuern sich die tierlichen Nahrungsmittel neuerlich, was zum weiteren Konsumrückgang führt. Am Ende dieses Prozesses wird die Neuausrichtung des Marktes hin zu nichttierlichen Rohstoffen und Produkten stehen.

Damit erhält die massive Propagierung des Vegetarismus eine zusätzliche Bedeutung: Der Fleisch-Boykott hat das Potential, das Gesamtsystem der tierlichen Lebensmittelproduktion zusammenbrechen zu lassen!

Wichtig ist auch die Botschaft: Wer als erster die Zeichen der Zeit, also das Scheitern der jetzigen Lebensmittelproduktion auf tierlicher Basis erkennt, kann sich durch frühzeitiges "Umschwenken" am künftigen Markt große Wettbewerbsvorteile verschaffen!

Krieg oder Frieden

Solange wir Krieg gegen Tiere führen ­ und das Essen von Tieren und tierlichen Produkten IST Krieg gegen Tiere! -, kann es keinen Frieden unter Menschen geben. Leo Tolstoi formulierte es so: "Solange es Schlachthäuser gibt, so lange wird es Schlachtfelder geben." Und von Albert Einstein stammt die Einsicht: "Nichts wird ... die Chancen für ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zu einer vegetarischen Ernährung."

Und dieser Zusammenhang zwischen unserem Umgang mit Tieren und unserem Umgang mit Menschen ist bei Lichte besehen ja auch alles andere als überraschend, sondern vielmehr vollkommen selbstverständlich. Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen:

Ein Bauer hat eine Kuh, einen Esel und ein paar Hühner, mit denen er über Monate und Jahre "unter einem Dach" lebt und "zusammenarbeitet", indem er die Milch der Kuh und die Eier der Hühner verwendet sowie den Esel vor seinen Karren spannt. Sobald seine "Kameraden" dem Bauern aber nicht mehr nützlich sind, erschießt er sie oder hackt ihnen den Kopf ab.

Oder der übliche Umgang mit Gänsen, den ein Redakteur der "Salzburger Nachrichten" offenkundig auch noch ziemlich lustig findet: "Die Gänse folgen Tag für Tag dem Hüter voll Vertrauen ins Nachtquartier. Sie werden demnächst ebenso vertrauensselig wie ahnungslos hinter ihm zur Schlachtbank marschieren."

Kann wirklich irgendjemand, der sich auch nur ansatzweise um ein unbefangenes Urteil bemüht, ernsthaft glauben, daß ein solches treu- und herzloses Verhalten gegenüber Tieren ohne Einfluß auf den Umgang mit Menschen bleibt? "Ethik gegenüber dem Menschen und Roheit gegenüber den Tieren sind zwei Verhaltensweisen, die sich nicht vereinbaren lassen", schreibt Robert Jungk, "denn Grausamkeit gegen Tiere geht nahtlos in Grausamkeit gegen Menschen über."

Dieser Zusammenhang zwischen Grausamkeit gegenüber Tieren und Grausamkeit gegenüber Menschen ist, siehe oben, nicht neu. Neu ist hingegen, daß er seit einiger Zeit auch wissenschaftlich erforscht wird. Ich zitiere im folgenden aus der Dissertation "Zum psychologischen Zusammenhang zwischen der Gewalt gegenüber Tieren und der Gewalt gegenüber Menschen" von Astrid Kaplan (Universität Klagenfurt, 2003).

Kaplan zeigt, daß Gewalt gegenüber Tieren und Gewalt gegenüber Menschen oft gemeinsam auftreten und sich wechselseitig aufschaukeln. (S. 87) So haben etwa "alle Kinder, die in den letzten Jahren an den verheerenden Schulmassakern beteiligt waren, ... vorher an Tieren ŒgeübtŒ." (S. 121) Eine US-Studie aus dem Jahre 1997 zeigt, daß Jugendliche, die wegen Tiermißbrauch verurteilt wurden, fünfmal (!) wahrscheinlicher Gewalt gegenüber Menschen ausüben. (S. 152)

In einer Arbeit für die US-amerikanische Bundespolizei heißt es: "Mörder ... fangen oft damit an, als Kinder Tiere umzubringen und zu quälen." Fast alle Serienmörder haben Tiere gequält, bevor sie Menschen umbrachten. (S. 154)

Beeindruckend und beängstigend sind auch die sozioökonomischen, "vernichtungstechnischen" und forschungshistorischen Zusammenhänge. "Die Ausbeutung von Tieren war und ist das Modell und diente und dient als Inspiration für die Gräueltaten, die Menschen einander antun", schreibt Kaplan, um dann darzustellen,
a) wie die Versklavung von Tieren ("Domestikation") zur Versklavung von Menschen führte,
b) wie die Fließbandschlachtung von Tieren zur Fließbandschlachtung von Menschen (Holocaust) führte, und
c) wie die Tierzucht zu Zwangssterilisation, Euthanasie und Genozid führte: (S. 162)

Ad a) Es ist wohl kein Zufall, daß die Sklaverei erstmals gerade in jener Region auftrat, in der auch die Landwirtschaft erstmals auftrat: im Nahen Osten. Tatsächlich war die Sklaverei wenig mehr als die Erweiterung der Domestikation auf Menschen. Die vertikale, hierarchische Beziehung zu Tieren bildete die Grundlage für die vertikale, hierarchische Beziehung zu bestimmten Menschen. Der Mißbrauch von Tieren war das Vorbild für den Mißbrauch von Menschen.

In einem der mächtigsten Stadtstaaten Mesopotamiens, in Sumer, wurden Tiere und Sklaven gleich behandelt: die Männer wurden wie die männlichen Tiere kastriert und zum Arbeiten verwendet, die Frauen wurden wie die weiblichen Tiere in Arbeits- und Züchtungslager gesteckt. Das sumerische Wort für einen kastrierten versklavten Buben ("amar-kud") ist das gleiche wie für junge kastrierte Esel, Pferde und Ochsen.

In Sklavengesellschaften wurden zur Kontrolle von Sklaven und Tieren die gleichen Methoden verwendet: Kastration, Brandmarken, Auspeitschen, Kettung und Kupieren der Ohren. In ganz Amerika wurde bis ins späte 18. Jahrhundert das Brandmarken zum Markieren und Identifizieren von Sklaven benutzt. (S. 163 ff.)

Ad b) "Der Weg nach Auschwitz beginnt ... im Schlachthaus", schreibt Kaplan. Dem hätte vielleicht sogar Franz Stangl, der Kommandant von Treblinka, zustimmen können. Jedenfalls berichtet er in einem Gespräch mit Gitta Sereny:

"Jahre später, auf einer Reise in Brasilien ... hielt mein Zug in der Nähe eines Schlachthofs an. Die Viecher trotteten an den Zaun heran und starrten auf den Zug. Sie waren ganz nahe vor meinem Abteilfenster, dicht gedrängt, und sie starrten mich durch den Zaun an. Da dachte ich: Schau dir das an; das erinnert dich an Polen; genauso vertrauensvoll haben die Leute dort geschaut ­ gerade bevor sie in die Konservenbüchsen gingen .... ( ... ) Diese großen, runden Augen ... die mich treuherzig anstarrten ... ohne zu ahnen, daß sie nur Augenblicke später alle tot sein würden."

In den USA spielten Schlachthäuser eine große Rolle bei der industriellen Entwicklung. Das neue "industrielle Denken" ging ganz wesentlich von den Union-Schlachthöfen in Chicago aus. So inspirierte etwa die Effizienz, mit der dort Tiere buchstäblich am laufenden Band getötet, zerstückelt, gesäubert und verpackt wurden, Henry Ford zur Fließbandproduktion von Autos. (S. 183 f.)

Und von dieser Schlachthaus-Technologie war es auch nur mehr ein kleiner Schritt nach Auschwitz - das nach Adorno bekanntlich da beginnt, "wo einer im Schlachthaus steht und denkt, es sind ja nur Tiere." Nobelpreisträger J. M. Coetzee läßt seine Protagonistin Elisabeth Costello sagen: "Chicago zeigte uns den Weg; es waren die Viehhöfe von Chicago, die die Nazis lehrten, wie man Körper verarbeitet."

Ad c) Ziel der Tier- wie der Menschenzucht ist es, wünschenswerte Wesen zu züchten und die anderen zu kastrieren und zu töten. Dieses Prinzip führte zur Zwangssterilisation von Menschen in den USA sowie zu Zwangssterilisationen, Euthanasie und Genozid in Deutschland.

Charles Davenport, der Anführer der Eugenikbewegung in den USA, definierte Eugenik als "die Wissenschaft von der Aufwertung der menschlichen Rasse durch verbesserte Fortpflanzung" und freute sich auf die Zeit, wo eine Frau keinen Mann mehr akzeptieren würde, ohne seine biologisch-genealogischen Daten zu kennen ­ so wie kein Viehzüchter ein Vatertier akzeptieren würde, dessen Herkunft er nicht kennt. Davenport sympathisierte mit der Idee, die menschliche Paarung biologisch auf das Niveau in der Pferdezucht zu heben. Harry H. Laughlin, Davenports rechte Hand, war vorher Hühnerzüchter, als Washingtoner Kongreßbeauftragter zuständig für die "biologische Seite" der Immigration ­ und überzeugter Befürworter von Zwangssterilisationen.

Wie Davenport und Laughlin kam auch Heinrich Himmler von der Tierzucht. Auch Rudolf Höss, der Kommandant von Auschwitz, hatte einen landwirtschaftlichen Hintergund. Nicht zuletzt deshalb war er von Himmlers kühnen Plänen so begeistert: Auschwitz sollte eine landwirtschaftliche Forschungsstation mit bisher ungekannten Möglichkeiten werden. Tatsächlich wurde Auschwitz zum "Vollservice"-Eugenikzentrum für die Verbesserung der deutschen Tier- und Menschenpopulation.

Und so sah das NS-Eugenik-Konzept für Menschen aus: 1) Zwangssterilisation, um die Geburt "unbrauchbarer" Kinder zu drosseln. 2) Euthanasieprogramm für jene Kinder, deren Geburt durch das Sterilisationsprogramm nicht verhindert werden konnte. 3) Euthanasieprogramm für "unbrauchbare" Erwachsene.

Dieses umfangreiche Tötungsprogramm erforderte eine effiziente Tötungsmethode. Die meisten Ärzte und Techniker favorisierten das Vergasen. Getestet wurde es an Tieren. (S. 185-195)

In Robert Jay Liftons Buch "Ärzte im Dritten Reich" erläutert der SS-Arzt Dr. B. den Prozeß der Anpassung an den Massenmord:

"Wenn Sie zum ersten Mal eine Selektion sehen .... ( ... ) Sie sehen, wenn Kinder und Frauen selektiert werden. Dann ist man so geschockt, daß man also ... das kann man nicht beschreiben. Und nach wenigen Wochen kann man es gewöhnen. Und das kann man ... niemand erklären. ( ... ) Das kann man nur erleben .... ( ... ) Aber ich glaube, ich kann Ihnen einen Eindruck verschaffen. Wenn Sie ... einmal in ein Schlachthaus gehen, wo Tiere geschlachtet werden. Es gehört auch der Geruch dazu ... nicht nur die Tatsache, daß die umfallen und so weiter. Sie werden wahrscheinlich kein ... das Steak schmeckt nicht mehr. Und wenn Sie es zwei Wochen lang jeden Tag machen, dann schmeckt Ihnen Ihr Steak so gut wie früher auch." (S. 180 f.)

Der jiddische Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer, der im Holocaust viele Familienmitglieder, darunter seine Mutter und seinen jüngeren Bruder, verlor, schreibt im Vorwort zu einem Buch über den Vegetarismus (S. 232):

"Solange Menschen das Blut von Tieren vergießen, wird es keinen Frieden geben. Es ist nur ein kleiner Schritt vom Töten von Tieren zu den Gaskammern Hitlers und zu den Konzentrationslagern Stalins. ( ... ) Solange Menschen mit Messer oder Pistole dastehen, um jene umzubringen, die schwächer sind als sie, wird es keine Gerechtigkeit geben."

© Helmut F. Kaplan


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