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Seit einigen Jahren wird die einst politisch korrekte Haltung, wonach unterschiedliche Kulturen zwar faktisch verschieden, aber moralisch gleichwertig seien, zunehmend in Frage gestellt. Diese Entwicklung vollzieht sich insbesondere vor dem Hintergrund der Rolle und Rechte von Frauen und anderen "traditionell" benachteiligten Menschen: Wer universelle Menschenrechte fordert, muß sich einem solchen wertenden Kulturvergleich wohl anschließen. Kulturelle Unterschiede gibt es
auch zwischen Europa und den USA. Dazu eine kleine Geschichte. Daß das "alte Europa" den USA, insbesondere den USA unter George W. Bush, kulturell überlegen ist, ist unübersehbar. Man denke nur etwa an die Todesstrafe, an das US-Lager Guantanamo, an die systematische Mißachtung der Genfer Konvention, an die ebenso skandalösen wie lächerlichen Eskapaden im Zusammenhang mit dem Internationalen Strafgerichtshof oder an die übliche "Auslagerung" von Folterungen in andere Staaten. Die USA stehen heute (2005) für die faktische Verleugnung all jener Werte, um deren Verwirklichung und Verbreitung es ihnen angeblich geht. Diese Unkultur und Kultivierung von Militanz und Terror zeigen sich auch im Kleinen: Da wird ein fünfjähriges schwarzes Mädchen wegen "Ungezogenheit" von drei Polizisten in Handschellen abgeführt, eine Schwangere wegen angeblich zu lauten Telefonierens von einem Polizisten zu Boden geworfen und ein Jugendlicher gefesselt abgeführt, weil er im U-Bahnhof einen Schokoriegel aß (Essen und Trinken sind dort verboten). Genug der schaurigen Einzelheiten, zurück zum großen Ganzen. Dieses kulturelle Gefälle zwischen Europa und den USA hat auch Folgen für die Tierrechtsbewegung: In Zukunft wird Europa deren Speerspitze darstellen. Zwar liegen die Wurzeln der Tierrechtsbewegung aus philosophiehistorischen Gründen im angelsächsischen Raum (dessen utilitaristische Tradition die Tierrechtsperspektive begünstigte). Aber aufgrund des aufgezeigten Kulturgefälles wird die politische und gesellschaftliche Verbreitung der Tierrechtsidee künftig vorrangig von Europa ausgehen. Daß die Schweiz und Deutschland als erste Länder der Welt den Tierschutz in ihrer Verfassung verankert haben, ist kein Zufall, sondern Ausdruck und Folge eben dieser Entwicklung. Das beschriebene Kulturgefälle zwischen Europa und den USA hat im übrigen auch etwas mit Religion zu tun. Und zwar weniger mit den im einzelnen praktizierten Religionen, sondern damit, in welchem Maße ALLE Religionen auf jene Rolle beschränkt werden, die sie in modernen, aufgeklärten, pluralistschen Gesellschaften legitimerweise einzig und allein spielen können: private Antworten auf private Fragen zu geben. Zurück zur Tierrechtsbewegung. Da diese zweifellos die bisher weitestgehende, "moralischste" Befreiungsbewegung ist (weil sie nicht nur rassistische und sexistische Diskriminierungen verurteilt, sondern auch speziesistische), befindet sich ihre Speerspitze naturgemäß dort, wo Zivilisierung, Kultivierung und Moral am weitesten fortgeschritten sind. Und das ist heute eben Europa. Bei allen Schwächen, Schwierigkeiten und Rückschlägen muß man sagen: Hier bemüht man sich vergleichsweise ernsthaft und vergleichsweise erfolgreich, jene Werte, die die USA lediglich plakatieren, tatsächlich zu praktizieren.
© Helmut F. Kaplan Themenverwandte Artikel: |
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