Der Buchhalter von Auschwitz


In einem SPIEGEL-Bericht (19, 2005) über Oskar Gröning, den "Buchhalter von Auschwitz", wird dessen fragwürdige und mangelnde psychologische und moralische Aufarbeitung seiner Beteiligung am NS-Massenmord dokumentiert und kritisiert. Gröning arbeitete zwei Jahre im KZ Auschwitz, wo er das Geld der ermordeten Juden zählte und Dienst an der Rampe tat. Dennoch fällt es ihm nach wie vor schwer, Schuld zu empfinden oder einzugestehen.

Über das Ende des Gesprächs mit Gröning, das dem Artikel zugrundeliegt, berichtet der Interviewer:

"Er geht hinaus in den Garten. ( ... ) Gröning hat im Winter drei Zentner Vogelfutter auf seine Wiese gekippt und 150 Meisenknödel in die Bäume gehängt. Er liebt Vögel. Neulich hatte einer in seinem Briefkasten genistet. Eines Tages war er tot. Jemand hatte den Vogel mit einem Luftgewehr erschossen. 'Da könnte ich heulen', sagt Oskar Gröning."

Da ist sie wieder: Die ebenso dumme wie abstoßende, besonders bei "Fortschrittlichen" verbreitete Vorwurfshaltung, deren klassische Formulierung lautet: "Bei uns werden die Hunde besser behandelt als die Kinder." Und die politisch korrekte, aber psychologisch absurde Fortsetzung des Gedankengangs: Würden wir Hunde schlechter behandeln, ginge es den Kindern besser ("Solange es so viel menschliches Leid gibt, sollten wir uns zuerst darum kümmern!").

Anstatt sich über JEDES Mitgefühl zu freuen – und es zu fördern -, werden BESTIMMTE Formen des Mitgefühls (vor allem das mit Tieren) abgewertet - mit der Folge, daß damit das Mitgefühl INSGESAMT geschwächt und behindert wird. Denn echtes Mitgefühl ist immer umfassend, wahre Ethik ist immer ungeteilt. Wer sich wirklich um Menschen kümmert, dem sind auch die Tiere ein Anliegen, und wer sich wirklich um Tiere kümmert, dem sind auch die Menschen ein Anliegen.

Daß bei den meisten Menschen das Mitgefühl zuwenig ausgeprägt ist, ist traurig genug. Aber das muß man nicht auch noch forcieren, indem man bestimmte Formen des Mitgefühls abwertet. Die richtige Reaktion auf zu geringes Mitgefühl ist vielmehr, dieses ALS Mitgefühl zu loben, zu fördern und zu verstärken.

© Helmut F. Kaplan


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