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Die fundamentalistische Ideologie In seinem Aufsatz "Fundamentalistisches Denken und Tiermißbrauch" führt der renommierte Tierrechtsjurist Wolfgang Schindler einen neuen und meines Erachtens recht fruchtbaren Begriff in die Tierrechtsdiskussion ein: den Fundamentalismus. Ausgangspunkt von Schindlers Überlegungen ist die Beobachtung, daß sich Fundamentalisten jeglicher Art auf (angebliche) FUNDAMENTALE UNTERSCHIEDE berufen. So sehen etwa islamistische Fundamentalisten einen fundamentalen Unterschied zwischen Männern und Frauen – mit den bekannten verheerenden Folgen für Frauen im Hinblick auf Bildung, Sozialleben und Selbstverwirklichung. Grundlage anderer Fundamentalismen mit fatalen Folgen sind die angeblich fundamentalen Unterschiede zwischen "Gläubigen und Ungläubigen" oder zwischen "Schwarzen und Weißen". Erfreulicherweise sind wir im Zuge der faktischen und philosophischen Erkenntnisse der letzten Jahrhunderte und Jahrzehnte in jenen Ländern, die die Bezeichnung "zivilisiert" verdienen, zum Schluß gekommen, daß oben angeführte Unterschiede kleiner als behauptet bzw. moralisch / politisch belanglos sind: Wir wissen, daß alle Menschen, ob gläubig oder nichtgläubig, schwarz oder weiß, männlich oder weiblich weitgehend die gleichen Interessen und Bedürfnisse haben und daß daher religiöse, rassistische und sexistische Diskriminierungen falsch sind. Und wir akzeptieren und respektieren unterschiedliche Lebensentwürfe und Glaubensbekenntnisse, betrachten aber in unseren säkularen, pluralistischen Gesellschaften alle Menschen als grundsätzlich gleichwertig und gleichberechtigt. Der speziesistische Fundamentalismus Gegenüber einer riesigen Gruppe von Lebewesen steht die beschriebene Kulturleistung – Kenntnisnahme der Fakten und korrekte Konsequenzen - allerdings noch aus: gegenüber den Tieren. Im Hinblick auf die Bewertung und Behandlung von Tieren befinden wir uns nach wie vor im tiefsten Mittelalter. Dabei beruht dieser speziesistische Fundamentalismus auf ganz besonders dubiosen Annahmen: Er ignoriert die Tatsache, daß es EINE Evolution ALLEN Lebens gab und gibt und daß daher der reklamierte schmeichelhafte menschliche Sonderstatus jeglicher Grundlage entbehrt! Kein Merkmal - sei es Bewußtsein, Selbstbewußtsein, Rationalität, Autonomie oder sonst etwas -, das von irgendjemandem als moralisch relevant angesehen wird, verläuft entlang der Speziesgrenze Mensch – Tier! Mehr noch: Es gibt viele Menschen, bei denen diese Merkmale sogar wesentlich SCHWÄCHER ausgeprägt sind als bei vielen Tieren: Viele geistig behinderte oder senile Menschen und alle kleinen Kinder befinden sich auf einem deutlich NIEDRIGEREN Niveau als viele Tiere - als etwa Hunde, Katzen, Rinder und Schweine, denen wir in Versuchslabors, Tierfabriken und Schlachthöfen tagtäglich die grauenhaftesten Dinge antun. Egal, welche Ebene - sei es Sozial- oder Gefühlsleben - oder welche Fähigkeiten - sei es Wahrnehmen oder Problemlösen - wir auch nehmen: Diese Tiere sind diesen Menschen zum Teil haushoch überlegen. Wenn wir daher diesen Menschen Rechte zugestehen, dann müssen wir konsequenterweise auch diesen Tieren entsprechende Rechte zugestehen. Alles andere ist heillos irrational und unmoralisch. Wenn wir Hunde, Katzen, Rinder und Schweine weiterhin so behandeln wollen wie bisher, müßten wir konsequenterweise auch geistig Behinderte, Senile und kleine Kinder so behandeln: sie beispielsweise zu Forschungszwecken mit Nagellackentfernern und Bremsflüssigkeiten vollpumpen, ihnen die Augen zunähen, die Köpfe abschneiden, sie lebenslang in winzige Käfige pferchen, sie abschlachten und aufessen. Diese Art Konsequenz entspricht freilich nicht dem Konzept der Tierrechtsbewegung. Diese will nicht den moralischen Status irgendwelcher Menschen senken, sondern den moralischen Status der Tiere heben! Die Folgen für die Tiere Der speziesistische Fundamentalismus ist MINDESTENS so gefährlich wie andere Fundamentalismen: Er beruht auf völlig falschen Annahmen, hat die meisten Anhänger und wird am wenigsten als Irrlehre wahrgenommen. Deshalb ist es höchste Zeit, diesen menschlichen Fundamentalismus gegenüber Tieren endlich als das zu erkennen, was er ist: eine anachronistische irrationale Ideologie, die unsere Entwicklung hin zu aufgeklärten, humanen und friedlichen Menschen extrem behindert. Dieser Fundamentalismus hat verheerende Folgen für alle, für Opfer wie für Täter, für Tiere wie für Menschen. Zuallererst aber natürlich für die Tiere, denen wir tagtäglich unbeschreibliches, unvorstellbares Leiden zufügen. Wollten wir diesem Leiden auch nur ansatzweise Rechnung tragen, dürften wir in den nächsten Jahrmillionen nichts anderes mehr tun, als ununterbrochen Trauerminuten abzuhalten. Die Folgen für die Menschen Aus der schieren Zahl der Opfer und der daraus resultierenden Konzentration der dauernden Folter- und Hinrichtungsexzesse ergeben sich aber auch schreckliche Schäden für die Menschen: Die Tiere, deren Fleisch wir essen, benötigen 90 Prozent des Futters, das wir ihnen geben, zur Aufrechterhaltung ihres eigenen Stoffwechsels. Mit anderen Worten: Wenn wir selber pflanzliche Nahrungsmittel essen würden, uns also vegetarisch oder vegan ernähren würden, anstatt diese Nahrungsmittel an Tiere zu verfüttern, um dann deren Fleisch zu essen, könnten wir bei gleichen Ressourcen zehnmal so viele Menschen ernähren. Diese Ineffizienz der Nahrungsmittelproduktion auf tierlicher Basis führt dazu, daß aus den Böden das Letzte herausgeholt wird - mit massivem Chemieeinsatz in Form von Kunstdüngern und Pflanzenschutzmitteln. Viele Tiere bedeuten viele Exkremente, also Riesenmengen an Gülle, die die Umwelt verseucht. Die Gewinnung von Land für die Rinderzucht ist eine der Hauptursachen für die Zerstörung des tropischen Regenwaldes. Und die Regenwaldzerstörung führt zu Flut- und Dürrekatastrophen und forciert den Treibhauseffekt. Es gibt eine erdrückende Zahl von Studien, die die immense gesundheitliche Überlegenheit einer pflanzlichen Ernährung eindrucksvoll belegen. Tierliche Nahrungsmittel begünstigen unter anderem Herzerkrankungen, Schlaganfall, Krebs, Diabetes und Arthritis. Bei pflanzlicher Ernährung könnten 80 bis 90 Prozent aller Krebs- und Kreislauferkrankungen vermieden werden, zumindest bis ins hohe Alter. Angaben des Journal of the American Medical Association zufolge könnten durch eine vegetarische Ernährung 97 Prozent aller Herzverschlüsse verhindert werden. Und am Horizont zeichnen sich die apokalyptischen Szenarien Rinderwahn und Vogelgrippe ab. Die Folgen für den Frieden Fast noch gravierender als die verheerenden ökologischen und gesundheitlichen Konsequenzen des speziesistischen Fundamentalismus sind langfristig aber wohl dessen unausweichlichen geistig-moralischen Folgen. Der menschliche Fundamentalismus gegenüber Tieren ist in gewisser Weise der Grund-Fundamentalismus: 1) Religiöse, rassistische und sexistische Fundamentalisten sind praktisch immer auch speziesistische Fundamentalisten: Wer die Unterwerfung und Unterdrückung aufgrund von Religion, Rasse oder Geschlecht predigt, predigt praktisch immer auch die Minderwertigkeit von Tieren. 2) Die mit jedem Fundamentalismus einhergehende Gewaltbereitschaft – es gehört ja zum Wesen des Fundamentalismus, seine Vorstellungen gewaltsam durchsetzen zu wollen – wird in nicht geringem Maße beim speziesistischen Fundamentalismus "eingeübt": Die Gewalt gegenüber Tieren geht der Gewalt gegenüber Menschen regelmäßig voraus (worauf wir gleich zurückkommen werden). 3) Das Ziel der Überwindung der fundamentalistischen Ideologie: die Friedfertigkeit des Menschen, seine Fähigkeit und Bereitschaft zur friedlichen Koexistenz mit anderen und Andersdenkenden, bleiben so lange unerreichbare Utopie, wie der speziesistische Fundamentalismus nicht überwunden ist. Große Geister haben diesen Zusammenhang zwischen unserem Umgang mit Tieren und unserem Umgang mit Menschen seit jeher gesehen und begriffen. Ein paar Beispiele: "Seit ungefähr fünfzehn Jahren wird den Ethnologen in zunehmendem Maße bewußt, daß das Problem des Kampfes gegen Rassenvorurteile auf menschlicher Ebene ein viel umfassenderes Problem widerspiegelt, das noch dringender einer Lösung bedarf. Ich spreche von dem Verhältnis zwischen dem Menschen und anderen lebenden Arten. Es ist zwecklos, das eine Problem ohne das andere lösen zu wollen. Denn die Achtung gegenüber den eigenen Artgenossen, die wir vom Menschen erwarten, ist lediglich ein Einzelaspekt der allgemeinen Achtung vor allen Formen des Lebens." Claude Lévi-Strauss "Der Tag wird kommen, an dem das Töten eines Tieres genauso als Verbrechen betrachtet werden wird wie das Töten eines Menschen."
"Auschwitz beginnt da, wo einer im Schlachthaus steht und denkt, es sind ja nur Tiere."
"Wo es um Tiere geht, wird jeder zum Nazi ... Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka."
"Nichts wird ... die Chancen für ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zu einer vegetarischen Ernährung."
"Solange es Schlachthäuser gibt, wird es Schlachtfelder geben."
Gewalt gegenüber Tieren und Menschen Es gibt einen naheliegenden und bei Lichte besehen geradezu selbstverständlichen Zusammenhang zwischen unserem Umgang mit Tieren und unserem Umgang mit Menschen. Zwei vergleichsweise harmloses Beispiele mögen dies verdeutlichen: Ein Bauer hat eine Kuh, einen Esel und ein paar Hühner, mit denen er über Monate und Jahre "unter einem Dach" lebt und "zusammenarbeitet", indem er die Milch der Kuh und die Eier der Hühner verwendet sowie den Esel seinen Karren ziehen läßt. Sobald seine "Kameraden" ihm aber nicht mehr nützlich sind, erschießt er sie oder hackt ihnen den Kopf ab. Oder der übliche Umgang mit Gänsen, den ein Redakteur der "Salzburger Nachrichten" offenkundig auch noch ziemlich lustig findet: "Die Gänse folgen Tag für Tag dem Hüter voll Vertrauen ins Nachtquartier. Sie werden demnächst ebenso vertrauensselig wie ahnungslos hinter ihm zur Schlachtbank marschieren." Kann wirklich irgendjemand, der sich auch nur ansatzweise um ein unbefangenes Urteil bemüht, allen Ernstes glauben, daß ein solches treu- und herzloses Verhalten gegenüber Tieren ohne Einfluß auf den Umgang mit Menschen bleibt? "Ethik gegenüber dem Menschen und Roheit gegenüber den Tieren", schreibt Robert Jungk, "sind zwei Verhaltensweisen, die sich nicht vereinbaren lassen, denn Grausamkeit gegen Tiere geht nahtlos in Grausamkeit gegen Menschen über." In ihrer Dissertation "Zum psychologischen Zusammenhang zwischen der Gewalt gegenüber Tieren und der Gewalt gegenüber Menschen" (Universität Klagenfurt, 2003) zeigt Astrid Kaplan, daß Gewalt gegenüber Tieren und Gewalt gegenüber Menschen oft gemeinsam auftreten und sich wechselseitig aufschaukeln. So haben etwa "alle Kinder, die in den letzten Jahren an den verheerenden Schulmassakern beteiligt waren, ... vorher an Tieren 'geübt'." Eine US-Studie aus dem Jahre 1997 zeigt, daß Jugendliche, die wegen Tiermißbrauch verurteilt wurden, fünfmal (!) wahrscheinlicher Gewalt gegenüber Menschen ausüben. In einer Arbeit für die US-amerikanische Bundespolizei heißt es: "Mörder ... fangen oft damit an, als Kinder Tiere umzubringen und zu quälen." Fast alle Serienmörder haben Tiere gequält, bevor sie Menschen umbrachten. Der jiddische Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer schreibt im Vorwort zu einem Buch über den Vegetarismus: "Solange Menschen das Blut von Tieren vergießen, wird es keinen Frieden geben. Es ist nur ein kleiner Schritt vom Töten von Tieren zu den Gaskammern Hitlers und zu den Konzentrationslagern Stalins. ( ... ) Solange Menschen mit Messer oder Pistole dastehen, um jene umzubringen, die schwächer sind als sie, wird es keine Gerechtigkeit geben."
© Helmut F. Kaplan Themenverwandte Artikel: |
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