Mohammed-Karikaturen: Fundamentalismus oder Fortschritt


In den aktuellen Auseinandersetzungen um die Mohammed-Karikaturen erleben wir gerade, welch verheerende Folgen Fundamentalismus haben kann und wie wichtig es ist, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Was wir aber nicht sehen, ist, daß Tiere IN UNSEREM KULTURKREIS SEIT JAHRTAUSENDEN Opfer eines ebensolchen Fundamentalismus sind: Opfer der aberwitzigen Dogmen vom fundamentalen Unterschied zwischen Menschen und Tieren: exklusive "Vernunftbegabtheit" des Menschen, exklusive "unsterbliche Seele" des Menschen, exklusive "Ebenbildlichkeit" des Menschen mit Gott.

Allerdings: So falsch es wäre, den abendländischen Fundamentalismus zu übersehen, so falsch wäre es, ihn mit dem morgenländischen Fundamentalismus gleichzusetzen - denn der bekämpft und verleugnet ja sogar universelle Menschenrechte!

Wir sind zu Recht entsetzt, wenn Fundamentalismus tödliche Folgen hat. Genau dies ist aber beim menschlichen Fundamentalismus gegenüber Tieren der Fall. Aufgrund der objektiv falschen Behauptung, Menschen seien etwas völlig anderes als Tiere, werden Tiere am laufenden Band gefoltert, getötet und gegessen. Wir hätten also jeden Grund, vor der eigenen fundamentalistischen Haustüre zu kehren und unsere Wahrnehmung und Behandlung von Tieren endlich auf eine realistische und moralische Ebene zu stellen:

Wir sollten endlich zur Kenntnis nehmen, daß Menschen und Tiere das Ergebnis EINER Evolution sind, daß uns Tiere in vielerlei Hinsicht ähneln und in bezug auf das moralisch entscheidende Merkmal Leidensfähigkeit gleichen. Und aus diesen Fakten sollten wir endlich die ethischen Konsequenzen ziehen und Tiere so behandeln, wie es diesen Fakten entspricht.

Aber das wollen die meisten Menschen noch nicht. Sie bleiben lieber irrationale Fundamentalisten. Ewig wird das jedoch nicht funktionieren. Denn unsere abendländische Kultur ist mit dem Rationalitätsbazillus infiziert, der mittel- bis langfristig eine positive ethische und rechtliche Dynamik bedingt: Universelle Tierrechte werden sich wie universelle Menschenrechte langsam, aber sicher durchsetzen.

Bis es soweit ist, brauchen wir uns über die islamischen Fundamentalisten nicht allzusehr aufzuregen. Denn um so vieles besser sind wir auch nicht.

Hinweis: Der Fundamentalismus-Begriff wurde meines Wissens von Wolfgang Schindler in die Tierrechts-Debatte eingeführt. Siehe dazu: "Fundamentalismus oder Frieden - Zur Destruktivität extremistischer Ideologien"

© Helmut F. Kaplan


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