Weihnachten in Auschwitz


Nach dem Tod meiner geliebten Katze Mecky erhielt ich viele wohlmeinende Empfehlungen, wie ich über den Verlust leichter hinwegkommen könne. Ich bin für diese Ratschläge sehr dankbar – aber geholfen haben sie mir nicht.

So wurde etwa gesagt, Mecky selber hätte doch gar nicht gewollt, daß ich jetzt so traurig bin. Das ist Unsinn: Mecky hat sich darüber nie Gedanken gemacht. Oder: Ihm gehe es jetzt gut. Das stimmt auch nicht: Es geht ihm weder gut noch schlecht, es gibt ihn schlicht nicht mehr. Oder: Er sei mir nur vorausgegangen. Ja, vorausgegangen ins Nichts, toll, treffen werden w ir uns jedenfalls nicht mehr!

"Wenn man sich sagen muss, mach dir nix vor, du siehst sie nicht wieder, dann hat das Leben für mich wenig Sinn" det, lese ich passenderweise gerade in der "Zeit" – von Hanns Dieter Hüsch. Und, ebenfalls in der "Zeit", in einem Artikel über den verstorbenen Dirigenten und Ägyptologen Giuseppe Sinopoli in bezug auf die Ewigkeit: Die gehört dem Tod, nicht dem Leben.

Man zahlt einen hohen Preis, wenn man der Wahrheit in Gesicht sieht. Damit will ich natürlich nicht sagen, daß ich unbedingt recht haben muß. (Vielleicht gibt es ja auch einen Katzenhimmel - was auf alle Fälle wahrscheinlicher ist, als daß es einen Menschenhimmel gibt). Aber das ist eben die Wahrheit, wie sie sich mir "nach bestem Wissen und Gewissen" erschließt.

Freilich läßt sich trefflich darüber streiten, ob sich ein solcher "Wahrheitsfanatismus“ letztlich auszahlt. Es spricht gewiß einiges dafür, sich das Leben "nicht unnötig schwer“ zu machen. Deshalb würde ich auch niemandem meine "heroische" Wahrheitsliebe aufzwingen wollen. Zu grausam sind die Konsequenzen. Im privaten Bereich sollte wirklich jeder nach seiner Facon glücklich – oder zumindest weniger traurig - werden.

Wegschauen macht mitschuldig

Eine ganz andere Sache ist es freilich, wenn die Konsequenzen beschönigender Tendenzen zu Lasten anderer gehen, wenn die Folgen des Nicht-wissen-Wollens andere betreffen. Da gilt, was wir – zu Recht – zum Beispiel jenen zurufen, die bei den Naziverbrechen weggeschaut haben: Wer es wissen wollte, konnte es wissen, und wer es nicht wissen wollte, hat sich schuldig gemacht!

Das Nicht-wissen-Wollen und Sich-selber-Beruhigen, wenn es um andere geht – wird schon nicht so schlimm sein, wird schon gut gehen -, ist moralisch verwerflich. Wenn ich sehe, daß jemand in den Bach gefallen ist, kann ich mich nicht damit beruhigen, daß das Wasser schon nicht so tief sein werde und er schon wieder herauskommen werde.

Und wenn es Gerüchte über Gefangenenlager gibt, in denen gefoltert wird, dann muß man dem nachgehen, anstatt sich damit zu beruhigen, daß es schon nicht so schlimm sein werde. Und: Wenn wir WISSEN, daß es Tier-KZs gibt, zum Beispiel Tierfabriken, Versuchslabors und Schlachthöfe, dann dürfen wir uns erst recht nicht mit irgendwelchen Phantasien beruhigen!

Die Versuchung, sich mit beschönigenden Annahmen vor unangenehmen Gedanken zu schützen, ist groß. Und wer im eigenen Leben so verfährt, wird schwerlich damit aufhören, wenn es um andere geht. Das ist ja auch immer wieder zu beobachten: Wer sich sein eigenes Leben dauernd schönredet, ist auch blind für die Leiden anderer. Insofern ist Realitätsverleugnung nie Privatsache.

Dies umso mehr, als die fortgesetzte Realitätsverleugnung oft eine wesentliche URSACHE für traurige Realitäten ist - im individuellen Leben wie bei öffentlichen Mißständen: Viele Biographien verlaufen deshalb so tragisch, weil sich die Betroffenen weigern, nach den wahren Gründen ihrer Probleme zu fahnden. Und viele öffentliche Übel haben ihre Ursache darin, daß zu viele Menschen zu oft und zu lange wegsehen. Erste Voraussetzung für die Verbesserung der Wirklichkeit ist, sie wahrzunehmen.

Amoklauf der Verdängung

Da fällt mir das Gespräch ein, das ich mit Michael Aufhauser führte, als wir zum Gut Aiderbichl fuhren. Er sagte, daß das übliche Konzept der Tierrechtsbewegung falsch sei, daß man die Menschen mit Schreckensbildern konfrontiere und bombardiere. Das würde sie nur abschrecken, da würden sie nur abblocken und man würde nichts erreichen. Sein Konzept sei genau das umgekehrte: den Menschen ein positives Beispiel zu geben, eine positive Welt zu zeigen - eben Gut Aiderbichl.

Ich fand das ganz plausibel, sah dann Gut Aiderbichl in diesem Licht – und war ziemlich begeistert. (Während meiner Anwesenheit wurden den Gästen aber keine Würstel usw. serviert und ich wußte noch nicht, daß das meiste, was mir Aufhauser erzählte, etwa, daß er Vegetarier sei, schlicht falsch war.)

Heute weiß ich, daß dieses Konzept NICHT funktioniert und daß Gut Aiderbichl ein schlagender Beweis dafür ist: Die tatsächlichen Folgen von Aufhausers Konzept sind nämlich, daß die in den Menschen ohnehin reichlich vorhandenen Beschönigungstendenzen in einem Maße unterstüzt und verstärkt werden, daß es geradezu zu einem Amoklauf der Verdängung und Verleugnung kommt.

© Helmut F. Kaplan


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