Dankesrede anläßlich der Verleihung des "Tierschutzpreises für die Pionierarbeit in der Tierrechtsbewegung und Tierethik" der "Hans-Rönn-Stiftung - Menschen für Tiere" am 30. September 2007 im "Kommödchen" in Düsseldorf


Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr über diesen Preis - nicht nur aus persönlichen, sondern auch aus strategischen Gründen. Warum? Ich habe immer gesagt: Um erfolgreich sein zu können, muß die Tierrechtsbewegung das ganze Spektrum möglicher Haltungen und Handlungen abdecken, insbesondere auch das ganze Spektrum von "gemäßigt" bis "radikal". Deshalb muß endlich Schluß sein mit der unsinnigen Kritik der "Gemäßigten" an den "Radikalen" und der "Radikalen" an den "Gemäßigten". Mit dieser Preisverleihung an mich, einen "Radikalen", dokumentiert die Hans Rönn-Stiftung, daß sie sich nicht am schädlichen internen Auseinanderdividieren in der Tierrechtsbewegung beteiligt. Deshalb freue ich mich auch aus strategischen Gründen über diesen Preis: weil er einen Beitrag in Richtung Einheit der Bewegung darstellt.

Aber: Eine besonders engagierte und konsequente - eine radikale Vorgangsweise wird immer wichtiger. Denn wer Augen und Ohren nicht vor der Realität verschließt, kann unmöglich übersehen, daß es in bezug auf Tierrechte nicht nur Stagnation, sondern sogar Rückschritte gibt. Ein paar Beispiele:

  1. Pelz: Die Offenheit, mit der seit einiger Zeit wieder für Pelz geworben wird, ist ernüchternd und erschütternd - von den mitgelieferten (Schein-)Rechtfertigungen, die oft an Dummheit oder Obszönität kaum mehr zu überbieten sind, ganz zu schweigen.
  2. Kochsendungen: Abstoßende Kochsendungen oder -seiten, in denen es um tote oder todgeweihte Tiere geht, über die man sich obendrein auch noch lustig macht, sind nichts Neues. Man denke nur an Biolek, Siebeck & Co. Was aber Johannes B. Kerner ("Kerners Köche") seit einiger Zeit an Schadenfreude und Sadismus in seinen Sendungen präsentiert, ist schon noch von einem ganz anderem Geschmacklosigkeitskaliber.
  3. Vergleich der Tierrechtsbewegung mit der Frauenbewegung: "Wir haben abgetrieben!" lautete die Titelschlagzeile des "Stern" vom 6. 6. 1971 - und dokumentierte eine eindrucksvolle und wirksame Solidarisierung Prominenter mit dem Anliegen von Frauen. Vergleichbares hat es in der Tierrechtsbewegung nie gegeben. Zwar gibt es auch Prominente, die sich zuweilen dezent für Tierrechte aussprechen - etwa Sloterdijk, Jelinek oder Coetzee -, aber wenn es um konkretes Engagement geht, herrscht allseits vornehme Zurückhaltung.
  4. Vergleich der Tierrechtsbewegung mit der Umweltbewegung: Tschernobyl hat im Hinblick auf die Ökologiebewegung immerhin bewirkt, daß es die Atomlobby in Deutschland bis heute sehr schwer hat - und hoffentlich weiterhin schwer haben wird. Eine Entsprechung zu Tschernobyl hat es im Hinblick auf Tiere sogar gegeben: BSE. Aber: Den Tieren hat dies nichts genützt - weil die Menschen einfach auf die Leichen anderer Tiere umgestiegen sind.
  5. Wir sind heute Zeuge einer noch nie dagewesenen breiten Darstellung und teilweise sogar Verherrlichung des allgegenwärtigen Tiermißbrauchs: TV-Magazine und Printmedien überschlagen sich förmlich mit Berichten über das Quälen und Umbringen von Tieren. Dennoch ist von einer substantiellen Verbesserung des Schicksals der Tiere weit und breit nichts zu bemerken.

Angesichts dieser Situation von Stagnation und Rückschritten wäre es wohl absurd zu sagen: Unsere bisherigen Bemühungen haben offenkundig nicht ausgereicht - also wollen uns mal in Mäßigung üben! Die naheliegendere Reaktion ist wohl, in Zukunft einen klareren, konsquenteren, radikaleren Kurs zu fahren.

Der wichtigste Grund für eine radikalere Vorgangsweise ist aber die Bekämpfung des schlimmstmöglichen Rückschritts: daß die allgegenwärtige Tierausbeutung (wieder) mit einem guten Gewissen verknüpft wird. Mit anderen Worten: daß die wichtigste Errungenschaft der Tierrechtsbewegung zunichte gemacht wird - die Sensibilisierung der Menschen für die Unmoral unseres Umgangs mit Tieren.

Diese Sensibilisierung für das Unrecht gegenüber Tieren, die in mühseliger, jahrzehntelanger Kleinarbeit aufgebaut wurde, ist im Begriffe, wieder zunichtegemacht zu werden. Dabei handelt es sich um keine abstrakte Gefahr, sondern um eine beobachtbare Entwicklung, deren derzeit stärkste Antriebskraft unschwer identifizierbar ist: der alle Vernunft erstickende irrationale Gefühlsbrei, mit dem Michael Aufhauser den deutschen Sprachraum überzieht.

Ich habe es mir sehr, sehr genau überlegt, ob ich diese Kritik so konkret formulieren soll - verstößt sie doch scheinbar gegen das eingangs erhobene Einheitsgebot. Aber eben nur scheinbar. Denn mit jemandem, der RÜCKSCHRITTE forciert und bewirkt, ist ein gemeinsames Ziehen an einem Strang sowieso nicht möglich! Oder, um es anhand einer mittlerweile sprichwörtlichen Einladung des ehemaligen österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky zu erläutern: Kreisky schlug (in Richtung FPÖ) vor: Laßt uns ein Stück des Weges gemeinsam gehen. Mit jemandem, der wie Aufhauser rückwärts geht, kann man nicht gemeinsam vorwärts gehen!

Ich bin endlos dafür kritisiert worden, daß ich alle Schritte vorwärts, also alle Schritte in die richtige Richtung, begrüße: wenn ein Vegetarier Veganer wird, wenn ein Fleischesser Vegetarier wird, wenn ein Fleischesser weniger Fleisch ißt, wenn jemand über Tierrechte nachzudenken beginnt.

Alle diese Schritte sind zu begrüßen, weil sie Schritte in die richtige Richtung sind. Aber wenn Aufhauser den Menschen sagt: Ihr könnt so viele Tiere essen, wie ihr wollt, ihr müßt dabei nur ihre Würde respektieren - dann ist das kein Schritt in die richtige Richtung! Aufhauser winkt die Menschen, die sich eben zaghaft vorwärts zu bewegen begannen, zurück und ermuntert sie, es sich wieder in der alten verlogenen Tierschutzecke gemütlich zu machen: Ihr könnt Tiere gerne haben UND Tiere essen.

Das ist der schlimmste, schädlichste Rückschritt der überhaupt nur denkbar ist: Den Fleischessern jenes gute Gewissen zurückzugeben, das sie vor Entstehung der Tierrechtsbewegung hatten. Dieser schleichenden Verdummung und Verharmlosung kann überhaupt nicht laut, deutlich und radikal genug entgegengetreten werden!

© Helmut F. Kaplan


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