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In letzter Zeit habe ich wiederholt darauf hingewiesen, daß es bereits seit längerem nicht mehr zutrifft, daß sich die Menschen nicht bewußt wären, was ihr Fleischessen bewirkt bzw. wie ihr Fleisch entsteht. Eine frappante Bestätigung dieser These wurde am 8. 10. 2007 auf N 24 ("Wissen") gesendet: ein ausführlicher Bericht über ein Seminar für Menschen, die ganz genau wissen wollen, wie ihr Fleisch entsteht. Etwa acht Personen mittleren Alters verfolgten hautnah und unter eigener Beteiligung den Transformationsprozeß von einem lebendigen einjährigen Schwein in Würste, die dann gleich vor der Kamera verkostet wurden. Die aufgekratzte Stimmung der Teilnehmer am Schluß glich der Erleichterung von Kindern oder Jugendlichen nach Bewältigung einer schwierigen Aufgabe: Man ist stolz auf sich und fühlt sich so richtig gut. Die Aussagen der Mord-Seminar-Teilnehmer ("Schmeckt wirklich super!"; "Jetzt habe ich ein total anderes Verhältnis zum Fleisch!") verdeutlichten mir aber auch etwas, worüber ich mir bisher nur halb bewußt war: Mittlerweile ist eine neue und besonders gefährliche Generation von Fleischessern herangewachsen, eine unappetitliche Kombination von traditioneller Gleichgültigkeit oder Überheblichkeit gegenüber Tieren und neuer "grüner" Gesinnung: Wir müssen wieder zurückfinden zu einer gesunden, natürlichen, bewußten Ernährung, uns selbst als Teil eines größeren Ganzen begreifen - "Fressen und Gefressenwerden", "Kreislaufdenken" usw. Bei dieser diffusen Natürlichkeits-Folkore mutiert das Umbringen der Tiere geradezu zum Dienst an der Schöpfung. Wer sich solcherart "naturnah" und "bewußt" mit Fleisch versorgt, klinkt sich quasi wieder aktiv ins natürliche / gottgewollte Geschehen ein. Diese "fortschrittliche" Haltung ist aber keineswegs auf bestimmte Gruppen wie etwa "grüne Spinner" oder "Wertkonservative" beschränkt, sondern wird zunehmend zur vorherrschenden Einstellung. Ohne daß wir es so richtig mitbekommen hätten, hat sich in den letzten Jahren ein folgenreicher Wandel vollzogen. Plakativ formuliert (und auf Plakaten zu besichtigen): vom versteckten Morden zum gefeierten Morden. Schlimm genug. Trifft diese "ehrliche" Fleischwerbung dann aber auch noch auf einen windelweichen Tierschutz, ist die Katastrophe perfekt. Die Verantwortlichen der Fleischindustrie müssen sich ja krummlachen, wenn ihre aggressive Direktwerbung von Tierschützern mit diplomatischem Würde-Kauderwelsch à la Aufhauser beantwortet wird!
© Helmut F. Kaplan
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