Diplomatische Sonderbehandlung


Stets nehme ich mir vor, nichts mehr über Michael Aufhauser oder Gut Aiderbichl zu schreiben. Leider gelingt mir das nicht immer. Aber nicht, wie mir gerne unterstellt wird, aus persönlichen Grunden, sondern aufgrund faktischer Zusammenhänge. Diesmal: Wenn einem bei stets zunehmender Akzeptanz allumfassender Tierausbeutung dauernd jemand aus Zeitungen entgegenlächelt, dessen Beruf mit "Tierdiplomat" angegeben wird, gerät man automatisch ins Grübeln: Wie ist es möglich, daß Tiermißbrauch immer zunimmt, wenn ein Tierdiplomat so allgegenwärtig ist?

Aber der Reihe nach. Als ich mir jüngst einen Bildbericht über ein gesellschaftliches Großereignis ansah, wurde mir erstmals so richtig klar, mit welch atemberaubender Selbstverständlichkeit und Sachlichkeit das Wort "Tierdiplomat" verwendet wird - ohne die geringste Relativierung oder Ironisierung, etwa durch Anführungszeichen: Bei den Bildunterschriften lese ich unter anderem: Airport-Direktor Roland Hermann, Chefredakteur Manfred Perterer, Bürgermeister Heinz Schaden - und: Tierdiplomat Michael Aufhauser.

Was macht so ein Tierdiplomat eigentlich? Ich schlage im Duden unter "Diplomat" nach: "1. jmd., der im auswärtigen Dienst eines Staates steht u. bei anderen Staaten als Vertreter dieses Staates beglaubigt ist." Das ist es nicht. Also lese ich weiter: "2. jmd., der geschickt u. klug taktiert, um seine Ziele zu erreichen, ohne andere zu verärgern."

Das ist zugegebenermaßen interessant und böte reichlich Gelegenheit zu böser Polemik. Aber genau darum geht es mir nicht. Nachdem mir der Duden nicht weiterhelfen kann, muß mich an jene Informationen halten, über die ich selber verfüge:

  • Tierdiplomat Aufhauser betreibt mit Gut Aiderbichl so etwas wie ein Asyl für Tiere.
  • Tierdiplomat Aufhauser verkauft auf Gut Aiderbichl das Fleisch von Tieren.
  • Tierdiplomat Aufhauser ißt selbst das Fleisch von Tieren.

Das klingt erst einmal, je nach Leseart bzw. Standpunkt, zynisch oder lustig. Da aber Aufhauser weder Zyniker noch Komiker ist, muß es mit "Tierdiplomat" bzw. mit "Tierdiplomatie" etwas anderes, etwas Ernsthaftes auf sich haben.

Und genau hier liegt das Problem! Angesichts der faktischen Situation der Tiere in unserer Gesellschaft - grenzenlose Ausbeutung für trivialste Zwecke - bedeutet die Bezeichnung "Tierdiplomatie" eine unverantwortliche Verharmlosung: Die Tätigkeit des gesellschaftlich akzeptierten Tierverantwortlichen wird mit einem positiven Begriff belegt. Und da dieser Tierverantwortliche, anstatt für die Tiere auf die Barrikaden zu gehen (was ihm rasch den Diplomaten-Titel kosten würde!), mit anderen gesellschaftlichen Repräsentanten um die Wette lächelt, entsteht notwendig der Eindruck, alles befinde sich in bester Ordnung.

Ein Vergleich mit einer historischen Verharmlosungskampagne verdeutlicht die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs: Einst wurde die systematische Ermordung menschlicher Opfer mit dem NEUTRALEN Begriff "Sonderbehandlung" verschleiert. Heute wird die systematische Ermordung tierlicher Opfer mit dem POSITIVEN Begriff "Tierdiplomatie" verschleiert. Mit "Tierdiplomatie" sollen die Verbrechen an Tieren also nicht nur "neutralisiert" werden - es soll ihnen sogar noch ein positiver Anstrich verpaßt werden!

© Helmut F. Kaplan

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