Mit dem folgenden Text von Liane Ludwig möchte ich allen Wohlgesinnten schöne Weihnachten und ein gutes neues Jahr wünschen. Voraussetzung dafür, die Wirklichkeit zu verändern, ist, sie in aller schauerlichen Schrecklichkeit, wie sie hier geschildert wird, wahrzunehmen. (Helmut F. Kaplan)


Stille Nacht

Liane Ludwig


Das große Gemetzel ist zu Ende. Das Kreischen und das Grölen haben aufgehört, das Röcheln der Abgeschlachteten ist verstummt. Das waren die Besten des Jahres! Speziell gezüchtet um ein Alter zu erreichen, an dem ihre Leiber etwas fest, aber noch sehr zart sind. Alle noch Kinder, viele erst Säuglinge.

Die Großen wehrten sich verzweifelt, haben geschrieen und in blinder Panik versucht zu flüchten. Schnell stellte man sie mit Elektroschocks und Schlagstöcken ruhig ... bis sie vor Schmerz und Erschöpfung nur mehr leise wimmern konnten.

Andere fügten sich, still, mit vor Entsetzen rollenden Augäpfeln und der Ohnmacht nahe. Wieder andere waren bereits zu starr und schon jenseits der Angst, als dass sie noch etwas realisiert hätten. Bis das Blut aus ihrer durchschnittenen Kehle spritzte. Bis die Exkremente flossen und bis irgendwann die letzte Todeszuckung das Leben aus der Halle riss.

Endlich. Jetzt sind alle abgestochen und ausgeblutet, die Räume und die Geräte glänzen vor Sauberkeit. Bloß noch dieser widerwärtige Gestank im Hirn. Urin, Kot, Schleim, Blut ... Alles fließt. Das ungelebte Leben. Die niemals empfundene Freude. Die nie erfahrene Geborgenheit.

Jetzt liegen die Kadaver bereit - säuberlich zerstückelt und zerhackt, schön verpackt, manche mit kecken Maschen dekoriert. Kilometerlange Kühlregale - auf mehreren Ebenen bieten sie die Leichen dar, in abertausenden Geschäften. Millionen davon.

Leise Musik begleitet die Szenen, glückliche Leute lächeln sich an, trotzen dem Stress. Alles glitzert und leuchtet. Es ist eine zauberhafte Zeit in einer zauberhaften Welt!

Der Großteil der Toten liegt schon auf den Tischen oder schmort noch in den Öfen. Der Blutgeruch ist verblasst, die Farbe und Konsistenz des Fleisches nur mehr lästige Erinnerung, der Geschmack des Todes wurde meisterhaft verformt - den Könnern und Gewürzen sei Dank.

Nichts steht uns jetzt noch im Weg. Das Fest der Liebe kann beginnen!

Die Familie vereint sich um den Tisch auf dem das warme Kerzenlicht leuchtet. Die sorgfältig zubereiteten Stücke der Verstorbenen werden nun manierlich gemeinsam, mit Genuss und Feingefühl verzehrt. Alle sind von dieser gegenseitigen Zuneigung ergriffen. Die Augen der Kleinen strahlen ungetrübt, die der Eltern und Großeltern sind von Tränen der Rührung und der Freude erfüllt. Die Speicheldrüsen gehen über und nicht lange Weile vergeht, bevor die Bäuche zum Platzen voll sind mit dem zarten, jungen, toten Fleisch ...

Reine Liebe und Glückseligkeit durchströmt alles. Es wird gesungen und der Schöpfer gepriesen, der Gott der das Mitgefühl und die Anteilnahme in die Welt gebracht hat. Jeder fühlt sich als ein kleiner Teil dieses unaussprechlichen Wunders, ein kleiner Teil voller Hoffnung, Vertrauen und Demut ...
Die Welt herum ist friedlich und vollkommen.

Ich seh's mir an.

Die Luft ist aus Stahl ... lässt sich nicht atmen.

Ich bin ganz still. Wie die Nacht.



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