Der Baum
Jean Francois Caelen


Der Baum

Aus dem Französischen übersetzt von Frau Frauke Hertel


 

Im Königreich der Weisheit weht kein widriger Wind

Persisches Sprichwort

 

In Erinnerung an Dr. med. Corydon WASSEL, der mir die erste Einsicht in den BAUM vermittelt hat

Am Rande einer kleinen Straße mit dem Namen "Straße des Lebens", wo ihn einst eine liebevolle Hand gepflanzt hatte, stand strahlend und gebieterisch, stark und würdig, ein hundertjähriger Baum, von allen Jahreszeiten respektiert, obwohl er diese kaum zu beachten schien. Unerschütterlich schien er sich deren berechtigten Anforderungen zu unterwerfen, ob Umarmung oder Hieb, Biß oder Kuß. Die Passanten, dem holprigen Lauf der Tage recht und schlecht folgend, warfen ihm bewundernde Blicke zu, und manche staunten gar:

"Gott, welch ein Wunder!"

"Teufel, welch ein Koloß!"

Sie hatten alle recht. Es schien, als könne selbst der Blitz, sei er auch noch so stark, eine solche Festung niemals in Brand setzen. Schmeicheleien stand der schöne Baum gleichgültig und hölzern gegenüber, das duftende Fleisch durch eine robuste Rinde geschützt. Ein üppiger, nahrhafter Saft durchlief dieses stattliche Gewächs, Ziehmutter kräftiger Äste, die sich an schönen Tagen mit unvergleichlichem Blattwerk schmückten. Nein wirklich, sagte man, eine solche Konstruktion, ein so wunderbares Bauwerk, von den Wurzeln bis zum Wipfel Vater Natur gewidmet, könnte nichts auf der Welt erschüttern.


An einem friedlichen, klaren Sommermorgen wachte Sanftes Blatt als erstes auf, räkelte sich auf seinem biegsamen Stengel, streckte seine Äderchen und gähnte. Ein Sonnenstrahl durchdrang seine Haut, auf der Tautropfen perlten. Ein leichter Wind streife es mit seinem duftigen Atem, als sei ein Insekt auf ihm gelandet.

"Du Schelm", sagte es, "willst du mich etwa zum Erröten bringen? Nur der Herbst hat diese Macht. Überlasse es diesem Zauberer, mich nach seinem Belieben zu schminken. Seine Palette ist die eines genialen Malers."

Als er diese Worte hörte, pfiff Leichter Wind kurz, und es fröstelte.

"Dein Zauberer ist ein Bandit, der verbissen dicht belaubte Äste plündert."

"Und du spielst diesem Räuber manchmal in die Hand", sprach Sanftes Blatt, "es nützt nichts, über ihn den Stab zu brechen. Wozu auch? Wir sind einer wie der andere bescheidene Diener von Vater Natur."

"Und wem dient Vater Natur?" fragte Leichter Wind.

Sanftes Blatt riet ihm, zu diesem Rätsel Weisen Stamm zu befragen.

"Möchtest du mich schon loswerden?" fragte Leichter Wind. "Hab ich dich verärgert?"

"Verärgert, ich? Wisse, daß mein schmuckes Grün nie Ärger widerspiegelt, sondern immer nur Hoffnung. Sagt man nicht in der Sprache der Menschen "Grün ist die Hoffnung"?

"In dieser Sprache sagt man auch „Grün vor Angst!", antwortet Leichter Wind ironisch. "Die Angst! Mir können die Flüche dieser Hexe nichts anhaben. Dessen bin ich mir dank meiner erschreckenden Kraft sicher. Meine Gesichter sind, wie du weißt, ebenso zahlreich wie furchterregend."

"Deine Gesichter, sagst du? Da täuschst du dich", berichtigte Sanftes Blatt. "Mein Meister, Weiser Stamm, würde sie eher als Launen bezeichnen. Du solltest wirklich mit ihm sprechen."

"Vielleicht ein anderes Mal", antwortete Leichter Wind, den dieser Vorschlag ärgerte. "Heute morgen bin ich nur ein zaghafter Hauch, und ich denke, daß ihm viele unter den brennenden Sonnenstrahlen Kraft wünschen werden."

Sanftes Blatt schenkte ihm ein so strahlendes Lächeln, daß Leichter Wind geblendet war.

"Dieser Himmelskörper ist mein Freund", sagte es, "ein wertvoller Begleiter, dessen Großzügigkeit mich bezaubert."

"Naja, du bist eben noch ein junges Blatt", bemerkte Leichter Wind.

"Allerdings", antwortete Sanftes Blatt.

"Und dank dieses Vorrechts gibst du dich falschen Hoffnungen hin", sagte Leichter Wind. "Aber wenn du älter wirst, wirst du diese Illusionen nach und nach verlieren. Das kann ich dir garantieren, denn schließlich komme ich in der Welt herum."

"Nun lasse mich schon allein", seufzte Sanftes Blatt, "du langweilst mich. An so einem schönen Morgen will ich dir nicht weiter zuhören."

"Einen guten und schönen Tag", wünschte ihm Leichter Wind.
"Möge deine Freundin, die Sonne, deiner Treuherzigkeit in diesem Sommer die Trockenheit ersparen."

Mit diesem Wunsch fegte er durch das dichte, noch immer schlafende Laub.

 


Der Wind schlängelte sich durch das Geäst, und störte dabei Bitteres Blatt, das ihn gleich ausschalt. "Schon wieder du!" klagte es. "Dieser Baum ist doch nicht dein Privatbesitz!"

Leichter Wind bemerkte seine stumpfe Farbe und seine heisere Stimme. Pikiert hüllte er es alsbald in pfefferigen Atem. Bitteres Blatt erstarrte auf seinem Stengel und nieste.

 

"Eine gebührende Antwort auf deinen freundlichen Empfang", sagte er. "Sei vorsichtig, denn ich kann auch ein gefährlicher Wirbelsturm werden. Alle Bäume fürchten meinen Zorn. Ich habe die Macht, deinen Wohnsitz zu zerstören, oder dich ganz einfach von ihm abzureißen."

Bitteres Blatt nieste erneut und ärgerte sich über diese rauhe Behandlung. "Laß endlich von mir ab" rief es, "und gehe deiner Wege. Deine Drohungen beeindrucken mich nicht sonderlich, du Windchen. Mein Stiel gleicht dem berühmten Schilfrohr in der Fabel - er biegt sich, aber brechen tut er nicht."

Leichter Wind amüsierte sich über derartige Unverschämtheit. Er fragte sich, ob dieses zänkische Ding es wagen würde, seinen Zorn herauszufordern. "Ist dein Name etwa ‚Prahlendes Blatt'?" fragte er.

"Ich heiße Bitteres Blatt", informierte ihn dieses, "und auf windiges Gesindel kann ich verzichten."

"Ist ja schon gut", sagte Leichter Wind, und hielt gespannt den Atem an. "Entschuldige dich, und ich gehe sofort weg!"

Vor Empörung lachte Bitteres Blatt kurz ungläubig auf.

"Mich entschuldigen? Das soll ja wohl ein Witz sein." widersprach es. "Dein ungebetener Besuch hat meinen Schlaf gestört. Ich hasse es, so geweckt zu werden. Meine Ruhe ist heilig. Schließlich gibt es ja auch andere Bäume. Warum muß es ausgerechnet dieser sein? LOS, wehe woanders weiter."

"Ein Blatt hat mir gar nichts zu sagen", pfiff Leichter Wind, "mag es auch von einer Eiche stammen. Ich wehe wo und wann ich will, ob dir das nun gefällt oder nicht."

Bitteres Blatt zuckte zusammen und seufzte so geräuschvoll, daß das Laub dicke Tautränen vergoß.

"Sieh nur, dein Baum weint", stellte Leichter Wind fest. "Deine Haltung muß ihn betrübt haben, davon bin ich überzeugt."

"Ich finde, du bist für diese Tränen verantwortlich", erwiderte Bitteres Blatt heftig. "Denn dieser lange, laute Seufzer der Müdigkeit galt allein dir."

"Meine Schuld soll es sein? Obwohl ich mich über eine solche Anschuldigung von dir wohl kaum wundern sollte", überlegte Leichter Wind. "Aber ich glaube nicht, daß dieser schöne Baum sich dazu herabläßt, deine Meinung zu teilen. Leidet der Sockel, wenn das Denkmal, das er trägt, von Wandalen verschandelt wird? Sind sie etwa ein unzertrennliches Ganzes?"

"Du redest wie Weiser Stamm", höhnte Bitteres Blatt. "Euer hochtrabendes Geschwafel ist nicht zu ertragen."

"Sag mal, Bitteres Blatt", fragte Leichter Wind, "seufzt du auch manchmal vor Zufriedenheit?"

"Mein Gott", stöhnte dieses. "Worüber sollte ich schon zufrieden sein? Ein ereignisloser Tag folgt auf den anderen. Ich würde gerne noch ein bißchen schlafen, bevor die verdammte Sonne mir die Haut verbrennt. Verschwindest du jetzt, oder ist das zuviel verlangt? Der Tag hat noch gar nicht richtig angefangen, und du hast ihn mir schon verdorben." 

"Da täuschst du dich", verbesserte es Leichter Wind. "Den Tag hast DU ALLEIN dir verdorben. Deine Bitterkeit hat dir wieder einen bösen Streich gespielt. Du solltest lernen, so zu lächeln wie Sanftes Blatt, deine reizende Gefährtin."

"Von wegen Gefährtin! Dieses dämliche Gewächs ist mir völlig gleichgültig", erwiderte Bitteres Blatt.

"Das Lächeln dieses hübschen Blattes ist bezaubernd", behauptete Leichter Wind.

Diese Aussage ärgerte Bitteres Blatt, das dem ungehobelten kleinen Wind nun endgültig die kalte Schulter zeigte. Schließlich entfernte dieser sich, atmete ein letztes Mal pfeffrig aus und blies dieses Lüftchen schelmisch in seine Richtung.

"Ich überlasse dich deinem schlechten, traurigen Schicksal", rief er." Um dieses Schicksal beneidet dich keiner, aber ich kann dir versichern, daß DU ALLEIN es dir eingebrockt hast."

 

Als Kleiner Vogel auf seinem Ast landete, verbarg sich Furchtsames Blatt darunter.

"Ich habe dich gesehen, ich habe dich gesehen", sang der Vogel. "Bin ich so scheußlich anzusehen? Betrachte mein Federkleid. Hast du je ein schöneres, ein seidigeres gesehen? Soll ich dir einige Vokalisen vorsingen?"

Entsetzt hielt sich Furchtsames Blatt versteckt, am ganzen Stiele zitternd. Zu viele scharfe Schnäbel hatten es bereit gezwickt!


"So komm doch, zeige dich", ermutigte es der Vogel, indem er auf und nieder hüpfte. "Welch wunderbarer neuer Morgen. Wie traurig ist es, ihn so zu meiden."

"Ich... ich meide ihn nicht", stammelte Furchtsames Blatt. "Ich habe nur Angst!"

"Angst? Angst vor der Sonne und den Schatten, die sie überall zeichnet? Ich gebe gerne zu, daß die Schatten manchmal gigantisch sind, sehr beunruhigend. Aber sei unbesorgt", sprach Kleiner Vogel, "nur die Sonne ist echt; und ihre Schatten sind nur Gespenster."

"Die Sonne dort hoch oben fürchte ich nicht", antwortete Furchtsames Blatt. "Nein, eigentlich habe ich vor dir Angst."

Der Vogel zuckte die Flügel. Dieses Geständnis erstaunte ihn nun wirklich.

"Was für ein lächerliches Argument", sagte er. "Es gibt zwar einen groben Vogel, der in der Sprache der Menschen "Kampfflugzeug" heißt. Das ist eine sonderbare Erscheinung. Du brauchst sie nicht zu fürchten, solange sie auf dem Boden bleibt. Wenn sie jedoch am Himmel vorüberfliegt, ist sie der böseste Vogel auf der Welt. Dieser Vergleich soll dir zeigen, daß die Sonne, im Gegensatz zu diesem blutrünstigen Flieger, von dort oben die Erde ebenso streicheln, wie auch zerstören kann. Im Grunde sind die Worte nah und fern bedeutungslos. Am Boden ist seine Hoheit der Adler ein Raubvogel. Am Himmel gleicht er einem Engel. Und so weiter. Hörst du mir zu, Blatt? Wie heißt du eigentlich? Nein, warte, laß mich raten! Dein Name ist ... dein Name ist ... Ängstliches Blatt."

Ein gequältes Lachen durchlief Furchtsames Blatt. Ängstliches Blatt war kein minderer als ein entfernter Vetter, der in einer anderen Stadt tief am krummen Stamm eines alten Baumes wohnte.

"Du täuschst dich", sagte es.

"Feiges Blatt, das muß es sein!" erwiderte Kleiner Vogel.

Als es diesen Namen hörte, spürte Furchtsames Blatt einen Stich in seinem Herzen.

"Ich heiße Furchtsames Blatt", murmelte es schluchzend. "Feiges Blatt war der Name ... meiner seligen Mutter."

"Es tut mir leid", sprach Kleiner Vogel, dem es wirklich leid tat. "Es war nur ein Scherz. Schließlich darf man sich ein wenig die Zeit vertreiben, nicht? Ich spiele gerne Rätselraten, und du spielst mit mir Verstecken. Nun gut. Jetzt werde ich versuchen zu raten, wie du aussiehst. Ääh ... dein Gesicht muß zerknittert aussehen, und mager. Habe ich nicht recht, Furchtsames Blatt?"

"Du täuschst dich", antwortete dieses. "Mein Gesicht ist hübsch, frisch und angenehm grün.”

"Das möchte ich überprüfen", pfiff er nachdrücklich.

Und da Furchtsames Blatt noch immer zögerte, fügte er hinzu: "Schließlich ist dein Name vielleicht Lügendes Blatt."

"Ich soll Lügendes Blatt sein? Mit dem Namen wäre ich anders. Rauh und rissig, wie Griesgrämiges Blatt."

"Los, entscheide dich schnell", drangsalierte es der Vogel, "in diesem dichten Laub ersticke ich noch. Sonst komme ich an einem anderen Tag wieder und überrasche dich im Schlaf. Hör zu, ich werde die Augen schließen und öffne sie erst wieder, wenn du mich darum bittest. Mir scheint, dies ist ein anständiger Vorschlag."

"Das ist nicht nötig", sagte Furchtsames Blatt, und kroch unter dem Ast hervor. "Ich traue dir jetzt."

Kleiner Vogel verlor vor Überraschung fast einige Federn, denn Furchtsames Blatt war erstaunlich schön.

"Nun, habe ich dich belogen?" fragte es leise.

Kleiner Vogel schüttelte langsam den Kopf, der ihm vor Verblüffung schwer wurde.

"Schöner Freund", vertraute er ihm mit plötzlich ernster Stimme an, "es in dieser Welt leider manchmal günstiger, häßlich zu sein."

"Häßlich?" wiederholte Furchtsames Blatt, das nicht verstand.

"Du mußt wissen, daß deine Schönheit dir den Neid anderer einhandeln kann, und der kann stärker brennen als hundert Sommersonnen. Glaube mir, die Häßlichkeit verzeiht selten denen, die von Vater Natur verwöhnt wurden. Ich denke, Eifersucht und Stolz sind schlimmere Plagen als alle anderen Übel unseres Daseins. So kenne ich Flüsse, die auf Weltmeere eifersüchtig sind; Hügel, die Berge beneiden; Tränenbäche, die Wogen der Freude verfluchen."

"Aber es gibt doch auch Glückstränen", unterbrach ihn Furchtsames Blatt, "hübsche Bäche, in denen Kinderhände planschen, und stolze Hügel. Weiser Stamm lehrt uns, daß Unglück nur ein nicht erkanntes Glück ist. Denn Schicksalsschläge, sagt er, können zur Hoffnung führen. Gestärkt durch unseren Glauben an sie kann diese dann allen Herausforderungen des Schicksals standhalten."

Kleiner Vogel überlegte einen Moment. Dann drang ein Gesang aus seiner Kehle zum Himmel empor.

"Ich fliege nach dort oben, um über diese Worte nachzudenken", verkündete er. "Dazu brauche ich Einsamkeit und Weite. In der Stille lernt es sich besser."

"Kommst du bald wieder?" fragte Furchtsames Blatt bewegt.

"Sicher, eines schönen Tages", antwortete der Vogel schon mit ausgebreiteten Schwingen.

Dann zog er einige Minuten lang über dem schönen Baum seine Kreise, stieg höher und verschwand.

Furchtsames Blatt wäre auch gerne geflogen, wie Kleiner Vogel. Armes Dummchen! Wenn es von seinem Ast abspränge, fiele es sofort zu Boden, würde getreten und durch den Staub geschleift. Wie traurig, ohne Flügel geboren zu sein, dachte es. Weiß Kleiner Vogel, welches Glück er hat? Das kann man sich wirklich fragen. Flügel! Dann fielen ihm andere Worte von Weisem Stamm ein: "Die Liebe kann demjenigen, der es wirklich möchte, Flügel verleihen", hatte er gesagt, "echte, absolute Liebe, meine ich."

Lieben. Man braucht also nur zu lieben. Furchtsames Blatt seufzte beruhigt auf. Es wußte, daß noch nicht alle Hoffnung verloren war, eines Tages durch den Himmel zu reisen.

 

Auf seinem Spazierflug traf Kleiner Vogel auf Leichten Wind.

"Guten Tag", wünschte er ihm. "Wie geht es dir?"

"Gut genug, um dich zu tragen", antwortete dieser.

"Ich danke dir", sprach der Vogel und flog eine hübsche Pirouette. "Ein netter Morgen, findest du nicht?"

"Sehr schön", stimmte Leichter Wind zu. "Und weit und breit ist keine Wolke zu sehen. Sage mir, fliegst du heute aus Pflicht oder zu deinem Vergnügen?"


"Weder noch", sprach Kleiner Vogel, "ich fliege ziellos. Viele Menschen gehen so."

"Was ist ein Ziel?" fragte Leichter Wind, der gerne etwas lernen wollte.

Kleiner Vogel stutzte, unterbrach seinen Flügelschlag und dachte nach.

"Ein Ziel ist eine fixe Idee", erwiderte er schließlich.

"Und wer fixiert diese Idee?" fragte Leichter Wind.

"Der Verstand", sprach der Vogel.

"Der Verstand? Bitte erkläre mir das."

Der schwebende Vogel dachte so angestrengt nach, daß er sich aufplusterte wie ein Luftballon.

"Nun ... wie soll ich das sagen?" begann er. "Ich meine, der Verstand ähnelt dem, was die Menschensprache ein Barometer nennt."

"Ein Baron-Äther?"

"Nein", sagte Kleiner Vogel, den dieses Mißverständnis sichtlich amüsierte. "Mit Standesdünkel hat das nichts zu tun. Ich sagte ein Barometer: -meter."

"Und was ist das nun?" fragte Leichter Wind.

"Das ist ein seltsamer Apparat, den die Menschen erfunden haben, um Vater Natur‘s Pläne für das Wetter zu erforschen."

"Pläne für das Wetter ... Rede, so rede doch!"

Während er seinen Weggefährten um Auskunft bat, erfrischte Leichter Wind ihn mit einem würzigen Hauch. Diese Kunst hatte ihn sein Freund, der Mistral, bei einem Besuch im Süden gelehrt.

"Mmmmm! Das riecht gut", rief der Vogel, der sein Federkleid dem wohltuenden Luftstrom darbot. "Worüber sprachen wir gleich?"

"Wir sprachen von Ba ... Baro ... Die Menschen haben wirklich eine komplizierte Sprache!" gestand Leichter Wind. "Könnten sie nicht einfach singen oder wehen, wie wir es tun?"

"Das wäre zu einfach", erwiderte Kleiner Vogel. "Die Menschen mögen bekanntlich Komplikationen. Sie bilden eine Gesellschaft, deren Spielregeln sie nicht kennen. Daher verlieren sie oft. Deshalb sind sie so mißtrauisch. Alle leben sie in einem Ort, der sowohl Himmel als auch Hölle ist, in ständigem Wechsel. Manchmal, wenn ich über sie hinwegfliege, sehe ich mir an, wie sie kommen und gehen, und höre ihrem endlosen Gerede zu. Mit ihrem unablässigen Kauderwelsch locken sie sich gegenseitig durch ihre Irrgärten. Ja, die Menschen ... Obwohl es auch einige gute Menschen gibt, die uns nicht in einen Käfig sperren wollen."

"Der Kraftakt, mich einzusperren, wird NIE jemandem gelingen", heulte der Wind auf.

Dieser gewaltige Windstoß hätte Kleinen Vogel um eine Feder weit weggeschleudert; er klammerte sich jedoch an sein Selbstbewußtsein.

"Heh!" schrie er. "Dein Pusten verschlägt mir den Atem! Es ist lächerlich, sich so aufzuregen. Ich weiß sehr wohl, daß die Menschen dich nicht in einen Käfig sperren können, aber sie können dich gefährlich verschmutzen. Wenn du mal darüber nachdenkst, wirst du sicher einsehen, daß dein Los weit verhängnisvoller ist als meines. Auch im Gefängnis der Menschen wäre ich nur ein Vogel. Du hingegen könntest eine entsetzliche Waffe werden."

"Können wir bitte das Thema wechseln?" bat daraufhin Leichter Wind.

Sein gefiederter Gefährte überging diesen Wunsch und fuhr fort: "Natürlich habe ich Kollegen, die unsere Art verraten. Die kannst du an dem Ring erkennen, den sie am Bein tragen. Sie sind wertvolle Verbündete der Menschen. Es ist traurig, daß diese sich so anstrengen, das Gute zu zähmen, um daraus Profit für das Böse zu schlagen. So bist du zwar heute mein Freund, kannst aber morgen, in schädlichem Auftrag, zu meinem Mörder werden."

"Nun halte schon den Schnabel", pfiff Leichter Wind. "Diese Vorstellung ist wirklich zu schrecklich. Darüber möchte ich gar nicht nachdenken."

Plötzlich schlug Kleiner Vogel aufgeregt mit den Flügeln. Wenn er nicht aufpaßte, würde ihm diese finstere Unterhaltung noch düstere Schatten über den strahlenden Morgen werfen.

"Du hast recht, mein Freund", sagte er, "wir wollen es genug sein lassen. Wir sollten gemeinsam den schönen blauen Himmel und die Stille dieses Moments genießen. Denken wir an die Freiheit! Diesen friedlichen Moment wollen wir auskosten. Ich werde ein wenig fliegen. Dann werde ich etwas zum Schnabulieren suchen. Trage mich bitte auch weiterhin gut, denn wie du weißt, hat Vater Natur manchmal so seine Launen. Ich wünsche dir noch einen schönen Ausflug, Leichter Wind."

Mit diesen Worten stieg der Vogel auf.

 

Auf Lästerndem Blatt lang ausgestreckt, nahm Verträumte Raupe ein Sonnenbad. Wie gemütlich war dieses geräumige, von Leichtem Wind gewiegte Bett! Und welch weitläufiges Heim bot dieser seit ewigen Zeiten von Vater Natur umsorgte, wunderbare Baum! Sie würde ihre Tage so hier verbringen, sich mit Nichtstun beschäftigen und ihrer lieben Gewohnheit nach höchstens ein wenig vor sich hin träumen. Ihr zartgrüner Körper war der Trägheit völlig hingegeben. Von Zeit zu Zeit seufzte sie leise, und ließ die Ringe ihres leicht geschlängelten Körpers spielen.


"Warum ausgerechnet ich?" stöhnte plötzlich Lästerndes Blatt.

Diese ungewöhnliche Besucherin war ihm unheimlich und drückte an diesem Morgen als samtige Bedrohung auf ihr.

"Ja, warum ausgerechnet ich?" seufzte es erneut.

Verträumte Raupe öffnete ein Auge.

"Wer spricht da?" fragte sie leise.

"Tu doch nicht so unschuldig", klagte Lästerndes Blatt, "mich überzeugst du damit nicht. Ich weiß schließlich, daß ich bald deinetwegen einen Hohlsaum haben werde. Warum hast du aus all diesen Blättern gerade mich ausgewählt?"

"Beruhige dich", antwortete Verträumte Raupe, "ich werde dir nicht weh tun."

Lästerndes Blatt hätte dies gerne geglaubt. Es ließ sich nicht gerne für dumm verkaufen und dachte, daß nur der Sturmwind es jetzt von dem Parasiten befreien könnte, der seine Haut entstellte. Aber an einem so schönen Morgen war mit ihm wohl kaum zu rechnen. In dieser ruhigen Jahreszeit geriet er selten in Wut. Was tun? Es dachte kurz nach, und beschloß, sich ins Gefecht zu werfen.

"Du mußt meine Angst entschuldigen", sagte es, "aber so viele meiner Freunde erzählen Schauergeschichten über dich!"

"Schauergeschichten? Über mich, sagst du?"

"Über euch, wollte ich sagen “, erklärte Lästerndes Blatt hastig. "Euch alle, die Raupen. An manchem dicht belaubten Ast habe ich sagen hören, daß ihr unserer zarten Haut übel mitspielt."

Verträumte Raupe gähnte und streckte sich genießerisch.

"Tatsächlich?" fragte sie honigsüß. "Dann hast du ja Glück, daß ich eine Ausnahme bin. Ich knabbere auch manchmal an euch herum, aber nur an denen, die Tobender Wind auf seinem Weg abreißt. Wenn ihr auf dem Boden liegt, seid ihr eine Gefahr für ahnungslose Füße. Es ist bekannt, daß ihr immer wieder Unfälle verursacht. Willst du das abstreiten? Man muß dazu sagen, daß die Menschen sehr zerstreut sind. Wenn sie gehen, scheint ihnen immer der Teufel eng auf den Fersen zu folgen. Daher die zahlreichen Knochenbrüche, Verstauchungen und Verrenkungen, die sie immer als übel bezeichnen."

Beruhigt fragte Lästerndes Blatt: "Ja, gibt es denn auch gute Knochenbrüche, Verstauchungen und Verrenkungen?"

"Wenn es üble gibt", sprach Verträumte Raupe, "muß es zwangsläufig auch gute geben. Das scheint mir logisch unumgänglich. Die Sprache der Menschen verwirrt mich manchmal, so sehr sie mich auch amüsiert. Wo wir gerade von Stürzen sprechen, gibt es ein Fallen, das mir besonders gefällt: das eure nämlich. Schließlich muß man sich ernähren. Wie sollte ich sonst ein Schmetterling werden? Wir Raupen sind nämlich Lieblingskinder von Vater Natur und Seine Güte uns gegenüber kennt keine Grenzen. So zwingt er uns zwar, eine Weile zu kriechen, verleiht uns dann aber Flügel und verwandelt unsere ursprüngliche Erniedrigung in Freude. Ich freue mich darauf, eine wunderbare lebende Blume zu werden. Und du wagst es zu behaupten, daß manche Blätter sich über uns beschweren? Wie töricht diese Blätter sind! Uns schlechtzumachen, bedeutet Vater Natur anzuklagen, der im ganzen Universum das Sagen hat."

Lästerndes Blatt wußte nichts zu antworten, und schwieg.

"Sage mir, habe ich nicht recht? » fragte Verträumte Raupe, die dieses Schweigen ärgerte.

"Wie dem auch sei," erklärte Lästerndes Blatt, "ihr Raupen seid, nach Ansicht vieler meiner Geschwister, kein guter Umgang. Erst gestern nannte euch Hochmütiges Blatt "kannibalische Larven". Nachtragendes Blatt hält euch für "ungehobelte Würmer". Es gibt noch andere Bezeichnungen, die ich lieber für mich behalte."

"Nicht doch", ermutigte es Verträumte Raupe scherzhaft.

"Es reicht", rief Lästerndes Blatt. "Deine Hartnäckigkeit könnte dich verletzen."

"Mich verletzen? Mir scheint, du hast die Rollen getauscht."

"Moralisch verletzen", erklärte Lästerndes Blatt daraufhin.

"Hast du bemerkt, wie sehr wir Blätter menschlichen Zungen ähneln?"

"Ich gebe zu, daß mir diese Ähnlichkeit nie aufgefallen ist", antwortete Verträumte Raupe. "Aber du hast recht."

Gelangweilt wollte Lästerndes Blatt das Thema beenden. "Die meisten von uns sind besonders giftig", betonte es. "Allein deshalb gleichen wir schon dem rosigen Stück Fleisch, das die Menschen so geschickt in ihrem Mund verbergen."

"Wie interessant", murmelte Verträumte Raupe. "Welch erstaunliche Ähnlichkeit. Es tut mir wirklich sehr leid, daß deine Kameraden mich nicht mögen."

"Du mußt sie verstehen", erwiderte Lästerndes Blatt.

"SIE verstehen, sagst du? Teilst du ihre Meinung etwa nicht? Magst du uns etwa?"

Lästerndes Blatt wollte dieser Frage ausweichen und wurde lediglich um eine Schattierung grüner. "Hochnäsiges Blatt wagt zu behaupten, etwas so Hübsches wie ein Schmetterling könne unmöglich aus der Häßlichkeit entstehen", behauptete es plötzlich, "und Neidisches Blatt würde euch gerne noch vor eurer Umwandlung mit einer spitzen Nadel das Handwerk legen. Gehe dich doch mit den beiden unterhalten, wenn du dich traust."

Verträumte Raupe rollte sich auf. Ihr waren diese scharfen Worte gleichgültig. "Es ist zu heiß, um zu streiten", seufzte sie. "Ich werde bis zum Abend hier bleiben und von der Zukunft träumen, die mir bereits ihre prächtigen Flügel entgegenstreckt. Dann bin ich euch allen keine Gefahr mehr. Du jedoch bist dann wahrscheinlich schon tot! Vater Natur hat seltsame Launen. Aber es nützt nichts, über ihn herzuziehen. Jeder weiß, daß man seinem Gesetz nicht entgehen kann. Kannst du mir übrigens sagen, wie Weiser Stamm zu Raupen steht?"

"Es wird dich vielleicht überraschen", antwortete Lästerndes Blatt. "Weisheit ist manchmal nur ein Schein. Schein ist nicht Sein. Ich muß wohl zugeben, daß Weiser Stamm ob seiner Größe und Korpulenz beeindruckt. Ungeachtet seiner Eigenschaften würde jedoch eine Motorsäge, ja sogar eine sicher geführte Axt ausreichen, um ihn..."

Sein böses Geschwätz wurde durch leises Schnarchen unterbrochen. Verträumte Raupe war, von dieser grob angelegten Schimpfkanonade erschöpft, auf ihm eingeschlafen.

 

Miezekatze kletterte gerne auf Bäume. Dies war für sie ein Hauptspaß, für den sie ihre Krallen schärfte und ihre Sprünge übte. Von allen Bäumen in der Gegend war ihr der aus der "Straße des Lebens" mit seinen kräftigen, bequemen Ästen und seinem üppigen Laub der Liebste. Dieses Gewächs bildete einen wahrhaft königlichen Thron, und war der Schönheit ihres Fells, des Adels ihrer Abstammung würdig. Sollten sich doch andere Katzen auf Regenrinnen, morsche Bretterzäune, geborstene Mauern, lächerliche Körbchen und stumpfsinniges Spielzeug verschwenden! Miezekatze folgte einem Ideal, das sie hier fand, zwischen Himmel und Erde. An diesem Morgen setzte sie unvermittelt zu einem geschmeidigen Sprung an und zog sich mittels ihrer Krallen wie an Steigeisen in den kleinen Wald empor.


"Au! Au!" rief Einfältiges Blatt.

"Wieder diese Verrückte", schrie daraufhin Schlaues Blatt.

"Die macht wieder alles kaputt", überbot sie Unkendes Blatt.

Viele andere Blätter verurteilten den widerwärtigen Gast ebenfalls nachdrücklich. Dieser hatte sich jedoch längst an das Pfeifkonzert gewöhnt und stellte sich taub. Dieses ungastliche Laub war eine Plage, die sie jedesmal mit ihrem unbeugsamen Willen und dem Wahlspruch "Hier bin ich und hier bleibe ich" bekämpfte. So setzte sie sich an den Platz, der ihr seit zwölf Jahreszeiten vorbehalten war, seit nämlich Herrchen und Frauchen in diese Gegend umgezogen waren. Bald lag sie ausgestreckt da, und ihr Schwanz und ihre Lider fielen. So versteckt würde sie selbst der schlaueste Hund nicht finden, und sie konnte in Frieden schlafen.

In der Baumkrone wurde selbstverständlich eifrig geklatscht.

"Eines Tages", sprach Unwirsches Blatt, "wird dieses beschränkte Geschöpf noch bis hier oben klettern und unsere strahlenden Gesichter verwüsten."

"Nur keine Aufregung", beruhigte es Furchtloses Blatt, „eine Katze ist ja kein Affe. Hier oben würde das Tier sich über kurz oder lang den Hals brechen."

"Dein Wort in Vater Naturs Ohren“, riefen die Zwillinge Blatt im Duett. "Katzen sollten dort wohnen, wo die Menschen wohnen. Schließlich wachsen wir ja auch nicht auf ihren Steinen, oder?"

Diese Bemerkung erntete ein spöttisches Lachen, auf das ein trockener Husten folgte.

"Wir wachsen vielleicht nicht darauf, aber klettern dort trotzdem", behauptete Logisches Blatt.

"Wir?"

"Ich meine den Efeu", sagte Logisches Blatt, "unseren eleganten Vetter. Schließlich überdeckt dieser unzählige Wände!"

"Aber dieser Verwandte verschönert die Häuser der Menschen", rief Künstlerisches Blatt, "während dieses seltsame Raubtier unseren Lebensraum entweiht!"

"Künstlerisches Blatt hat recht", sagte Zerbrechliches Blatt. "Unser Vetter, der Efeu, ist ein Schmuck, eine hübsche Girlande, mit der die Menschen ganz vorsichtig umgehen, weil sie ihnen so viel Ruhe vermittelt."

"Ob Schmuck oder nicht", erwiderte Logisches Blatt, "Efeu zieht Blattläuse an, wie ein Baum..."

"...den Blitz", beendete Hasenfüßiges Blatt den Satz mit zittriger Stimme.

Auf diese Worte hin schauderte das verstörte Laub, das eine düstere Schweigeminute einlegte.

"Wir sollten unseren Ast bitten, sich ein wenig zu schütteln", schlug Furchtloses Blatt vor. "Dieses häßliche haarige Ding sollte umgehend zu Boden geworfen werden."

"Wäre es nicht besser, Weisem Stamm Bescheid zu sagen?" wandte Nachdenkliches Blatt zögernd ein.

"Weisem Stamm?" riefen seine Leidensgefährten im Chor.

"Was hat der damit zu tun?" Griesgrämiges Blatt ging zum Angriff aber. "Nieder mit der Fremden! Schaffen wir uns diese Katze vom Hals, zum Teufel! Soll sie sich doch anderswo hinlegen, auf einen anderen Baum zum Beispiel. Es wäre lächerlich, Weisen Stamm für ein Büschel roter Haare zu belästigen. Warum spielen wir dem eingebildeten Tier nicht alle zusammen einen Streich? Ich habe da eine Idee. Wir werden das Heulen von Tobendem Wind nachahmen, wenn der uns bestürmt. Die Angst wird ihr schon Beine machen."

Auf diese erstaunliche Aufforderung hin durchlief den Baum ein anhaltendes Raunen. Daraufhin folgte Getuschel, das einige Sekunden später durch ein durchdringendes Geräusch abgelöst wurde.

"Huhuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuh", brüllte das Laub.

Miezekatze sprang auf, Ohren gespitzt, Barthaare zitternd, krallenbewehrt. Wer heulte da so? Hatte Leichter Wind plötzlich einen Wutanfall bekommen? Wenn ja, was war dann in ihn gefahren? Sie hob den Blick, und untersuchte das prächtige Laub, dessen Reglosigkeit sie beruhigte. Wahrscheinlich hatte sie schlecht geträumt.

"Huhuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuh", wiederholten die Verschwörer.

Die Nachahmung war zwar fast perfekt, aber Miezekatze hatte das Manöver erkannt und entschärfte es sofort. Sie zielte auf einen höheren Ast, nahm Maß, und sprang, wobei sie einige verblüffte Blätter anrempelte.

"Ihr müßt mich bitte entschuldigen", sagte sie ihnen, "aber es ist ein Wïnd aufgekommen, und ich habe Angst, daß es in Strömen regnen wird. Euer Baum ist wirklich ein wunderbarer Zufluchtsort. Ich wollte gerade nach Hause gehen, wo eben heute ein Hähnchen gebraten wurde. Aber meine Wasserscheu ist immer stärker als mein Appetit. Vielleicht sollte ich noch höher klettern ... Ich werde hier abwarten, wie sich diese plötzliche und unvorhergesehene Störung entwickelt."

Auf diese Worte hin ertönten aus allen Ästen Stoßseufzer, Zweifel und Befürchtungen.

"Geschwister, laßt uns dieses lächerliche Spiel sofort beenden!" befahl Gebieterisches Blatt. "Ihr seht ja, daß wir in unsere eigene Falle geraten sind. Unsere Dummheit, der Meinung seid ihr sicher auch, wird nur noch von der Einfältigkeit dieser Katze überboten, die nicht so reagiert hat, wie wir es dachten. Ein weiterer Versuch könnte gefährlich sein. Wie ihr wißt, lehrt uns Weiser Stamm, daß jeder Zwischenfall den Keim eines Unglücks in sich birgt. Er hat uns auch beigebracht, daß jeder Fremde, ohne es zu wissen, Mitglied einer allumfassenden Familie ist. So ist Miezekatze ebenso wie wir alle ein Kind von Vater Natur."

Das Tier, ein tropfnasses Fell vortäuschend, suchte sich im Herzen des Baums eine neue Zuflucht, und Logisches Blatt mußte zugeben, daß, wer den Wind sät, gerechterweise Sturm erntet. Als die Katze, der Flucht vor einem erlogenen Regenschauer müde, aus ihrem Versteck herabkletterte, versteckte das ziemlich ramponierte Laub seine Wunden vor den schelmischen Sonnenstrahlen, die es brennenden Pfeilen gleich durchdrang.

 

Weiser Stamm beobachtete ein anmutiges Paar schöner junger Leute, die Hand in Hand und mit zärtlich schimmerndem Blick auf ihn zugingen.

"Welch wunderschöner Baum!" rief der Junge. "Bei dieser Hitze ist sein Schatten sehr willkommen. Laß uns einen Moment bleiben."

Seine hübsche Begleiterin stimmte zu, und sah ihn sich zufrieden an die rauhe Borke lehnen. Unter der brennenden Sonne war es ein unerhofftes Glück, diesen wunderbaren Riesen, diese herrliche Oase zu finden. Er glich einer natürlichen Veranda.


"Dieser schöne Baum ist in solch kleiner Straße wirklich nicht an seinem Platz", bemerkte das Mädchen. "Er verdient mindestens die Ehren eines Parks, die Gunst einer Allee, oder die Gesellschaft eines Boulevards."

Der Junge schwieg, sein Herz von sanften Gedanken gewiegt. Es durchzitterte ihn eine erste Liebe, eine unendliche Freude, den strahlenden Minuten gleich, die seit ihrer Begegnung die Zeit zerrissen.

"Ich liebe dich", sagte er schließlich, einen Diamanten in der Stimme, einen Goldreif im Blick.

"Ich liebe dich auch", antwortete das Mädchen, den frischen Körper in einem frischen Kleid.

Sanft einten sich ihre Lippen, purpurne Früchte einer Jahreszeit, in der solch zarte Ereignisse eben gedeihen. Während sie sich küßten, überhäufte das Blattwerk ihre glückverklärten Gesichter mit honigsüßen und gallebitteren Kommentaren.

"Hier sehe und höre ich nichts weniger als Vollkommenheit", murmelte Romantisches Blatt.

"Die Ruhe vor dem Sturm", brummelte Lästerndes Blatt.

Blaues Blatt, eine Großnichte der Tochter der Blauen Blume, lächelte nur still. Neugieriges Blatt bog ihren Stiel ganz durch, um das hübsche Bild besser beobachten zu können. So geriet nach und nach das ganze Blätterdach in Wallung.

"Das ist doch nur ein Strohfeuer", bemerkte Lästerndes Blatt, "eine kleine Sommerliebschaft, über die man nicht gerührt zu sein braucht. Davon hat Weiser Stamm über die Jahre so einige ebenso kindische gesehen. Seine Kraft und seine Größe bieten solchen Groschenromanzen eben den idealen Schutz."

"Groschenromanze!" ereiferte sich Romantisches Blatt. "Ich würde schon für eine Pfennigromanze einen Fall riskieren. Ich will an die Liebe glauben, und was Vater Natur anbelangt, so hat er mehr als nur einen Kuß, nur eine Zärtlichkeit auf Lager."

Lästerndes Blatt kicherte hämisch, sein langer Stiel von Lachkrämpfen geschüttelt.

"Ein Waffenlager, wenn du mich fragst", rief es, "voll geblähter Schwüre und geborstener Lügen, das jegliche Umarmung in die Flucht schlägt."

"Ruhe bitte", forderte Romantisches Blatt. "Heutzutage sind Liebesworte so rar geworden, daß man ihnen ehrfürchtig zuhören sollte. Sie erklingen wie Gesänge aus göttlichen Noten."

"Ja, laßt uns alle schweigen", bat auch Taktloses Blatt. "Die beiden Turteltauben gefallen mir sehr. Laßt uns zuhören, wie sie gurren, denn das könnte noch ziemlich gewagt werden."

"Die Turteltauben wird bald die Langeweile rupfen", vermutete Lästerndes Blatt.

"Nun sei schon ruhig!" rief Friedliches Blatt, das diese bösen Sprüche ärgerten. "In dir fließt kein Saft, sondern reines Schlangengift, und ich hoffe, daß Vater Natur diese Schlange eines Tages zertreten wird."

"Friedliches Blatt hat recht", sagte Schlaues Blatt. "Der Herbst wird uns schon von diesem Luder befreien."

"Der Herbst wird auch deine Seele dahinraffen", erwiderte Lästerndes Blatt. "Hast du darüber schon mal nachgedacht?"

"Meine Seele, glaubst du?" antwortete Schlaues Blatt. "Der Herbst bekommt nur meinen Körper. Na und?"

Darüber lachte Lästerndes Blatt zynisch und voller Verachtung. "Ich fürchte", spottete es, "daß die schönen Reden von Weisem Stamm dir den Kopf verdreht haben. Du bist wie Einfältiges Blatt - auf dem Holzweg. Glaubt mir, ihr armen Dummerchen, ihr werdet alle eure Seele verlieren, und eure treuherzigen Hoffnungen gleich mit."

Schlaues Blatt lächelte vor sich hin, und ließ seinem Astnachbarn das letzte Wort. Der war einen Streit wirklich nicht wert. Dieses Blatt und alle seine Kameraden, die kurzlebigen Begleiter Weisen Stamms, würden die Wahrheit ja bald herausfinden, sei sie Licht oder Leere. Waren sie denn nur Staub? Das dachte bestimmt mehr als nur eines. Die anderen dagegen glaubten an das Unsichtbare, vertrauten auf ein Reich, in dem nur eine Jahreszeit herrschte: die Unsterblichkeit. Eines Tages hatte ihnen Weiser Stamm gesagt, daß sie in vielen Bäumen würden wohnen müssen, bevor sie das Geheimnis zeitlosen Friedens und ewiger Freiheit begreifen würden.

"Sch…! Hört mal alle zu!" rief Taktloses Blatt.

Eine scharfe Stahlklinge verletzte Weisen Stamm, der jedoch wie immer unerschütterlich blieb. Bald kennzeichnete seine Borke ein durchbohrtes, von Initialen flankiertes Herz.

"Unverschämtheit!" grummelte Rachsüchtiges Blatt.

"Schufte und Wandalen!" brummelte Lästerndes Blatt. "Die Jugend von heute respektiert offensichtlich überhaupt nichts mehr."

"Ganz richtig", fand Unwirsches Blatt.

"Eines Tages wird aus dem kleinen Messer ein grober Dolch", prophezeite Bitteres Blatt.

Nachdem sie ihre Liebe verewigt hatten, gingen die Liebenden Hand in Hand langsam davon.

Wie rührend!" schmachtete Blaues Blatt.

"Wie schön, so jung zu sein!" seufzte Sanftes Blatt.

"Zum Lieben ist man nie zu alt, „ antwortete Romantisches Blatt. "Liebe sollte eine ständige Gemütsverfassung sein." Darauf schloß es die Augen, wie man die Tür vor der rotzigen Nase der Gleichgültigkeit zuschlägt.

 

Ungemein aufgeregt rannte Freimütiger Käfer auf Heiterem Blatt hin und her. Das Blatt fühlte diese ständige Krabbelei, und bat ihn, einen Moment damit aufzuhören.

"He da! Du kitzelst mich mit deinem Gelaufe!" rief es ihm zu. "Könntest du dich nicht einen Moment lang ausruhen? Deine kleinen Schritte sind wie Federn unter einer Fußsohle. Ich bin von Natur aus fröhlich und lache. Du brauchst mir dabei also nicht zu helfen."

Zerknirscht hielt Freimütiger Käfer sofort inne.


"Es tut mir leid", sagte er. "Heute bin ich ausgesprochen verdrießlich aufgelegt."

"Verdrießlich?" fragte Heiteres Blatt entrüstet. "Hat man als Herrgottskäfer das Recht, so zu sprechen? Na, du redest wirklich Unsinn."

"Leider...", erwiderte Freimütiger Käfer. "Der Name allein reicht nicht aus, um ständig vor Freude zu vibrieren. Außerdem schulde ich diesen Namen nur der Sprache der Menschen. Herrgottskäfer! Wie unterscheide ich mich denn von anderen Insekten? Nein, dieser hochtrabende Name ist völlig unberechtigt. Das kann ich dir versichern."

Heiteres Blatt lachte und schaukelte sanft. Es hätte diese seltsame Bitterkeit gerne eingedämmt. "Alle Menschen haben dich gerne", bemerkte es, um ihn aufzuheitern. "Sie wissen, daß du ihnen Glück bringst."

"Dieser Glaube ist unberechtigt", antwortete Freimütiger Käfer. "Glück bringt ihnen nur eine positive Haltung. Na, diese Bezeichnung, wie so viele andere, die mich nicht betreffen, ist eben reiner Aberglaube.”

"Mein Freund Freimütiger Käfer, du redest wie Weiser Stamm", sprach Heiteres Blatt. "Er lehrt uns, daß das Glück in jedem von uns liegt, wie das Herz in jeder Brust. Er erklärt uns, daß wir bereits besitzen, was wir so erfolglos draußen suchen. Die Wogen überfluten uns, sagt er, und wir schreien nach Wasser! Es gibt Essen im Überfluß und wir weinen vor Hunger..."

Freimütiger Käfer hüstelte verwirrt. "Wenn das stimmt", sagte er, "ist jeder von uns ein Glückskäfer, nicht wahr?"

"Das sind wir", antwortete Heiteres Blatt. "Das wissen viele aber nicht, und rackern sich daher ab, um einige Schätze zu finden, die ihnen zu ewigem Glück verhelfen sollen. Aber was hast du eigentlich für ein Problem, lieber Freund? Warum bist du so unruhig, so empfindlich?"

Freimütiger Käfer schlug kurz mit den Flügeln, und fächelte Heiterem Blatt so kühle Luft zu. Das Blatt seufzte zufrieden.

"Mein Problem ist nur noch Erinnerung", erklärte er. "Eine hinterhältige Kinderhand hat mich in eine Streichholzschachtel eingeschlossen, in einen unüberwindlichen Kerker, in den vorher winzige Löcher gebohrt worden waren. Diese Sorgfalt zeigt doch, daß es sich um ein vorsätzliches Verbrechen handelte, nicht? Und ich hatte dieser kleinen Hand vertraut und gedacht, ich könne mich dort von einem langen Flug ausruhen. Wie töricht ich doch war, und wahrscheinlich auch noch bin!"

"Hat das Kind dich freigelassen?" fragte Heiteres Blatt.

"Nein", antwortete das Insekt bewegt. "Meine Freiheit verdanke ich nur einem neugierigen Blick in mein halb geöffnetes Gefängnis. Ich kann manchmal sehr schnell sein, weißt du!"

"Dann besteht dein Problem also nicht mehr", stellte Heiteres Blatt fest. "Warum zitterst du noch? Du leidest lediglich an einem zu guten Gedächtnis. Du bist wieder frei."

"Es ist zu schrecklich", stöhnte Freimütiger Käfer.

"Schrecklich, frei zu sein?"

"Nein, schrecklich, eingesperrt gewesen zu sein. In Zukunft werden mir alle Kinderhände verdächtig sein."

"Man muß wissen, das Kinder schon kleine Menschen sind", erwiderte Heiteres Blatt. "Wie bei diesen gibt es gute und weniger gute..."

"Und immer weniger gute, je älter sie werden", endete Freimütiger Käfer energisch.

"Du bist blind vor Wut", sagte Heiteres Blatt, "und Wut ist immer ein schlechter Berater.“ 

Plötzlich brach das Insekt in schallendes Gelächter aus. "Diese Rasse von Riesen braucht sich vor Streichholzschachteln nicht zu fürchten", prustete es und fand diese Bemerkung offensichtlich sehr komisch. Zu seinem Erstaunen schien Heiteres Blatt jedoch keineswegs belustigt zu sein.

"Dein Humor ‘zündet’ wohl nicht so leicht?" fragte Freimütiger Käfer, mit seinem Wortspiel offensichtlich sehr zufrieden.

"Wie dumm du bist!" rief Heiteres Blatt. "Naja, hoffentlich betäubt dich jeden Tag ein solches Lachen. Das ist hervorragend für die Gesundheit, das kannst du mir glauben. Trotzdem solltest du wissen, daß dem Durchschnittsmenschen das Leben ein Käfig ist, in dem er unermüdlich wie ein Raubtier im Kreis herumläuft, das er ja auch wirklich werden kann, wenn er sich Feindseligkeiten hingibt..."

"Was ist ein Durchschnittsmensch?" fragte das Insekt wißbegierig.

Heiteres Blatt erwog eine Reihe von Gedanken, die es dann aneinanderreihte wie Perlen in einem Rosenkranz.

"Der Durchschnittsmensch", sprach es schließlich, "ist einer, der nie festgestellt hat, daß sein Käfig nur teilweise vergittert ist. In der Tat ist dieser eingebildete Käfig nach oben hin offen. Dieser Mensch bräuchte nur den Himmel anzuschauen, um dies zu bemerken. Er unternimmt viele Versuche, um seinem Käfig zu entkommen. Die Stangen gleichen mit Schmierseife eingeriebenen Klettermasten. Aber der arme Durchschnittsmensch versucht nie, die Tür dieses imaginären Käfigs zu öffnen. Dabei ist die Tür nicht verriegelt und wird es auch nie sein."

"Ist der Durchschnittsmensch denn verrückt?" fragte Freimütiger Käfer.

"Er ist unwissend", erklärte Heiteres Blatt, "und stolz darauf. Er kann nicht weiter sehen als bis zu seiner Nasenspitze. Seine ausschließlich weltlichen Ideale sind wie die Karotten, mit denen er seinen Esel vorwärts lockt. Gib nur acht, lieber kleiner Freund, daß du kein Durchschnittskäfer bleibst."

Der Käfer seufzte lange, seine hübschen, mit niedlichen schwarzen Punkten übersäten Flügel leicht geöffnet.

"Ich werde versuchen, diese scheußliche Streichholzschachtel zu vergessen", versprach er.

"Die Schachtel findest nur du scheußlich", erklärte ihm Heiteres Blatt. "In Wirklichkeit ist sie neutral. Deiner ichbezogenen Einschätzung erscheint sie häßlich, aber für den Sammler ist sie vielleicht einzigartig, rettend für einen Mann in der Finsternis, teuflisch in den Händen eines Brandstifters. Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, daß ich diese Lehre von Weisem Stamm bekommen habe."

"Wie wahr, und wie erstaunlich", rief das verblüffte Insekt. "Daran hatte ich nicht gedacht."

"Wenn es um das Wesen von Vater Natur geht, erweist sich Weiser Stamm als unerschöpflich", konstatierte Heiteres Blatt.

"Lieber Vater Natur", wiederholte Freimütiger Käfer in entzückter Ehrfurcht.

"Bevor ich ihn erkannt habe, hieß ich Trauriges Blatt", verriet ihm Heiteres Blatt. "Lieber Freund, Vater Natur ist unser einziger Schöpfer. Ihm kannst du immer vertrauen, was auch passiert. Dann brauchst du Kinder und ihre Streichholzschachteln nicht mehr zu fürchten."

Die beiden Freunde plauderten noch ein Weilchen miteinander. Am selben Tag noch landete das Insekt ohne jede Angst auf der Hand eines Kindes, das ihn dort ungehindert spazieren ließ. Obwohl er sich aus Angst, den Käfer zu verjagen, kaum zu atmen traute, rief der glückliche kleine Mensch seinen Vater.

"Sieh nur", flüsterte er, "ein Marienkäfer! Bringt er wirklich Glück?"

"Nur wenn Du ihn nicht gefangen hältst", antwortete der Mann sanft. "Du mußt wissen, daß wahres Glück mit anderen geteilt werden muß."

"Wird er bald wegfliegen?" fragte das Kind ängstlich.

"Er ist bei Vater Natur zuhause", erklärte ihm sein Vater, der kein gewöhnlicher Mann war. "Wahrscheinlich ist er müde und macht auf deiner Hand eine Zwischenlandung."

"Dann bleibe ich hier und bewege mich nicht", beschloß das Kind.

Nach diesem Entschluß und im Bewußtsein des Wunders eines gemeinsamen Augenblicks schlug sein Herz im Rhythmus der Liebe.

 

Mischlingshund schnüffelte ausgiebig an Weisem Stamm, bevor er das Bein hob. Ein Urinstrahl ergoß sich über die Rinde, die leise knackte. Das Tier schnüffelte wieder, erfreut, ein besonders schönes und geheimnisvolles Gewächs gefunden zu haben. Seine schwarzen Augen funkelten in stillem Vergnügen, und er hob erneut das Bein. Unwirsches Blatt sah ihn und schlug Alarm.

"Diese Straße ist ein Zoo", rief es. "Es wäre für uns alle besser gewesen, wenn wir auf einem anderen Baum gewachsen wären."


Mischlingshund, die kalte feuchte Nase vor Gesundheit strotzend, amüsierte sich und rief zurück: "Vielleicht gefällt dir ja meine Hundehütte. Da wärst du vor den Launen des Winds und dem Zorn des Himmels geschützt. Eine ganz schicke Angelegenheit, das Holz kommt aus Schweden. Zu allen Jahreszeiten sicher und bequem. Um diesen kleinen Palast beneidet man mich in so manchem Zwinger."

"Was soll ich mit einer Hundehütte", erwiderte Unwirsches Blatt. “Da wohne ich doch lieber in einem Baum, statt in einem - Puppenhaus. Als wärst du ein Plüschtier!"

"Oder du ein künstliches Blatt", konterte das Tier.

"Wer könnte ein weicheres Bett erträumen, als den sternenbesäten Mantel der Nacht", seufzte Dichterisches Blatt.

"Naja, mehr oder weniger sternenbesät", grunzte Saures Blatt.

"Viel zu oft regengetränkt", ergänzte Griesgrämiges Blatt.

Jeglicher Nörgelei entrückt rezitierte Dichterisches Blatt mit tiefer, fester Stimme:

Der Himmel ist ein Kuß,
auf den Lippen der Jahre,
ein schön gestickter Traum
auf den Flügeln der Zeit.

Auf diese Verse folgte Stille, die jedoch alsbald leises Gewisper durchrauschte.

"Was sollte man da noch hinzufügen?" seufzte Verträumtes Blatt. "Vater Natur ist eine unerschöpfliche Muse, die Dichterisches Blatt zu unserer größten Freude inspiriert."

"Auch mich hat die Muse geküßt!" erklärte Unwirsches Blatt auf die warmen Worte und dieses berechtigte Lob.

Auf diese Aussage hin wäre fast das gesamte Laub vor Erstaunen abgefallen.

"Hört nur zu!" rief Unwirsches Blatt entschlossen:

Ich hasse Katzen,
ich verachte Hunde,
all diese Wichtigtuer
sind nur nichtsnutziges Pack.

"Ein richtiger Kalenderspruch!" knurrte Mischlingshund. "Da hat die Muse dich wohl nicht geküßt, sondern gebissen."

"Wenn es dich so trifft, muß es ja wohl stimmen", bemerkte Unwirsches Blatt. "Hört doch nur, wie der Köter sich aufregt!"

"Er regt sich nicht auf, er vergleicht nur", wandte Schlaues Blatt ein.

"Ja, er vergleicht", wiederholte Kritisches Blatt.

"Und was vergleicht dieses Tier?" fragte Unwisches Blatt von oben herab.

"Er vergleicht Gold mit Blei", antwortete Dichterisches Blatt, "eine Pfütze mit einem Weltmeer, einen Strohhalm mit einem Vogelnest - kurzum, er vergleicht unser Talent."

"Ganz richtig", bestätigte Mischlingshund und wedelte vergnügt mit dem Schwanz. "Ich vergleiche Genius und Mittelmäßigkeit. Sag mal, Dichterisches Blatt, haben Blätter einen Stammbaum?"

"Alle Blätter tragen den Namen des Baumes, der sie hervorbringt", lautete die Antwort.

"Dann müßten alle Bäume 'Erde-Sonne-Regen’ heißen", folgerte das Tier. 

"Wie komisch", lachte Heiteres Blatt.

"Ich finde, das ist eine treffende Bemerkung", sagte Sanftes Blatt.

"Eine brilliante Folgerung", übertrumpfte es Schlaues Blatt.

Da explodierte Unwirsches Blatt vor Wut.

"Ihr dämlichen Blätter", schrie es. "Merkt ihr denn gar nicht, daß ihr diesen ekligen Hund geradezu auffordert, nochmal sein Bein zu heben? Ihr habt offensichtlich keinen Stolz. Wir sind schließlich keine öffentliche Bedürfnisanstalt."

"Nun sei doch nicht so griesgrämig", tadelte Schlaues Blatt. "Die Sonne wird so ein kleines Bächlein schnell trocknen. Doch wer trocknet den schleimigen Speichel der Intoleranz?"

"Bravo", rief Kühnes Blatt.

"Lieber das Bein heben als auf Kriegsfuß leben", erklärte Erfinderisches Blatt. "Das ist eine alte Weisheit."

Mehrere mißtrauische Blätter besprachen sich mit viel Geraschel. Davon hatten sie nun noch nie etwas gehört.

"Ich kenne dieses alte Sprichwort", behauptete Lügendes Blatt.

"Ich ... ich kenne es auch", sagte daraufhin Mischlingshund.

"Ich wette, da seid ihr die einzigen", brummte Saures Blatt. "Eine fragwürdige Minderheit! Mal sehen, ob ihr die Allgemeinheit überzeugen könnt, die sich vernünftigerweise energisch dagegen wehrt, daß ein Baumstamm wie ein Bahnhofsklo behandelt wird."

"Wer hat denn das behauptet?" fragte Nachdenkliches Blatt.

"Wir, die Blätter!" erwiderte Saures Blatt.

"Das haben wir nie gesagt", protestiere das Laub fast einstimmig.

"Einen Moment, bitte!" Schlaues Blatt versuchte zu vermitteln. "Ich würde eher sagen, daß wir lediglich die Beschlüsse übernommen haben, die vor uns bereits von anderen Blättern auf anderen Bäumen gefällt wurden. In den Augen von Vater Natur ist unsere sogenannte Weisheit reine Überheblichkeit. Das Leben ist nur ein Anschauungsunterricht über Personen und Dinge, die uns allein aus der Überlieferung vertraut sind. Eigentlich berichten wir nur Begebenheiten, deren Ursprung wir nicht kennen. Das Herz ist ein tiefer Schacht, in den täglich die Unkenntnis fällt. Das Echo dieses Sturzes tönt in uns und setzt sich durch uns fort, wie die Kreise eines flachen Steines, der über einen ruhigen Wasserspiegel geworfen wird…."

"Jetzt reicht es aber!" unterbrach Saures Blatt bestimmt. " Ich kenne nichts Aufgeblaseneres als einen überzeugten Nachfolger von Vater Natur. Ich würde mich bestimmt nicht von diesem … Ewigkeitspropheten einwickeln lassen."

Da krachte es unheilvoll, und eine dröhnende Stimme erklang : "Wisset zunächst, daß euer Name BLATT lautet. Einfach nur BLATT. Eure jeweiligen Bezeichnungen sind lediglich ein Erzeugnis eurer scheinbaren Vielfältigkeit. Ebenso wie das Universum ist dieser Baum ein einziger Körper, eine vollkommene Einheit, gespeist von einer einzigen Energie, die gemeinhin als VATER NATUR bezeichnet wird."

" Wer … wer spricht denn da?" fragte Mischlingshund und kniff den Schwanz ein.

"Weiser Stamm hat gesprochen", verkündete Nachdenkliches Blatt.

Das Tier saß vor Angst gelähmt, mit stierem Blick, und traute sich kaum zu atmen.

"Na, nun lauf' schon weiter", riet ihm Ruhiges Blatt.

"In Zukunft hebe ich hier nicht mehr das Bein", versprach Mischlingshund. "Ich kann ja durch eine andere Straße gehen."

"Weiser Stamm ist die Welt", antwortet Nachdenkliches Blatt. "Du kannst ihm nirgends entgehen."

"Ich verstehe deine Worte nicht", gestand Mischlingshund. "Sie sind so... so seltsam, wahrscheinlich wenigen Eingeweihten vorbehalten..."

"Höre nicht auf den Spinner", riet ihm Unwirsches Blatt kurzerhand. "Der bringt dich noch ganz durcheinander."

"Ja, völlig", bekräftigte Saures Blatt.

Derart hin- und hergerissen, sammelte Mischlingshund seine zitternden Glieder und ergriff die Flucht. Der Baum sah ihm nach als er wie ein Blitz durch die "Straße des Lebens" rannte. Der Hund war hoch erfreut, seine hübsche Hütte wiederzusehen. Sein Spaziergang hatte ihn derartig erschöpft, daß er fast sofort in ihr einschlief.

 

Der schöne Tag war schon fast vorbei, als, vom ungestümen Fuße eines lebhaften Knaben geschossen, ein Ball in das Laub stieg. Beim Aufprall schrien einige Blätter in Panik, während andere der Gewalt dieses bösen, bunt gestreiften Meteoriten erlagen.

"Rette sich, wer kann!" kreischte Furchtsames Blatt.

"Hilfe", ächzte Einfältiges Blatt, die Aderung schwer beschädigt.


"Im Vergleich zu dieser Kanonenkugel ist der Herbst ein reines Vergnügen", beteuerte Logisches Blatt, das ein dicker Ast geschützt hatte.

Und noch mehr Schreie, weitere Klagen, andere Schluchzer beschuldigten dieses Erdbeben runden Ursprungs. Gebrochen, die Blätter in höchster Not, rief ein Ast nach einer Krücke.

"Na, hoffentlich wird es bald dunkel", schimpfte Unwirsches Blatt. "Nimmt dieser schreckliche Tag denn gar kein Ende?"

"Wozu wäre ein neuer Tag nutze?" seufzte Trübseliges Blatt. "Morgen geht alles von vorne los. Vielleicht sucht uns der Regen heim. Den haben wir auch schon über eine Woche nicht gesehen. Sicher kommt er im Herbst voll auf seine Kosten."

"Nun hört doch auf zu jammern!" ereiferte sich Zuversichtliches Blatt. "Kümmert euch lieber um eure leidenden Geschwister!"

"Jeder für sich", erwiderte Unwirsches Blatt auf diese brüderliche Aufforderung.

"Und Vater Natur für alle!" rief Nachdenkliches Blatt, und hob einen Gesang an, in den alsbald mehrere andere einfielen:

Liebe ist ein Feuer
durch Hoffnung genährt,
Liebe ist ein Banner
das im Herzen weht,
Liebe ist ein Goldreif
mit Nachsicht bestückt,
Liebe ist ein Schiff
auf dem Meer des Glücks ...

Auf Rührseligem Blatt perlten einige Tränen, die es schnell herunterschluckte.

"Na, hat dieses dumme Lied eure Schmerzen gelindert?" fragte Saures Blatt, von Griesgrämigem Blatt angestachelt.

"Hat es eure Wunden geheilt?" fragte daraufhin Spöttisches Blatt.

Wieder ertönte der Gesang, einer mächtigen, klaren Quelle gleich, die sich überall wie ein reinigendes Wasser ergoß. Leichter Wind hörte ihn, als er um die Straßenecke wehte. Er näherte sich dem schönen Baum, und bemerkte den traurigen kleinen Jungen. Schnell hüllte er ihn ein.

"Was ist passiert, mein Kind?"

"Mein neuer Ball ist in diesem Baum gefangen, und ich trau mich nicht, ihn zu befreien", erklärte dieses mit gestrecktem Zeigefinger.

"Das verstehe ich", antwortete Leichter Wind. "In dieser Blätterhöhle würdest du aussehen wie ein Brotkrümel im Mund eines Riesen. Ich werde dir helfen."

"Du... du wirst da hochklettern?"

"Höher noch, wenn es nötig wäre. In einigen Sekunden hast du deinen kostbaren Ball wieder."

Gesagt, getan. Leichter Wind zog aus, ein unordentliches Eckchen Laub zu erobern.

"Vater Natur sei gelobt!" rief Heiteres Blatt. "Hier kommt Hilfe, meine Geschwister! Leichter Wind wird uns diesen widerlichen Eindringling vom Halse schaffen! So siegt die Hoffnung über die Bitterkeit. Denn es steht außer Zweifel, daß unser schöner Gesang unsere Bitterkeit überwunden hat."

Der als Held empfangene Besucher blies auf den Ball, bis der auf den Boden fiel und vor Freude, ja vielleicht vor Dankbarkeit, auf- und niederhüpfte.

"Das Schlüsselwort, meine Geschwister, ist "Zuversicht", erklärte Nachdenkliches Blatt. "Man braucht sich nur Vater Natur hinzugeben und an seine Hilfe zu glauben. Sagt nur, welche Kraft hat Mißgeschick über die Liebe? Wenn ihr euch von eurem Schreck erholt habt, werdet ihr sicher Weisen Stamm in dieser Sache befragen. Jetzt sollten wir uns jedoch ordnen, damit unser Laub wieder präsentabel aussieht."

Dieser Aufforderung kam man alsbald nach.

"Danke", sagte das Kind, den Ball unter den Arm geklemmt.

"Keine Ursache", antwortete Leichter Wind. "Wenn dir mal wieder die Puste ausgeht, brauchst du mich nur zu rufen."

"Wo werde ich dich finden?"

"Du brauchst nur meinen Namen auszusprechen, und schon bin ich da, gleich welche Jahreszeit. Nimm jetzt dein Spielzeug und gehe nach Hause. Bäume solltest du jedoch immer respektieren. Sie sehen kräftig aus, aber ich weiß, daß sie im Grunde verletzliche große Pflanzen sind. Willst du versprechen, nicht auf Bäume zu klettern, seien sie auch noch so groß?"

"Ich verspreche es dir", sprach das Kind.

"Du darfst jedoch gerne in den Himmel klettern, so wie ich", fuhr Leichter Wind fort.

"In den Himmel? Wie denn?" staunte das Kind.

"Mit Hilfe der Liebe ist das ganz einfach", antwortete Leichter Wind. "Du mußt wissen, daß die Liebe eine große Leiter ist. Sie hat viele Sprossen, aus Eisen, Holz oder Seil, je nachdem, wie stark dein Gefühl ist."

"Wo kann ich mir eine solche Leiter besorgen? Ich würde gerne nach dort oben klettern."

"Nichts leichter als das. Du findest sie in der Abstellkammer deines Herzens, wo Vater Natur so wunderbares Werkzeug wie Großzügigkeit und Nachsicht aufbewahrt. Du brauchst sie dann nur noch gegen die unerschütterliche Wand des Glaubens aufzustellen. Dann kannst du losklettern. Du darfst jedoch nie nach unten sehen, sonst könntest du fallen und dir das Herz brechen."

"Du sprichst wie ein Erwachsener", rief der kleine Junge. "Darum verstehe ich deine Worte nicht. Was ist Glaube?"

Leichter Wind suchte einfache Worte, um diese schwierige Frage zu beantworten, aber er fand sie nicht. Ratlos hüllte er sich um Weisen Stamm, und bat ihn leise flüsternd um Hilfe.

"Der echte Glaube ist wie eine unvergleichliche Sonne, die im Herzen auf- aber nie wieder untergeht", hörte er.

Überglücklich kehrte Leichter Wind mit dieser Lehre zu dem Knaben zurück.

"Der echte Glaube ist wie eine unvergleichliche Sonne…" begann er.

"Ich weiß", antwortete sein Zögling, dessen runde Wangen noch vor Aufregung brannten. "Ich habe alles gehört."

 

Ein wenig später setzte die Nacht dem schönen Baum seinen großen, mit Sternen bestickten Hut auf. Gleichzeitig kehrte Ruhe ein, diese sanfte Musik, die nur das Herz hören kann, wenn es rein ist. Leichter Wind wiegte freundlich jedes einzelne Blatt und lud es zum Schlaf ein.

"Welch schöne Nacht", seufzte Romantisches Blatt.

"Die liebliche Rückseite einer Münze mit dem strahlenden Antlitz der Sonne", seufzte seinerseits Dichterisches Blatt.

"Ich sehe den Mond nicht", wunderte sich Neugieriges Blatt.


"Wenn er voll ist, ignoriere ich ihn lieber", klagte Niedergeschlagenes Blatt. "Seine Ausstrahlung verdunkelt all meine Gedanken. Daher schätze ich diesen Himmelskörper nur viertelweise. Wenn überhaupt."

"So ein Quatsch!" höhnte Unwirsches Blatt. "Das sind doch nur Märchen von trockenen, braunen Blättern. Um solchen Unsinn zu erzählen, mußt du wohl etwas angeknickt sein, mein Liebes."

"Hör doch nicht auf dieses Giftmaul!" konterte Verwegenes Blatt. "Es ist ohnehin nur eine geschickt verkleidete Nessel."

"Wir sind alle verkleidet", erklärte Nachdenkliches Blatt, "in uns selbst verkleidet, denn wir sind nicht so, wie wir glauben."

"Und wer sind wir?" fragte Neugieriges Blatt, von dieser erstaunlichen Aussage überrascht.

"Ha! Vielleicht Feigenblätter?" witzelte Spaßiges Blatt.

"Oder gar Käseblätter?" kicherte Spöttisches Blatt.

"Oder aber wir sind alle nur bedrohliche Merkblätter zum Steuerbescheid", übertrumpfte es Unkendes Blatt.

Auf diese geistreichen Worte hin schüttelte sich das Laub vor allgemeiner Heiterkeit, wie ein huschendes Gespenst in der Festung der Nacht.

"Ich möchte schlafen", klagte Faules Blatt. "Ich find euer Gerede gar nicht komisch."

"Ganz recht, laßt uns endlich zur Ruhe kommen!" donnerte Verwegenes Blatt.

"Die Ruhe anderer ist zu respektieren!" keifte Nervöses Blatt.

Langsam verstummte das Gelächter, und Ruhe herrschte zur späten Stunde.

"Übrigens, wer sind wir denn nun eigentlich?" fragte Neugieriges Blatt leise.

Einen Zweig weiter hörte Nachdenkliches Blatt diese Frage.

"WIR SIND einfach", antwortete es ebenso leise.

"Das verstehe ich nicht", bohrte Nachdenkliches Blatt weiter. "Wir sind was? Was oder wer?"

"WIR SIND", antwortete Nachdenkliches Blatt. "Weiter nichts."

"Ich verstehe das immer noch nicht", klagte Neugieriges Blatt. "Dabei bin ich nun wirklich nicht dumm."

Nachdenkliches Blatt bestätigte seinen Nachbar in diesem Punkt, und fügte hinzu: "Ich versichere dir, daß du später, auf einem anderen Zweig, einem anderen Baum, verstehen wirst. So ist es mir auch ergangen. Denn die Geduld von Vater Natur für SEINE Geschöpfe ist unendlich. Eines Tages werden wir IHM alle gleichen."

"Wir alle, wirklich?"

"Ja, alle, ohne Ausnahme."

"Auch Unwirsches Blatt, und Saures Blatt, und..." 

"Wie schon gesagt: WIR ALLE", wiederholte Nachdenkliches Blatt. "Denn wir sind ALLE ein Teil von Vater Natur, wie das gesamte Universum. Du mußt verstehen, daß sein Wesen als allumfassender Vater dem unseren gleicht. Nur diese Erkenntnis, und diese Erkenntnis allein, kann uns endgültig von der Sklaverei der Materie befreien."

"Also jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr", gestand Neugieriges Blatt. "Ich fühle mich ganz seltsam. So etwas hat mir noch nie jemand gesagt."

"Ich würde dir dringend raten, über diese Lehre jeden Tag nachzudenken. Vor allem zögere nicht, Weisen Stamm zu befragen, wenn du zweifelst."

"Wie schade!" sprach Neugieriges Blatt. "Bald wird der Herbst uns trennen. Ich spüre ihn schon in der Luft."

"Der Herbst, den du so zu fürchten scheinst, wird uns nur scheinbar trennen", versprach Nachdenkliches Blatt. "Ist das nicht ein tröstlicher Gedanke?"

"Also, dann werde ich nicht ... sterben?" stammelte Neugieriges Blatt, zwischen Hoffnung und Angst hin- und hergerissen.

"Es stirbt nur, was wir zu sein glauben", antwortete Nachdenkliches Blatt. "Es lebt nur, was wir wirklich sind."

So unterhielten sich die beiden Nachbarn im Lichte eines selben Mondstrahls bis zum Sonnenaufgang, der sie frisch und munter antraf, bereit, dem anbrechenden Frühherbst tapfer zu begegnen.

 

Einige Wochen später verabschiedete sich der Sommer von dem schönen Baum, nicht ohne ihm seine Rückkehr zugesichert zu haben.

"Bis in drei Jahreszeiten", sagte er. "Es sei denn, Vater Natur entscheidet dagegen. Wer wähnt, seine Absichten zu kennen, ist entweder dumm oder stolz."

"Wie schnell die Zeit vergeht", klagte Naives Blatt.

"Rasend schnell", betonte Niedergeschlagenes Blatt.


"Ich merke schon, daß mein Zweig sich von mir löst", jammerte Klägliches Blatt.

"Er soll nur kommen, dieser dumme Herbst!" rief Verwegenes Blatt. "Wir werden ja sehen!"

"Na, den Tod werden wir sehen", erwiderte Niedergeschlagenes Blatt. "Ende der Vorstellung."

In der darauf folgenden Stille ergriff Weiser Stamm das Wort. "Meine lieben Blätter", sagte er, "ihr wart mir ein prächtiges Kostüm, und begabte Schauspieler. Vater Natur hat euch dieses Stück wirklich auf den Leib geschrieben. Das Universum ist die Bühne dieses fruchtbaren Schriftstellers, und ihr alle, ob hübsch oder häßlich, gut oder böse, wart perfekt. Jetzt müßt ihr für eine Weile wieder zurück in eure Logen, die Vater Natur jedem von euch nach seinem Verdienst bekränzt hat. Wisset jedoch, daß eure Logen, wie sie auch sein mögen, kein Ende sind, sondern nur ein Beginn für ein weiteres Stück, eine x-te Rolle. Bitte versetzt euch nicht zu sehr in eure neuen Rollen, sonst identifiziert ihr euch mit ihnen und müßt wieder, noch einmal geboren werden. Denn Vater Natur ist die einzige Rolle, die euch wirklich zukommt, eine göttliche Rolle, die ihr ohne Rücksicht auf eure irdische Existenz lernen solltet."

Einige Tage später hielt, von Starkem Wind getrieben, der Herbst Einzug in die kleine "Straße des Lebens". Ohne zu zögern eroberte er umgehend den schönen Baum, dessen prächtiges Laub allmählich dahinschwand.

"Es tut mir wirklich sehr, sehr leid", wiederholte Starker Wind unaufhörlich. "Der Herbst, dieser Haudegen, führt ein hartes Gesetz."

"Du brauchst dich nicht zu entschuldigen", erwiderte Weiser Stamm. "Wisse, daß das Wesentliche nicht zerstört werden kann."

"Das Wesentliche? Was ist denn das?"

"Jedes Lebewesen, jedes Ding", erklärte Weiser Stamm, "entstammt einer selben Energie, die unseren verwirrten Sinnen unter vielen verschiedenen Trugbildern erscheint. Ihr Wesen allein ist echt, reell und siegreich."

"Bitte lehre mich", bat ihn Starker Wind. "Ich möchte wissen, wer ich bin, wer ich wirklich bin."

Und so wurde Weiser Wind im Herzen eines großen, kahlen Baumes geboren. Diese Festung besuchte in einer anderen Jahreszeit Kleiner Vogel auf der Suche nach neuen Flügeln, um sich mit ihnen zu Vater Natur und der höchsten Gelassenheit aufzuschwingen.



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