
Kompendium
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Diplomarbeit von Astrid
Kaplan:
Zum Verhältnis
von Mensch und Tier
unter Berücksichtigung
der hierbei auftretenden
rationalen und emotionalen Widersprüche
2. PSYCHOHISTORISCHE,
FAKTISCHE UND PHILOSOPHISCHE RAHMENBEDINGUNGEN
Die traditionelle abendländische
Tierethik beruht auf den Einstellungen zu Tieren, die im Judaismus und
dem alten Griechenland ihren Ursprung hatten und sich im Christentum
mehr oder weniger variiert fortsetzten.
Unsere heutigen Beziehungen zu Tieren sind darin tief verwurzelt und
beruhen häufig auf diesen fundamentalen Sichtweisen, die in Europa
bis ins achtzehnte Jahrhundert als fraglose Wahrheit angesehen wurden
und von denen wir uns noch immer nicht völlig befreit haben. Dennoch
wissen wir, daß die Einstellungen früherer Generationen zu
Tieren aufgrund geänderter religiöser, moralischer und metaphysischer
Voraussetzungen, veraltet sind. Ich werde die historischen Rahmenbedingungen
daher in vorchristlich, christlich, während der Aufklärung
und danach gliedern und mich im wesentlichen an SINGER (1982,
S. 206 ff.) orientieren.
"Und Gott sprach: Die Erde bringe
hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm
und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so.
Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und
das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner
Art. Und Gott sah, daß es gut war.
Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich
sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die
Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle
Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf
er ihn; und schuf sie als Mann und Weib.
Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret
euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet
über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem
Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden
kriecht" (GEN. 1: 24-28).
Die Bibel sagt uns, daß Gott
den Menschen nach seinem eigenen Bilde geschaffen habe. Dem Menschen
wird damit eine besondere Stellung im Universum zugeteilt, nämlich
jene der Überlegenheit gegenüber allen anderen lebenden Wesen.
Darüber hinaus heißt es ausdrücklich, Gott habe dem
Menschen die Herrschaft über alle lebenden Wesen gegeben. Diese
Herrschaft muß dennoch nicht unbedingt das Töten von Tieren
zu Nahrungszwecken bedeutet haben. Denn Vers 29 des ersten Kapitels
der Schöpfungsgeschichte gibt zu verstehen, daß sich die
Menschen zuerst von Kräutern und den Früchten der Bäume
ernährt haben. Das Paradies wird oft als Ort des vollkommenen Friedens
dargestellt, an dem jegliches Töten unbotmäßig gewesen
wäre.
Nach dem Sündenfall des Menschen
war das Töten von Tieren eindeutig zulässig.
"Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach: Seid fruchtbar
und mehret euch und füllet die Erde.
Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden und
über allen Vögeln unter dem Himmel, über allem, was auf
dem Erdboden wimmelt, und über allen Fischen im Meer; in eure Hände
seien sie gegeben.
Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne
Kraut habe ich euch alles gegeben" (GEN. 9: 1-3.).
Das ist die Grundeinstellung, die im Alten Testament gegenüber
nichtmenschlichen Lebewesen vermittelt wird.
Die zweite überlieferte Tradition
des abendländischen Denkens ist die griechische. Hier gibt es unterschiedliche
bzw. sich widersprechende Aussagen hinsichtlich der Beziehung zu Tieren.
PYTHAGORAS war Vegetarier und ermutigte seine Schüler, Tieren Respekt
entgegenzubringen, da er glaubte, die Seelen Verstorbener gingen auf
Tiere über. Die wichtigste Schule aber war die von PLATO und seinem
Schüler ARISTOTELES. ARISTOTELES ist der Meinung, daß Tiere
zum Zwecke des Menschen da seien. Er vertritt die Ansicht, daß
die Natur eine Hierarchie sei, in der jene mit geringeren Verstandeskräften
zum Nutzen derer mit größeren Verstandeskräften existierten:
"Pflanzen existieren zum Wohl der Tiere und wilde Tiere zum Wohl
des Menschen - Haustiere zu seinem Nutzen und seiner Nahrung, wilde
Tiere (oder doch die meisten von ihnen) zur Nahrung und anderen Hilfsmitteln
des Lebens wie Kleidung und verschiedene Werkzeuge" (SINGER
1982, S. 210). Tatsächlich zog ARISTOTELES in seinen weiterführenden
Überlegungen daraus den Schluß, die Barbarenstämme,
die er offensichtlich für weniger vernunftbegabt hielt als die
Griechen, existierten nur, um den vernunftbegabteren Griechen als Sklaven
zu dienen. Er meinte, einige Menschen seien von Natur aus Sklaven, und
die Sklaverei sei für sie sowohl richtig als auch angemessen. ARISTOTELES
Ansichten wurden zu einem Teil der späteren westlichen Tradition.
Im Christentum vereinigten sich griechische
und jüdische Gedanken über die Tiere. Das Christentum wurde
unter dem Römischen Reich gegründet und stellte auf diesem
Hintergrund eine Erweiterung der moralischen Sphäre der Römer
dar:
Bei den Römern gab es die sogenannten "Spiele", in denen
Männer und Frauen das Abschlachten von Menschen und Tieren als
normale Quelle der Unterhaltung betrachteten. Dennoch waren die Römer
nicht ohne Moral oder Gerechtigkeitsempfinden. Die Spiele zeigen jedoch,
daß es eine scharfe Grenze der Moral gab. Wer innerhalb dieser
Grenze stand, dem wurde moralische Rücksicht zuteil, Wesen die
außerhalb der Grenze standen - hauptsächlich Kriegsgefangene
und Verbrecher -, wurde Leid aus bloßem Vergnügen zugefügt.
Das Christentum verbreitete die Lehre
der Einzigartigkeit des Menschen und seiner unsterblichen Seele. Jeder
Mensch habe, - auch der Fötus und das Neugeborene - eine unsterbliche
Seele und sei somit geheiligt. Diese neue Lehre muß im Hinblick
auf die damalige Sicht als enorm fortschrittlich betrachtet werden,
da sie eine Ausdehnung der begrenzten moralischen Sphäre der Römer
bedeutete.
Für nichtmenschliche Lebewesen änderte sich der moralische
Status leider nicht. Tiere durften nach wie vor gequält und getötet
werden.
Ausnahmen waren OVID, SENECA, PORPHYRIOS
und PLUTARCH. Sie äußerten auch Mitgefühl gegenüber
nichtmenschlichen Lebewesen und lehnten den Gebrauch von Tieren zur
Freude des Menschen ab.
PLUTARCH schrieb über den Verzehr von Fleisch: "Du fragst
mich, was Pythagoras bewog, kein Fleisch zu essen. Ich aber frage dich,
was für einen Mut der Mensch gehabt haben muß, der zuerst
ein blutiges Stück Fleisch in den Mund steckte und mit seinen Zähnen
die Knochen eines toten Tieres zermalmte, der tote Körper, Leichname
auftragen und Glieder von Tieren in seinen Magen hinabgleiten ließ,
die noch im Augenblick vorher blökten, brüllten, liefen und
sehen konnten. Wie konnte seine Hand einem empfindenden Wesen ein Messer
ins Herz stoßen, und wie konnten seine Augen einen Mord ertragen?
Wie konnte er zusehen, wie man ein armes, wehrloses Wesen schlachtete,
enthäutete und zerstückelte? Wie konnte er den Anblick des
noch zuckenden Fleisches ertragen? ..." (nach ROUSSEAU
1963, S. 157).
Repräsentativ für die römisch-katholische
Philosophie war allerdings die Position des THOMAS VON AQUIN. Auf die
Frage, ob das christliche Tötungsverbot auch für nichtmenschliche
Lebewesen gelte, lautete seine Antwort:
"Es ist keine Sünde, ein
Ding für den Zweck zu benutzen, für den es ist. Nun ist die
Ordnung der Dinge so, daß die unvollkommenen für die vollkommenen
sind ... Dinge wie Pflanzen, die nur Leben haben, sind für die
Tiere, und alle Tier sind für den Menschen. Daher ist es nicht
ungesetzlich, wenn Menschen Pflanzen zum Nutzen der Tiere verwenden
und Tiere zum Nutzen der Menschen, wie der Philosoph sagt ..."(THOMAS
VON AQUIN zit. nach SINGER 1982, S. 215).
Den einzigen Grund, den THOMAS VON
AQUIN gegen die Grausamkeit gegenüber Tieren anführt, ist
der oft vertretene Standpunkt, daß Grausamkeit gegenüber
Tieren zu Grausamkeit gegenüber Menschen führen könnte.
Der Einfluß des THOMAS VON AQUIN war von so großer Dauer,
daß sich Papst Piux IX noch Mitte des 19. Jahrhunderts weigerte,
in Rom eine Gesellschaft zur Verhinderung von Grausamkeiten gegen Tiere
zu gründen. Als Begründung führte er an, daß die
Erlaubnis einer solchen Gesellschaft implizieren würde, daß
der Mensch gegenüber Tieren Pflichten habe.
Es gab unter den Katholiken aber
auch immer wieder Menschen, die versuchten, den Standpunkt der Kirche
hinsichtlich der Tiere zu verbessern. Der HL. FRANZISKUS war bekannt
für sein tiefes Mitleid für Menschen und Tiere:
"Alle Geschöpfe der Erde fühlen wie wir, alle Geschöpfe
streben nach Glück wie wir. Alle Geschöpfe der Erde lieben,
leiden und sterben wie wir. Also sind sie uns gleichgestellte Werke
des allmächtigen Schöpfers, unsere Brüder" (STOLZENBERG
1992, S. 127).
"Gott wünscht, daß wir den Tieren beistehen, wenn sie
der Hilfe bedürfen. Ein jedes Wesen in Bedrängnis hat gleiche
Rechte auf Schutz" (ebd., S. 8).
Die Situation für die Tiere
änderte sich auch in der Renaissance, dem Zeitalter des Humanismus
nicht. Humanismus bedeutete eben nicht Humanitarismus: die Tendenz,
human zu handeln. Der Humanismus betonte die Würde und den einzigartigen
Wert menschlicher Wesen und stellte den Menschen in den Mittelpunkt
des Universums: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge".
Aber auch zu dieser Zeit gibt es echte Abweichungen von der allgemein
verbreiteten Einstellung gegenüber Tieren: LEONARDO DA VINCI über
das Töten von Tieren:
"Der Tag wird kommen, wo das Töten eines Tieres genauso als
Verbrechen betrachtet werden wird wie das Töten eines Menschen"
(BROSCHÜRE DER TIERVERSUCHSGEGNER BERLIN
e.V. 1991, S. 21).
GIORDANO BRUNO war beeinflußt von der neuen kopernikanischen Astronomie,
die die Möglichkeit zuließ, daß es andere Planeten
geben könnte, von denen einige vielleicht bewohnt wären. Er
wagte angesichts dieser Überzeugung die Behauptung, der Mensch
sei "nicht mehr als eine Ameise angesichts des Unendlichen".
BRUNO wurde 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil er seine "Häresien"
nicht widerrief.
In der ersten Hälfte des 17.
Jahrhunderts gewann die Philosophie RENÉ DESCARTES' große
Bedeutung. DESCARTES wird als Vater der modernen Philosophie angesehen,
doch er war auch Christ und der Überzeugung, daß von allen
materiellen Wesen nur der Mensch eine unsterbliche Seele hätte.
Er setzte Seele mit Bewußtsein gleich und schloß daraus,
daß Tiere weder eine unsterbliche Seele noch ein Bewußtsein
hätten. Sie sind, so sagte er, Maschinen, Automaten, die weder
Lust noch Schmerz noch sonst etwas empfinden. Wenn sie sich unter verzweifelten
Schreien von einer Quelle des Schmerzes befreien wollen, so zeigt dies
für DESCARTES nicht, daß sie in dieser Situation Schmerzen
empfinden. Sie würden von den gleichen Prinzipien regiert wie eine
Uhr, und wenn ihre Aktionen komplexer sind als die einer Uhr, so liegt
das daran, daß die Uhr eine von Menschen hergestellte Maschine
ist, während Tiere unendlich viel komplexere Maschinen und von
Gott geschaffen sind.
In Europa begannen sich zu jener
Zeit die Experimente mit lebenden Tieren zu verbreiten. Es gab keine
Anästhetika und so war die Philosophie DESCARTES' eine willkommene
Theorie zur Gewissensberuhigung bzw. zur völligen Elimination von
Gewissensbissen. Es gibt Augenzeugenberichte über die damaligen
cartesianischen Experimentatoren. NICHOLAS FONTAINE beschreibt, wie
sie mit völliger Gleichgültigkeit Hunden Schläge verabreichten
und sich über diejenigen lustig machten, die die Kreaturen bedauerten,
als könnten sie Schmerz empfinden. Sie sagten, die Tiere seien
wie Uhren, die Schreie, die sie ausstießen, wenn sie geschlagen
wurden, seien nur das Geräusch einer kleinen Saite, die berührt
worden sei, der gesamte Körper jedoch sei ohne Gefühl. Sie
nagelten arme Tiere mit allen Vieren auf Brettern fest, um an ihnen
Vivisektionen vorzunehmen und die Blutzirkulation zu sehen, die ein
bevorzugtes Gesprächsthema war.
Im 18. Jahrhundert wirkten verschiedene
Einflüsse zusammen, die die Einstellungen gegenüber Tieren
verbesserten. Vor allem in Frankreich kam es zu einer Zunahme antiklerikaler
Gefühle, was sich auf die Stellung der Tiere positiv auswirkte.
VOLTAIRE und JEAN-JACQUES ROUSSEAU sprachen sich gegen den Verzehr von
Tieren aus und schrieben dazu:
"Kann es denn ... etwas Abscheulicheres geben, als sich beständig
von Leichenfleisch zu ernähren? Und dennoch finde ich unter uns
keinen Sittenlehrer, keinen unter unseren geschwätzigen Predigern,
selbst keinen unter unseren scheinheiligen Muckern, der den geringsten
Einwand erhöbe gegen diese schändliche, uns zur Natur gewordene
Gewohnheit!" (VOLTAIRE zit. nach KAPLAN
1995, S. 127).
Und ROUSSEAU:
"Ein Beweis, daß der Geschmack für die Fleischkost dem
Menschen nicht natürlich ist, liegt auch darin, daß die Kinder
eine Abneigung gegen solche Speisen haben und den pflanzlichen Nahrungsmitteln
den Vorzug geben...
Es ist höchst wichtig, diesen ursprünglichen und natürlichen
Geschmack nicht zu verderben, und die Kinder nicht zu Fleischessern
zu machen" (nach BAUMGARDT 1988, S. 21).
IMMANUEL KANT hingegen vertrat die Ansicht, daß wir in bezug auf
Tiere keine direkten Pflichten hätten, weil sich Tiere ihrer selbst
nicht bewußt seien und nur als Mittel zu einem Ziel dienten. Dieses
Ziel sei der Mensch. Im Jahr 1780, als KANT diese Äußerung
in seinen Vorlesungen über Ethik machte, vollendete JEREMY BENTHAM
seine "Introduction to the Principles of Morals and Legislation"
und gab darin in einem Absatz KANT die unwiderrufliche Antwort: "Die
Frage ist nicht: können sie denken? oder: können sie sprechen?,
sondern: können sie leiden?" (BENTHAM zit. nach KAPLAN
1998, S. 67).
Dem intellektuellen Fortschritt des
18. Jahrhunderts folgten im 19. Jahrhundert einige praktische Verbesserungen
durch Gesetze gegen willkürliche Grausamkeit gegenüber Tieren.
1822 wurde das erste "Antigrausamkeitsgesetz" in die britische
Gesetzessammlung aufgenommen. Doch die "Antigrausamkeitsbewegung"
des 19. Jahrhunderts implizierte, daß man Tiere nur so lange schützen
brauchte, solange keine menschlichen Interessen im Vordergrund stünden.
Obwohl es nun ein Gesetz gab, konnten die Opfer klarerweise keine Klage
einbringen und so gründeten eine Reihe von Humanitariern die erste
Tierschutzorganisation, die später zur "Royal Society for
the Prevention of Cruelty to Animals" wurde.
Das Hauptaugenmerk des traditionellen Tierschutzes gilt Fragen wie Nutztierhaltung,
Tierversuchen, Tiertransporten, Schlachtung, Verdrängung der Wildtiere
aus ihrem Lebensraum, Ausrottung gefährdeter Arten, Fangen und
Töten von Tieren im Zusammenhang mit Sport und Tierhandel, Züchtung
lebensunfähiger Rassen usw. (vgl. TEUTSCH
1987, S. 210). Der traditionelle Tierschutz fordert die "Reformierung"
oder "Humanisierung" dieser Nutzung bzw. Ausbeutung von Tieren.
Die Tierrechtsbewegung hingegen fordert das Ende jeglicher Ausbeutung
(vgl. Abschnitt 2.3.1.).
Die ausgeführten historischen
Anschauungen zur Mensch-Tier-Beziehung bilden die ideologischen Wurzeln
des Speziesismus (vgl. Abschnitt 2.3.3.).
Im folgenden werde ich einige praktische Folgen dieser Ideologie darstellen.