
Kompendium
Online-Texte
nahestehender Autorinnen & Autoren
Diplomarbeit von Astrid
Kaplan:
Zum Verhältnis
von Mensch und Tier
unter Berücksichtigung
der hierbei auftretenden
rationalen und emotionalen Widersprüche
2.2. Massentierhaltung
und Tierversuche
Die weltweite Fleischproduktion hat
sich seit 1950 von 44 Millionen Tonnen auf 210 Millionen Tonnen verfünffacht.
Der Pro-Kopf-Verbrauch hat sich weltweit verdoppelt.
Um den immensen Fleischhunger der
Menschen zu befriedigen, werden heute auf der Erde gehalten:
1,0 Milliarde Schweine
1,3 Milliarden Rinder
1,8 Milliarden Schafe und Ziegen
13,5 Milliarden Hühner
(Quelle: Worldwatch
Institut, 1997)
Noch nie in der Geschichte der Menschheit
wurden pro Person so viel Milch, Käse, Joghurt und Eier konsumiert
wie heute. Seit Mitte dieses Jahrhunderts stieg der weltweite Fischereiertrag
von 21 Millionen Tonnen auf 120 Millionen Tonnen. 1997 wurden 85 Millionen
Tonnen Schweinefleisch «produziert» (vgl. URL
1, 2000).
Die negativen Folgen der Fleischproduktion
sind enorm, sie treffen sowohl die Tiere als auch die Umwelt und damit
den Menschen auf massive Weise. Die VSUK, Vegetarierorganisation in
Großbritannien, hat 1995 die globalen Auswirkungen des Fleischkonsums
in einem Video dokumentiert, das von Paul McCartney kommentiert wurde.
Es gibt dazu ein Video-Skript, das im World Wide Web unter URL
2, 2000, veröffentlicht wurde. Ich stütze mich in bezug
auf die Folgen für Mensch und Tier meist darauf.
Die Umwelt ist ein fein gewobenes
Gebilde. Es beginnt sich vor unseren Augen aufzulösen. Ein Großteil
der Schuld ist dem Fleischkonsum zuzuschreiben.
Für den Menschen besteht keine physische Notwendigkeit, Fleisch
zu essen. Und doch ist der Nutztierbestand heute dreimal größer
als die Anzahl Menschen.
Der Appetit der Nutztiere auf Gras, Mais und Weizen ist so groß,
daß heute fast 80% des Landwirtschaftslandes in Großbritannien
für die Futterproduktion genutzt wird.
10 kg pflanzliches Eiweiß benötigt man für die Produktion
von 1 kg Fleisch.
Fleischessen bedeutet gegenüber einer vegetarischen Ernährung
eine enorme Verschwendung unserer Nahrungsressourcen. Denn die Tiere,
deren Fleisch wir essen, benötigen ca. 90% des Futters, das wir
ihnen geben, zur Aufrechterhaltung ihres eigenen Stoffwechsels. Das
heißt, wenn wir die Pflanzen selbst essen würden, anstatt
sie zu verfüttern, um Fleisch zu produzieren, könnten wir
zehnmal so viele Menschen ernähren!
Die ökologischen Folgen der
Fleischproduktion sind vielfältig und komplex. Die größten
Probleme sind die Zerstörung des Regenwaldes, die Bodenzerstörung,
die globale Erwärmung, der Saure Regen (auf diesen Punkt werde
ich nicht näher eingehen) und die Beeinträchtigung der Gesundheit.
Regenwälder sind einmalig in
ihrer Vielfalt. Sie beherbergen mehr als die Hälfte aller Tier-
und Pflanzenarten. Viele Grundsubstanzen für Medikamente kommen
aus dem Regenwald: für Betäubungsmittel, Medikamente gegen
Krebs, die Anti-Baby-Pille usw..
Die Regenwälder halten den Boden zusammen und absorbieren Regenwasser.
Neue Pflanzen wachsen auf den Rückständen der alten. Sie nehmen
Kohlendioxid auf und produzieren Sauerstoff.
Vor 1950 bedeckten Regenwälder 14% der gesamten Landfläche
der Erde. Die Hälfte ist schon verschwunden, und jedes Jahr verschwindet
eine weitere Fläche so groß wie Großbritannien. Und
wozu?
Vor allem, um Weideland für Viehherden zu erhalten, oder um Soyabohnen
als Nahrung für diese anzubauen. Der Großteil der Soyabohnen
wird an Industrienationen geliefert.
Weitere Fakten :
- Bis zu 90% aller Tierarten sind
im Regenwald zu finden.
- Pro Jahr werden über 164'000
Quadratkilometer Regenwald vernichtet.
- In Costa Rica ist 71% des gerodeten
Landes Weideland. Nepal hat in den vergangenen 20 Jahren ca. 50% seiner
Wälder für Viehweiden verloren.
- 1991 exportierte Lateinamerika
fast 8 Millionen Tonnen Soyabohnen - hauptsächlich als Viehfutter.
Die
Bevölkerung der USA, die größten Fleischkonsumenten
der Welt, haben 1/3 ihrer besten Böden verloren. Riesige Gebiete
im Westen können nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden:
Wie wir gesehen haben, ist die Fleischproduktion mit erheblicher Verschwendung
von Ressourcen verbunden. Die Folgen der Ineffizienz dieser Art der
Nahrungsmittelproduktion ist, daß wir zur Futtermittelgewinnung
aus den Böden das Letzte herausholen müssen. Das geschieht
mit massivem Chemieeinsatz durch Nitratdünger und Pestizide.
Nur ein kleiner Anteil des Nitratdüngers kann von den Pflanzen
aufgenommen werden, der Großteil gelangt mit dem Regenwasser ins
Grundwasser.
50 der verwendeten chemischen Stoffe stehen unter dem Verdacht, Krebs
zu verursachen. Fleisch enthält etwa 14 mal mehr Rückstände
als Pflanzen.
Wenn
wir aufhörten, Tiere zu essen, könnte die ganze Bevölkerung
mit nur 30% der Nutzfläche ernährt werden, ohne chemische
Dünger. Der Boden könnte wieder atmen, sich regenerieren und
seine Gesundheit wiedererlangen.
In
Großbritannien ist fast die Hälfte allen landwirtschaftlich
nutzbaren Bodens von Erosion bedroht, da intensive Landwirtschaft die
Bodenstruktur zerstört.
Zur Gewinnung von Weideland bzw.
zum Futtermittelanbau werden weite Flächen des Regenwaldes verbrannt.
Beim Verbrennen von Pflanzen werden riesige Mengen an Kohlendioxid freigesetzt.Und
Kohlendioxid ist die wichtigste Ursache für den Treibhauseffekt.
Zusätzlich stößt jedes Rind täglich 60 Liter Methan
aus, ein weiteres Treibhausgas. Abholzung und Viehzucht bilden zusammen
die zweitgrößte Ursache für den Treibhauseffekt.
Fakten:
- Seit 1970 sind durch die Regenwaldabholzung
in Lateinamerika über 1,4 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die
Atmosphäre gelangt.
- Methangas ist verantwortlich
für 18% der globalen Erwärmung. Jedes Jahr vergrößert
sich die Menge des Methans in der Atmosphäre um 1%.
- 18% der Methanemissionen sind
auf Viehzucht zurückzuführen. Weltweit gibt es über
1,3 Milliarden Rinder.
Angeblich sind wir die intelligentesten
Lebewesen, zu komplexen Gefühlen fähig. Und was tun wir? Wir
sperren andere Lebewesen in Einzelhaft, bis sie wahnsinnig werden. Wir
verweigern ihnen, ihre Grundbedürfnisse auszuleben. Wir behandeln
ihre Jungen, als wären es seelenlose Objekte und essen sie dann.
Dies ist auch für uns alles andere als vorteilhaft:
Infektionen, die Billigfleisch mit sich bringen, werden verdrängt:
Campylobacter, Salmonellen, Rinderwahnsinn...
«Fleisch macht stark», sagte man uns lange Zeit, doch heute
weiß praktisch jeder, daß man umso gesünder lebt, je
weniger Fleisch man ißt. Herzkrankheiten, Darmkrebs und andere
Leiden werden durch Fleischkonsum mitverursacht.
Fakten:
· Herzkrankheiten sind Todesursache Nr. 1 in den Industrieländern.
· Studien haben nachgewiesen, daß Vegetarier 30% weniger
oft an Herzkrankheiten leiden als Fleischesser.
· Krebs ist die Ursache für 1/4 aller frühzeitigen Todesfälle
in Großbritannien.
· Mindestens 1/3 aller Krebsarten sind direkt auf das Eßverhalten
zurückzuführen. Viele Risikofaktoren werden bei vegetarischer
Ernährung bedeutend vermindert.
· Forschungen ergaben, daß die Häufigkeit von Dickdarm-,
Brust-, Prostatakrebs und anderen Krebsarten bei Vegetariern geringer
ist.
· Schätzungsweise 2'000'000 Menschen pro Jahr erleiden allein
in Großbritannien eine Lebensmittelvergiftung. Fast jede Lebensmittelvergiftung
wird von Fleisch, Eiern oder Milchprodukten verursacht.
Die Entwicklung der Intensivhaltung
begann in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg. Sie ist von den USA
über Großbritannien nach Europa gekommen und war offenbar
aus marktwirtschaftlichen Gründen unaufhaltsam. Um wettbewerbsfähig
zu bleiben, mußte man billig "produzieren". Das bedeutete
möglichst viele Tiere raum-, zeit- und arbeitssparend zur Produktion
zu bringen. Dies erforderte eine erhebliche Umstellung der bisherigen
Lebensweise der Tiere. Die Belastungen, die sich daraus für die
Tiere ergaben, sind vielfältig. Es gibt enorme Störungen des
Wohlbefindens durch die denaturierte Umgebung und die künstlichen
Lebensbedingungen.
Der Lebensraum ist auf ein Minimum beschränkt und erlaubt oft nur
das Hinlegen und Aufstehen, aber nicht mehr das Umdrehen. Die Tiere
werden bei hochentwickelten Sinnen und Empfindungen auf bloße
Nahrungsaufnahme, Verdauung und möglichst rasches Wachstum reduziert.
Durch die massive Unterdrückung ihres artspezifischen Verhaltens
entsteht immenses Leiden. Die Tiere reagieren auf diese Bedingungen
mit dem, was euphemistisch "soziales Fehlverhalten" genannt
wird. Der Tierhalter versucht derartiges Verhalten mit Hilfe "prophylaktischer"
Maßnahmen, wie Kupieren gefährdender Körperteile, wie
Hörner, Schnäbel oder Schwänze sowie durch Dunkelhaltung
unter Kontrolle zu bringen. Die Folgen sind dennoch schrecklich und
müssen häufig mit Medikamenten kompensiert werden (vgl.
TEUTSCH 1987, S. 155 f.).
Das erste Tier, das der intensiven
Haltung ausgesetzt wurde, war das Huhn. Bauern spezialisierten sich,
um die große Nachfrage nach Fleisch und Eiern zu befriedigen.
Die erste Massenproduktion wurde möglich, als Geflügelexperten
die Rolle der Vitamine A und D entdeckt hatten und dem Futter beimengten.
So konnten Hühner in Käfigen großgezogen werden, weil
sie kein Sonnenlicht und keinen Auslauf mehr brauchten, um richtig zu
wachsen. Diese Massentierzucht setzte sich rasch durch, verursachte
jedoch eine Vielzahl von Problemen. Die Käfige waren derart überfüllt,
daß sich die Vögel gegenseitig zu Tode hackten und auffraßen.
Die schlecht belüfteten Ställe hatten ansteckende Krankheiten
zur Folge. Die Nachfrage war dennoch sehr stark und führte zu großen
Erfolgen des Hühnergeschäfts. Futter- und Pharma-Firmen ließen
Wissenschaftler an den Problemen der Massentierhaltung arbeiten. Im
Laufe der Zeit wurden Standardtechniken zur Massenproduktion entwickelt,
die folgendes beinhalten: Einsatz einer automatischen Schnabelkürzmaschine,
um Verluste durch Hacken und Kannibalismus zu verringern, Futter in
Form einer neuen Art von Hybridkorn, damit die Vögel schneller
an Gewicht gewinnen sowie Beimengung von Sulfonamiden und Antibiotika
zur Reduzierung der Krankheitsrate in den überfüllten Ställen.
Dennoch war das Huhn noch nicht völlig für die Massenproduktion
geeignet. Die Geflügelindustrie hielt Ausschau nach einer Hühnerart,
die einen breitbrüstigeren Körper hatte und weniger Futter
brauchte. Nach wenigen Jahren war der Prototyp des heutigen "Brathähnchens"
entwickelt, das in etwa sieben Wochen zum Marktgewicht heranwächst.
Das vorhergehende Huhn brauchte doppelt so lange zur Erreichung des
Marktgewichts.
Die Eierproduzenten bemühten sich ihrerseits, eigene Hühner
"herzustellen", die sogenannten "Legehennen", die
noch mehr Eier liefern würden. Diese Legehenne legt 25% mehr Eier
pro Jahr als die Henne der 40er Jahre. Ein Hauptproblem der Fabrikmethode
stellten die Tonnen an Dung der eingesperrten Legehennen dar. Zum Nachteil
der Hennen fand man eine Methode, in der Hühner in Maschendrahtkäfigen
gehalten wurden, die über einem Graben aufgehängt werden,
um den Kot beseitigen zu können. Zunächst hielt man die Hennen
einzeln in den Käfigen, zur Kostenreduktion bot sich jedoch an,
viele Tiere in einen Käfig zu sperren. Das hatte den Tod von mehreren
Hennen zur Folge, aber es war immer noch kostengünstiger. Zwischen
1955 und 1975 stieg die Belegung einer typischen Eierfabrik von 20.000
auf 80.000 Legehennen je Gebäude. 1967 waren 44% der 300 Millionen
Legehennen in voll technisierten Fabrikgebäuden eingesperrt (vgl.
SINGER 1982, S. 110; SINGER 1988 S.136 ff.).
In den 60er Jahren begannen Landwirtschaftsexperten,
die Fabriktechnologie auf andere Tiere auszuweiten. Es wurden entsprechende
Systeme für Schweine, Rinder und Schafe entwickelt, die zur heutigen
Situation in der Massentierhaltung führten. Agrargeschäftsfirmen
profitierten vom vermehrten Verkauf von Futter, Medikamenten und Ausrüstung.
Die Sorge um das Wohlbefinden der Tiere trat vollkommen in den Hintergrund.
In den letzten hundert Jahren hat
sich das Leben des Haussschweins drastisch verändert. Der Trend
ging zu immer größerer Intensivierung, in der das Schwein
in künstlicher Beengtheit sein kurzes und unbehagliches Leben fristen
muß. Um höchsten Profit zu erlangen, entwickelte die moderne
Agrarwirtschaft die heutigen Hybridformen, die teilweise nur noch unter
treibhausähnlichen Bedingungen wie geheizten und sterilen Ställen
überlebensfähig sind. Man züchtete den Schweinen zusätzliche
Rippen an, um das Kotelettstück zu verlängern! Diese unnatürliche
Statik des Tierkörpers bewirkte, daß die Eber aus "konstruktiven"
Gründen zur natürlichen Befruchtung nicht mehr fähig
sind. Das Schwein wurde zu einem Objekt strikter Zweckdienlichkeit reduziert,
zu einer Sache für die Fleisch- und Speckproduktion (vgl.
MEYER 1990, S. 88; SERPELL 1990, S. 15).
Das Schwein ist von Anbeginn seines Lebens strengen Regeln und Kontrollen
unterworfen. Zirka eine Woche vor der Geburt steckt man die Sau in eine
sogenannte 'Abferkelbox'. Das ist ein enger Stahlkäfig, in dem
sie stehen und sich hinlegen kann, andere Bewegungen sind jedoch nicht
möglich. Die Sau übt dennoch verschiedene stereotype Tätigkeiten
aus, die als vergebliche Bemühungen zum Nestbau interpretiert werden
können. Diese sind von deutlichen Zeichen des Kummers begleitet.
Man verwendet diese Abferkelboxen zur Verringerung der Ferkelsterblichkeit.
Die neugeborenen Ferkel werden möglichst schnell von der Mutter
entfernt. Moderne Lehrbücher der Schweinezucht empfehlen, die Ferkel
innerhalb von 12 bis 36 Stunden nach der Geburt von der Mutter zu trennen,
da dieses Verfahren für den Produzenten mehrere Vorteile bietet.
Die Wahrscheinlichkeit, daß sich die Ferkel in der schmutzigen
Abferkelbox eine Infektion zuziehen, wird vermindert. Die Mutterschweine
hören auf, Milch zu produzieren und werden schneller wieder empfängnisbereit.
Danach erfolgen eine Reihe von Routineoperationen, bei denen den Ferkeln
die Eckzähne abgeknipst, die Schwänze kupiert, ihre Ohren
zur besseren Identifizierung eingekerbt werden und die männlichen
Tiere kastriert werden. Das alles erfolgt ohne jegliche Betäubung.
Wenn die Ferkel 7 bis 14 Tage alt sind, kommen sie von den kleinen Einzelkäfigen
in eine Gruppe in etwas größere Gehege. Dort herrschen beengte
und langweilige Bedingungen und die Tiere reagieren mit Verhaltensstörungen.
Sie beißen sich gegenseitig in den Nabel, die Schwänze und
die Ohren oder saugen daran. Zur Bekämpfung dieses Verhaltens werden
die Tiere meist sehr warm, zwischen 22 und 27°C gehalten, damit
sie lethargisch werden. Außerdem werden die Gehege fast in Dunkelheit
und frei von Lärm gehalten. Nichtsdestotrotz sind die Schweine
unter diesen Haltungsbedingungen notorisch streßanfällig.
Plötzlicher Lärm- oder Lichteinfluß kann sie enorm erschrecken
und zu aggressivem Verhalten führen (vgl.
SERPELL 1990, S. 15 f.). Dadurch kann es zu dem PSS "porcine
stress syndrome", dem "Schweine-Streß-Syndrom"
kommen. Die Symptome sind extremer Streß, Steifheit, fleckige
Haut, Keuchen, Angst - und häufig: plötzlicher Tod. Das ist
für den Produzenten besonders ärgerlich. In einer landwirtschaftlichen
Zeitschrift heißt es dazu: "Es tut weh, daß man Schlachtschweine
gerade dann durch PSS verliert, wenn sie sich dem Verkaufsgewicht nähern
und die ganzen Kosten für das Futter bereits investiert sind"
(SINGER 1996, S. 202).
Die Ferkel werden in kleinen Gruppen in Ställen gemästet,
bis sie mit sechs bis acht Monaten ihr Schlachtgewicht erreicht haben.
Die Schweinebuchten haben Böden aus Beton oder Metallrosten, und
es gibt kein Streu. Das erleichtert die Säuberung, bei den Schweinen
treten allerdings häufig deformierte Füße und Lahmheit
auf. Da sie meistens geschlachtet werden, bevor es zu ernsthaften Schäden
kommt, gibt es für den Züchter keinen wirtschaftlichen Anreiz,
ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Die Ställe werden in völliger
oder teilweiser Dunkelheit gehalten, um Streßerscheinungen möglichst
zu vermeiden. Haben die Schweine ihr Mastgewicht erreicht, werden sie
zum Schlachthof transportiert. Der Transportweg und die Schlachtung
stellen große Qualen für sie dar. Nach monatelangem Nichtstun,
Langeweile und Frustration werden sie aus den Ställen getrieben
und in einen Viehtransporter gequetscht, wo sie Stunden bis Tage zubringen
müssen, ohne sich bewegen zu können und ohne Futter und Wasser
zu bekommen. Schweine, die unter diesen Umständen aggressiv werden,
behandelt man ziemlich schlecht. Das Personal steht unter Streß
und reagiert oftmals mit übermäßiger Brutalität
wie Fußtritten, Stock- oder Keulenschlägen oder dem Einsatz
eines Stocks zum Versetzten elektrischer Schläge.
Am Schlachthof haben die Schweine alle Anzeichen hoffnungsloser Angst.
Sie schreien und rempeln sich gegenseitig. Unter optimalen Bedingungen
tritt der Tod relativ schnell und schmerzlos ein. Die Tiere werden mit
einem Stromstoß oder einem Bolzenschußgerät betäubt,
bevor man ihnen die Kehle durchschneidet (vgl.
SERPELL 1990, S. 18 f.).
Aus rationellen Gründen wurde die natürliche Paarung aufgegeben,
an ihre Stelle trat die künstliche Befruchtung. Die Abstände
zwischen einer Empfängnis und der nächsten werden mit Hilfe
von Hormonspritzen verkürzt, die man den Schweinen noch während
ihrer Säugezeit spritzt. Aus Gründen der Erleichterung werden
auch Hormone eingesetzt, damit die Sau zu einer dem Züchter angenehmen
Tageszeit ihre Jungen zur Welt bringt. Ein Lehrbuch drückt das
ganz lapidar aus: "Die Sau hat nur eine wirtschaftliche Existenzberechtigung,
und diese besteht darin, entwöhnte Ferkel zu produzieren. Und je
effizienter sie das tut, desto höher ist die Profitmarge im Schweinezuchtgeschäft"
(ENGLISH et al. zit. nach SERPELL 1990, S. 20).
Das moderne Agrargeschäft basiert auf der Industrieformel Maximierung
der Produktivität und Minimierung der Kosten.
"Gemächlich bewegt sich
sie Rinderherde auf der Weide vorwärts. Eine Kuh verläßt
langsam die Gruppe und sucht für die bevorstehende Geburt einen
versteckten Platz auf. Hier bleibt sie 2-3 Tage mit ihrem Neugeborenen,
welches so die Gelegenheit erhält, in aller Ruhe die Mutter kennenzulernen
und Kraft zu schöpfen, um der Herde folgen zu können. Danach
kehren Mutter und Kind zur Gruppe zurück. Das Kälbchen wird
zusehends munterer und erkundet seine Umgebung und die Artgenossen.
Unterbrochen wird dies immer wieder durch stetig kürzer werdende
Pausen, in denen es bei der Mutter trinkt oder sich ausruht. Bald schließt
es sich den anderen Kälbern der Herde an. Im wechselseitigen Spiel
werden, wie bei allen Tieren, die in sozialen Verbänden leben,
wichtige Verhaltensabläufe eingeübt" (RUSCHE
& MÜLLERS 1988, S. 34).
So sieht das Leben der Kälber
heute nicht mehr aus. Das Leben der Mastkälber sieht heute vielmehr
so aus:
Es liegt auf der Hand, daß
die Tiere ihre Mütter schmerzlich vermissen. Sie vermissen auch
etwas, woran sie saugen können. Der Saugdrang ist bei einem Kuhbaby
ebenso ausgeprägt wie bei einem menschlichen Baby. Doch diese Kälber
haben kein Euter, an dem sie saugen können, und sie haben auch
keinerlei Ersatz dafür. Vom ersten Tag ihrer Gefangenschaft an
- und das kann durchaus erst ihr dritter oder vierter Lebenstag sein
- trinken sie aus einem Plastikkübel. Häufig sieht man Kälber,
die wie rasend versuchen, an irgendeinem Teil ihres Stalles zu saugen,
doch gewöhnlich gibt es nichts, das sich dazu eignet; wenn man
einem Kalb den Finger hinhält, wird es sofort daran zu saugen beginnen,
wie ein menschliches Baby an seinem Daumen lutscht.
Als wenn das noch nicht genug wäre, wird das Kalb auch noch künstlich
anämisch gehalten. Folglich enthalten die Futtermittel nur wenig
Eisen. Die unersättliche Gier des anämischen Kalbes nach Eisen
ist einer der Gründe dafür, warum der Produzent darum besorgt
ist, es daran zu hindern, sich in seinem Stall umzudrehen. Obwohl Kälber
es wie Schweine normalerweise vorziehen, nicht in die Nähe ihres
eigenen Urins oder Dungs zu kommen, enthält Urin ein wenig Eisen.
Das Bedürfnis nach Eisen ist so stark, daß das Kalb seinen
natürlichen Widerwillen überwindet und die Latten ableckt,
die mit seinem Urin getränkt sind (vgl.
SINGER 1996, S. 215 ff.).
Damit die Fleischkälber möglichst viel Nahrung zu sich nehmen,
erhalten sie kein Wasser. Die einzige Flüssigkeit, die sie erhalten,
ist ihr Futter - nahrhafte Ersatzmilch, die aus Milchpulver und zusätzlichen
Fetten besteht. Da die Ställe, in denen die Kälber leben,
verhältnismäßig warm gehalten werden, nehmen die durstigen
Tiere mehr von dieser flüssigen Nahrung auf, als sie aufnehmen
würden, wenn sie die Möglichkeit hätten, Wasser zu trinken.
Das übliche Resultat dieser Überfütterung ist, daß
die Kälber stark schwitzen, wie es jemand tun würde, der zu
schnell und zu viel gegessen hat. Durch das Schwitzen verlieren die
Kälber Flüssigkeit, das sie wiederum durstig macht und dazu
führt, daß sie erneut zuviel von ihrer flüssigen Nahrung
zu sich nehmen (vgl. ebd., S. 218 f.).
Das Kalb dazu zu bringen, daß es zuviel Nahrung zu sich nimmt,
ist aber erst die Hälfte der Aufgabe; die andere Hälfte der
Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, daß diese Überernährung
zur Gewichtszunahme führt. Zu diesem Zweck ist es erforderlich,
das Kalb so einzusperren, daß es sich keine Bewegung verschaffen
kann. Auch das Warmhalten des Stalles trägt dazu bei. Doch selbst
die Kälber, die es in ihren Ställen warm haben, neigen leicht
zur Ruhelosigkeit, denn sie haben den ganzen Tag lang bis auf die beiden
Fütterungszeiten nichts zu tun. Um die Rastlosigkeit ihrer gelangweilten
Kälber zu dämpfen, lassen viele Kälberproduzenten die
Tiere den ganzen Tag in Dunkelheit stehen, außer zu den Fütterungszeiten.
So werden die Kälber, denen bereits der größte Teil
der Zuwendung, Aktivität und Stimulation fehlt, die ihre Natur
eigentlich fordert, auch noch der visuellen Stimulation und des Kontakts
mit anderen Kälbern beraubt, und zwar für mehr als zweiundzwanzig
Stunden täglich (vgl. ebd., S. 219 f.).
Nach erfolgreicher Anwendung moderner
Kälberzuchtmethoden "sieht uns ein aufgewabbeltes, wegen der
Aufweichung der Knochen fast nicht mehr gehfähiges, geschundenes,
gemartertes Geschöpf mit todtraurigen Augen an" (EVERS zit.
nach BEIDL 1988, S. 4). Wie die Tiere dann
zum Schlachthof transportiert werden, beschreibt ein Futtermittelberater
so:
"Kälber werden mit 150
bis 200 Kilogramm im Alter von 120 bis 150 Tagen geschlachtet, weil
sie danach nicht mehr lebensfähig sind. Sie sind fast blind, wenn
sie herausgezogen werden, um sie zum Schlachthof zu verfrachten. Sie
können nicht laufen, weil sie nie laufen gelernt haben, da sie
sich praktisch im Stall nie bewegen konnten...
Wenn dann die letzte Stunde gekommen ist, werden die Kälber an
den Ohren herausgezogen. Wahnsinnig, wie die transportiert werden. Sie
werden geschoben, sie werden geschlagen. Daß sie bis dahin nicht
krepiert sind, liegt nur daran, daß sie den ganzen Medikamenten-Kram
kriegen. Ein Kalb, bis es geschlachtet wird, hat mindestens 50 Kubikzentimeter
reinste Chemie geschluckt oder gespritzt bekommen" (DER
SPIEGEL 1988, S. 25).
Auf der letzten Station ihres qualvollen
Lebens, im Schlachthof, werden die Kälber mit Stockschlägen
"empfangen" und in die "Betäubungsbox" getrieben:
"Kälber und Rinder werden
betäubt, indem man einen Metallbolzen ins Hirn treibt und dadurch
wesentliche Hirnteile zerstört. Damit das geschieht, muß
der Bolzen in der Mitte der Stirn ins Gehirn dringen, wo zwei gedachte
Diagonalen von den Hornansätzen zu den Augen einen Kreuzpunkt bilden...
Eine knappe Minute hat der Betäuber Zeit, um ein Rind aus dem Treibgang
in die Box zu jagen, den Bolzen in seine Stirn zu schießen und
es unten aus der Box durch einen Metallschieber auswerfen zu lassen.
Am Hinterbein angekettet wird es dann über ein Entblutungsbecken
hochgezogen. Hängt es dort am Fließband, schneidet man ihm
die Kehle durch. Auch Rinder sterben - wie Schweine - durch Ausbluten...
Oft sind die Tiere nicht bewußtlos, weil der Schuß zu hoch
oder zu tief sitzt. " Bei unsachgemäßer Betäubung
werden die Hohlräume oberhalb und unterhalb des Gehirns getroffen,
ohne das Gehirn zu verletzen, weshalb das Tier nicht sofort stürzt",
erklärt ein Lehrbuch für Metzger. Bei den Kälbern sind
solche Fehlschüsse noch häufiger. Sie werden in diesem Betrieb
immer zu zweien in die geräumige Box getrieben, weil das schneller
geht. Die kleinen, nervösen Tiere sind für den Betäuber
schwer zu erreichen, zumal die Box zu seinem Schutz oben mit Stangen
versehen ist. Fehlschüsse sind die Folge" (KARREMANN
1988, S. 11 f.).
Die Eier vieler Vogelarten - von
Wachteln bis zu Straußen - werden vom Menschen gegessen; doch
den Hauptanteil machen Hühnereier aus.
Legehennen und Masthühner halten einen traurigen Rekord, was die
Konzentration der Tiere auf engstem Raum betrifft. 450 cm² Lebensraum
steht jedem Huhn zu, ein geneigtes Drahtgitter, kleiner als die Fläche
eines Blatts Schreibmaschinenpapier. Allein in Deutschland müssen
über 65 Millionen Legehennen die Konsumenten mit über 18 Milliarden
Eiern pro Jahr versorgen (DEUTSCHES BUNDESMINISTERIUM
FÜR LANDWIRTSCHAFT UND FORSTEN 1998).
90% der auskunftspflichtigen Legehennenbetriebe halten die Vögel
in Batterien. In der Schweiz ist diese Käfighaltung der Hühner
zwar verboten, der Import solcher Eier wird jedoch wegen des Preisunterschiedes
in großem Stil durchgeführt. Doch auch die erlaubte Bodenhaltung
der Hühner ist weit von einem artgerechten Leben, wie sie die Werbung
stets suggeriert, entfernt. Um die Produktivität zu erhöhen,
werden die Hühner in beiden Haltungssystemen oft 17 Stunden pro
Tag mit künstlichem Licht bestrahlt. Verhaltensstörungen sind
die Folge dieser Haltung. Um gegenseitiges Anpicken oder gar Ausweiden
zu verhindern, werden vielen Hennen im Kükenalter die Oberschnäbel
ohne Betäubung abgebrannt oder abgeschnitten. Doch gerade der Hühnerschnabel
ist durch zahlreiche Nervenbahnen ebenso empfindlich wie unsere Fingerkuppen.
Die Tiere haben noch Monate nach dieser «Amputation» große
Schmerzen.
Das tägliche Eierlegen ist keineswegs so unbeschwert, wie man annehmen
möchte. Während ihre Vorfahren etwa zwölf bis zwanzig
Eier pro Jahr legten, bringen es speziell gezüchtete Legehennen
auf rund dreihundert Eier pro Jahr. Um die Eierschalen aufbauen zu können,
wird den Knochen Kalzium entzogen. Dies ist neben der Bewegungseinschränkung
und fehlendem Sonnenlicht eine der Ursachen für teils tödliche
Technopathien wie Käfiglähme, Osteoporose, und Fettlebersyndrom.
Außerdem bedeutet es für die Hühner großen Streß,
sich für die Eiablage nicht zurückziehen zu können; es
stellt eine unbeschreibliche Tortur in der Massenhühnerhaltung
dar (vgl. STÖSSER, URL
3, 2000).
In den letzen Jahren ist - nach Salmonellen-Skandalen
und Horrorbildern aus Legebatterien - die Nachfrage nach Freiland- und
Bioeiern deutlich gestiegen. Jährlich werden angeblich 300 Millionen
"Öko-Eier" gekauft, gelegt werden aber nur 50 Millionen
(vgl. REINECKE & THORBRIETZ 1997, S. 145).
Heinrich Tiemann, Geschäftsführer einer großen Eier-Vermarktungsfirma
dazu: "Mindestens ein Drittel der verkauften Eier werden falsch
deklariert". Der Etikettenschwindel bringt hohe Gewinne. Bei einem
Ei aus Käfighaltung beläuft sich der Reingewinn auf zwei Zehntelpfennig,
bei einem Ei aus der der Freilandhaltung, auf 1,3 Pfennig. Deklariert
nun beispielsweise ein großer Betrieb mit 1,5 Milliarden Eier
ein Drittel davon als teure Freiland-Eier, erhöht sich der ursprüngliche
Gewinn von 3 auf 9,5 Millionen DM (vgl. ebd.,
S. 145).
Eier aus Freilandhaltung (also Stall
und Weideauslauf im Freien) und Bodenhaltung (Stallgebäude mit
Sitzstangen und Legenestern, aber ohne Freilauf) machen in Deutschland
gerade 10%, in der Schweiz ca. 50% der konsumierten Eier aus. Bezeichnungen
wie «Bauern-» oder «Landeier» sollen über
die Herkunft aus Hühnerbatterien hinwegtäuschen. Abrollspuren
vom Käfigboden, die unter UV-Licht sichtbar werden, zeigen oft
die falsche Deklaration der Eier an. Es werden soviele Eier aus angeblicher
Freilandhaltung verkauft, daß jedes Freilandhuhn täglich
fünf davon legen müßte.
Eiklar und Dotter in eihaltigen Produkten wie Kuchen, Keksen, Brot oder
Teigwaren stammen, wenn nicht ausdrücklich anders angegeben, ebenfalls
aus Käfighaltung. Hinzu kommen die Probleme der Schlachtung und
der männlichen Küken (vgl. STÖSSER, URL
3, 2000).
Nach einer Aufzucht von wenigen Monaten
verbringen die Legehennen etwa ein Jahr damit, Eier zu legen. Mit der
Zeit läßt die Legeleistung nach, und sie werden im Alter
von zwölf bis fünfzehn Monaten geschlachtet und als Suppenhühner
vermarktet oder zu Pasteten verarbeitet. Ihre natürliche Lebenserwartung
betrüge über dreißig Jahre. Zur Schlachtung werden die
Hühner an den Füßen aufgehängt und durch Elektroschock
im Wasserbad betäubt - bei zu kleinen Hühnern und bei denen,
die sich wehren, mißlingt dies oft, weil sie den Kopf über
Wasser halten. Dann wird ihre Kehle bei vollem Bewußtsein durchgeschnitten
und sie verbluten (vgl.
ebd.).
Hähne werden nach der Geburt
umgebracht, da sie keine Eier legen können. Die männlichen
Tiere - also jedes zweite Küken! - aus Legehennenzuchtrichtlinien,
sind für die Fleischmast unrentabel. Die Küken werden kurz
nach dem Schlüpfen "gesext". Die weiblichen Tiere kommen
in die Aufzucht, die männlichen werden
lebendig in Fleischwölfen vermust, ertränkt, erstickt oder
vergast, um als Tiermehl für Futter oder Dünger zu enden.
So werden allein in Deutschland jährlich 44 Millionen Küken
bereits in den ersten Lebenstagen getötet (vgl.
ebd.).
Weitere negative Auswirkungen der
Eierproduktion können Gesundheitsschäden sein. Ein durchschnittliches
Ei enthält mehr als 200 mg Cholesterin. Eier können Nahrungsmittelvergiftungen,
insbesondere Salmonellose, verursachen. Die Symptome ähneln Erkältungssymptomen,
so daß die Vergiftung häufig unentdeckt bleibt. Eier tragen
zu Übergewicht, Herzkrankheiten, Krebs und anderen ernsten Gesundheitsschäden
bei (vgl.
ebd.).
Angesichts dieser Tatsachen sollte
klar sein, daß Eier mehr sind als nur Hühnermenstruationsprodukte:
Jedes einzelne Ei bedeutet Verschwendung, Gesundheitsschäden und
vor allem Tierquälerei und Tod. (vgl. STÖSSER, URL
3, 2000).
In den vorangegangenen Gliederungspunkten
habe ich Zahlen und Fakten im Zusammenhang mit der Fleischproduktion
in der Massentierhaltung dargestellt. Ich möchte nun eine Veterinär-Studentin
mit ihrem Erfahrungsbericht zu Wort kommen lassen.
Christiane M. Haupt berichtet von ihrem sechswöchigen Pflichtpraktikum
in einem Schlachthof, das sie im Rahmen ihres Studiums der Veterinärmedizin
absolvieren mußte. Sie beschreibt ihre Gedanken und Gefühle,
als sie das erste Mal den Schlachthof betritt, ihre Eindrücke über
die Persönlichkeiten der Schlächter, wie sie selbst im Laufe
der Zeit ein Teil der Tötungsmaschinerie wird und wie überlebenswichtige
Schutzmechanismen der Abwehr zum Tragen kommen. Dazu die im Internet
dokumentierte Aussage der Betroffenen:
"'Es werden nur Tiere angenommen, die tierschutzgerecht transportiert
werden und ordnungsgemäß gekennzeichnet sind', steht auf
dem Schild über der Betonrampe. Am Ende der Rampe liegt, steif
und bleich, ein totes Schwein. 'Ja, manche sterben schon während
des Transportes. Kreislaufkollaps.'
Was für ein Glück, daß ich die alte Jacke mitgenommen
habe. Obwohl erst Anfang Oktober, ist es schneidend kalt, aber ich friere
nicht nur deswegen. Ich vergrabe die Hände in den Taschen, zwinge
mich zu einem freundlichen Gesicht und dazu, dem Direktor des Schlachthofes
zuzuhören, der mir eben erklärt, daß man längst
keine Lebenduntersuchung mehr vornimmt, nur eine Lebendbeschau. 700
Schweine pro Tag, wie sollte das auch gehen. 'Es sind eh keine kranken
Tiere dabei. Die würden wir sofort zurückschicken, und das
kostet den Anlieferer eine empfindliche Strafe. Das macht der einmal
und dann nicht wieder.' Ich nicke pflichtschuldig - durch, nur durchhalten,
du mußt diese sechs Wochen hinter dich bringen - , was passiert
mit kranken Schweinen?
'Da gibt es einen ganz speziellen Schlachthof.' Ich erfahre einiges
über die Transportverordnungen, und wieviel genauer man es heutzutage
mit dem Tierschutz nimmt. Das Wort, an diesem Ort gesprochen, klingt
makaber. Inzwischen hat sich der vielstimmig grunzende und quiekende
Doppeldecktransporter unter uns bis an die Rampe heranrangiert. Einzelheiten
sind in der morgendlichen Dunkelheit kaum auszumachen; die Szenerie
hat etwas Unwirkliches und gemahnt an jene gespenstischen Wochenschauen
aus dem Krieg, an graue Waggonreihen voller ängstlicher bleicher
Gesichter an Laderampen, über die geduckte Menschenmengen von gewehrtragenden
Männern getrieben werden. Plötzlich bin ich mittendrin. So
etwas träumt man in bösen Träumen, aus denen man schweißgebadet
aufschreckt: Inmitten wabernden Nebels, in Eiseskälte und schmutzigem
Zwielicht dieses unnennbar böse Bauwerk, dieser flache, anonyme
Klotz aus Beton und Stahl und weißen Kacheln, ganz hinten am frosterstarrten
Waldesrand; hier geschieht das Unaussprechliche, wovon niemand wissen
will. Die Schreie sind das erste, was ich höre an jenem Morgen,
als ich eintreffe, um ein Pflichtpraktikum anzutreten, dessen Verweigerung
für mich fünf verlorene Studienjahre und das Scheitern aller
Zukunftspläne bedeutet hätte. Aber alles in mir - jede Faser,
jeder Gedanke - ist Verweigerung, ist Abscheu und Entsetzen und das
Bewußtsein nicht steigerbarer Ohnmacht: Zusehen müssen, nichts
tun können, und sie werden dich zwingen mitzumachen, dich ebenfalls
mit Blut zu besudeln. Schon aus der Ferne, als ich aus dem Bus steige,
treffen die Schreie der Schweine mich wie ein Messerstich. Sechs Wochen
lang werden sie mir in den Ohren gellen, Stunde für Stunde, ohne
Unterlaß. Durchhalten. Für dich ist es irgendwann zu Ende.
Für die Tiere nie.
Ein kahler Hof, einige Kühltransporter, Schweinehälften am
Haken in einer grell erleuchteten Türe. Alles peinlich sauber.
Das ist die Vorderfront. Ich suche nach dem Eingang, er ist seitlich
gelegen. Zwei Viehtransporter fahren an mir vorbei, gelbe Scheinwerfer
im Morgendunst. Mir weist ein fahles Licht den Weg, erleuchtete Fenster.
Ein paar Stufen, dann bin ich drinnen, und jetzt ist alles nur weißgekachelt.
Keine Menschenseele zu sehen. Ein weißer Gang, - da, der Umkleideraum
für Damen. Fast sieben Uhr, ich ziehe mich um: weiß, weiß,
weiß. Der geliehene Helm schaukelt grotesk auf den glatten Haaren.
Die Stiefel sind zu groß. Ich schlurfe wieder in den Gang, stoße
beinahe mit dem zuständigen Veterinär zusammen. Artige Begrüßung.
'Ich bin die neue Praktikantin.' Bevor es losgeht, die Formalitäten.
'Ziehen Sie sich mal was Warmes an, gehen Sie zum Direktor und geben
Sie Ihr Gesundheitszeugnis ab. Dr. XX sagt Ihnen dann, wo Sie anfangen.'
Der Direktor ist ein jovialer Herr, der mir erst einmal von den guten
alten Zeiten erzählt, als der Schlachthof noch nicht privatisiert
war. Dann hört er leider damit auf und beschließt, mich persönlich
herumzuführen. Und so komme ich also auf die Rampe. Rechter Hand
kahle Betongevierte, von eisigen Stahlstangen umgeben. Einige sind bereits
mit Schweinen gefüllt. 'Wir beginnen hier um fünf Uhr morgens.'
Geschubse, hier und da Krabbeleien, ein paar neugierige Rüssel
schieben sich durch die Gitter, pfiffige Augen, andere unstet und verwirrt.
Eine grosse Sau geht beharrlich auf eine andere los; der Direktor angelt
nach einem Stock und schlägt sie mehrfach auf den Kopf. 'Die beißen
sich sonst ganz böse.' Unten hat der Transporter die Holzklappe
heruntergelassen, die vordersten Schweine schrecken vor dem wackeligen
und abschüssigen Übergang zurück, doch von hinten wird
gedrängelt, da ein Treiber dazwischen geklettert ist und kräftige
Hiebe mit einem Gummischlauch austeilt. Ich werde mich später nicht
mehr wundern über die vielen roten Striemen auf den Schweinehälften.
'Der Elektrostab ist für
Schweine inzwischen verboten', doziert der Direktor. Einige Tiere wagen
strauchelnd und unsicher die ersten Schritte, dann wogt der Rest hinterher,
eins rutscht mit dem Bein zwischen Klappe und Rampe, kommt wieder hoch,
hinkt weiter. Sie finden sich zwischen Stahlverstrebungen wieder, die
sie unentrinnbar in einen noch leeren Pferch führen. Wenn es um
eine Ecke geht, verkeilen sich die vorderen Schweine, alle stecken fest,
und der Treiber flucht wütend und drischt auf die hintersten ein,
die panisch versuchen, auf ihre Leidensgenossen zu springen. Der Direktor
schüttelt den Kopf. 'Hirnlos. Einfach hirnlos. Wie oft habe ich
schon gesagt, daß es doch nichts bringt, die hintersten zu prügeln!'
Während ich noch wie erstarrt dieses Schauspiel verfolge - das
ist bestimmt alles nicht wahr - du träumst -, wendet er sich ab
und begrüßt den Fahrer eines weiteren Transportes, der neben
den anderen gefahren ist und sich jetzt zum Ausladen bereit macht. Warum
es hier viel schneller, aber auch mit noch viel mehr Geschrei vonstatten
geht, sehe ich erst, als hinter den emporstolpernden Schweinen ein zweiter
Mann aus dem Laderaum auftaucht, denn was nicht schnell genug ist, wird
von ihm mit Elektroschocks bedacht. Ich starre den Mann an, dann den
Direktor, und dieser schüttelt ein weiteres Mal den Kopf:
'Also, Sie wissen doch, das ist bei Schweinen jetzt verboten!' Der Mann
blickt ungläubig, dann steckt er das Gerät in die Tasche.
Von hinten stupst mich etwas in
die Kniekehle, ich fahre herum und blicke in zwei wache blaue Augen.
Viele Tierfreunde kenne ich, die enthusiastisch schwärmen von den
ach so seelenvollen Katzenaugen, dem treuen Hundeblick, - wer spricht
von der Intelligenz und Neugier in den Augen eines Schweines? Ich werde
diese Augen sehr bald noch anders kennenlernen: Stumm schreiend vor
Angst, von Schmerzen stumpf, und dann blicklos, gebrochen, aus den Höhlen
gerissen, über den blutverschmierten Boden kollernd. Messerscharf
streift mich ein Gedanke, den ich in den folgenden Wochen monoton noch
viele hundert Male im Geiste wiederholen werde: Fleischessen ist ein
Verbrechen - ein Verbrechen...
Danach ein kurzer Rundgang durch den Schlachthof, im Pausenraum beginnend.
Eine offene Fensterfront zur Schlachthalle, in unendlicher Folge schweben
am Fließband fahle, blutige Schweinehälften vorbei. Dessen
ungeachtet sitzen zwei Angestellte beim Frühstück. Wurstbrot.
Die weißen Kittel der beiden sind blutverschmiert, unter einem
Gummistiefel hängt ein Fetzen Fleisch. Hier ist der unmenschliche
Lärm noch gedämpft, der mir wenig später ohrenbetäubend
entgegenschlägt, als ich in die Schlachthalle geführt werde.
Ich fahre zurück, weil eine Schweinehälfte scharf um die Ecke
saust und gegen die nächste klatscht. Sie hat mich gestreift, warm
und teigig. Das ist nicht wahr - das ist absurd - unmöglich. Alles
zugleich stürzt auf mich ein. Schneidende Schreie. Das Kreischen
von Maschinen. Blechgeklapper. Der durchdringende Gestank nach verbrannten
Haaren und versengter Haut. Der Dunst von Blut und heißem Wasser.
Gelächter, unbekümmerte Rufe. Blitzende Messer, durch Sehnen
gebohrte Fleischerhaken, daran hängende halbe Tiere ohne Augen
und mit zuckenden Muskeln. Fleischbrocken und Organe, die platschend
in eine blutgefüllte Rinne fallen, so daß der eklige Sud
an mir hochspritzt. Fettige Fleischfasern am Boden, auf denen man ausrutscht.
Menschen in Weiß, von deren Kitteln das Blut rinnt, unter den
Helmen oder Käppis Gesichter, wie man sie überall trifft:
in der U-Bahn, im Kino, im Supermarkt. Unwillkürlich erwartet man
Ungeheuer, aber es ist der nette Opa von nebenan, der flapsige junge
Mann von der Straße, der gepflegte Herr aus der Bank.
Ich werde freundlich begrüßt. Der Direktor zeigt mir rasch
noch die heute leere Rinderschlachthalle - 'Rinder sind dienstags dran!'
-, übergibt mich dann einer Dame und enteilt; er hat zu tun. 'Die
Tötungshalle können Sie sich ja selbst mal in aller Ruhe ansehen.'
Drei Wochen werden vergehen, ehe ich mich dazu überwinde.
Der erste Tag ist für mich noch Galgenfrist. Ich sitze in einem
kleinen Zimmerchen neben dem Pausenraum und schnippele Stunde um Stunde
kleine Fleischstückchen aus einem Eimer von Proben, den regelmäßig
eine blutige Hand aus der Schlachthalle nachfüllt. Jedes Stückchen
- ein Tier. Das Ganze wird dann portionsweise zerhäckselt, mit
Salzsäure angesetzt und gekocht, für die Trichinenuntersuchung.
Die Dame zeigt mir alles. Man findet nie Trichinen, aber es ist Vorschrift.
Am nächsten Tag werde ich
dann selbst zu einem Teil der gigantischen Zerstückelungsmaschinerie.
Eine rasche Einweisung - 'Hier, den Rest des Rachenringes entfernen
und die Mandibularlymphknoten anschneiden. Manchmal hängt noch
ein Hornschuh an den Klauen, den dann abmachen.'-, und ich schneide
drauflos, es muß schnell gehen, das Band läuft weiter, immer
weiter. Über mir werden andere Teile des Kadavers entfernt. Arbeitet
der Kollege zu schwungvoll, oder staut sich in der Rinne von mir zuviel
blutiger Sud, spritzt mir der Brei bis ins Gesicht. Ich versuche, zur
anderen Seite auszuweichen, doch da werden mit einer riesigen, wassersprühenden
Säge die Schweine zerteilt; unmöglich kann man hier stehen,
ohne naß bis auf die Knochen zu werden. Mit zusammengebissenen
Zähnen säbele ich weiter, noch muß ich mich zu sehr
eilen, um über all das Grauen nachdenken zu können, und außerdem
höllisch aufpassen, mir nicht in die Finger zu schneiden.
Gleich am nächsten Tag leihe
ich mir von einer Kommilitonin, die das Ganze schon hinter sich hat,
einen Kettenhandschuh. Und höre auf, die Schweine zu zählen,
die triefend an mir vorübergleiten. Auch Gummihandschuhe verwende
ich nicht länger. Zwar ist es gräßlich, mit bloßen
Händen in den warmen Leichen herumzuwühlen, doch da man sich
zwangsläufig bis an die Schultern beschmiert, läuft das klebrige
Gemisch der Körperflüssigkeiten ohnehin in die Handschuhe
hinein, so daß man sie sich auch sparen kann. Wozu drehen sie
noch Horrorfilme, wenn es das hier gibt?
Bald ist das Messer stumpf. 'Geben
Sie her - ich schleif Ihnen das mal!' Der nette Opa, in Wahrheit ein
altgedienter Fleischbeschauer, zwinkert mir zu. Nachdem er das geschärfte
Messer zurückgebracht hat, schwätzt er ein bißchen herum,
erzählt mir einen Witz und geht wieder an die Arbeit. Er nimmt
mich auch künftig ein bißchen unter seine Fittiche und zeigt
mir manchen kleinen Trick, der die Fließbandarbeit erleichtert.
'Gell? Ihnen gefällt das hier alles nicht. Sehe ich doch. Aber
da muß man nun mal durch.' Ich kann ihn nicht unsympathisch finden,
er gibt sich große Mühe, mich etwas aufzuheitern. Auch die
meisten anderen sind sehr bemüht zu helfen; sicher machen sie sich
lustig über die vielen Praktikanten, die hier kommen und gehen,
die erst schockiert, dann mit zusammengebissenen Zähnen ihre Zeit
ableisten. Aber sie tun es gutmütig, Schikanen gibt es nicht. Es
gibt mir zu denken, daß ich - von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen
- die hier arbeitenden Leute gar nicht als Unmenschen empfinden kann,
sie sind nur abgestumpft, wie auch ich selbst mit der Zeit. Das ist
Selbstschutz. Man kann es sonst nicht ertragen. Nein, die wahren Unmenschen
sind all jene, die diesen Massenmord tagtäglich in Auftrag geben,
die durch ihre Gier nach Fleisch Tiere zu einem erbärmlichen Dasein
und einem noch erbärmlicheren Ende - und andere Menschen zu einer
entwürdigenden und verrohenden Arbeit zwingen.
Langsam werde ich zu einem kleinen
Rädchen in dieser ungeheuren Automatik des Todes. Irgendwann im
Verlauf der nicht enden wollenden Stunden werden die eintönigen
Handgriffe mechanisch, und mühsam. Fast erstickt durch die ohrenbetäubende
Kakophonie und Allgegenwärtigkeit unbeschreiblichen Grauens, gräbt
sich der Verstand aus den Tiefen betäubter Sinne empor und fängt
wieder an zu funktionieren. Differenziert, ordnet, versucht zu begreifen.
Aber das ist unmöglich.
Als ich zum ersten Mal bewußt erfasse - am zweiten oder dritten
Tag - daß ausgeblutete, abgeflammte und zersägte Schweine
noch zucken und mit dem Schwänzchen wackeln, bin ich nicht in der
Lage, mich zu bewegen. 'Sie - sie zucken noch...', sage ich, obwohl
ich ja weiß, daß es nur die Nerven sind, zu einem vorübergehenden
Veterinär. Der grinst: 'Verflixt, da hat einer 'nen Fehler gemacht
- das ist noch nicht richtig tot!' Gespenstischer Puls durchzittert
die Tierhälften, überall. Ein Horrorkabinett. Mich friert
bis ins Mark.
Wieder daheim, lege ich mich aufs
Bett und starre an die Decke. Stunde für Stunde. Jeden Tag. Meine
nächste Umgebung reagiert gereizt. 'Guck nicht so unfreundlich.
Lächle mal. Du wolltest doch unbedingt Tierarzt werden.' Tierarzt.
Nicht Tierschlächter. Ich halte es nicht aus. Diese Kommentare.
Diese Gleichgültigkeit. Diese Selbstverständlichkeit des Mordens.
Ich möchte, ich muß sprechen, es mir von der Seele reden.
Ich ersticke daran. Von dem Schwein möchte ich erzählen, das
nicht mehr laufen konnte, mit gegrätschen Hinterbeinen dasaß.
Das sie solange traten und schlugen, bis sie es in die Tötungsbox
hineingeprügelt hatten. Das ich mir hinterher ansah, als es zerteilt
an mir vorüberpendelte: beidseitiger Muskelabriß an den Innenschenkeln.
Schlachtnummer 530 an jenem Tag, nie vergesse ich diese Zahl. Ich möchte
von den Rinderschlachttagen erzählen, von den sanften braunen Augen,
die so voller Panik sind. Von den Fluchtversuchen, von all den Schlägen
und Flüchen, bis das unselige Tier endlich im eisernen Pferch zum
Bolzenschuß bereit steht, mit Panoramablick auf die Halle, wo
die Artgenossen gehäutet und zerstückelt werden, - dann der
tödliche Schuß, im nächsten Moment schon die Kette am
Hinterfuß, die das ausschlagende, sich windende Tier in die Höhe
zieht, während unten bereits der Kopf abgesäbelt wird. Und
immer noch, kopflos, Ströme von Blut ausspeiend, bäumt der
Leib sich auf, treten die Beine um sich... Erzählen von dem gräßlichschmatzenden
Geräusch, wenn eine Winde die Haut vom Körper reißt,
von der automatisierten Rollbewegung der Finger, mit der die Abdecker
die Augäpfel - die verdrehten, rotgeäderten, hervorquellenden
- aus den Augenhöhlen klauben und in ein Loch im Boden werfen,
in dem der "Abfall" verschwindet. Von der verschmierten Aluminiumrutsche,
auf der alle Innereien landen, die aus dem riesigen geköpften Kadaver
gerissen werden, und die dann, bis auf Leber, Herz, Lungen und Zunge
- zum Verzehr geeignet - in einer Art Müllschlucker verschwinden.
Erzählen möchte ich,
daß immer wieder inmitten dieses schleimigen, blutigen Berges
ein trächtiger Uterus zu finden ist, daß ich kleine, schon
ganz fertig aussehende Kälbchen in allen Größen gesehen
habe, zart und nackt und mit geschlossenen Augen in ihren schützenden
Fruchtblasen, die sie nicht zu schützen vermochten, - das kleinste
so winzig wie ein neugeborenes Kätzchen und doch eine richtige
MiniaturKuh, das größte weich behaart, braunweiß und
mit langen seidigen Wimpern, nur wenige Wochen vor der Geburt. 'Ist
es nicht ein Wunder, was die Natur so erschafft?' meint der Veterinär,
der an diesem Tag Dienst hat, und schiebt Uterus samt Fötus in
den gurgelnden Müllschlucker. Und ich weiß nun ganz sicher,
daß es keinen Gott geben kann, denn kein Blitz fährt vom
Himmel hernieder, diesen Frevel zu rächen, der seinen Fortgang
nimmt, wieder und wieder.
Auch für die erbärmlich
magere Kuh, die, als ich morgens um sieben komme, krampfhaft zuckend
im eisigen, zugigen Gang liegt kurz vor der Tötungsbox, gibt es
keinen Gott und niemanden, der sich ihrer erbarmt in Form eines schnellen
Schusses. Erst müssen die übrigen Schlachttiere abgefertigt
werden. Als ich mittags gehe, liegt sie immer noch und zuckt, niemand,
trotz mehrfacher Aufforderung, hat sie erlöst. Ich habe das Halfter,
das unbarmherzig scharf in ihr Fleisch schnitt, gelockert und ihre Stirn
gestreichelt. Sie blickt mich an mit ihren riesiggrossen Augen, und
ich erlebe nun selbst, daß Kühe weinen können.
Meine Hände, Kittel, Schürze
und Stiefel sind besudelt vom Blute ihrer Artgenossen, stundenlang habe
ich unter dem Band gestanden, Herzen und Lungen und Lebern aufgeschnitten,
- 'Bei den Rindern saut man sich immer total ein', bin ich bereits gewarnt
worden.
Das ist es, wovon ich berichten möchte, um es nicht allein tragen
zu müssen, - aber im Grunde will es keiner hören. Nicht, daß
ich während dieser Zeit nicht oft genug befragt werde. 'Wie ist
es denn so im Schlachthof ? Also, ich könnte das ja nicht!' Ich
grabe mir mit den Fingernägeln scharfe Halbmonde in die Handflächen,
um nicht in diese mitleidigen Gesichter zu schlagen, oder um nicht den
Telefonhörer aus dem Fenster zu werfen, - schreien möchte
ich, aber längst hat all das, was ich tagtäglich mitansehe,
jeden Schrei in der Kehle erstickt. Keiner hat gefragt, ob ich es kann.
Reaktionen auf noch so karge Antworten verraten Unbehagen ob des Themas.
'Ja, das ist ganz schrecklich, und wir essen auch nur noch selten Fleisch.'
Oft werde ich angespornt: 'Beiß die Zähne zusammen, du mußt
da durch, und bald hast du es ja hinter dir!' Für mich eine der
schlimmsten, herzlosesten und ignorantesten Äußerungen, denn
das Massaker geht weiter, Tag für Tag. Ich glaube, niemand hat
begriffen, daß mein Problem weniger darin bestand, diese sechs
Wochen zu überleben, sondern daß dieser ungeheure Massenmord
geschieht, millionenfach, - für jeden geschieht, der Fleisch ißt.
Besonders jene Fleischesser, die von sich behaupten, Tierfreunde zu
sein, werden für mich nun vollends unglaubwürdig.
'Hör auf - verdirb mir nicht
den Appetit!' Auch damit bin ich mehr als einmal rigoros abgewürgt
worden, gefolgt von der Steigerung: 'Du bist ein Terrorist! Jeder normale
Mensch lacht dich doch aus!' Wie allein man sich in solchen Augenblicken
vorkommt. Ab und zu sehe ich mir den kleinen Rinderfetus an, den ich
mit heimgenommen und in Formalin eingelegt habe. Memento mori. Laß
sie lachen, die 'normalen Menschen'.
Die Dinge abstrahieren sich, wenn
man von soviel gewaltsamen Tod umgeben ist; das eigene Leben erscheint
unendlich bedeutungslos. Irgendwann blickt man auf die anonymen Reihen
zerstückelter Schweine, die mäanderförmig durch die Halle
ziehen, und fragt sich: Wäre es anders, wenn hier Menschen hingen?
Abstumpfung bleibt nicht aus. Irgendwann denke ich nur noch, aufhören,
es soll aufhören, hoffentlich macht er schnell mit den Elektrozangen,
damit es endlich aufhört.
Mehr als die Hälfte des Praktikums
ist vorüber, als ich endlich in die Tötungshalle gehe, um
sagen zu können: 'Ich habe gesehen.' Hier schließt sich der
Weg, der vorn an der Laderampe beginnt. Der kahle Gang, in den alle
Pferche münden, verjüngt sich und führt eine Tür
in einen kleinen Wartepferch für jeweils vier oder fünf Schweine.
Sollte ich je den Begriff Angst' bildlich darstellen, ich würde
die Schweine zeichnen, die sich hier gegen die hinter ihnen geschlossene
Tür zusammendrängen, ich würde ihre Augen zeichnen. Augen,
die ich niemals mehr vergessen kann. Augen, in die jeder sehen sollte,
den es nach Fleisch verlangt.
Mit Hilfe eines Gummischlauches
werden die Schweine separiert. Eines wird nach vorn in einen Stand getrieben,
der es von allen Seiten umschließt. Es schreit, versucht nach
hinten auszubrechen, und häufig hat der Treiber alle Hände
voll zu tun, ehe er endlich mit einem elektrischen Schieber den Stand
schließen kann. Ein Knopfdruck, der Boden des Standes wird durch
eine Art fahrbaren Schlitten ersetzt, auf dem sich das Schwein rittlings
wiederfindet, ein zweiter Schieber vor ihm öffnet sich, und der
Schlitten mit dem Tier gleitet hinüber in eine weitere Box. Der
danebenstehende Grobschlächter - ich habe ihn insgeheim immer Frankenstein'
genannt - setzt die Elektroden an; eine Dreipunktbetäubung, wie
der Direktor mir einst erklärt hat. Man sieht das Schwein sich
in der Box aufbäumen, dann klappt der Schlitten weg, und das zuckende
Tier schlägt auf einer blutüberströmten Rutsche auf und
zappelt mit den Beinen. Auch hier wartet ein Grobschlächter, zielsicher
trifft das Messer unter dem rechten Vorderbein, ein Schwall dunklen
Blutes schießt hervor, und der Körper rutscht weiter. Sekunden
später hat sich bereits eine Eisenkette um ein Hinterbein geschlossen
und das Tier emporgezogen, und der Grobschlächter legt das Messer
ab, greift nach einer verschmierten Cola-Flasche, die auf dem zentimeterdick
mit geronnenem Blut bedeckten Boden steht, und genehmigt sich einen
Schluck.
Ich folge den am Haken baumelnden,
ausblutenden Kadavern in die 'Hölle'. So habe ich den nächsten
Raum genannt. Er ist hoch und schwarz, voll von Ruß, Gestank und
Feuer. Nach einigen bluttriefenden Kurven erreicht die Schweinereihe
eine Art riesigen Ofen. Hier wird entborstet. Von oben fallen die Tiere
in einen Auffangtrichter und gleiten in das Innere der Maschine. Man
kann hineinsehen. Feuer flammt auf, und mehrere Sekunden lang werden
die Körper herumgeschüttelt und scheinen einen grotesken Springtanz
aufzuführen. Dann klatschen sie auf der anderen Seite auf einen
großen Tisch, werden sofort von zwei Grobschlächtern ergriffen,
die noch verbliebene Borsten herunterkratzen, die Augäpfel herausreißen
und die Hornschuhe von den Klauen trennen. Einen Moment nur dauert dies
alles, hier wird im Akkord gearbeitet. Haken durch die Sehnen der Hinterläufe,
schon hängen die toten Tiere wieder und gleiten nun zu einem stählernen
Rahmen, der wie ein Flammenwerfer konzipiert ist: Ein bellendes Geräusch,
und der Tierkörper wird von einem Dutzend Stichflammen eingehüllt
und einige Sekunden lang abgeflammt. Das Fließband setzt sich
wieder in Bewegung, führt in die nächste Halle, - jene, wo
ich schon drei Wochen lang gestanden habe. Die Organe werden entnommen
und auf dem oberen Fließband bearbeitet: Zunge durchtasten, Mandeln
und Speiseröhre abtrennen und fortwerfen, Lymphknoten anschneiden,
Lunge zum Abfall, Luftröhre und Herz eröffnen, Trichinenprobe
entnehmen, Gallenblase entfernen und Leber auf Wurmknoten untersuche.
Viele Schweine sind verwurmt, ihre Lebern sind von Wurmknoten durchsetzt
und müssen weggeworfen werden. Alle übrigen Organe wie Magen,
Darm und Geschlechtsapparat landen im Abfall. Am unteren Fließband
wird der Restkörper gebrauchsfertig gemacht: zerteilt, Gelenke
angeschnitten, After, Nieren und Flomen entfernt, Gehirn und Rückenmark
abgesaugt etc., dann Stempel auf Schulter, Nacken, Lende, Bauch und
Keule aufgebracht, gewogen und in die Kühlhalle befördert.
Nicht zum Verzehr geeignete Tiere werden 'vorläufig beschlagnahmt'.
Das Stempeln ist für den Ungeübten Schweißarbeit, die
lauwarmen, glitschigen Kadaver hängen zum Schluß des Bandes
hin sehr hoch, und will man nicht von ihnen erschlagen werden, muß
man sich beeilen, denn vor der Waage klatschen die Hälften mit
viel Wucht aufeinander. Wie oft mein Blick in all diesen Tagen zur Uhr
schweift, die im Pausenraum hängt, vermag ich nicht zu sagen. Ganz
gewiß geht keine Uhr auf der ganzen Welt langsamer als diese.
Jeden Vormittag ist zur Halbzeit eine Pause erlaubt, aufatmend eile
ich in den Waschraum, reinige mich notdürftig von Blut und Fleischfetzen;
mir ist, als ob diese Besudelung und der Geruch für immer an mir
haften. Hinaus, nur hinaus. Ich habe in diesem Haus nie auch nur einen
Bissen essen können. Entweder verbringe ich die Pause, so kalt
es auch sein mag, draußen, laufe bis an den Stacheldrahtzaun vor
und starre hinüber auf die Felder und den Waldrand, beobachte die
Krähen. Oder ich gehe zum jenseits der Straße gelegenen Einkaufszentrum,
dort ist eine kleine Bäckerei, wo man sich bei einer Tasse Kaffee
aufwärmen kann. Zwanzig Minuten später zurück ans Band.
Fleisch essen ist ein Verbrechen. Kein Fleischesser kann je wieder mein
Freund sein. Niemals. Niemals wieder. Jeden, denke ich, jeden der Fleisch
ißt, sollte man hier durchschicken, jeder müßte es
sehen, von Anfang bis Ende.
Ich stehe hier nicht, weil ich Tierarzt werden will, sondern weil Menschen
meinen, Fleisch essen zu müssen. Und nicht nur das allein: Auch,
weil sie feige sind. Das steril verschweißte Schnitzel im Supermarkt
hat keine Augen mehr, die überquellen vor nackter Todesangst, es
schreit nicht mehr. Das alles ersparen sie sich, all jene, die sich
von geschändeten Leichen nähren: 'Also, ich könnte das
nicht!'
Mensch sein - heißt das
nicht nein zu sagen und sich zu weigern, Auftraggeber eines Massenmordes
zu sein - für ein Stück Fleisch? Sonderbare neue Welt.
Vielleicht hatten die winzigen, dem Mutterleib entrissenen Kälbchen,
die starben, bevor sie geboren wurden, das beste Los von uns allen.
Irgendwann ist der letzte all
dieser nicht enden wollenden Tage gekommen. Irgendwann halte ich die
Praktikumsbestätigung in Händen, einen Papierwisch, teurer
bezahlt, als ich je für irgend etwas bezahlt habe. Die Tür
schließt sich, eine zaghafte Novembersonne geleitet mich über
den kahlen Hof zum Bus. Schreie und Maschinenlärm werden leiser.
Als ich die Straße überquere, biegt ein großer Viehtransporter
mit Anhänger in die Zufahrt zum Schlachthof ein. Schweine auf zwei
Etagen, dichtgedrängt.
Ich gehe ohne einen Blick zurück,
denn ich habe Zeugnis abgelegt, und jetzt will ich versuchen zu vergessen,
um weiterleben zu können. Kämpfen mögen nun andere; mir
haben sie in jenem Haus die Kraft dazu genommen, den Willen, die Lebensfreude,
und sie gegen Schuld und lähmende Traurigkeit getauscht. Die Hölle
ist unter uns, vieltausendfach, Tag für Tag.
Eines aber bleibt immer, jedem
von uns: Nein zu sagen.
Nein, nein und abermals nein!"
"Um eines kleinen Bissens
Fleisches willen berauben wir eine Seele des Lichtes und der Spanne
von Zeit, in die sie hineingeboren wurde, sich daran zu erfreuen"
(PLUTARCH zit. nach HAUPT, URL
4, 2000).
(vgl. HAUPT, URL
4, 2000).
In der ausgesprochen übersichtlichen
und umfangreichen Datenbank "Tierversuche in Deutschland"
unter URL
5, 2000, sind alle aktuellen Daten zu Tierversuchen in der Bundesrepublik
dargestellt.
Im Jahr 1998 starben 1.532572 Tiere in deutschen Labors. Gut die Hälfte
(777.000) wurde für die Entwicklung und Prüfung von Arzneimitteln,
chemischen Produkten und Pestiziden eingesetzt. Etwa 20 Prozent der
Gesamttierzahl (386.000 Tiere) beanspruchte die Grundlagenforschung
(wissenschaftliche Forschung).
Am häufigsten wurde mit Nagetieren experimentiert. Ratten und Mäuse
gelten mehr als jede andere Tierart als Massenware. Sie sind lebende
Messinstrumente und werden wie Wegwerfartikel behandelt. Umso mehr brauchen
diese Tiere unser Mitgefühl und unsere Hilfe. Denn sie spüren
Schmerzen und fühlen Ängste ebenso wie Hunde, Katzen oder
Affen. Sie leiden still und sterben unbemerkt zu Hunderttausenden in
deutschen Labors.
In den Jahren 1989 bis 1995 wurden
in der BRD ca. 13,5 Millionen Tiere für Versuche verwendet (Quelle:
Tierschutzbericht der Bundesregierung 1997 zit. nach URL
6, 2000).
Seit 1989 veröffentlicht die
Bundesregierung in einer jährlichen Statistik die Zahl der Tiere,
die zu Versuchen benutzt und getötet wurden. Diese offiziellen
Angaben sind jedoch unvollständig. Sie müssen dringend um
die Tiere ergänzt werden, die bisher nicht erfaßt sind.
Hierzu zählen beispielsweise:
· Tiere, die bei gentechnischen
Versuchen »aussortiert« werden, weil sie nicht die erwarteten
Erbgutveränderungen aufweisen. Diese Tiere sind für den eigentlichen
Versuch »wertlos«. Etwa 90 Prozent der dafür verwendeten
Tiere sind davon betroffen.
· Tiere, die zur Herstellung von Seren und Impfstoffen benutzt
werden.
· Tiere, die für Organentnahmen getötet werden.
· Tiere, die für Ausbildungszwecke sterben.
· Elterntiere in der Versuchstierzucht sowie Tiere, die auf Vorrat
gehalten werden.
· Milliarden von wirbellosen Versuchstieren wie Insekten, Würmer,
Krebse und Spinnen.
Ich möchte in der folgenden
Darstellung einen kurzen Überblick über die Anzahl der weltweit
durchgeführten Tierversuche geben.
Die Zahl der verwendeten Versuchstiere
ist meist umstritten (vgl. TEUTSCH 1987, S. 223).
Eine statistische Aufstellung der Anzahl von Tieren die für wissenschaftliche
Zwecke weltweit genutzt werden, kann bestenfalls eine gute Schätzung
sein (vgl. GENDIN 1986, S. 18). Informierten
Schätzungen zufolge liegt die Anzahl der weltweit »verwendeten«
Tiere jährlich bei 250 Millionen. Umgerechnet ergibt das zwischen
100.000 und 250.000 Tiere in der Stunde, oder ungefähr 2000 Tiere
in der Minute (vgl. URL
7, 2000).
Die alltägliche Realität
der Versuchstiere soll hier anhand zweier Standardmethoden und einzelner
Experimente beschrieben werden.
a) LD 50-Test und Draize-Test
Beim LD 50-Test und beim Draize-Test
handelt es sich um Standardmethoden für die Einführung von
neuen Produkten. "LD" ist die Abkürzung von "Lethal
Dosage" (Letaldosis = tödliche Dosis). Mit dem LD 50-Test
wird die Toxizität neuer Substanzen geprüft. Das Ziel des
Tests ist die Bestimmung jener Dosierung, bei der 50 Prozent der Versuchstiere
sterben. Dies bedeutet gewöhnlich, daß alle Versuchstiere
sehr krank werden, bevor die Hälfte von ihnen schließlich
stirbt (vgl. SINGER 1996, S. 101).
Kosmetika und andere Substanzen werden auch daraufhin untersucht, ob
sie Augen oder Haut schädigen. Hier ist der Draize-Test, der vor
allem an Kaninchen durchgeführt wird, die Standardmethode (vgl.
ebd.).
Dem Versuchstier werden konzentrierte Lösungen des betreffenden
Produkts in die Augen geträufelt, manchmal mehrere Tage lang. Danach
wird der Schaden unter anderem am Umfang des verletzten Bereichs sowie
am Grad von Schwellung und Rötung gemessen. Um zu verhindern, daß
das Tier die Augen schließt oder daran kratzt (und so die Substanz
vielleicht entfernen könnte), wird es in eine Vorrichtung geschnallt,
aus der nur der Kopf herausschaut, und die Augenlider werden mit Metallklammern
auseinandergehalten. So gibt es für das Tier keinerlei Linderung
der brennenden Reizung, die durch die in die Augen geträufelte
Substanzen hervorgerufen wird (vgl. ebd., S.
101 f.).
Für Hauttests werden zunächst die Haare abrasiert, damit die
Substanz direkt auf die Haut aufgetragen werden kann. Damit sich die
Tiere an den gereizten Körperstellen nicht kratzen können,
werden sie fixiert. Es kommt unter Umständen zu Blutungen, Hautblasen
und zur Abschälung der Haut. Es gibt auch sogenannte Eintauchstudien,
bei denen die Tiere in Behälter mit Lösungen der Wirkstoffe
gesetzt werden und manchmal ertrinken, bevor irgendein Ergebnis festgestellt
werden konnte. Bei Injektionsstudien wird die Testsubstanz in die Haut,
in die Muskeln oder in ein Organ injiziert (vgl.
ebd., S. 102 f.).
Zu den Produkten, die mittels LD
50-Test und Draize-Test geprüft werden, die also an ihren Augen
und an ihrer Haut getestet und an sie verfüttert werden, zählen
neben Medikamenten unter anderem folgende: Konservierungsmittel, unwesentliche
Nahrungszusätze (wie neue Färbemittel, Süßstoffe
oder andere aromatisierende Stoffe), Lippenstifte, Augen-Makeups, Nagellacke,
Deodorants, Schaumbäder, Haarsprays, Sonnenöle, Kirchenkerzen,
Christbaumsprays, Anstrichfarben, Tinten, Gleitmittel für Reißverschlüsse,
Bleichmittel, Ofenreiniger, Feuerlöscher, Frostschutzmittel, Insektenvertilgungsmittel,
Bremsflüssigkeiten (vgl.
SINGER 1996, S. 104).
Viele Ärzte und Wissenschaftler
haben diese Art von Tests kritisiert und verdeutlicht, daß die
Ergebnisse nicht auf Menschen übertragbar sind. Es gibt zahlreiche
Fälle, in denen dies der Fall war. Zum Beispiel wurde das Medikament
Thalidomid umfassend in Tierversuchen geprüft, bevor man es auf
den Markt brachte. Dennoch konnte nicht verhindert werden, daß
es zu unerwarteten Schädigungen und Mißbildungen beim Menschen
kam. Ein anderes Medikament, das nach allen bestandenen üblichen
Tierversuchen für den Markt freigegeben wurde, ist das Medikament
Opren, von dem Pharmakonzern Eli Lilly als "Wundermittel"
gegen Arthritis empfohlen. Durch dieses Medikament kam es zu 61 Todesfällen
bei Menschen und mehr als 3500 Unverträglichkeitsberichten. Danach
wurde es in Großbritannien wieder vom Markt genommen. Nach Einschätzung
des "New Scientist" dürfte die Zahl der Opfer allerdings
beträchtlich höher sein.
Weitere Medikamente, die im Tierversuch getestet wurden und beim Menschen
zu Schädigungen führten, sind: das Herzmedikament Practolol,
das zu Blindheit führte, das Hustenmittel Zipeprol, das in einigen
Fällen Anfälle und komatöse Zustände hervorrief
(vgl. ebd., S. 104 f.).
Tierversuche können aber auch dazu führen, daß bestimmte
Medikamente für den Menschen niemals zum Einsatz kämen, da
sie für Tiere giftig sind: So wären Penicillin, Insulin, und
Morphium nie auf den Markt gekommen, wären sie aufgrund von Tierversuchen
beurteilt worden (vgl. SINGER 1996, S. 105).
Es gab und gibt zahlreiche Bestrebungen, diese Tierversuche abzuschaffen.
Wie sich zeigt, führten diese Bemühungen aktiver Tierversuchsgegner
nach jahrelanger intensiver Arbeit zu großen Erfolgen: Eine der
führenden Persönlichkeiten unter den Tierversuchsgegnern war
HENRY SPIRA, ein früherer aktiver Bürgerrechtler - wieder
ein Beispiel dafür, daß sich Engagement für Menschen
und Tiere nicht ausschließen, das Gegenteil ist der Fall [angemerkt
von A.K.]. SPIRA gründete Bündnisse gegen den Draize-Test
und gegen den LD 50-Test. Infolge großer öffentlicher Kampagnen
und dementsprechendem öffentlichen Druck wurden einflußreiche
Kosmetikkonzerne aufgefordert, in die Entwicklung von Alternativmethoden
zu investieren. Revlon, der größte Kosmetikproduzent der
Vereinigten Staaten, stellte die geforderte Summe zur Verfügung.
Avon, Bristol-Myers, Mobil, Procter & Gamble folgten dem Beispiel
(SINGER 1996, S. 107) Weitere Details finden
sich bei SPIRA, dokumentiert in (SINGER 1988,
S. 306 ff.).
Im April 1989, ca. neun Jahre nachdem SPIRA seine Kampagne begonnen
hatte, gaben Avon, Revlon und Fabergé Tierversuche vollkommen
auf (vgl. SINGER 1996, S. 108).
b) Einzelne Experimente
Die Beispiele sind SINGER, 1996,
entnommen:
An der University of Pennsylvania hat MARTIN SELIGMAN eine Reihe von
Versuchen durchgeführt. In einem mit zwei Kollegen, STEVEN MAIER
und JAMES GEER verfaßten Bericht hat SELIGMAN seine Arbeit wie
folgt beschrieben:
"Wenn man mit einem normalen, unbefangenen Hund Flucht/Vermeidungs-Übungen
in einer Doppelkammer durchführt, kommt es typischerweise zu dem
folgenden Verhalten: beim Einsetzen des elektrischen Schlags rennt der
Hund wie wahnsinnig umher, er läßt Kot, uriniert, heult,
bis er schließlich über die Absperrung klettert und so dem
Schlag entkommt. Beim nächsten Versuch überquert der Hund
rennend und heulend die Absperrung schneller, und so weiter, bis es
zu einem effizienten Vermeidungsverhalten kommt"(SELIGMAN zit.
nach SINGER 1996, S. 90 f.)
SELIGMAN veränderte das Versuchsmuster,
indem er die Hunde in Geschirre steckte und ihnen Stromstöße
verabreichte, denen sie nicht ausweichen konnten. Wenn er dann diese
Hunde in die anfängliche Situation in der Schleusenbox versetzte,
bei der eine Flucht möglich war, stellte er fest, daß
"ein solcher Hund anfänglich auf den Stromstoß in der
Doppelkammer in gleicher Weise reagiert wie ein unbefangener Hund. In
ausgesprochenem Gegensatz zu dem unbefangenen Hund hört er aber
bald auf herumzurennen und verhält sich ruhig, bis der elektrische
Schlag aufhört. Der Hund springt nicht über die Absperrung,
um dem elektrischen Schlag zu entkommen. Er scheint vielmehr 'aufzugeben'
und den Stromschlag passiv 'hinzunehmen'. Bei darauffolgenden Versuchsdurchgängen
macht der Hund weiterhin keine Fluchtversuche und erträgt so starke
pulsierende Elektrisierungen von 50 Sekunden Dauer bei jedem Versuchsdurchgang
... Ein Hund, der zuvor unvermeidbaren Schlägen ausgesetzt war,
würde ohne irgendein Flucht- oder Vermeidungsverhalten zu zeigen,
dauerhaft Stromstöße hinnehmen" (SINGER
1996, S. 91).
In einer Schrift aus dem Jahre 1972 sagen HARLOW und SUOMI, weil Depression
bei Menschen als Zustand charakterisiert wird, der 'Hilflosigkeit und
Hoffnungslosigkeit, versunken in einem dunklen Schacht der Verzweiflung'
beinhalte, hätten sie auf einer 'intuitiven Basis' (d. h. aufgrund
einer Ahnung) eine Vorrichtung entwickelt, um einen solchen 'Schacht
der Verzweiflung' sowohl physisch als auch psychologisch zu reproduzieren.
Sie bauten eine vertikale Kammer mit Seiten aus rostfreiem Stahl, die
einwärts gekrümmt waren, so daß sie einen runden Boden
bildeten, und setzten junge Affen für Zeiträume bis zu fünfundvierzig
Tagen hinein. Sie stellten fest, daß nach einigen Tagen solcher
Haft die Affen die meiste Zeit zusammengekauert in einer Ecke der Kammer
zubrachten. Die Haft erzeugte ernste und beständige psychopathische
Verhaltensweisen von depressiver Art. Selbst neun Monate nach der Freilassung
pflegten die Affen noch mit um den Körper geschlungenen Armen dazusitzen,
statt sich umherzubewegen und ihre Umgebung zu erforschen, wie es normale
Affen tun. Der Bericht endet jedoch unschlüssig und ungünstig:
"Ob [die Ergebnisse] auf spezielle Variablen wie Form oder Größe
der Kammer, Dauer der Gefangenschaft, Alter während der Gefangenschaft
oder, was wahrscheinlicher ist, auf eine Kombination dieser und weiterer
Variablen zurückzuführen sind, muß Gegenstand weiterer
Forschungen bleiben"(SINGER 1996, S. 75).
Ein anderer Artikel erklärt,
wie HARLOW und seine Kollegen zusätzlich zum 'Schacht der Verzweiflung'
einen 'Tunnel des Schreckens' schufen, um furchtsame Affen hervorzubringen;
wieder in einem anderen Bericht beschreibt HARLOW, wie es ihm gelang,
"bei Rhesus-Affen den psychologischen Tod herbeizuführen",
indem er ihnen mit einem weichen Stoff bezogene Ersatzmütter anbot,
die normalerweise auf einer Temperatur von ca. 37 Grad Celsius gehalten
wurden, jedoch rasch auf 1 bis 2 Grad Celsius abgekühlt werden
konnten, um eine Art mütterliche Zurückweisung zu simulieren
(HARLOW zit. nach SINGER, S. 75).
Am Heller-Institut für medizinische
Forschung in Tel Aviv in Israel haben bei Experimenten, die 1971 veröffentlicht
und vom United States Public Health Service finanziert wurden, T. ROSENTHAL,
Y. SHAPIRO und andere dreiunddreißig Hunde aus dem örtlichen
Tierheim beschafft und in eine Kammer mit kontrollierter Temperatur
gesperrt und sie gezwungen, bei Temperaturen bis zu 45 Grad Celsius
in einer Tretmühle zu laufen. Sie mußten so lange laufen,
bis sie mit einem Hitzschlag zusammenbrachen oder eine vorher bestimmte
rektale Temperatur erreichten. Fünfundzwanzig der Hunde starben.
Neun weitere Hunde wurden dann einer Temperatur von 50 Grad Celsius
ausgesetzt, ohne die Tretmühle bewegen zu müssen. Nur zwei
dieser Hunde überlebten länger als 24 Stunden, und die Autopsien
ergaben, daß alle innere Blutungen erlitten hatten. Die Experimentatoren
schlossen: "Die Befunde stimmen mit dem überein, was in der
Literatur über Menschen berichtet wird" (ROSENTHAL et al.
zit. nach SINGER 1996, S. 113). In einem
weiteren Bericht, der 1973 veröffentlicht wurde, beschreiben ROSENTHAL
und SHAPIRO Experimente mit 53 Hunden, die verschiedene Kombinationen
aus Hitze und dem Bewegen der Tretmühle umfaßten. Sechs der
Hunde hatten Erbrechen, acht hatten Durchfälle, vier erlitten Konvulsionen,
zwölf verloren die Muskelkoordination, alle sonderten reichlich
Speichel ab. Von zehn Hunden, deren rektale Temperatur 45 Grad Celsius
erreichte, starben fünf "im Augenblick der höchsten rektalen
Temperatur", und die anderen fünf starben zwischen 30 Minuten
und elf Stunden nach dem Ende des Experiments. Die Experimentatoren
zogen den Schluß: "Je schneller die Temperatur des Hitzschlag-Opfers
gesenkt wird, desto größer sind die Chancen, daß es
sich erholt" (vgl. ebd.). Ähnliche Versuchsreihen sind in
vielen Bereichen der Medizin anzutreffen. Die "United Action for
Animals" hat ganze Aktenschränke solcher Versuchsberichte
aus Zeitschriften gesammelt. Jeder Ordner enthält Berichte über
viele Experimente, oft 50 und mehr. Die Aufschriften auf den Ordnern
sprechen für sich: "Beschleunigung", "Erstickung",
"Aggression", "Blendung", "Verbrennung",
"Zentrifuge", "Kompression", "Quetschung",
"Erfrieren", "Erhitzen", "Bestrahlung",
"Verhungern", "Schock", "Rückenmarksverletzungen",
"experimentelle Neurose", "Streß" und vieles
mehr (vgl. SINGER, S .115).
Ein weiteres Beispiel für die
endlose Wiederholung derselben oder ähnlicher Versuche ist die
experimentelle Erzeugung eines Schockzustandes. Hiermit ist kein elektrischer
Schock gemeint, sondern der geistige und körperliche Schockzustand,
der oft als Folge einer schweren Verletzung eintritt. Bereits 1946 sah
MAGNUS GREGERSEN von der Columbia University die entsprechende Literatur
durch und fand über 800 diesbezügliche Veröffentlichungen.
Er beschreibt die angewendeten Methoden: (GREGERSEN zit. nach SINGER
1996, S. 116).
"Aderpresse an einer oder mehreren
Gliedmaßen, Quetschung, Druck, Muskeltrauma durch Prellung mit
leichten Hammerschlägen, Noble-Collip-Trommel [eine Vorrichtung,
in die die Tiere gesetzt werden, ehe man die Trommel rotieren läßt;
die Tiere taumeln immer wieder auf den Boden der Trommel und verletzen
sich dabei], Schußwunden, Abschnürung der Eingeweide, Erfrierungen
und Verbrennungen"(ebd.).
Und 1974 arbeiteten die Forscher noch immer an "Tiermodellen"
des experimentellen Schocks. Noch immer wurden "vorläufige"
Experimente durchgeführt, um festzustellen, welche Verletzungen
einen zufriedenstellenden "Standard"-Schockzustand erzeugen
(vgl. ebd., S. 117).
Ich habe hier nur wenige von den
Zehntausenden oder gar Hunderttausenden Experimenten angeführt,
die jährlich durchgeführt werden. Aber vielleicht reichen
sie aus, um zu zeigen, daß den Tieren oft große Schmerzen
zugefügt werden, ohne daß überhaupt die Absicht oder
eine Aussicht besteht, wirklich bedeutsame oder wichtige neue Erkenntnisse
zu gewinnen.