
Kompendium
Online-Texte
nahestehender Autorinnen & Autoren
Diplomarbeit von Astrid
Kaplan:
Zum Verhältnis
von Mensch und Tier
unter Berücksichtigung
der hierbei auftretenden
rationalen und emotionalen Widersprüche
2.3. Neue Tierrechtsbewegung
und -philosophie
Wenn von Tierrechten die Rede ist,
so ist grundsätzlich und zunächst nichts anderes gemeint,
als wenn von Menschenrechten die Rede ist. Wie Tiere haben Menschen
gewisse Ansprüche, nämlich Ansprüche auf eine bestimmte
Behandlung. Die Ansprüche hängen von den jeweiligen Interessen
und Bedürfnissen der Betroffenen ab. Was für die einen sehr
wichtig ist, kann für andere völlig belanglos sein. Zum Beispiel
benötigen Männer aus offensichtlichen Gründen keinen
Schwangerschaftsurlaub und Kinder aus naheliegenden Gründen keinen
Anspruch auf einen Platz im Altersheim. Sinn und Zweck von Rechten ist
immer der gleiche: den Rechtsträgern ein möglichst angemessenes
Leben, das heißt, ein ihren Interessen und Bedürfnissen entsprechendes
Leben, zu ermöglichen.
Im deutschen Sprachraum hat sich als Bezeichnung für die Bewegung,
die auch Tieren solche grundsätzlichen Rechte zugestehen will,
der Name 'Tierrechtsbewegung' eingebürgert. Deshalb werde ich im
folgenden von der Philosophie der Tierrechtsbewegung sprechen. Durchaus
üblich ist auch die Bezeichnung 'Tierbefreiungsbewegung'. Mit dieser
Benennung wird auf vorangegangene vergleichbare Befreiungsbewegungen,
wie zum Beispiel die Befreiung der Sklaven oder die Emanzipation der
Frauen, Bezug genommen. Die Tierrechtsbewegung ist in der Tat die konsequente
Fortsetzung bisheriger Befreiungsbewegungen: "So wie wir erkannt
haben, daß die Hautfarbe für die Gewährung grundlegender
Rechte belanglos ist und daß die Geschlechtszugehörigkeit
dafür belanglos ist, so erkennen immer mehr Menschen auf der ganzen
Welt, daß auch die Spezieszugehörigkeit diesbezüglich
belanglos ist: Warum soll man jemanden ausbeuten und quälen dürfen,
weil er zu einer anderen Spezies gehört? Rassismus, Sexismus und
Speziesismus befinden sich logisch und ethisch auf der gleichen Ebene"
(KAPLAN 2000, S. 11).
Wie bereits oben erwähnt (vgl. Abschnitt
2.1.), ist das Ziel der Tierrechts- bzw. -befreiungsbewegung die
Beendigung jeglicher Ausbeutung von Tieren. Denn eine 'Humanisierung'
etwa der Schlachtung ist letzten Endes ein ebensolches Unding wie eine
'Humanisierung' von Sklaverei oder Folter oder die Zulassung von 'sanfter
Vergewaltigung' (vgl. ebd., S. 12).
Der Beginn der Tierrechtsbewegung ist das Jahr 1975, in dem das Buch
"Animal Liberation" von PETER SINGER (deutsch 1982: "Befreiung
der Tiere") erschien. Natürlich gab es wie bei allen historischen
Bewegungen auch Vorläufer, auf die ich zum Teil eingegangen bin
(vgl. Abschnitt 2.1.). Die Tierrechtsbewegung
beinhaltet allerdings eine historische Wende: Denn seit diesem Zeitpunkt
gibt es eine eindeutig rationale Auseinandersetzung mit dem moralischen
Status von Tieren. Frühere Einstellungen und Lehren in Bezug auf
Tiere hatten oft religiöse, ideologische oder esoterische Wurzeln
und waren dementsprechend angreifbar und konnten nur partiell überzeugen.
Jetzt können verschiedenen Positionen und vor allem Widersprüche
in der Mensch-Tier-Beziehung rational diskutiert und gelöst werden.
Vor der Tierrechtsbewegung war nur der Mensch Gegenstand der Ethik.
Heute sind Tierrechte Gegenstand philosophischer Vorlesungen und Seminare
auf Universitäten in der ganzen Welt. Ethische Ansätze beschäftigen
sich nun mit dem richtigen Umgang mit Menschen und Tieren. Denn Tierethik
ist ein Teil der Gesamtethik (vgl. KAPLAN 2000, S. 12 f.).
Die Tierethik beruht u.a. auf der Beachtung des Gleichheitsprinzips,
auf das ich im folgenden Punkt kurz eingehen möchte.
Das Gleichheitsprinzip beruht auf
dem unangefochten geltenden moralischen Gleichheitsgrundsatz von ARISTOTELES,
wonach Gleiches bzw. Ähnliches auch gleich bzw. ähnlich behandelt
werden muß (vgl. KAPLAN 2000, S. 53).
Biologische und psychologische Forschungsergebnisse ergeben, daß
uns Tiere in wesentlichen Bereichen ähnlich sind. Sie sind leidensfähige,
intelligente und soziale Wesen. Daraus folgt: Wenn Tiere uns Menschen
ähnlich sind, dann müssen sie auch ähnlich behandelt
werden. Das setzt voraus, daß wir Tiere in die moralische Sphäre
aufnehmen, in denen unsere moralischen Regeln Wert haben (vgl. ebd.).
Zur Klarstellung möchte ich darauf hinweisen, daß ich nicht
gemeint habe, daß alle Tiere leidensfähige, intelligente
und soziale Wesen sind und auch nicht, daß diese Eigenschaften
bei allen Tieren in gleichem Maße ausgeprägt sind. Wesentlich
jedoch ist, daß viele von ihnen leidensfähig, intelligent
und sozial sind und sie deshalb entsprechend moralisch behandelt werden
sollen (vgl. ebd., S. 53 f.).
Kern dieses Gleichheitsprinzips ist, "daß wir in unseren
moralischen Überlegungen den ähnlichen Interessen all derer,
die von unseren Handlungen betroffen sind, gleiches Gewicht geben"
(SINGER 1994, S. 39). Anders ausgedrückt: "Ähnliche Interessen
sollen ähnlich gewichtet werden" (KAPLAN 2000, S. 59).
Daraus sehen wir, daß SINGERS Gleichheitsprinzip im wesentlichen
dem Gleichheitsgrundsatz entspricht: Ähnliches bzw. Gleiches soll
auch gleich bzw. ähnlich behandelt werden. Das Neue an SINGERS
Gleichheitsprinzip ist, daß er angibt, daß es sich auf Interessen
bezieht (vgl. KAPLAN 2000, S. 59).
Das Gleichheitsprinzip fordert in bezug auf Tiere: "Wo und soweit
Menschen und Tiere ähnliche Interessen haben, da sollen diese ähnlichen
Interessen auch gleich berücksichtigt werden." (KAPLAN 1993,
S. 25 f.). Weil sowohl Menschen als auch Tiere leidensfähig sind,
müssen wir das Interesse, nicht zu leiden, bei Menschen und Tieren
gleich berücksichtigen und gleich ernst nehmen (vgl. ebd., S. 25).
Die moralisch relevante Eigenschaft ist die Leidensfähigkeit. Wir
sind nicht berechtigt, vorhandene Interessen von Wesen deshalb geringer
zu schätzen, weil sie einer anderen Rasse angehören oder weil
sie weniger intelligent sind. Ebensowenig sind wir berechtigt, die vorhandenen
Interessen von Wesen deshalb weniger zu berücksichtigen, weil sie
zu einer anderen Gattung gehören. SINGER verweist in diesem Zusammenhang
auf die berühmte Aussage von JEREMY BENTHAM:
"Der Tag wird kommen, an dem
auch den übrigen lebenden Geschöpfen die Rechte gewährt
werden, die man ihnen nur durch Tyrannei vorenthalten konnte. Die Franzosen
haben bereits erkannt, daß die Schwärze der Haut kein Grund
ist, einen Menschen schutzlos den Launen eines Peinigers auszuliefern.
Eines Tages wird man erkennen, daß die Zahl der Beine, die Behaarung
der Haut und das Ende des os sacrum sämtlich unzureichende Gründe
sind, ein empfindendes Lebewesen dem gleichen Schicksal zu überlassen.
Aber welches andere Merkmal könnte die unüberwindliche Grenzlinie
sein? Ist es die Fähigkeit zu denken oder vielleicht die Fähigkeit
zu sprechen? Doch ein erwachsenes Pferd oder ein erwachsener Hund sind
weitaus verständiger und mitteilsamer als ein Kind, das einen Tag,
eine Woche oder sogar einen Monat alt ist. Doch selbst, wenn es nicht
so wäre, was würde das ändern? Die Frage ist nicht: Können
sie denken? oder: Können sie sprechen?, sondern: Können sie
leiden" (BENTHAM zit. nach SINGER 1996, S. 35 f.).
Speziesismus ist ein eben solcher
Verstoß gegen das Gleichheitsprinzip wie Rassismus und Sexismus.
Rassisten und Sexisten nehmen die Interessen bestimmter Menschen weniger
ernst, weil diese zu einer anderen Rasse oder zu einem anderen Geschlecht
gehören. RICHARD RYDER spricht in Analogie zu Rassismus und Sexismus
von Speziesismus. Damit meint er, daß Lebewesen nicht aufgrund
ihrer Rasse oder ihres Geschlechts diskriminiert werden, sondern aufgrund
ihrer Artzugehörigkeit, also aufgrund der biologischen Spezies,
der sie angehören (vgl. SINGER 1996, S. 58). Das Prinzip der Gleichheit
von Interessen wird zugunsten der Bevorzugung der Interessen der eigenen
Rasse oder der Bevorzugung des eigenen Geschlechts, verletzt.
SINGER schreibt im Vergleich zur Verletzung des Gleichheitsprinzips
durch Speziesismus: "Rassisten europäischer Abstammung akzeptieren
nicht, daß der Schmerz, den Afrikaner verspüren, ebenso schlimm
ist wie der, den Europäer verspüren. ( ...) Menschliche Speziesisten
erkennen nicht an, daß der Schmerz, den Schweine oder Mäuse
verspüren, ebenso schlimm ist wie der von Menschen verspürte"(SINGER
1994, S. 86).
Einige der schwerwiegendsten Folgen des Speziesismus habe ich bereits
anhand der alltäglichen und allgegenwärtigen Praktiken gegenüber
Tieren wie der Massentierhaltung und den Tierversuchen dargestellt (vgl.
Abschnitt 2.2.). Da die Fleischproduktion ein massiver Verstoß
gegen das Gleichheitsprinzips ist, fordert dieses Prinzip als Konsequenz
Vegetarismus.
Fleischessen ist also eine der wesentlichen
Formen des Verstoßes gegen das Gleichheitsprinzip. Speziesismus
läßt sich dadurch charakterisieren, daß größere
tierliche Interessen kleineren menschlichen Interessen zum Opfer fallen.
Das ist beim Fleischessen in besonderem Ausmaß der Fall und zwar
aus folgendem Grund: "Praktisch alle Interessen der betroffenen
Tiere werden einem einzigen Interesse des Menschen geopfert, nämlich
dem Interesse, ein bestimmtes Geschmackserlebnis zu haben. Hinzu kommt,
daß hier die Interessen der Tiere meist lebenslang mit Füßen
getreten werden ... , während es sich bei dem angestrebten Geschmackserlebnis
des Menschen um ein sehr kurzfristiges Phänomen handelt" (KAPLAN
2000, S. 32). Das bedeutet, daß Fleischessen ein extremer Verstoß
gegen das Gleischheitsprinzip ist.
Fleischessen ist die wichtigste und
folgenschwerste speziesistische Praktik aus folgenden Gründen:
Fleischessen ist quantitativ enorm relevant: In den USA werden täglich
14 Millionen Tiere für die menschliche Ernährung geschlachtet.
Dies ist die zahlenmäßig größte Ausbeutung von
Tieren.
Zum Fleischessen werden wir in der Kindheit erzogen. Deshalb ist es
die biographisch früheste Form der speziesistischen Ausbeutung.
Psychologisch schwerwiegend ist in diesem Zusammenhang die Tatsache,
daß wir zu einer speziesistischen Praktik zu einem Zeitpunkt erzogen
werden, zu dem wir noch keine bewußte und freie Entscheidung treffen
konnten.
Fleischessen ist psychologisch gesehen die wichtigste Grundlage für
alle weiteren Formen der Ausbeutung von Tieren. Denn, wenn wir verinnerlicht
haben, leidensfähige Wesen ohne Notwendigkeit - allein unserer
Geschmacksvorlieben wegen - zu quälen und zu töten, sind wir
leicht zu anderen Formen der Ausbeutung bereit.