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Diplomarbeit von Astrid Kaplan:

Zum Verhältnis von Mensch und Tier
unter Berücksichtigung der hierbei auftretenden
rationalen und emotionalen Widersprüche

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3.2. Emotionale Widersprüche

  1. Ein für mich klassischer emotionaler Widerspruch in der Mensch-Tier-Beziehung ist der zwischen Heimtierhaltung auf der einen Seite und dem Fleischessen auf der anderen (Bsp. Hund - Schwein). Die Fakten zur Schweinehaltung habe ich in Abschnitt 2.2.4. ausführlich beschrieben. Diese Philosophie der Maximierung des Profits und der Minimierung der Kosten ohne jeglicher Rücksichtnahme auf das Leiden der Tiere ist äußerst fragwürdig. Dennoch wäre es schwierig, dieser grundsätzlichen Haltung etwas entgegenzusetzen, wenn sie sich auf den Umgang mit allen Arten von Haustieren erstrecken würde. Aber das ist eindeutig nicht der Fall. Bekanntlich gibt es in unserer Kultur die sogenannten Heimtiere, die wir vollkommen anders behandeln und das aus keinem ersichtlichen Grund. Wir schlachten und essen sie nicht, wir melken sie nicht und wir benützen weder ihre Felle noch ihre Häute. Wirtschaftlich gesehen bringen Heimtiere überhaupt keinen Nutzen, im Gegenteil, sie verursachen oft erhebliche Kosten. Doch wir streicheln sie, knuddeln sie, spielen mit ihnen und sind bemüht, daß sie glücklich und zufrieden sind.

  2. HANNE TÜRK, Kinderbuch-Illustratorin, und NORBERT LANDA, Kinder- und Sachbuchautor, machen auf einen offenkundigen Widerspruch in der Pädagogik der Kinderbuchwelt aufmerksam. In dieser bizzaren Pädagogik lautet die erste Botschaft, Tiere sind unsere Freunde und die zweite, beim Essen hört sich die Freundschaft auf. Dadurch lernen die Kinder schon im frühesten Alter, ihre moralischen Empfindungen bei Bedarf zu unterdrücken und auf den Menschen zu beschränken.
    Einige Beispiele dazu aus Kinderbüchern:
    • In der Eltern- und Kindzeitschrift "spielen & lernen" gibt es Poster von lieblichsten Tieren wie Lämmchen, Kälbchen und so weiter; sind sie nicht echt süß? So schutzbedürftig, so niedlich und liebenswert ... Im hinteren Teil des Hefts verrät dann der Rezeptteil, wie man sie zubereitet.
    • Es gibt diverse Sachbilderbücher, die das Leben auf dem Bauernhof beschreiben. Da laufen die Hühner frei und vergnügt umher, die Ferkel und Kälber spielen fröhlich und verbringen eine glückliche, gewaltfreie Kindheit mit ihren Eltern. Auf diese Weise, so wird suggeriert, 'liefern uns' die zufriedenen Tiere Lebensmittel.
    • Die Helden und somit die Identifikationsfiguren in dem bekannten Bilderbuch "Das schönste Ei der Welt" von HELME HEINES sind Hühner. Doch als der König auftritt, was glauben Sie, was er verspeist? Er ißt tatsächlich ein Huhn (vgl. LANDA & TÜRK in KAPLAN 1995, S. 116 f.).

  3. Die Zahl der Hobbyangler hat in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1960 und 1980 ständig zugenommen und inzwischen die Millionengrenze überschritten (vgl. TEUTSCH 1987, S. 127). Angeln gilt als ruhiges und entspannendes Hobby (das Sportangeln sei hier ausgenommen), das oft von sogenannten Naturfreunden [bzw. selbsternannten Naturfreunden, angemerkt von A.K.] ausgeübt wird. Erstens stellt es einen Widerspruch dar, sich selbst als Naturfreund zu bezeichnen und gleichzeitig der Natur bzw. dem Tier unnötiges Leid zuzufügen. Zweitens gibt es auch heute noch Angler, die zum Angeln lebende Köder einsetzen. Während der Angler an einem idyllischen Ort ruhig und gelöst am Ufer sitzt, dem Gesang der Vögel lauscht und sich zufrieden fühlt, kämpft unter Wasser der Köder, dem Rücken oder Lippen durchbohrt wurden, um sein Leben (vgl. MEYER 1990, S. 125).

  4. Für mich besteht ein grundlegender Widerspruch [ungeachtet der Tatsache, daß die Nützlichkeit von Tierversuchen sehr umstritten ist, angemerkt von A.K.] bei der Rechtfertigung von Tierversuchen zur Erhaltung von Leben. Auf der einen Seite wird gequält und getötet, auf der anderen Seite soll damit Leben gerettet werden. Tod und Quälen wird mit Leben gerechtfertigt (vgl. WOLLSCHLÄGER 1990, S. 73).

  5. SYLVIA GREIFFENHAGEN schreibt über einen bedeutsamen emotionalen Widerspruch in der Mensch-Tier-Beziehung: Auf der einen Seite werden immer mehr Tiere ausgerottet (vgl. Abschnitt 2.2.2.2.1.), auf der anderen Seite sehen zunehmend viele Menschen das Tier als Partner. Das hat sogar Rechtsfolgen, denn Stadtstreicher dürfen ihre Hunde behalten, und die Sozialhilfe bezahlt die Kosten für ein Haustier, wenn es zum Mittelpunkt des Lebens oder zum einzigen Bezugsobjekt eines Menschen geworden ist (vgl. GREIFFENHAGEN 1991, S. 18).
    Ein typisches Beispiel ist die konträre Beziehung von Jägern zu Wildtieren und ihren Heimtieren. Viele Jäger schießen einerseits begeistert Wildtiere und lieben andererseits ihren Hund über alles. Sie fahren mit ihrem Hund nach Afrika, um dort Elefanten zu schießen. Wenn jedoch ihr Hund stirbt, weinen sie bitter und trauern tagelang.

  6. Ein weiterer derartiger Widerspruch zeigt sich zwischen dem Voranschreiten der Massentierhaltung auf der einen Seite, auf der anderen Seite trauern in England vier von fünf befragten Tierhaltern beim Tod ihres geliebten Vierbeiners genauso stark wie um einen toten Großvater (vgl. GREIFFENHAGEN 1991, S. 18).

  7. Ein besonders eklatanter Widerspruch in der Mensch-Tier-Beziehung scheint mir der Einsatz von Tieren in der Kriegsführung zu sein. Tiere können nicht in der Art und Weise zwischen Gut und Böse unterscheiden wie der Mensch. Beim Einsatz von Tieren für die Kriegsführung werden Wesen, die von sich aus keinem Menschen etwas zuleide tun würden, als Mörder mißbraucht.
    Über die militärische Nutzung und Ausbeutung von Tieren wird in der Öffentlichkeit sehr wenig geschrieben, da sie zweifellos zu den perversesten menschlichen Aktivitäten gehört. Mehr als eine Million Tiere werden pro Jahr für militärische Zwecke genutzt. Zum Beispiel werden Rhesusaffen eingesetzt, um die Wirksamkeit von amerikanischen Geschossen im Vergleich zu russischen zu prüfen: Dazu wird den Affen in den Kopf oder in die Augen geschossen. Anderen Affen werden mit Laserstrahlen Verbrennungen zugefügt, oder sie erblinden in der 'Star-Wars'-Forschung. Um militärische Sonarsysteme zu verbessern, werden Delphine zerlegt, hierfür standen in den USA jährlich eine Million Dollar zur Verfügung. Hunde, Katzen, Pferde, Mäuse, Ratten und Schafe werden benützt, um mit chemischen und biologischen Kampfstoffen 'behandelt' zu werden. Diese Forschung dient der Optimierung der Kampfstoffe und außerdem der Entwicklung von Therapien und Gegenmitteln (vgl. JOHNSON 1992, S. 335 u. S. 342).
    Während des Zweiten Weltkrieges wurden von der amerikanischen Armee Kamikaze-'Panzerhunde' eingesetzt, um deutsche Panzer in die Luft zu jagen. ROBERT HARRIS und JEREMY PAXMAN beschreiben in ihrem Buch "A Higher Form of Killing", wie die Hunde dafür trainiert wurden: Die Hunde wurden gleich nach der Entwöhnung von den Müttern getrennt und nur noch unter Panzern gefüttert. Auf dem Schlachtfeld bekamen sie dann so wenig zu essen, daß sie fast verhungerten. Dann brachte man Sprengstoff und eine hohe Auslöseantenne an ihren Rücken an. Beim Auftauchen der Panzer wurden die Hunde losgelassen und suchten instinktiv nach Futter. Aufgrund der vorherigen Konditionierung liefen die Hunde bei der Futtersuche automatisch unter die Panzer. Die Antenne schlug dabei auf die Unterseite des Panzers und löste die Detonation aus (vgl. JOHNSON 1992, S. 336 f.).
    In den USA wurden Tierversuche für militärische Ziele am häufigsten durchgeführt. In den 60er Jahren starteten sie Versuche mit Walen und Delphinen, die als Forschungsobjekt und als Kriegsmaschine dienten. Die US-Marine startete 1960 ein geheimes Delphinprojekt, um herauszufinden, ob man ihren geschmeidigen Körperbau für die Konstruktion von U-Booten, Unterwasserraketen und Torpedos nutzbar machen könnte. Diese Forschungsprogramme wurden schnell ausgeweitet. Dazu gehörte die Dressur von Delphinen zum Anbringen von Sprengstoffen und elektronischen Horchgeräten an feindlichen Schiffen und U-Booten. Ein ehemaliger Trainer, der Neurophysiolge MICHAEL GREENWOOD, berichtete vom Training von Schwertwalen mit dem Ziel, nukleare Sprengköpfe zum feindlichen Ufer zu transportieren. Die Tiere können ein Gewicht von bis zu sieben Tonnen mehrere Meilen weit transportieren. Einen solchen nuklearen Schwertwal aufzuhalten, sei praktisch unmöglich, fügte er hinzu (vgl. JOHNSON 1992, S. 339).
    Zu der Frage, wie die Tiere derart dressiert wurden, schreibt JOHNSON über den Neurophysiologen und 'New Age Guru' Dr. JOHN LILLY folgendes: LILLY war der erste, der die Technik zur Implantation von Elektroden in das Gehirn von nicht-betäubten Tieren perfektionierte, um die 'Schmerz- und Lust-Zonen' des Gehirns zu reizen. Nachdem LILLY am 'National Institute of Mental Health' Dutzende von Affen abgeschlachtet hatte, kam er zu dem Schluß, daß man durch gezielte Manipulation der Gehirnbereiche den Tieren Freude und Wohlbefinden oder Schmerz, Wut und Angst suggerieren könnte. Mit Hilfe von Elektroden könnte man das Tier dann vollkommen kontrollieren, da man gezielt Reize für Bestrafung und Belohnung auslösen kann. Die Elektroden wurden den Tieren bei vollem Bewußtsein implantiert. Dazu wurden mit einem spitzen Werkzeug und einem Hammer Löcher in die Schädeldecke geschlagen (vgl. JOHNSON 1992, S. 338).
    Die Vivisektion für militärische Zwecke wird damit gerechtfertigt, daß sie 'ausschließlich der Verteidigung' diene, obwohl auch Tiere bei der Entwicklung von Waffensystemen, die eindeutig Angriffswaffen sind, getötet werden. All diese Versuche unterliegen der Geheimhaltung. Einerseits aus Gründen der 'nationalen Sicherheit', andererseits, um die Öffentlichkeit nicht ‚emotional zu reizen'.

    JOHNSON berichtet weiters, daß 1972 in Vietnam von der US-Marine ein streng geheimes Team von 'Kriegstümmlern' aufgestellt wurde, als Teil eines 'Swimmer-Nullification-Program' (Schwimmer-Entfernungsprogramm). Die Delphine wurden mindestens ein Jahr lang eingesetzt, um strategisch wichtige vietnamesische Häfen gegen den Einfall von feindlichen Froschmännern zu schützen. JAMES FITZGERALD, ein Pionier der Delphinforschung für die CIA und US-Marine, teilte mit, daß die Tiere dressiert wurden, um eindringenden Tauchern die Maske und Flossen herunterzureißen, die Luftschläuche herauszuziehen und sie schließlich 'fürs Verhör zu fangen'. In Wirklichkeit ging es viel brutaler zu, so daß selbst bei den Delphintrainern Abscheu erzeugt wurde. Laut Dr. MICHAEL GREENWOOD wurden den Tieren auch beigebracht, mit Messern, die an den Flossen und am Maul angebracht wurden, zu töten. Außerdem wurden Delphine mit großen subkutanen Spritzen ausgestattet, die mit Kohlensäure gefüllt waren, die unter Druck standen. Wenn die Tiere einen Taucher mit der Nadel rammten, breitete sich das Gas im Körper schnell aus, so daß das Opfer buchstäblich explodierte. Jahre später entdeckte man, daß 40 Vietkong-Taucher und - versehentlich - zwei amerikanische Soldaten von Delphinen getötet wurden.

    Die Marine gestand zwar, daß sie fähig sei, "die Delphine zu programmieren und über Entfernungen von mehreren Meilen unter Kontrolle zu halten" (zit. nach JOHNSON 1992, S. 340), sie bestritt jedoch vehement alle Vorwürfe der Gehirnwäsche. Das Training blieb ein streng gehütetes Geheimnis, was Dr. FAROOQ HUSSAIN von der biophysischen Abteilung des 'King´s College' zu der Frage veranlaßte: "Wie kann ein Mensch einem Tier, über das man jahrhundertelang nur Berichte von seiner Intelligenz und Freundlichkeit gegenüber Menschen hörte, jetzt beibringen, wie man einen ... Menschen tötet? Man muß mittels elektrischer Reizimpulse in den Schmerz- und Lustzentren des Gehirns aggressives Verhalten hervorrufen und belohnen. Von all den niedrigen und abscheulichen Tätigkeiten, zu denen ein Mensch fähig ist, muß diese ganz oben eingestuft werden" (vgl. ebd., S. 340 f.).

  8. Wie wir in Punkt 7 eben gesehen haben, werden Tiere sogar dafür mißbraucht, Menschen zu töten. Nichtsdestotrotz weiß man um die äußerst positive Wirkung von Tieren - speziell der durch Heimtiere - auf die Psyche des Menschen, die auch zunehmend gezielt genutzt wird. Tiere werden außerdem als Kotherapeuten eingesetzt. Daraus ergibt sich das Paradoxon, daß Tiere auf der einen Seite für die Tötung von Menschen benutzt werden und auf der anderen Seite in der Therapie und Rehabilitation eingesetzt werden, um Menschen zu heilen.
    Schon im 8. Jahrhundert wurden in Belgien Tiere für therapeutische Zwecke genutzt; im 18. Jahrhundert gründeten Quäker in England eine Klinik für Geisteskranke, in der die Patienten kleine Gärten versorgten und Kleintiere hielten. Vor 200 Jahren waren die Mönche des Klosters York davon überzeugt, daß den in der Seele und am Körper Beladenen ein Gebet und ein Tier hilft. Im 19. Jahrhundert entstand im deutschen Bethel ein Epileptiker-Zentrum, das auf die heilenden Kräfte von Tieren vertraute und deshalb Hunde, Katzen, Schafe und Ziegen in der Klinik erlaubte. In den 60er Jahren entdeckte man den Einsatz von Tieren zur therapeutischen Unterstützung erneut und versuchte die Wirkung von Tieren auf wissenschaftlicher Ebene zu erforschen. Zum Durchbruch kam es 1969 durch die Veröffentlichung des amerikanischen Kinderpsychotherapeuten BORIS M. LEVINSON über seine Erfahrungen mit Tieren als Kotherapeuten. Ab diesem Zeitpunkt begannen Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen und heilender Berufsgruppen Experimente und Versuchsreihen. Besonders die Psychologen ELIZABETH und SAM CORSON, die Soziologin ERIKA FRIEDMANN und der Mediziner AARON H. KATCHER versetzten mit ihren Berichten über die heilsame Wirkung von Tieren auf kranke und einsame Menschen die medizinische Welt in Erstaunen. Der Begriff 'pet faciliated therapy' wurde zum Schlagwort eines neuen Wisssenschaftszweigs, der 'Mensch-Tier-Beziehung'. Ende der 70er Jahre gründeten Psychologen, Verhaltensforscher, Mediziner, Psychotherapeuten und Gerontologen aus den Vereinigten Staaten und England eine Gesellschaft zur weiteren Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung. Heute umfaßt diese Gesellschaft Organisationen in den USA, Großbritannien, Australien, Frankreich und Österreich.
    Beispiele aus der Praxis sollen einen Einblick in die positive therapeutische Wirkung von Tieren geben: Das erste Fallbeispiel stammt aus der Kinderpsychotherapie, da sich hier die deutlichsten Effekte beobachten lassen. Das mag darin liegen, daß zwischen Kindern und Tieren das archaische Band, das LEVINSON zwischen Menschen und Tieren beschrieb, noch nicht zerrissen ist.
    LEVINSON berichtet von einem Kind, das wochenlang nur den Hund akzeptierte, aber nicht ihn selbst. Das Kind streichelte den Hund, kochte für ihn, ging mit ihm spazieren und erzählte ihm schließlich sein Leid. Der Therapeut war als Dritter im Bunde geduldet. Von Sitzung zu Sitzung gewann er mehr an Bedeutung, bis das Kind schließlich seine Aufmerksamkeit vom Hund auf ihn übertrug (vgl. GREIFFENHAGEN 1991, S. 189).
    Ein anderer Fall zeigt in einer Videoaufnahme ein 15-jähriges Mädchen, Liz, zusammen mit der Therapeutin und dem Hund Toffy. Das Mädchen sprach hier zum ersten Mal mit der Therapeutin. Liz´s Störung war als ungewöhnliche Form eines infantilen Autismus diagnostiziert worden. Liz war außerdem Opfer eines Inzests durch ihren Bruder, der sie seit ihrem siebten Lebensjahr mißbrauchte. Bisher konnte Liz mit konventionellen Therapien nicht geholfen werden (vgl. ebd., S. 188 f.).
    Das Video macht die Rolle des Hundes deutlich. Er wirkte als angstmindernder Faktor für das extrem verängstigte Mädchen. Liz interessierte sich für den Hund und hatte durch ihn einen konfliktfreien Gesprächsstoff. Sie erzählte aus ihrer Kindheit, als sie selbst ein Tier besaß. Die Therapeutin bekam durch ihre Erzählung erste Eindrücke von ihrer Familiensituation. Sie ermunterte Liz auch, dem Hund Kunststücke abzuverlangen, was ihr Vergnügen zu bereiten schien. Im Laufe der Sitzung löste sich Liz immer mehr, bis sie sich so weit entspannen konnte, daß die Psychologin eine therapeutische Beziehung herstellen konnte (vgl. ebd.).
    Über das Tier gewinnt der Therapeut allmählich das Vertrauen des Kindes. Das Tier übernimmt gewissermaßen die Eisbrecherfunktion. Gestörte Kinder haben außerdem oft ein größeres Bedürfnis nach körperlicher Nähe als normale Kinder. Sie schleppen ihre Puppen, Stofftiere und Knuddelobjekte überall mit hin. Durch das Tier wird dieses Bedürfnis auf ein lebendes Objekt übertragen, mit dem das Kind aktiv kommunizieren kann und das es so in die Realität zurückholen kann (vgl. ebd., S. 189 f.).
    Ein anderer Fall zeigt, wie ein Hund auf einer Pflegestation sich positiv auf das Verhalten der Patienten auswirken kann. Das Tier gehörte der Gesellschaft JACOBIS an, die 1981 in Kooperation mit Veterinären und Psychologen der Universität Melbourne die erste große australische Studie über ein Interaktionsprogramm zwischen Patienten und Haustieren durchführte.
    Honey war ursprünglich ein Blindenhund, jetzt wurde sie Kotherapeutin auf der geriatrischen Caulfield-Klinik. Sie begleitete Rollstuhlpatienten in den Park, nahm an Omnibusausflügen teil und ging mit zur Musiktherapie. Der Beschäftigungstherapeut sprach von einer großen Bereicherung für die Gruppe durch ihre Anwesenheit, weil die Patienten heiterer und aktiver wirkten als sonst.
    Jede Reaktion der Patienten auf Honey und ihr Verhalten insgesamt wurde sechs Monate lang systematisch durch Psychologen, Pflegepersonal, Beschäftigungstherapeuten und Studenten der tierärztlichen Fakultät dokumentiert. Es nahmen 60 Patienten aus zwei Langzeitstationen an dem Forschungsprogramm teil; eine dritte Station, zu der Honey keinen Zutritt hatte, diente als Kontrollgruppe. Das Durchschnittsalter der Patienten lag bei 80 Jahren. Viele waren gebrechlich, bettlägrig und saßen im Rollstuhl; mehrere litten an Herz- und Kreislauferkrankungen oder Arthritis, einige waren altersverwirrt. Viele von ihnen hatten im Lauf des Heimaufenthalts jede Kommunikation mit Ärzten, Pflegern und auch mit anderen Patienten eingestellt.
    Die Ergebnisse des Experiments waren: Der Hund wurde in kürzerster Zeit akzeptiert. Die Bandbreite der Reaktionen reichte von Gleichgültigkeit bis zu Begeisterung. Nur zwei Patienten wollten mit Honey keinen Kontakt, weil sie ihre Angst nicht verloren. Die Mehrheit jedoch schloß Honey in ihr Herz und sie wollte möglichst viel Zeit mit ihr verbringen. Von Woche zu Woche wurden die Patienten fröhlicher. Sie lächelten und lachten öfter, ihre Kontakte zu Pflegern und Mitpatienten wurden intensiver und ihr Lebenswille insgesamt steigerte sich. Auch die meisten Schwestern und Pfleger beurteilten die Anwesenheit von Honey positiv. Einige sprachen sogar davon, daß ihre Arbeit seither leichter sei, da auf der Station eine fröhlichere Stimmung herrsche (vgl. ebd., S. 116.ff.).

    Zusammenfassend lassen sich folgende positive Einflüsse durch Tiere feststellen:

    • Kinder entwickeln sich besser, wenn sie mit Tieren aufwachsen, da sie das Tier als Gefährten erleben, der ihnen als Tröster, Identifikationsfigur oder unbestechlicher und konsequenter Erzieher zur Seite steht. Sie zeigen mehr Mitleid, Verantwortungsgefühl und Empathie.
    • Wer Haustiere hält, lebt länger und gesünder, da schon die bloße Anwesenheit eines Tieres und seine Betrachtung eine beruhigende Wirkung ausüben. Studien belegen die blutdrucksenkende und Herz-Kreislauf stabilisierende Wirkung durch Haustiere. (Dagegen steigt der Blutdruck in Gegenwart eines anderen auch noch so geliebten Menschen).
    • Menschen, die Tiere haben, sind im Alter lebendiger und stehen der Umwelt offener gegenüber. Sie sind geselliger, heiterer, und zufriedener als vergleichbare Altersgenossen ohne Haustiere. Menschen, die in Heimen bereits apathisch waren, werden durch ein Tier auf der Station wieder aktiver.
    • Einsamen Menschen und Menschen aus sogenannten Randgruppen können Tiere helfen sich weniger isoliert zu fühlen.
    • In Gefängnissen, wo Tiere erlaubt sind, herrscht weniger Gewalt unter den Häftlingen.
    • In der Psychiatrie erwies sich bei schwer kranken Menschen, vor allem in der Kinderpsychiatrie, die tiergestützte Therapie als großer Erfolg: Patienten, die für klassische Therapien nicht zugänglich waren, wurden durch Tiere zugänglicher und später für eine Therapie empfänglich.
    Dies alles läßt sich heute empirisch belegen, es gibt allerdings Probleme bei der Meßbarkeit solcher Erfolge (vgl. GREIFFENHAGEN 1991, S. 30).

  9. Der Beruf des Tierarztes enthält in sich einen Widerspruch, da der Tierarzt einerseits dem Tier helfen soll und kann, andererseits jedoch im Auftrag des Menschen arbeitet und je nach dessen Interessen über das Tier verfügen muß. TEUTSCH schreibt in seinem Lexikon der Tierschutzethik über diesen Widerspruch in der tierärztlichen Ethik, der im Codex experiendi der Deutschen Tierärzteschaft (1983, Buchstabe B/3) so beschrieben wird: "In dem Spannungsbogen zwischen ethisch motivierter Schonung und existentiell notwendiger Nutzung von Tieren befindet sich der Tierarzt in einer ambivalenten Position. Einerseits ist er dazu berufen, Anwalt und Beschützer der Tiere zu sein, andererseits wird von ihm erwartet, daß er seine Kenntnisse und Fähigkeiten einsetzt, um eine bestmögliche Nutzung im Interesse des Menschen zu erreichen" (TEUTSCH 1987, S. 193).
    Wie lassen sich diese gegensätzlichen Anforderungen von ein und der selben Person bewältigen? In dem Schlachthofbericht der Veterinär-Studentin (vgl. Abschnitt 2.2.8.) wird sie mit diesem Widerspruch konfrontiert, worauf sie entgegnete, sie wolle Tierärztin werden und nicht Tierschlächterin.
    Zu einer solchen im Grunde widersprüchlichen Position heißt es im oben zitierten Text an anderer Stelle: Sie "läßt sich nur durchhalten, wenn der Dienst am Menschen als vorrangig angesehen wird. Er muß dann aber nicht nur darin bestehen, die Ernährung des Menschen zu sichern, seine Gesundheit zu schützen und seine Kenntnisse zu mehren, sondern auch darin, das Gefühl der Verbundenheit seiner Existenz mit jener der Tiere zu stärken und seinen Sinn für Verantwortlichkeit zu schärfen, wo er Tiere einem Nutzungsinteresse zu unterwerfen und zu opfern bereit ist. Aufgabe des Tierarztes ist es dann, die Schädigung von Leben nur zuzulassen, wenn das Kriterium der Unvermeidbarkeit im Sinne der Wahrung allgemein anerkannter höherer Rechtsgüter und Wertordnungen erfüllt ist" (zit. nach ebd.).
    Es gibt auch andere Leitlinien zur Veterinärethik, die auch an dem Versuch, Unvereinbares nebeneinander gelten zu lassen, scheitern. Wer es trotzdem versucht, muß dann zu ethisch so fragwürdigen Voraus-Urteilen greifen, wie die grundsätzliche Priorität menschlicher Interessen (vgl. ebd.).

  10. Ein ähnlicher emotionaler Widerspruch wie beim Beruf des Tierarztes (vgl. Punkt 9) ergibt sich beim Mitarbeiter in Tierheimen. Viele Personen, die dort arbeiten wollen, bezeichnen sich als Tierfreunde, möchten sich mit Tieren beschäftigen, möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen und ihnen helfen. Doch zahlreiche Mitarbeiter, die neu in so eine Institution kommen, sind über die Anforderungen schockiert. Oft müssen kranke Tiere anstatt medizinisch versorgt zu werden, getötet werden, weil es ökonomischer ist. Auch vollkommen gesunde Tiere, die keinen Besitzer finden, müssen getötet werden. ARNOLD ARLUKE und CLINTON SANDERS haben diesen Konflikt eingehend untersucht und schreiben: "The clash between the feelings of newcomers for shelter animals and the institution´s practice of euthanasia led newcomers to experience a caring-killing 'paradox'. On the one hand, they tried to understand and embrace the institutional rationale for euthanasia, but on the other hand, they wanted to nurture and tend to shelter animals. Doing both seemed impossible to many newcomers"(ARLUKE & SANDERS 1996, S. 85).
    Ein Manager eines Tierheimes, der zuständig für die Euthanasie von Tieren ist, drückt es so aus: "You will want to care for the animals, but will have to kill some of them ... when you don´t want to. It seems so bad, but we´ll make it good in your head" (ebd., S. 82).

  11. Ein psychologisch besonders interessanter und fataler Widerspruch zeigt sich bei Tierexperimentatoren.
    In Labors werden zum Beispiel Experimente mit Hunden (vgl. Abschnitt 2.2.10.) und Katzen durchgeführt, bei denen den Tieren große Schmerzen zugefügt werden und wenn sie nicht mehr gebraucht werden, werden sie einfach getötet. Die Experimentatoren unterdrücken hier ihre Gefühle für die Tiere vollkommen, zu Hause jedoch haben sie Haustiere, die sie lieben und pflegen (vgl. COLLARD & CONTRUCCI 1988, S. 95)


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