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Diplomarbeit von Astrid Kaplan:

Zum Verhältnis von Mensch und Tier
unter Berücksichtigung der hierbei auftretenden
rationalen und emotionalen Widersprüche

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3.3. Rationale Widersprüche

  1. Im Rahmen der Diskussion über Vegetarismus findet sich häufig dieses Argument: 'Der Mensch ist schon rein biologisch gesehen kein Vegetarier. Deshalb muß man sich über die moralische Richtigkeit oder Falschheit des Vegetarismus gar keine Gedanken mehr machen.

    Der springende Punkt ist, daß der Mensch 'biologisch gesehen' sehr vieles nicht ist. Er ist zum Beispiel auch kein Autofahrer oder Pilot. 'Biologisch gesehen' sind wir immer noch Steinzeitmenschen, die seit mindestens 30.000 Jahren organisch, das heißt körperlich als Art völlig unverändert sind. Trotzdem hat sich seit der Steinzeit einiges verändert. Wir können heute Auto fahren und fliegen und niemand ist darüber erstaunt und sagt: 'Warum machst Du das? Das haben wir in der Steinzeit auch nicht gemacht!'
    Viele Dinge, die wir heute tun können, sind 'unnatürlich'. Dennoch sind wir von manchen sogar überzeugt, daß wir sie tun sollen. Zum Beispiel: Wenn jemand eine Blinddarmentzündung hat, sind wir der Meinung, daß dieser Mensch operiert werden soll, obwohl dies nicht 'natürlich' ist. ‚Biologisch' ist der Mensch kein ‚operierendes Wesen'. Der Chirurg braucht unzählige 'künstliche' Hilfsmittel.
    Eine biologische Wesensbestimmung des Menschen stellt sich als unhaltbar heraus, denn das Wesentliche am Menschen sind nicht seine biologischen Grundlagen, sondern das, was er aus ihnen macht. Die gesamte menschliche Entwicklung ist seit der Steinzeit eben keine biologische, sondern eine kulturelle. Deshalb ist das Argument der 'natürlichen' Ernährung des Menschen - wie auch immer sie ausgesehen haben mag - unlogisch und irrational (vgl. KAPLAN 1998, S. 13).

  2. Ein rationaler Widerspruch besteht weiters in bezug auf Tierversuche. SIDNEY GENDIN schreibt über Dr. ALICE HEIM, die frühere Präsidentin der 'Psychological Section of the British Association for the Advancement of Science', einer Person mit 40 jähriger Erfahrung in Experimenten der Experimentellen Psychologie, bzgl. des rationalen Widerspruchs bei der Rechtfertigung für Tierversuche: " Her argument is that experimenters do experiments on animals that would be unthinkable to perform on humans and justify them on the grounds that animals are utterly different from us. On the other hand, they believe that results gained from these experiments may be extrapolated to form conclusions about people. Heim believes that this is inconsistent" (GENDIN 1986, S. 26).
    Bei der wissenschaftlichen Rechtfertigung für Tierversuche wird die Ähnlichkeit von Menschen und Tieren betont (Übertragbarkeit der Ergebnisse). Bei der moralischen Rechtfertigung wird die Unähnlichkeit von Menschen und Tieren betont.

  3. 'Wir dürfen Tiere nutzen, weil wir intelligenter und kreativer sind.' Auch das ist ein Versuch die ausbeuterische Seite der Mensch-Tier-Beziehung zu rechtfertigen. Dazu schreiben JEFFREY M. MASSON und SUSAN McCARTHY:
    "Ein Bär wird niemals Beethovens Neunte komponieren, aber unser Nachbar kann das auch nicht. Das ist noch längst kein Grund, daraus den Schluß zu ziehen, wir dürften mit diesem Nachbarn Experimente anstellen, dürften fröhliche Jagd auf ihn machen, dürften ihn munter verspeisen" (MASSON & McCARTHY 1996, S. 322).

    Im Hinblick auf das Argument, Weiße dürften aufgrund ihrer höheren Intelligenz Schwarze versklaven, gab ABRAHAM LINCOLN zu bedenken: "Dann muß auch jeder gewärtigen, vom nächsten, der intelligenter als er selber ist, zum Sklaven gemacht zu werden" (SWEENEY 1990, S. 81).

  4. Ein Argument, das ich auch schon bei Diskussionen über die Mensch-Tier-Beziehung und den Unterschied zwischen Menschen und Tieren gehört habe, ist, daß wir moralisch handeln können und deshalb moralisch höherwertig sind. Weil wir moralisch handeln können, stehen wir über allen anderen Wesen und dürfen mit ihnen umgehen, wie wir wollen. Diesen Schluß zu ziehen, scheint höchst fragwürdig zu sein. Erstens gibt es in bezug auf Moral zwischen Menschen und Tieren eher einen graduellen als einen grundsätzlichen Unterschied (vgl. KAPLAN 2000, S. 143). Zweitens ist Moralfähigkeit selbst, also die Fähigkeit zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, noch kein eigentliches Verdienst (vgl. WOLF 1992, S. 116). Wesentlich ist, ob jemand seine Möglichkeit zu moralischem Handeln positiv nützt, also ernsthaft bestrebt ist, das Richtige zu tun. Daraus folgt andererseits nicht, daß es ein moralischer Mangel wäre, nicht moralfähig zu sein: "Es ist (...) kein mangelndes Verdienst, ein Igel zu sein statt eine tugendhafte Person" (ebd., S. 116).
    Darüber hinaus schreibt GRUZALSKI, daß erst die Fähigkeit zu moralischem Handeln die Gefahr erzeugt, moralisch zu scheitern, indem man sich für das Böse entscheidet. Daher gilt: Moralfähigkeit bedeutet zwar keineswegs automatisch moralische Höherwertigkeit, beinhaltet aber die Möglichkeit moralischer Minderwertigkeit: die Gefahr, moralisch minderwertig zu werden im Vergleich zu jenen, die von vornherein nicht moralfähig sind (vgl. GRUZALSKI 1996, S. 2-4).

  5. Ein anderer rationaler Widerspruch in der Mensch-Tier-Beziehung zeigt sich beim Kauf von Eiern im Supermarkt (vgl. Abschnitt 2.2.6.). Der Verbraucher sieht auf der Eierschachtel eine Gruppe schattiger Bäume vor einem heimeligen Fachwerk-Bauernhof. Darunter scharren zwei prächtige braune Hühner eifrig im Sand. Das ist wahre ländliche Idylle. Auf der Verpackung steht 'frisch vom Bauernhof'. Manche Produkte heißen 'Naturwiese', andere 'Kräuter-'oder 'Bauern-Ei'. Der Verbraucher klammert sich an die Illusion, mit seinem Kauf ein Stück reiner Natur zu kaufen, obwohl er weiß, daß die meisten Hühner ihr Leben in Legebatterien fristen (vgl. REINECKE & THORBRIETZ 1997, S. 144).

  6. Ein oft vorgetragenes Argument für die Notwendigkeit der Unterhaltung von Zoos ist ihre Rolle für die Bildung. Dieses Argument findet man, seit Zoos existieren. Zum Beispiel beschloß die New Yorker Zoologische Gesellschaft schon 1898 Maßnahmen zu treffen, um die Öffentlichkeit über das Aussterben von Tierarten zu informieren und die Erhaltung der Wirbeltiere zu sichern. Trotz dieser frühen angeblichen Bemühungen scheint der Erfolg fraglich. STEPHEN KELLERTS schreib in seiner Abhandlung 'Zoological Parks in American Society', die er auf der Jahresversammlung der 'American Association of Zoological Parks and Aquariums' 1979 vorgetragen hat, daß Zoogänger viel weniger über Tiere wissen, als Jäger, Fischer und andere, die behaupten, an Tieren interessiert zu sein, und nur wenig mehr als die, die behaupten, überhaupt kein Interesse an Tieren zu haben. Wie wir wissen, führt Unwissenheit oft zu Vorurteilen und das ist beunruhigend. Zoobesucher haben in bezug auf Tiere gleiche Vorurteile wie Nicht-Zoobesucher; 73% sagen, sie mögen Klapperschlangen nicht, 52% mögen keine Geier (vgl. SINGER 1988, S. 168).
    EDWARD G. LUDWIGS führte eine Untersuchung im Zoo in Buffalo, New York, durch. Seine Veröffentlichung im 'International Journal for the Study of Animal Problems', 1981, kam zu dem Ergebnis, daß viele junge wissenschaftlich interessierte Zooangestellte über die fast völlige Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit gegenüber ihren Schulungsbemühungen klagten. Viele Leute betrachteten die Tiere nur flüchtig, ehe sie zum nächsten Käfig gingen. Der typische Zoobesucher bleibe nur kurz stehen und das vor allem dann, wenn er Tierbabies oder andere Tiere beim Fressen, Betteln oder Geräuschemachen erleben könne. Die üblichsten Kommentare seien 'reizend', 'faul', 'schmutzig', 'sonderbar' und 'seltsam', schreibt LUDWIGS (vgl. ebd., S. 168 f.).
    Außerdem wäre das Argument der Bildung auch dann problematisch, wenn sich die Besucher wirklich für die Tiere interessieren würden: Wildtiere, die nicht ihren natürlichen Verhaltensmustern gemäß leben können, zeigen ein verzerrtes Bild ihrer Spezies. Es zeigt uns nichts über die vielfältigen Verhaltensweisen in der Natur, sondern nur ein vollkommen künstliches Bild (vgl. JOHNSON 1992, S. 378).

  7. Ein zweites Argument für die Unterhaltung von Zoos ist das der Erhaltung aussterbender Spezies. Doch selbst anerkannte und renommierte Zoos weisen nur wenige Erfolge auf, in denen Tiere wieder in die Wildnis eingegliedert werden konnten. Auch die vehementesten Befürworter der Züchtung in Gefangenschaft geben zu, daß nur sehr wenige bedrohte Arten gerettet werden können (vgl. JOHNSON 1992, S. 117).
    Nach einer Studie von KATHERINE RALLS, KRISTIN BRUGGER und JONATHAN BALLOU 1979, ist das Fehlen der genetischen Verschiedenheit bei gefangenen Tieren ein ernsthaftes Problem für Zuchtprogramme in den Zoos. Die Säuglingssterblichkeit bei Tieren aus Inzucht ist bei bestimmten Spezies sechs- oder siebenmal höher als bei freilebenden Tieren. Bei anderen Spezies liegt die Rate der Säuglingssterblichkeit von Inzuchttieren bei 100%. Diese Probleme der Inzucht waren damals den Zoodirektoren weitgehend unbekannt, da keine ausreichenden Zucht- und Gesundheitsregister geführt wurden. Angesichts dieser nicht vorhandenen Minimalvoraussetzungen wird die Rolle des Zoos als Arterhalter unglaubwürdig (vgl. SINGER 1988, S. 173).
    Ein weiteres wesentliches Problem beim Fehlen genetischer Verschiedenheit ist die Tatsache, daß gezüchtete Tiere Merkmale besitzen, die sie stark von ihren Artgenossen in freier Wildbahn unterscheiden. Es stellt sich die ernsthafte Frage, was denn in Zoos wirklich gerettet wird. Ist etwa ein gefangenes mongolisches Wildpferd wirklich noch ein mongolisches Wildpferd im allerdürftigsten biologischen Sinn? (vgl. ebd., S.174).
    Besonders bedenklich bei Zuchtprogrammen in Zoos ist SINGER zu Folge, daß viele unerwünschte Tiere geboren werden. Bei Spezies wie Löwen, Tigern und Zebras sind nur eine geringe Anzahl männlicher Tiere für den Fortbestand einer ganzen Herde notwendig. Alle anderen Männchen bedeuten zusätzliche Kosten und sind für das Züchtungsprogramm unnötig. Daher werden manche dieser Tiere verkauft und gelangen zu ungeeigneten Besitzern oder zu 'großen weißen Jägern' in private Jagdlager, wo sie abgeschossen werden. Manche Zoos bedienen sich einer anderen Methode der Entledigung unerwünschter Tiere: 'Recycling'. Das heißt, sie töten diese Tiere und werfen sie den anderen Tieren zum Fraß vor (vgl. SINGER 1988, S. 174).

  8. Wenn es um Fragen des Tierschutzes geht, wird oft die Meinung vertreten, daß menschliche Belange an erster Stelle kommen. 'Solange es so viel menschliches Leid gibt, muß man sich zuerst um die Lösung dieser Probleme kümmern.'
    Auch in diesem Einwand besteht ein rationaler Widerspruch und ein psychologischer Schutzmechanismus. Erstens, wer sich über die Situation der Tiere nicht genau informiert hat, kann nicht beurteilen, ob ihre Probleme weniger wichtig sind als die Probleme der Menschen. Zweitens ist die Behauptung 'Die Menschen kommen zuerst' oft eine psychologische Schutzbehauptung und ein Vorwand dafür, weder für Tiere noch für Menschen etwas zu tun. Doch Menschen-und Tierliebe schließen sich nicht aus. Das Gegenteil ist vielfach der Fall. Wer Menschen liebt und sich um sie kümmert, hat oft auch Mitleid mit Tieren. Historische Beispiele belegen, daß viele Tierfreunde auch gleichzeitig Menschenfreunde waren und umgekehrt. So hat etwa HENRY BERGH, der Pionier des Tierschutzes, auch die "Society for the Prevention of Cruelty to Children" gegründet. Ein anderes Beispiel ist FRITZ LEJEUNE, er hat den Kinderschutzbund gegründet und war zugleich ein bekannter Tierfreund (vgl. KAPLAN 1998, S. 35 f.). OLIVE BANKS schreibt, daß sich viele Feministinnen im Kampf für eine moralische Reform auch in Kampagnen gegen Vivisektion engagierten, denn ihr Interesse galt:
    "in part an expression of their concern for the weak and helpless...
    Moreover the anti-vivisection movement appealed particularly to women who were not only heavily represented in the membership but were even prominent in the leadership. Indeed FRANCES POWER COBBE, one of the most active of the anti-vivisectionists, was also an enthusiastic feminist who believed in women´s suffrage as a means of raising the moral level of society. For her, feminism and the anti-vivisection movement were part of the same crusade" (BIRKE 1990, S. 175).
    Das vielleicht eindrucksvollste Beispiel für Menschen- und Tierliebe, ist wohl ALBERT SCHWEITZER, der sowohl von Menschen- als auch von Tierschützern oft als Vorbild gesehen wird. In seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist alles Leben wert, geschützt zu werden.

    "Meine Ansicht ist, daß wir, die wir für die Schonung der Tiere eintreten, ganz dem Fleischgenuß entsagen und auch gegen ihn reden. So mache ich es selber" (SCHWEITZER zit. nach STOLZENBERG 1992, S. 127).

    "Wahrhaft ethisch ist der Mensch nur, wenn er der Nötigung gehorcht, allem Leben, dem er beistehen kann, zu helfen, und sich scheut, irgend etwas Lebendigem Schaden zu tun... Das Leben als solches ist ihm heilig. Er reißt kein Blatt vom Baume ab, bricht keine Blume und hat acht, daß er kein Insekt zertritt ... Geht er nach dem Regen auf der Straße und erblickt einen Regenwurm, der sich darauf verirrt hat, so bedenkt er, daß er in der Sonne vertrocknen muß, wenn er nicht rechtzeitig auf Erde kommt, in der er sich verkriechen kann, und befördert ihn von dem todbringenden Steinigen hinunter ins Gras. Kommt er an einem Insekt vorbei, das in einen Tümpel gefallen ist, so nimmt er sich die Zeit, ihm ein Blatt oder einen Halm zur Rettung hinzuhalten.
    Er fürchtet sich nicht, als sentimental belächelt zu werden. Es ist das Schicksal jeder Wahrheit, vor ihrer Anerkennung ein Gegenstand des Lächelns zu sein. Einst galt es als eine Torheit, anzunehmen, daß die farbigen Menschen wahrhaft Menschen seien und menschlich behandelt werden müßten. Die Torheit ist zur Wahrheit geworden. Heute gilt es als übertrieben, die stete Rücksichtnahme auf alles Lebendige bis zu seinen niedersten Erscheinungen herab als Forderung einer vernunftgemäßen Ethik auszugeben. Es kommt aber die Zeit, wo man staunen wird, daß die Menschheit so lange brauchte, um gedankenlose Schädigung von Leben als mit Ethik unvereinbar einzusehen. Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt. Nur das Denken, das die Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben zur Macht bringt, ist fähig, den ewigen Frieden heraufzuführen" (SCHWEITZER o.J, S. 378 f.).

  9. Ein weiterer rationaler Widerspruch bei Tierversuchen spiegelt sich in der Behauptung: 'Tierversuche müssen sein, denn ohne Tierversuche gäbe es keinen medizinischen Fortschritt. Da müssen Tierschutzüberlegungen zurückgestellt werden. Tierversuche sind für die menschliche Gesundheit nun einmal notwendig.'
    Zunächst ist zu sagen, daß die Nützlichkeit von Tierversuchen strittig ist. Es gibt unter den Experten sowohl Befürworter als auch Gegner. Bezüglich Alternativmethoden siehe zum Beispiel SINGER 1988, S 125 ff.
    Außerdem wird im Gegensatz zu dem Eindruck, der in der Öffentlichkeit erzeugt wird, nur ein winziger Bruchteil der Versuche für die Erforschung von Medikamenten für die menschliche Gesundheit durchgeführt. Davon könnten auch noch viele Experimente durch Alternativmethoden ersetzt werden. Die meisten Versuche verfolgen jedoch überhaupt ein anderes Ziel (vgl. COLLARD & CONTRUCCI 1988, S. 97). COLLARD und CONTRUCCI geben ein Beispiel, wie zur Verteidigung der Tierversuche unter Vorspiegelung falscher Fakten argumentiert wird: GORDON HANKINSON, Leiter des 'Foster Bio-Medical Research Laboratory' an der Brandeis University rechtfertigte Tierversuche ausschließlich mit der Notwendigkeit für den medizinischen Fortschritt. Als bedeutendes Beispiel nannte er die Entdeckung des Polio-Impfstoffes mittels Tierexperimenten als einen von zahlreichen großen Erfolgen für die Bewältigung von Gesundheitsproblemen. Doch die Entwicklung des Polio-Impfstoffes kam in Wirklichkeit anders zustande: "Die Impfstoffe Salk (1953) und Sabine (1956) wurden aus Viren gewonnen, die im Gewebe menschlicher Embryonen gewachsen sind. Tiere, insbesondere Affen, wurden am Anfang der Polio-Forschung eingesetzt. Der Virus wurde in ihrem Nervensystem herangezogen. Als ENDERS aber 1949 die besser funktionierende Alternative entdeckte, stellte man diese Praxis wegen mangelnder Erfolge wieder ein" (COLLARD & CONTRUCCI 1988, S. 97).

    Auch für die Krebsforschung sind angeblich Tierversuche unbedingt notwendig. Doch seit 1914 konnten durch epidemiologische Studien die Ursachen für zahlreiche Krebsarten festgestellt werden: Ca. 85% der Ursachen für Krebs sind umweltbedingt: so etwa wird Hautkrebs durch exzessives Sonnenbaden, Lungenkrebs durch Zigarettenrauchen, Lippen- und Zungenkrebs durch Pfeifenrauchen verursacht. Eine Reihe von Blut-, Lungen- und anderen Krebsarten wird durch industrielle Umweltverschmutzung hervorgerufen und eine Reihe weiterer Krebsarten ist die Folge krebserregender Nahrungsmittelzusätze. Rauchen ist bei 40% der Männer die Ursache für Krebs. Fleischkonsum wird in Zusammenhang mit der Verursachung von Dickdarmkrebs gesehen und Brustkrebs mit ernährungsbedingten schädlichen Fetten.
    Die Behandlung von Krebs ist zweifellos enorm wichtig. Die Tatsache, daß jedoch 85% der Krebsurachen umweltbedingt sind, bedeutet, daß vor allem durch Prävention und nicht durch Tierexperimente Krebs enorm vermindert werden kann (vgl. GENDIN 1986, S. 30 f.).

  10. Wenn es um Praktiken wie Stierkampf, Rodeo, Hahnen- und Hundekämpfe oder ein Volksfest wie das 'Hahnenköpfen' geht und sich Tierschützer gegen diese Bräuche aussprechen, berufen sich die Befürworter auf das Argument des uralten Brauchs: 'Viele Dinge, die Tierrechtler kritisieren, beruhen auf uralten Bräuchen, haben eine lange Tradition und gehören zur kulturellen Identität anderer Völker.'
    Doch der Widerspruch in dieser Sichtweise besteht darin, daß wir in anderen Bereichen das Argument des alten Brauches niemals gelten lassen würden: Wenn Frauen verbrannt werden, weil sie ein Mädchen zur Welt bringen, wenn sie erschossen werden, weil sie keinen Schleier tragen, oder wenn sie gesteinigt werden, weil sie die Ehe brachen - in all diesen Fällen lassen wir diese alten Bräuche nicht gelten, sondern verurteilen sie als Menschenrechtsverletzungen. So wie Menschenrechte universell gelten müssen, müssen auch Tierrechte universell gelten, um sinnvoll zu sein. Ein Stier in Spanien leidet schließlich nicht weniger als ein Stier in Deutschland, wenn er für den Stierkampf zu Tode gequält wird (vgl. KAPLAN 1998, S. 60)


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