
Kompendium
Online-Texte
nahestehender Autorinnen & Autoren
Diplomarbeit von Astrid
Kaplan:
Zum Verhältnis
von Mensch und Tier
unter Berücksichtigung
der hierbei auftretenden
rationalen und emotionalen Widersprüche
4. ERKLÄRUNGSANSÄTZE
FÜR DIE WIDERSPRÜCHE IN DER MENSCH-TIER-BEZIEHUNG
Wie wir gesehen haben, sind die
Widersprüche in der Mensch-Tier-Beziehung zahlreich und zeichnen
sich oft durch extrem konträres Verhalten Tieren gegenüber aus.
Doch obwohl diese Widersprüche in der westlichen Gesellschaft omnipräsent
sind, werden sie nicht nur nicht diskutiert, sondern offensichtlich überhaupt
nicht als solche wahrgenommen. Deshalb ist mein Anliegen erstens, diese
Probleme darzustellen und zweitens zu untersuchen, welche Faktoren es
möglich machen, Tiere einerseits mit Liebe und Zuneigung zu behandeln
und sie andererseits zu mißhandeln und zu töten. Wie ist es
möglich, Tiere als empfindungsfähige Lebewesen und gleichzeitig
auch als Objekte der Nützlichkeit zu betrachten? Wie kommt es, daß
Menschen scheinbar mit derart zueinander in Konflikt stehenden Werten,
ausgeglichen und ohne Probleme leben können. Woran liegt es, daß
anstatt der Untersuchung dieses Zwiespalts, er den meisten Menschen nicht
einmal bewußt ist?
Mich interessiert, welche Faktoren hier aus psychologischer Sicht eine
zentrale Rolle spielen. Ich interpretiere dieses als normal geltende widersprüchliche
Verhalten gegenüber Tieren als Zeichen tief verwurzelter Einstellungen
und als Ergebnis erfolgreichen Wirkens sozialer Kräfte. Zur Untersuchung
wesentlicher Einflußfaktoren widersprüchlichen Verhaltens möchte
ich Konzepte aus der Psychoanalyse und der Sozialpsychologie heranziehen.
4.1.
Theoretische Konzepte
4.1.1
Psychoanalytische Entwicklungspsychologie
4.1.1.1.
Genetischer Gesichtspunkt
In der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie
spricht man von einem genetischen Gesichtspunkt und versteht darunter,
daß die Persönlichkeitsentwicklung eine 'psycho-sexuelle'
Entwicklung ist und in Phasen verläuft, dergestalt, daß eine
durchlaufene Phase die Basis für eine nächst höhere Ebene
bildet. 'Psycho-sexuelle' Entwicklung bedeutet, daß die psychische
Entwicklung körpernanalog verläuft. Die psychische und die
körperliche Entwicklung bedingen sich gegenseitig, denn mit der
zunehmenden körperlichen Differenzierung differenziert sich auch
die psychische Entwicklung. Die psychische Ebene ist klarerweise eine
andere als die körperliche, jedoch ist sie von den jeweiligen körperlichen
Bedingungen und sozialen Möglichkeiten abhängig, da die körperliche
Entwicklung den Rahmen für die Wahrnehmungs- und Erfahrungsmöglichkeiten
vorgibt (vgl. REITER 1995, S. 8).
Für das Kind bedeutet die jeweilige Wahrnehmungsmöglichkeit
die jeweilige 'ganze Wirklichkeit'. Diese frühen Wahrnehmungsmöglichkeiten
prägen in besonderer Weise unser späteres Leben. Wir durchlaufen
nicht nur eine Entwicklung, sondern tragen alle unsere Erfahrungen der
jeweiligen Ebenen in uns (vgl. ebd., S. 13).
4.1.1.2.
Dynamischer Gesichtspunkt
Der dynamische Gesichtspunkt thematisiert
die Existenz und Wirkungsweise seelischer Kräfte und ihrer Repräsentanzen
im Psychischen. Er behandelt die Frage, was den Menschen treibt, warum
er sich verändert und entsprechend entwickelt. Der dynamische Aspekt
besagt auch, daß diese seelischen Kräfte nicht zerstört,
sondern nur umgeformt werden können. Im Psychischen heißt
dies, daß sie anachronistisch sind und partiell bis global in
ihrer erlebten Qualität wiederbelebt werden können. Das Wiederbelebt-Werden
in ihrer Qualität hat den Sinn der Objektivierung der innewohnenden
Strebungen, die dadurch in Szene drängen (vgl. REITER 1995, S.
8).
4.1.1.3.
Abwehrmechanismen
Die Abwehrmechanismen stellen Bewältigungsmöglichkeiten
des Ichs dar. MENTZOS definiert sie als "habituelle, unbewußt
ablaufende Vorgänge, die zwar primär Ich-Funktionen mit Schutz-
und Bewältigungsaufgaben darstellen, die jedoch im Rahmen der neurotischen
Konfliktverarbeitung letztlich dysfunktional werden" (MENTZOS 1997,
S. 60).
Sie sind ursprünglich normale Schutz- und Bewältigungsformen
des Ichs. Je nach Differenzierungsgrad des Ichs stehen dem Menschen
in seiner Entwicklung entsprechende Bewältigungsmöglichkeiten
zur Verfügung. MENTZOS beschreibt von den unreifsten bis zu den
reifsten Abwehrmechanismen vier Ebenen:
Zur ersten Ebene gehört u.a.
a) die psychotische, wahnbildende Projektion;
b) die psychotische Verleugnung;
c) Spaltungsvorgänge;
d) Introjektion.
In die zweite Ebene lassen sich
a) die nichtpsychotische Projektion und
b) die Identifikation als Abwehr
einordnen.
Die dritte Ebene bildet die eigentlichen
psychoneurotischen Abwehrmechanismen:
a) Intellektualisierung;
b) Affektualisierung;
c) Rationalisierung;
d) Affektisolierung;
e) Ungeschehenmachen;
f) Reaktionsbildung;
g) Verschiebung;
h) Verlagerung;
i) Wendung gegen das Selbst;
j) Verdrängung im engeren Sinn.
Auf einer vierten Ebene kann man
Vorgänge beschreiben, die unter dem Begriff Sublimierung zusammengefaßt
werden: Unter Sublimierung versteht man das Umsetzen verdrängter
Triebimpulse in sozial akzeptierte Tätigkeiten, auf die das Triebziel
verschoben wird (vgl. MENTZOS 1997, S. 65).
Die Abwehrmechanismen werden eingesetzt, um unlustvolle Affekte und
Gefühle wie Angst, seelischen Schmerz, Schuldgefühle unbewußt
zu machen oder unbewußt zu halten. Dadurch erreicht man zunächst
eine gewisse Entlastung. Der Konflikt wird jedoch nicht wirklich gelöst,
sondern ins Unbewußte verdrängt, wo die kognitiven und emotionalen
Inhalte aktiv bleiben und zu immer komplizierteren Abwehrmaßnahmen
zwingen. Die Abwehrmechanismen sind deshalb dysfunktional, weil sie
einer bewußten Lösung des Konflikts im Weg stehen. "So
verwandeln sich die zunächst 'normalen' Schutz- und Bewältigungsmechanismen
von Konflikten und Belastungen zu pathologischen Abwehrmechanismen"
(MENTZOS 1997, S. 61).
Von einem pathologischen Abwehrmechanismus darf allerdings erst dann
gesprochen werden, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind:
a) erhebliche Einschränkungen der Ich-Funktionen;
b) Reduzierung der freien Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung;
c) zwangsläufiges Auftreten;
d) unbewußter Ablauf;
e) heftiger Widerstand gegen Aufhebung ;
f) Funktion von Befriedigung oder Reparation.
4.1.2.
Psychologie der Moralentwicklung
In der Theorie über die Moralentwicklung
gibt es unterschiedliche Ansätze, auf die ich zusammengefaßt
eingehen möchte. In junger Vergangenheit ist die Moralentwicklung
eingehend untersucht worden. Man verstand darunter überwiegend
jene Aspekte der Sozialisation, die am Prozeß der Internalisierung
beteiligt sind. Das heißt, daß ein Individuum bestimmte
Regeln lernt und sich auch in Situationen daran hält, in denen
es keine Kontrolle und keine Strafe gibt. In dieser Forschungsliteratur
wurde die moralische Entwicklung als Prozeß der fortschreitenden
Internalisierung elementarer kultureller Regeln aufgefaßt (vgl.
KOHLBERG 1995, S. 7 f.).
Forscher haben in ihren differierenden Theorien drei unterschiedliche
Aspekte der Internalisierung betont: die Verhaltens-, die Gefühls-
und die Urteilsdimension moralischer Handlungen. Was wird konkret darunter
verstanden? Unter dem verhaltensbezogenen Kriterium der Internalisierung
versteht man eine intrinsisch motivierte Konformität oder den 'Widerstand
gegen Versuchung'. Dieses Konzept entspricht dem, was man im Alltag
'moralischen Charakter' nennt. HARTSHORNE, MAY et al. (1928-1930) definierten
den moralischen Charakter über eine Reihe kulturell bestimmter
Tugenden (wie etwa Ehrlichkeit), deren Ausprägung man messen könne,
indem man beobachtet, inwieweit das Kind der Versuchung widerstehen
kann, eine Regel zu übertreten - zum Beispiel zu mogeln -, wenn
es unwahrscheinlich scheint, erwischt und bestraft zu werden (vgl. ebd.,
S. 8).
Unter dem Aspekt der Gefühlsdimension moralischer Handlungen wird
das Vorhandensein internalisierter Regeln verstanden, die ein Gefühl
der Schuld, das heißt das Auftreten von selbstkritischen Empfindungen
der Reue und Angst nach einer Verletzung der kulturellen Normen entstehen
lassen. Sowohl psychoanalytische Theorien als auch Lerntheorien, die
sich mit dem Gewissen beschäftigen, sehen im Schuldgefühl
das wesentliche Motiv der Moralität. Es wird angenommen, daß
sich das Kind moralisch verhalte, um Schuld zu vermeiden (vgl. ebd.)
Der dritte Aspekt der Internalisierung von Regeln betrifft die Urteilsfähigkeit
auf der Grundlage dieses Wertmaßstabs. Das bedeutet, Urteile auf
der Basis des verinnerlichten Wertmaßstabs zu fällen und
sich selbst und anderen gegenüber zu rechtfertigen, warum man diesen
Wertmaßstab anerkennt (vgl. ebd.).
Die neuere Forschung beschäftigt sich also vor allem mit der Erforschung
der Probleme der Moralentwicklung. Sie untersucht, wie solche Sozialisationsfaktoren
wie das Ausmaß, die Art und die Bedingungen von Belohnung und
Bestrafung oder die Identifikation mit den Eltern im Zusammenhang mit
individuellen Unterschieden der Widerstandsfähigkeit gegen Versuchung,
der Schuld und des moralischen Urteils zusammenhängen (vgl. KOHLBERG
1995, S. 8 f.).
Andere Forschungsansätze gehen
davon aus, daß die Sozialisationsforschung der Internalisierung
nur begrenzt haltbar ist. Befunde von HARTSHORNE und MAY ließen
vermuten, daß moralisches Verhalten eher durch situationsspezifische
Faktoren wie Strafe, Belohnung, Gruppendruck und Werte der Gruppe bestimmt
wird als durch eine innere Disposition, die man Gewissen oder Charakter
nennt (vgl. KOHLBERG 1995, S. 11). KOHLBERG vertritt die Auffassung,
daß neue Forschungsergebnisse mit den Resultaten von HARTSHORNE
und MAY insofern übereinstimmen, "als sie die Annahme stützten,
daß die Variablen, die zum Widerstand gegenüber Versuchungen
führen, hauptsächlich situativ bedingt sind und nicht von
festen Verhaltensgewohnheiten, Charakterzügen (wie Ehrlichkeit)
oder von einer dauerhaften Bereitschaft des Über-Ichs herrühren,
im Übertretungsfall Schuldgefühle zu empfinden" (vgl.
ebd., S. 13).
Seit MAC KINNON (1938) haben Forscher versucht, mit ihren Untersuchungen
zur Moral HARTSHORNE und MAYS Ergebnissen dadurch Rechnung zu tragen,
daß Internalisierung im Rahmen eines Konzepts des Über-Ichs
und nicht mehr in Begriffen des "moralischen Charakters" definiert
wurde. Sie hatten erkannt, daß eine innere Disposition zur Ehrlichkeit
nicht direkt zu moralischem Handeln führe, also nicht die unmittelbare
Auswirkung des moralischen Charakters ist. Statt dessen nahmen die Forscher
an, daß es ein komplexes Gleichgewicht innerer und äußerer
Kräfte gibt, zu denen die Stärke der Triebe gehört, die
durch eine Versuchung angesprochen werden, die Abwehrkräfte gegen
diese Triebe, aber auch situationsbedingte Ängste, der Gruppendruck
usw. gehören, die dafür verantwortlich sind. In dieser Forschungstradition
ging man allerdings davon aus, daß es schon eine spezifische moralische
Kraft gäbe, nämlich das Schuldgefühl. Es wurde als "eine
Hauptdeterminante des Handelns in Situationen gesehen, in denen die
Person moralische Konflikte zu bestehen und Versuchungen zu widerstehen
habe" (vgl. ebd., S. 12). Die Disposition dazu, Schuldgefühle
zu haben, wurde als Folge früher Identifikationen in der Kindheit
und Straferfahrungen gesehen und nicht als situationsbedingt betrachtet.
Demzufolge schloß man, daß moralisches Verhalten situationsspezifisch
sein möge und gleichzeitig einen allgemeinen Prozeß der moralischen
Internalisierung beinhalte, der auf die gleichen Kindheitserfahrungen
zurückgeht und als von der derzeitigen besonderen moralischen Situation
unabhängig gesehen werden darf.
4.1.2.1.
Milgram-Experiment als Beispiel für situationsspezifische Faktoren
Als Beispiel dafür, wie situationsspezifische
Faktoren wirken, möchte ich das Milgram-Experiment heranziehen.
Zu den für mich am beeindruckendsten und gleichzeitig beunruhigendsten
Experimenten der Sozialpsychologie gehört zweifellos das Milgram-Experiment.
STANLEY MILGRAM hat mit diesem Experiment eine Untersuchung zum extremen
Autoritätsgehorsam durchgeführt. Er und seine Mitarbeiter
wollten Gehorsamkeitsbedingungen in einer Situation erforschen, in der
unter dem Vorwand der wissenschaftlichen Notwendigkeit Menschen gequält
wurden; die Quälerei der Versuchspersonen war natürlich simuliert.
Die Versuchspersonen wurden aufgefordert, einer anderen mit dem Versuchsleiter
zusammenarbeitenden Person, die bestimmte Dinge zu lernen und wiedergeben
zu hatte, Stromstöße zunehmender Stärke zuzufügen,
sobald sie bei der Wiedergabe des Gelernten Fehler machte.
Das Aufsehenerregende und Erschreckende dabei war, daß eine große
Anzahl der Versuchspersonen bereit war, der auf einem Stuhl festgeschnallten
Versuchsperson Stromstöße zu versetzen, die auf einer Skala
des Apparats eindeutig gekennzeichnet waren. Die Stromstärke reichte
bis zu 450 Volt; die einzelnen Stufen, vor allem die höheren, waren
zur Hervorhebung der damit in Zusammenhang stehenden Risiken, mit Begriffen
wie 'Gefahr' usf. beschriftet.
In diesem Experiment ergaben sich als die drei wichtigsten Gehorsams-
bzw. Verweigerungsbedingungen, erstens die Nähe zum Versuchsleiter
und die Art seines Auftretens; zweitens die Nähe zur vermeintlich
gequälten Versuchsperson und die Art ihrer (gespielten) Schmerzäußerungen
und drittens die sogenannte Hintergrundautorität, das heißt
die Institution, die von der Versuchsperson als verantwortlich für
das Experiment angenommen wurde. Je näher und autoritativer der
Versuchsleiter war, desto mehr fügten sich die Versuchspersonen
der Versuchsanordnung, bei Fehlern eine immer höhere Stromstärke
zu verabreichen. Je näher die vermeintlich Gequälten und je
schmerzvoller deren Äußerungen waren, desto eher verweigerte
die Versuchsperson die Anordnung. Die Bewertung der Hindergrundautorität
hat eine geringere Rolle gespielt.
Wesentlich bei dem Experiment ist, daß die Versuchspersonen keineswegs
ohne Konflikt die Stromstöße gaben. Sie empfanden die Anordnung,
eine jeweils nächsthöhere Stromstärke zu geben, sehr
wohl als Konflikt zu ihrem Identifikationsvermögen mit der als
gequält erlebten Versuchsperson. Doch ihr Konflikt äußerte
sich meistens nur verbal oder psychosomatisch: sie brachten Bedenken
vor, protestierten auch lautstark, wurden verlegen, stotterten, schwitzten
und zitterten, doch mindestens die Hälfte drehte beim nächsten
Fehler der Versuchsperson den Schalter, wie gefordert, eine Stufe höher
(vgl. HORN 1988, S. 13 f.).
Das Ergebnis dieses Experiments verdeutlicht, daß die synthetische
Fähigkeit des Ich bei der Hälfte der Versuchspersonen nicht
ausreichte, sich gegen das realistisch gespielte Quälen aufzulehnen
und das obwohl es gegen individuell wichtige, verinnerlichte Normen
verstieß.
4.1.2.2.
Konflikte bei Tierheimmitarbeitern als Manifestation internalisierter
Wertvorstellungen
Dieses Beispiel zeigt, wie internalisierte
Wertvorstellungen wirken und das Handeln der neuen Mitarbeiter beeinflussen.
Da es ihren verinnerlichten Wertvorstellungen widerspricht, Tiere zu
quälen oder zu töten, sind sie zunächst von den Anforderungen
des Tierheims, Tiere zu euthanasieren, schockiert. Sie weigern sich,
Tiere aus für sie zunächst unverständlichen Gründen
zu töten.
Viele Personen, die sich für den Beruf in Tierheimen entscheiden,
lieben Tiere, möchten mit ihnen arbeiten und ihnen helfen. Der
Mitarbeiter muß also dazu gebracht werden, gegen sein ursprüngliches
Selbstkonzept (oder Motivation und Vorstellung?) zu handeln. Zunächst
scheint die Frage sinnvoll, wie eine Person, die vielleicht zu Hause
einen Hund oder eine Katze als Heimtier hat, dazu gebracht wird, Mitglieder
der gleichen Spezies zu töten. (Diese Frage stellt sich ebenfalls
bei Mitarbeitern in Laboratorien. Ich werde auf sie später speziell
eingehen). Anhand des neuen Mitarbeiters in Tierheimen sehen wir, daß
seine internalisierten Wertvorstellungen von großer Bedeutung
sind und es einen komplexen sozialen Prozeß emotionaler Distanzierungsmethoden
darstellt, bis die Mitarbeiter lernen, Tiere zu töten.
In dem Buch 'Regarding Animals' von
ARLUKE & SANDERS schreibt ein 'Shelter manager', daß sie im
Rahmen der Institution, dem neuen Mitarbeiter 'helfen', gegen seine
Überzeugung zu handeln ... "we´ll make it good in your
head"(ARLUKE & SANDERS 1996, S. 82).
Der neue Mitarbeiter muß sich den Anforderungen der Institution
anpassen und seine eigentliche Einstellung zu Tieren gegen die Ansicht
der Institution eintauschen. Die Ansichten der Institution sind nicht
an sich bewiesen oder selbstredend, sondern formen und strukturieren
das Feld, in dem Tiere von Institutionen verwendet werden. Bezeichnenderweise
werden die Ansichten der Institutionen den werdenden Mitarbeitern unter
Disziplin, zusammen mit relevanten empirischen Fakten als unbestrittene
Wahrheiten, über die sich nicht diskutieren läßt, übermittelt.
Neue Mitarbeiter müssen die Prämisse der Institution akzeptieren
- oft heißt das, daß Tiere getötet werden müssen
- und sich dieser fügen. Doch wie werden sie im einzelnen dazu
gebracht, ihre ursprüngliche Meinung zu ändern und gegen diese
zu handeln?
Um ihre Meinung ändern zu können, müssen neue Mitarbeiter
auch lernen, in bezug auf die Tiere in der Institution anders zu fühlen.
Denn es kann sonst leicht vorkommen, daß sie oft unangenehme Gefühle
haben, auch wenn sie die Prämisse der Institution auf einem intellektuellen
Niveau akzeptiert haben. Obwohl Institutionen zweifellos ihre neuen
Mitarbeiter mit Regeln und Strategien zur Bewältigung ungewünschter
Emotionen ausstatten, haben Forscher bisher nicht untersucht, wie solche
'emotion-management-strategies' tatsächlich arbeiten und in welchem
Ausmaß sich damit unangenehme Gefühle eliminieren lassen.
Trotz mangelnder früherer Erforschung, wird allgemein angenommen,
daß neue Mitarbeiter Methoden zur Distanzierung von ihren Handlungen
und damit verbundenen Schuldgefühlen lernen. Durch eine Distanzierung
soll jegliche Zuneigung und Empathie zu den Tieren verhindert werden
und das Töten zu einem Reflex ohne emotionaler Beteiligung werden
(ARLUKE & SANDERS 1996, S. 83).
Um diese Annahmen zu überprüfen,
führte ARLUKE eine ethnographische Untersuchung über einen
Zeitraum von sieben Monaten in einem 'kill-shelter' durch. Er verbrachte
mehr als hundert Stunden mit der direkten Beobachtung aller Facetten
der Arbeit und des Lebens in dem Tierheim, inklusive der Euthanasie
der Tiere und dem Training der Mitarbeiter, diese zu lernen. ARLUKE
führte auch mit allen sechzehn Mitarbeitern Interviews über
Fragen der Euthanasie und Aspekte im Zusammenhang mit der Arbeit im
Tierheim durch. Die Ergebnisse seiner Untersuchung deuten darauf hin,
daß das Erlernen von Copingstrategien für den Umgang mit
unangenehmen Gefühlen, die durch die Euthanasie im Tierheim hervorgerufen
werden, einen komplexen sozialen Prozeß darstellt. Gefühle
der Zuneigung, Empathie und des Verlusts werden nicht eliminiert, sondern
dienen den Mitarbeitern als eine Form von Copingstrategie, die ihnen
ermöglicht, ein Gefühl ihrer selbst als Person, die Tiere
liebt und für sie sorgt, aufrechtzuerhalten. Das ist ihr neues,
institutionalisiertes Selbst und es dient ihnen gut und ermöglicht
ihnen, ihre Arbeit mit einem Minimum an Konflikten zu bewältigen.
Trotzdem fühlen sich alle Mitarbeiter zeitweise unwohl - obwohl
es dafür unterschiedliche Gründe gibt -, wenn ihre alltägliche
nicht-institutionalisierte Identität in der Arbeit ins Bewußtsein
tritt.
Wie bewältigen die Mitarbeiter ihre unangenehmen Gefühle und
wie lernen sie, sich selbst soweit zu distanzieren, um einerseits töten
zu können und andererseits sich nicht völlig von ihrer ursprünglichen
Vorstellung, eine tierliebende Person zu sein, trennen zu müssen?
Die Copingstrategien ermöglichen den Mitarbeitern ihre ursprüngliche
Einstellung und Empfindsamkeit gegenüber Tieren ruhen zu lassen
und ein anderes emotionales Verhältnis zu Tieren innerhalb des
Tierheimes aufzubauen (vgl. ebd., S. 86).
Folgende Strategien zur emotionalen
Distanzierung werden beschrieben und angewandt.
1.) Das Versäumnis neuer
Mitarbeiter, zwischen den Tieren im Tierheim und ihren eigenen Heimtieren
zu differenzieren, kann sie in emotional schwierige Situationen führen,
speziell wenn Tiere euthanasiert werden sollen. Die meisten Mitarbeiter
sehen die Tiere im Tierheim bald als 'virtuelle Heimtiere' - die irgendwo
zwischen der Kategorie Heimtier und Objekt gesehen werden. Wichtig dabei
ist, die Intensität ihrer Gefühle der Zuneigung zu einzelnen
Tieren zu reduzieren. Denn es geschieht sehr oft, daß neue Mitarbeiter
mit der Euthanasie eines Lieblingstieres konfrontiert werden und über
den Verlust verzweifelt sind. Eine Frau, die eine zu große Beziehung
zu den Tieren aufgebaut hatte, konnte nicht mehr mit ansehen, wie die
Tiere hinter Gittern gehalten oder getötet wurden und ließ
alle Hunde frei. Daraufhin wurde sie entlassen. Neue Mitarbeiter müssen
also bald lernen, ihre Zuneigung zu Tieren zurückzuhalten. Ein
Mitarbeiter drückt es so aus: "I don´t let myself get
that attached to any of them" (ARLUKE & SANDERS 1996, S. 87).
Dennoch ist ein wichtiges Motto bzw. Ideal in der Praxis von Tierheimen,
daß die Mitarbeiter sich nicht vollkommen ihrer Verantwortung
gegenüber Tieren entziehen oder gleichgültig werden oder die
Euthanasie gänzlich gefühllos vollziehen. Ein Arbeiter erzählte
ARLUKE: You "learn to turn your feelings off when you do this work,
but you can´t completely. They say if you can, you shouldn´t
be on the job" (ebd.). Ein anderer Arbeiter sagte ebenfalls, daß
man seine Gefühle nicht vollständig ausschalten darf: "If
you get to the point where killing doesn´t bother you, then you
shouldn´t be working here"(ebd.). Wie sie einerseits ihre
Gefühle zu einzelnen Tieren verhindern und andererseits nicht vollkommen
gefühllos werden, geht aus Strategie 2 hervor.
2.) Die Mitarbeiter lernen
systematisch drei verschiedene Distanzierungsmethoden:
a) Nicht individuelle Tiere zu lieben, sondern die Tiere als Gruppe
zu betrachten, denen sie sich verbunden fühlen und die sie versorgen.
b) Die Mitarbeiter differenzieren zunehmend zwischen den Tieren im Tierheim
und 'normalen' Heimtieren. Unter Heimtieren werden alle Tiere verstanden,
die in privaten Haushalten nicht als Nutztiere leben (vgl. TEUTSCH 1987,
S. 88).
c) Sie identifizierten sich im Rahmen ihrer Arbeit mit der professionellen
Rolle als 'Beschützer' ('caretaker') und nicht mehr als Tierbesitzer.
Ein Arbeiter bemerkte über die Annahme der professionellen Rolle
als 'caretaker': "You don´t set yourself up by seeing them
as pets. You´d kill yourself; I´d cut my wrists. I´m
a caretaker, so I make them feel better while they are here. They won´t
be forgotten so quickly. I feel I get to know them. I´m their
last hope" (ARLUKE & SANDERS 1996, S. 87).
3.) Eine weitere Strategie,
die neue Arbeiter lernen müssen, ist, Tiere nicht nach ihren eigenen
Vorlieben und Wertvorstellungen zu betrachten, sondern je nach ihrem
Marktwert für eine potentielle Adoption. Diese Sichtweise zu übernehmen,
ist nirgends wichtiger als hier, wo gesunde und wohlerzogene Tiere für
die Euthanasie selektiert werden müssen, um für neue Tiere
Platz zu machen. Ein erfahrener Arbeiter bezeichnet dieses Auswahlverfahren
als sehr hart und für neue Mitarbeiter schwierig, die Tiere nach
dieser Art zu beurteilen: "When you go through and pull'
- that's when you have to make some real tough choices. If they've all
been here an equal amount of time, then, if you've got eighteen cages
and six are filled with black cats, and you have a variety in here waiting
for cages, you're going to pull the black ones so you can have more
of a variety. It's hard for a new employee to understand that I'm going
to pull a black cat to make room for a white one. After they've been
here through a cat season, they know exactly what I'm doing, and you
don't have to say anything when you have old staff around you"
(ebd., S. 88).
4.) Außerdem müssen
die Mitarbeiter in Tierheimen lernen, anders über kranke Tiere
zu denken, als sie es bisher in bezug auf ihre erkrankten Heimtiere
gewohnt waren. Denn wenn Tiere im Tierheim erkranken, werden sie nicht
medizinisch versorgt, wie das bei Heimtieren üblich ist, sondern
sie müssen aus ökonomischen Gründen getötet werden.
5.) In Tierheimen werden immer
wieder einzelne Tiere aus der Gruppe genommen und als Maskottchen ausgewählt.
Das hilft den Mitarbeitern zwischen der Verantwortung gegenüber
Tieren im Tierheim und Heimtieren zu unterscheiden. Das Maskottchen
dient den Mitarbeitern als Ersatzheimtier für den Rest der Tiere
im Tierheim. Katzen und Hunde werden gelegentlich ausgewählt, um
ein Gruppenmaskottchen zu werden, erstens weil Arbeiter ein spezielles
Interesse diesem Tier gegenüber haben, und zweitens, weil sie hoffen,
die Adoptionschancen zu steigern, in dem das Verhalten des Tieres verbessert
wird.
Im Gegensatz zu den üblichen Tieren im Tierheim, dürfen die
Maskottchen frei umher laufen, auch in die Büros der Mitarbeiter,
wo man mit ihnen spielt und über sie spricht. Das bedeutendste
ist jedoch, daß Maskottchen nie euthanasiert werden; entweder
sie bleiben im Tierheim oder sie werden von irgendeiner Person adoptiert.
Das Verhalten mancher Mitarbeiter gegenüber diesen Maskottchen
unterscheidet sich massiv zum Verhalten gegenüber den anderen Tieren.
Zum Beispiel hatte eine Katze, die als Maskottchen ausgewählt wurde,
ein Magenleiden und bedurfte einer teuren Operation. Unter normalen
Umständen würde dieses Tier im Tierheim getötet werden,
doch eine der Mitarbeiterinnen bezahlte die Operation aus eigener Tasche.
6.) Ein wesentlicher Punkt,
die unangenehmen Gefühle im Zusammenhang mit der Euthanasie zu
reduzieren, ist, daß die Mitarbeiter die Gefühle der Tiere
beachten und versuchen, sie so gut als möglich zu euthanasieren.
Ein Arbeiter erklärt: "It makes me feel better making it [euthanasia]
better for the animal" (ARLUKE & SANDERS 1996, S. 89). Auch
routinierte Mitarbeiter fühlen sich bei der Durchführung von
Euthanasie wohler, wenn sie sich darauf konzentrieren, den Tieren ein
Gefühl von Sicherheit und Ruhe zu geben, bevor sie getötet
werden. Ein Arbeiter mit 20jähriger Erfahrung berichtet: "It
still bothers you after you're here for a long time, but not as much.
Compassion and tenderness are there when I euthanize, so it doesn't
eat away at me" (ebd.). Eine Art, um die Tiere möglichst streßfrei
töten zu können, ist, sich in die Tiere einzufühlen und
den Prozeß des Tötens 'friedlich und leicht' zu machen. Die
Arbeiter werden angeregt, auf alle kleinen Dinge zu achten, die den
Tieren Streß bereiten könnten - wenn Tiere beispielsweise
Angst vor Männern haben, werden sie nicht von Männern getötet.
7.) Eine weitere Vorgehensweise,
die Gefühle der Tiere zu berücksichtigen und die den Mitarbeitern
hilft, ist, sich auf die Methode des Tötens zu konzentrieren. Indem
sie sich auf die Technik des Tötens konzentrieren - und sich nicht
die Frage stellen, warum die Tiere getötet werden müssen oder
wie sie sich selbst dabei fühlen -, können sie sich vergewissern,
die Tiere schnell und schmerzlos töten zu können. Es gibt
bei der Euthanasie außerdem eine Arbeitsteilung, die den Mitarbeitern
die Euthanasie erleichtert: ein Arbeiter verabreicht die Injektion,
der andere hält das Tier fest. Dem Mitarbeiter, der die Injektion
verabreicht, wird empfohlen, sich nur auf die Nadel und seine Fertigkeit
zu konzentrieren und nicht auf die Euthanasie. Der Arbeiter, der das
Tier festhält, wird instruiert, seine Arbeit als technischen Vorgang
zu betrachten, anstatt Gefühle der Zuneigung zu zeigen. Ein Arbeiter
beschreibt seinen Job: "The holder is the one who controls the
dog. You have your arm around her. You're the one who has got a hold
of that vein. When they get the blood in the syringe, you let go. But
you have to hold that dog and try and keep him steady and not let him
pull away. That's my job" (ARLUKE & SANDERS 1996, S. 90).
Der ganze Verlauf der Euthanasie wird mehr als technische und weniger
als moralische oder emotionale Angelegenheit betrachtet.
8.) Ein weiterer Punkt, der
die Euthanasie erleichtert, ist, wenn sich die Arbeiter auf das Wohlergehen
der Tiere berufen und deren Tod als Linderung ihres Leidens betrachten,
anstatt ihre eigenen Gefühle in den Mittelpunkt zu stellen. Das
gelingt leicht bei sehr kranken oder alten Tieren. Es ist allerdings
viel schwieriger, Leiden in 'gesunden und glücklichen' Tieren zu
sehen. Sie müssen auch als Tiere betrachtet werden, deren Leben
nicht wert ist, gelebt zu werden. Den Arbeitern ist bewußt, daß
die Breite ihrer Definition von Leiden Euthanasie leichter macht. Ein
Arbeiter beschreibt, wie sie manchmal versuchen, irgendeinen Grund [für
die Euthanasie] zu finden, wie zum Beispiel eine 'laufende Nase', weil
es schwerer ist, ohne einen Grund zu töten.
9.) Schließlich lernen
die Arbeiter Euthanasie als Prävention gegen Leiden zu sehen. Damit
meinen sie auch, daß sie lieber gesunde streunende Tiere euthanasieren,
als sie auf der Straße leiden zu lassen. Ein älterer Mitarbeiter
erklärte werdenden Mitarbeitern: "I'd rather kill than see
suffering. I've seen dogs hung in alleys, cats with firecrackers in
their mouths or caught in car fan belts. This helps me to cope with
euthanizing - to prevent this suffering through euthanasia. Am I sick
if I can do this for fifteen years? No. I still cry when I see a sick
pigeon on the streets, but I believe in what I am doing" (ebd.,
S. 92).
10.) Eine weitere Strategie,
mit der Mitarbeiter ihre unangenehmen Gefühle im Zusammenhang mit
der Euthanasie zu bewältigen versuchen, besteht darin, einen Teil
dieser ungewollten Gefühle in Zorn und Frustration gegenüber
Heimtierbesitzern umzuwandeln. Anstatt die Moral ihrer eigenen Handlungen
in Frage zu stellen und sich Gedanken über ihre Schuldgefühle
zu machen, kommen sie zu der Überzeugung, daß Heimtierbesitzer
die Tiere unrecht und schlecht behandeln. Der Öffentlichkeit wird
vorgeworfen, Tiere wie Eigentum zu behandeln, das sie wie Müll
wegwirft und dem sie keinen intrinsischen Wert zuerkennt. Ein Arbeiter
beklagt sich: "A lot of people who want to leave their pets have
bullshit reasons for this - like they just bought new furniture for
their living room and their cat sheds all over it" (ebd., S.96).
Manche Arbeiter entwickeln richtige Aggressionen gegenüber Heimtierbesitzern,
die ihre Tiere leichtfertig in das Tierheim bringen.
In den Augen erfahrener Mitarbeiter ist es wichtig, daß neue Mitarbeiter
nicht Schuldgefühle, die eigentlich Heimtierbesitzer hätten
haben müssen - angesichts der Tatsache, daß sie ihr Tier
ins Tierheim brachten und wußten, daß es wahrscheinlich
getötet werden muß -, übernehmen.
11.) Arbeiter versuchen, ihre
Gefühle und Ressourcen umzuleiten, indem sie sich engagieren, die
Meinung der Öffentlichkeit über Heimtiere zu ändern,
damit in Zukunft weniger Tiere ins Tierheim gebracht werden und die
Anzahl der zu tötenden Tiere geringer wird. Sie wollen an das Problem
der Übervölkerung in Tierheimen auch anders herangehen als
zu töten. Deshalb richten sie ihre Bemühungen auf Erziehung
der Öffentlichkeit und die Forcierung der Adoption.
12.) Heimtierbesitzer werden
aber von den Arbeitern in Tierheimen nicht immer beschuldigt. Erfolgreiche
Adoptionen helfen den Arbeitern, das Positive an ihrer Arbeit zu betonen,
das in diesem Rahmen ohnehin selten ist. Ein geeignetes Heim für
die Tiere zu finden, ist eine zentrale Motivation der Arbeiter. Besonders
erfreut sind sie, wenn sie von Leuten hören, die mit ihrer Adoption
zufrieden sind. Manche Heimtierbesitzer kommen ins Tierheim, andere
schreiben und bedanken sich. Diese Briefe werden zusammen mit Schnappschüssen
von Besitzern mit ihren adoptierten Tieren, für alle sichtbar,
an die Wände gehängt.
13.)
Um ihre Emotionen erfolgreich zu managen, müssen Arbeiter lernen,
sich selbst keine schwierigen ethischen Fragen zu stellen. Das ist innerhalb
der Grenzen der Institution leichter als außerhalb. Viele berichten
über unangenehme Gefühle, wenn Leute sie nach der Moralität
der Euthanasie fragen. Die Arbeiter gehen mit diesen unangenehmen Gefühlen
auf zwei verschiedene Arten um: Erstens können sie versuchen, Kontakte
zu meiden, bei denen schwierige Fragen und ungewünschte Emotionen
hochkommen könnten. Das ist jedoch oftmals schwierig. Arbeiter
klagten, daß Ehepartner, Zimmergenossen, Familienmitglieder und
Fremde sie manchmal als 'Verbrecher' und 'Mörder' betrachteten
und ihnen Schuldgefühle machten: "You expect your spouse,
your parents, your sister, your brother ... to understand. And they
don't. And your friends don't. People make stupid remarks like, 'Gee,
I would never do your job because I love animals too much'"(ebd.,
S. 99). Einige Arbeiter sprechen schon davon, 'paranoid' geworden zu
sein und überall darauf zu warten, daß sie gefragt werden,
'Ob sie Tiere töteten' oder 'Wie sie denn Tiere töten könnten,
wenn ihnen Tiere wichtig waren'.
Um negative Reaktionen ihrer Umgebung zu vermeiden, verschweigen sie
manchmal, wo sie arbeiteten. Eine Mitarbeiterin erzählte, sie betreibe
eine Ambulanz für Tiere.
Die zweite Strategie bei der Frage nach ihrem Job ist, den Leuten zu
erklären, wie sehr sie sich um Tiere sorgen und daß Euthanasie
eine Notwendigkeit darstellt. Ein Arbeiter berichtet, daß er den
Leuten Zahlen nennt, um ihnen plausibel zu machen, warum Tiere euthanasiert
werden: "I throw numbers at them, like the fact that we get twelve
thousand animals a year but can only place two thousand"(ebd.,
S. 100).
14.) Wenn die Arbeiter mit
Kritik durch Außenstehende konfrontiert werden, sind sie froh,
der Gemeinschaft des Tierheimes anzugehören, die ihnen Schutz bietet.
Im Rahmen der Institution fühlen sie sich verstanden, weil hier
alle Mitarbeiter Tiere euthanasieren. Nur diese Leute verstehen, wie
es möglich ist, Tieren einerseits helfen zu wollen, sie aber andererseits
oft töten zu müssen. Da Außenstehende diese Erfahrung
der Euthanasie nicht teilen, tendieren die Arbeiter dazu, ihnen geringe
Glaubwürdigkeit beizumessen und ihre Meinung wenig zu berücksichtigen.
Indem sie nicht mit Außenstehenden kommunizieren, reduzieren sie
die Möglichkeit, verstanden zu werden, erhöhen damit die Solidarität
in der Institution und erzeugen Barrieren zwischen sich und Außenstehenden
als Schutz vor externaler Kritik. Sie können ihre unangenehmen
Gefühle leicht verringern, indem sie Außenstehende als 'Uninformierte'
oder 'Naive' hinstellen.
Zusammenfassend läßt sich
sagen, daß die Situation der Versuchspersonen im Milgram-Experiment
und der neuer Mitarbeiter in Tierheimen vergleichbar ist, da beide überzeugt
werden müssen, gegen ihre ursprünglichen verinnerlichten Normen
zu handeln. Im Milgram-Experiment soll die Versuchsperson gequält
werden, im Tierheim sollen Tiere getötet werden. Diese Aufforderungen
rufen aufgrund ihrer verinnerlichten Normen, einen massiven Konflikt
bei den Personen hervor. Das zeigt für mich, daß Internalisierungen
grundsätzlich eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung des moralischen
Verhaltens spielen.
Es gibt allerdings trotzdem situationsspezifische Faktoren, die das
Verhalten so beeinflussen können, daß die Personen gegen
ihre ursprünglichen Wertvorstellungen handeln.
Sowohl die Versuchspersonen beim Milgram-Experiment als auch die neuen
Mitarbeiter im Tierheim versuchten zunächst, sich zu weigern, die
Anforderungen auszuführen. Während die Versuchspersonen beim
Milgram-Experiment sich nur verbal gegen die Instruktionen wehrten oder
auf den Konflikt psychosomatisch reagierten, zeigten die neuen Mitarbeiter
im Tierheim zu Beginn die Tendenz, zu vermeiden, sich selbst an der
Euthanasie zu beteiligen. Außerdem wehrten sich manche Mitarbeiter
im Tierheim durch ihre Handlungen. Eine Mitarbeiterin konnte ihren Konflikt
nicht mehr ertragen und ließ Tiere aus ihren Käfigen frei.
Andere Mitarbeiter beendigten ihren Job nach kurzer Zeit aus dem gleichen
Grund.
Hier zeigt sich bereits ein wesentlicher Unterschied zwischen den Reaktionen
der Versuchspersonen im Milgram-Experiment und den angehenden Mitarbeitern
im Tierheim. Ich denke, daß der Grund vor allem in dem unterschiedlichen
Setting und den unterschiedlichen Vorstellungen der Personen hinsichtlich
ihrer zukünftigen Aufgaben, liegt.
Das Setting unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt: Beim Milgram-Experiment
handelt es sich um eine einmalige Situation, in der die Versuchsperson
wider Erwarten gegen ihre Wertvorstellungen handeln soll. Beim angehenden
Mitarbeiter im Tierheim handelt es sich nicht um eine einmalige Situation,
in der die Person gegen ihre verinnerlichten Normen handeln soll, sondern
um einen zukünftigen Beruf. Die Situation im Tierheim ist insofern
eine andere, als es hier auch andere Aufgaben gibt als die Euthanasie
von Tieren. Die Mitarbeiter werden nicht an ihrem ersten Arbeitstag
dazu aufgefordert Tiere zu töten. Sie haben also am Anfang die
Möglichkeit, sich einer Vermeidungsstrategie zu bedienen, während
dies beim Milgram-Experiment aufgrund des unterschiedlichen Settings
nicht möglich ist.
Die Vorstellungen der Versuchspersonen im Milgram-Experiment und der
werdenden Mitarbeiter im Tierheim unterscheiden sich auch grundlegend:
Die Versuchspersonen, die beim Milgram-Experiment beteiligt waren, hatten
sich höchst wahrscheinlich keine realistische Vorstellung über
die Art ihrer Tätigkeit machen können, während das im
Fall der angehenden Mitarbeiter des Tierheims sehr wohl möglich
war. Viele werdende Mitarbeiter des Tierheims gaben an, tierliebend
zu sein und bezeichneten sich als Tierfreunde, die gerne viel Zeit mit
Tieren verbringen würden und mit ihnen arbeiten möchten. Sie
stellten sich mental auf die Art ihrer Tätigkeit ein - die vermutlich
die Euthanasie ausschloß, da neue Mitarbeiter darüber schockiert
waren - und konnten sich dementsprechend besser, gemäß ihren
Wertvorstellungen, zur Wehr setzen. Die Versuchspersonen beim Milgram-Experiment
hingegen, wurden durch das Setting und ihre mangelnde Möglichkeit,
sich eine realistische Vorstellung über die Anforderungen zu machen,
'überrumpelt'.
Der gravierendste Unterschied zwischen
den Versuchspersonen beim Milgram-Experiment und den Mitarbeitern im
Tierheim ist, daß die Versuchspersonen des Milgram-Experiments
unmittelbar dazu gebracht werden, gegen ihre eigenen Wertvorstellungen
zu handeln. Bei den Mitarbeitern des Tierheimes bedarf es eines speziellen
Trainings, das einen langen sozialen Prozeß darstellt, bis die
Mitarbeiter gegen ihre Wertvorstellungen handeln. Sie erlernen eigene
Copingstrategien zur Bewältigung ihrer emotionalen Konflikte. Diese
Copingstrategien verhelfen den Mitarbeitern zu einem institutionalisiertem
Selbst, das ihnen die Arbeit im Tierheim erst ermöglicht. Die Mitarbeiter
müssen sich bereiterklären, die Copingstrategien zu erlernen.
Es handelt sich bei ihnen, im Vergleich zu den Versuchspersonen des
Milgram-Experiments, nicht um einen extremen Autoritätsgehorsam.
Dennoch spielen auch hier die Gehorsamkeits- bzw. Verweigerungsbedingungen
eine Rolle. Vor allem die Nähe zur Versuchsperson, die im Falle
des Mitarbeiters im Tierheim das zu euthanasierende Tier ist, ist extrem
wichtig. Zu große Nähe zu einem Tier erschwert das Töten
- im Milgram-Experiment das Quälen eines Menschen -enorm. Wie wir
anhand der Copingstrategien gesehen haben, zielen mehrere Punkte genau
darauf ab, diese Nähe zu vermeiden. Die Bedingung 'Nähe zu
dem Versuchsleiter und Art seines Auftretens' hat, im Gegensatz zur
Versuchsperson im Milgram-Experiment, beim Mitarbeiter im Tierheim,
weniger Bedeutung. Der Grund hierfür mag wiederum in dem unterschiedlichen
Setting liegen. Hier handelt es sich nicht um eine einmalige Situation,
in der der Einfluß des Versuchsleiters vorrangig ist, sondern
um einen angehenden Beruf, bei dem der Mitarbeiter tagein tagaus mit
der Institution konfrontiert ist und in deren Namen arbeitet. Wichtig
ist daher beim Mitarbeiter im Tierheim die Bedingung der 'Hintergrundautorität'.
Sie spielt eine wesentliche Rolle, da durch sie ein neues institutionalisiertes
Selbst aufgebaut werden kann.