
Kompendium
Online-Texte
nahestehender Autorinnen & Autoren
Diplomarbeit von Astrid
Kaplan:
Zum Verhältnis
von Mensch und Tier
unter Berücksichtigung
der hierbei auftretenden
rationalen und emotionalen Widersprüche
4.2.
Fallbeispiel
4.2.1.
Barnes' Biographie
Wie wir anhand des Milgram-Experiments
und der Mitarbeiter in Tierheimen gesehen haben, spielen die verinnerlichten
Wertvorstellungen eine zentrale Rolle bei der Entstehung eines großen
psychischen Konflikts. Denn die Aufforderung, gegen die eigenen Wertvorstellungen
zu handeln, bedeutet, daß sich im Individuum zwei miteinander
unvereinbare innere, psychische Forderungen gegenüberstehen. Werden
jedoch an eine Person Anforderungen gestellt, die innerhalb ihrer eigenen
Wertvorstellungen liegen, können sie ohne Konflikte erfüllt
werden. Die Art der verinnerlichten Wertvorstellungen bestimmt demnach,
ob bei der Aufforderung zu einer bestimmten Handlung, ein psychischer
Konflikt auftritt oder nicht.
Das folgende Beispiel soll zeigen,
wie die Art der verinnerlichten Wertvorstellungen einem Menschen ermöglicht,
ohne jeglichen psychischen Konflikt, Tierexperimentator zu werden und
wie es aufgrund veränderter Wertvorstellungen der gleichen Person
nicht mehr möglich ist, Experimente an Tieren durchzuführen.
DONALD J. BARNES schreibt über
seine Entwicklung zum Tierexperimentator und wie er nach 16jähriger
Berufsausübung zum Gegner der Vivisektion wurde:
"'Don', sagte ein Bekannter zu mir kürzlich, 'ich will Ihr
Engagement für die Prinzipien der Antivivisektionsbewegung nicht
in Frage stellen, aber Sie haben doch selbst sechzehn Jahre lang Vivisektion
durchgeführt. Was hat eine derart schnelle und radikale Veränderung
Ihrer Überzeugung herbeigeführt?' Mir wurde die Frage viele
Male gestellt, und von einer Person mehr als von allen anderen... von
mir selbst. Die Antwort hat sich mit der Veränderung meiner Wertvorstellungen
geändert, jedoch ständig und in ein und derselben Richtung"
(BARNES dokumentiert in SINGER 1988, S. 238). Betrachten wir chronologisch
die Evolution BARNES' Wertvorstellungen, um alles zu verstehen:
a) Kindheit: Fünftes bis
Siebtes Lebensjahr
1941, kurz vor seinem fünften Geburtstag kauften seine Eltern eine
Farm von 20 Morgen in Südkalifornien. Denn sie mochten und verstanden
das Stadtleben nicht; ihr Umzug auf eigenes Land versprach Sicherheit
und Unabhängigkeit.
Das Land ernährte und kleidete sie. Sie bauten eigene Feldfrüchte
und Gemüse an. Den Überschuß verkauften sie von Tür
zu Tür mit höchstem Gewinn. Tiere waren ein Teil ihrer Existenz.
Sie zogen Schweine, Rinder und Hühner für Fleisch, Eier und
Milchprodukte auf, stampften eigene Butter und tranken Milch ohne Pasteurisierung
und Homogenisierung. Sie behandelten, BARNES´ Schilderung nach,
ihre Tiere mit Liebe und Respekt, aber immer im Bewußtsein, daß
sie nicht ihrer selbst willen auf der Welt waren, sondern um ihnen zu
dienen. Das Schlachten wurde so zweckmäßig wie möglich
mit dem Beil und einem Hackklotz für das Geflügel vorgenommen
und mit einer wohlplazierten Kugel für die größeren
Tiere. "Ihr Tod löste rätselhafte Fragen in mir aus,
er wurde aber bald als notwendig akzeptiert, denn das war das Ethos
einer Farm" (BARNES dokumentiert in SINGER 1988, S. 239).
b) Kindheit - Präadoleszenz
- Frühadoleszenz: Siebtes bis ca.14. Lebensjahr
Als BARNES etwa sieben Jahre alt war, kaufte der Vater ihm und seinem
Bruder einen Esel. Sie hatten sich zwar ein Pferd gewünscht, aber
sie wurden von ihrem Vater überzeugt, daß ein Pferd wirtschaftlich
nicht gerechtfertigt wäre, weil es für die Farm keinen Nutzen
hatte. Sie lernten bald, daß der Esel für sie nicht nur ein
Spielzeug sein sollte. Auf einer Farm gibt es nämlich viel zu transportieren,
der Esel wurde vor einen Karren gespannt und die Buben führten
bald den täglichen Transport aus. Trotzdem wurden der Esel und
BARNES enge Freunde, und sie verbrachten zusammen viele glückliche
Stunden bei der Erkundung des umliegenden Landes.
Es gab auch noch viele andere Tiere, die in den Dienst gestellt wurden.
Manche Tiere stellten jedoch eine Bedrohung für ihre Lebensweise
dar. So beispielsweise Gopher (rattenähnliches Nagetier) und Erdhörnchen,
indem sie im Boden des Obstgartens wühlten und Gemüse und
die Wurzeln der Bäume fraßen. Die Felder wurden durch eine
einzige Quelle, die in Bewässerungsgräben geleitet wurde,
bewässert. Wenn ein Gopher in der Nähe eines Bewässerungsgrabens
grub, wurde das Loch mit Steinen und Erde gefüllt, damit das Wasser
nicht in dem Gopherbau verschwinden konnte. Skunks (Stinktiere) stellten
zwar keine unmittelbare physische Bedrohung dar, sie waren aber ein
ständiger Ärger, andere Wildtiere, wie Klapperschlangen, Wiesel
oder Koyoten, wurden als Eindringlinge angesehen und als potentielle
Feinde für Hühner und den Eiervorrat. BARNES bekam für
jedes Erdhörnchen, das er fing und schoß, 25 Cents und 10
Cents für jeden Gopher. Er lernte früh, ohne Schuldgefühle
zu töten, denn er tat es im Auftrag seiner Eltern, um der Familie
zu helfen.
c) Vermutlich Frühadoleszenz
bis Postadoleszenz
Nach mehreren Jahren zog er mit seiner Familie nach Colorado, und das
Leben auf der Farm war für immer vorbei. Aber jetzt wurde er auf
die Jagd und zum Fischen mitgenommen und er wurde auf beiden Gebieten
recht tüchtig. Für die Familie war dies eine vollkommen akzeptable
Lebensweise, obwohl sie das Fleisch, das sie auf diese Art beschafften,
nicht unbedingt nötig hatten.
d) Frühes Erwachsenenalter
(ca. 24 Jahre): Ausbildung und Assistentenstelle
1960 bereitete BARNES seine Promotion in Krankenhauspsychologie [vermutlich
Klinische Psychologie, angemerkt von A.K.] vor und war sich der ethischen
Verantwortung bei der Arbeit mit psychiatrischen Patienten bewußt.
Er bekam eine Anstellung als Lehramtsassistent an der Ohio State University.
Seine Aufgabe war, Collegestudenten die Prinzipien des Lernens durch
den Gebrauch von conditio-operans-Verfahren bei Ratten zu vermitteln.
BARNES dazu: "Das war kein Problem für mich, da meine ganze
Vergangenheit darin bestanden hatte, andere Tiere zu meinem Nutzen zu
gebrauchen, und ich demonstrierte gewandt die Wirksamkeit verschiedener
Trainingsverfahren, einschließlich des Gebrauchs von Elektroschocks
als negativer Verstärkung'" (BARNES dokumentiert in
SINGER 1988, S. 241).
e) Erwachsenenalter (ca. 30 Jahre):
Leiter eines Laboratoriums
Sechs Jahre später, nachdem er seine Assistentenzeit beendet und
an der 'US Air Force Officers Training School' promoviert hatte, wurde
ihm die Leitung eines Laboratoriums übertragen; die Air Force hatte
beschlossen, eine Methode zu entwickeln, um die Wirkung pulsierender
Ionisierungsbestrahlung auf das Verhalten nicht-menschlicher Primaten
zu bestimmen. (Für das Verteidigungsministerium ist ein Psychologe
ein Psychologe: es spielte keine Rolle, daß er Krankenhauspsychologe
war). BARNES erhielt ein relativ großes Budget von 200.000 bis
300.000 Dollar pro Jahr und die Freiheit, das Programm nach seinen Wünschen
aufzustellen. Ihm standen Soldaten und Zivilisten zur Verfügung,
die meisten mit akademischem Grad. Außerdem bekam er die Gelegenheit,
zu anderen Labors zu reisen, mit Agenturen zu sprechen, die Geldmittel
vergaben, und andere Wissenschaftler zu konsultieren.
Da BARNES Krankenhauspsychologe war, war sein Vokabular für diese
Arbeit nicht geeignet. Er beschloß, etwas über experimentelle
Psychologie zu lernen und schloß einen Vertrag mit der Baylor
University in Waco, Texas. Die Baylor University hatte eine Primateneinrichtung,
in der Affen ausgebildet werden sollten. Sie stellten zwei bis drei
graduierte Studenten zur Verfügung, die unter BARNES' Leitung als
'Assistenten' an der Schule für Raumfahrtmedizin arbeiten sollten.
BARNES lernte von den Studenten und von ihren Professoren.
Die Experimente, die in diesem Rahmen durchgeführt wurden, waren
folgende: "Im Verlauf einer Strahlungsverletzung wird das gastrointestinale
System frühzeitig angegriffen. Wir konnten daher nicht ohne weiteres
Futter oder 'positive Verstärkung' verwenden, um die Affen zu trainieren;
wenn sie aufhören würden zu arbeiten', konnten wir das
dann nicht ihrer Unfähigkeit zu arbeiten zuschreiben. Die Tiere
hatten vielleicht einfach keine Lust zu fressen. Wir mußten uns
deshalb bei unseren Experimenten auf das Anwenden von Schocks oder 'negative
Verstärkung' beschränken. Wir glaubten, wir müßten
den Tieren den stärksten Anreiz geben, um Interpretationsschwierigkeiten
zu vermeiden, die auf Motivierung' beruhten. Wir kauften deshalb
bei 'Behavioral Research Systems Electronics' besonders konstruierte
Schockgeräte. Diese Geräte lieferten zwischen 0 und 50 mA
bei 12.000 Volt. Der Ausgang der Schockgeräte wurde an Schockplatten'
angeschlossen, Metallplatten unter den Füßen der Affen, die
auf starken Federn befestigt waren, um den Kontakt mit den Füßen
sicherzustellen. Es war unmöglich, die Stärke des Schocks,
den jedes Tier erhielt, zu messen, weil Hautfestigkeit, Schweiß
oder die Federspannung des jeweiligen Schockgeräts relativ unkontrolliert
waren. Die Trainingssituation wurde deshalb absolut empirisch, weil
das Schockgerät hochgedreht wurde, bis das Tier zu reagieren begann.
In vielen Fällen war das ein sehr hohes Schockniveau, da die meisten
Affen sehr jung und passiv waren und eher dazu neigten, sich zurückzuziehen
als auszuschlagen, wenn sie verletzt wurden. Die aggressiveren Tiere
erhielten weniger Schocks, weil sie häufiger reagierten und deshalb
eher die vom Experimentator gewünschte Reaktion zeigten; an diesem
Punkt wurde der Schock beendet. Aber wehe dem Affen, der sich zurückzog,
der sich selbst zu verstümmeln begann, der zu entkommen versuchte:
ich habe mehr als einen Affen an Herzflimmern sterben sehen, das von
wiederholten Stromstößen verursacht wurde" (BARNES dokumentiert
in SINGER 1988, S. 242 f.).
f) Es gibt zwei Fragen, die an
dieser Stelle gestellt werden müssen:
1. Wie kann jemand den Tieren so etwas antun?
2. Und warum sollte jemand so etwas überhaupt tun?
Ad 1.) BARNES versucht, seine Gedanken, die ihn während
derartigen Forschungen bewegten, wiederzugeben: "Zunächst,
warum sollte ich keine anderen Tiere für meine Zwecke verwenden?
Ich stellte ein klassisches Beispiel für das dar, das ich konditionierte
moralische Blindheit' nennen will. Mein ganzes Leben hatte darin bestanden,
für den Gebrauch von Tieren belohnt zu werden, indem ich sie als
Quelle für menschliches Wohlbefinden oder Vergnügen behandelte.
Es hatte nicht eine einzige Person gegeben, die die Kühnheit besaß,
mich wegen meines Verhaltens zu anderen Tieren zur Rede zu stellen.
Natürlich war ich gut zu Tieren; natürlich mochte ich meine
Lieblinge; natürlich hatte ich mich ohne Frage um einen kranken
Vogel, ein Kaninchen, einen Hund oder eine Katze gekümmert. Andererseits
aber konnte ich mein Zartgefühl einen Augenblick später betrügen,
indem ich ein Hühnchen oder ein Kaninchen oder Erdhörnchen
oder ein Stück Rindfleisch aß. Das war in meinen Augen etwas
ganz anderes; das war Fleisch'. Das Wort Fleisch' ist ein
Mittel, uns von den Tieren, die wir verspeisen, zu distanzieren, geradeso
wie negative Verstärkung' [diese Bezeichnung dafür,
angemerkt von A.K.] ein Mittel ist, uns davon zu distanzieren, wenn
wir eine Kreatur, die Schmerz genauso empfindet, wenn nicht sogar stärker
als wir Menschen, mit Stromstößen behandeln" (ebd.,
1988, S. 243).
Von 1971 bis 1972 besuchte BARNES noch einmal die Ohio State University
und hörte ein Jahr experimentelle Psychologie. Er sprach dort offen
über seine Arbeit, die er getan hatte, spürte aber das Unbehagen
unter seinen Kommilitonen und einigen Professoren. "Sie sagten
zwar nichts - aber ich spürte ihre Zurückhaltung" (ebd.,
S. 244). Er studierte mit einem Ethologen aus Großbritannien,
mit physiologischen Psychologen, Lernpsychologen, Motivationspsychologen
und Sozialpsychologen aus den USA und mit Graduierten aus allen Bereichen.
"Niemals wurde die moralische Frage angeschnitten. Wir diskutierten
einerseits die Wirkungen früher Stimulation auf spätere Entwicklung,
andererseits die Auswirkung von Hirnverletzungen auf visuelles Verhalten.
Die ganze Skala der Forschung wurde stillschweigend als ethisch definiert.
Es gab niemals irgendeine Frage. Warum hätte ich mich nicht an
einer derartigen Forschung beteiligen sollen?" (ebd.).
BARNES schreibt über seine Amtszeit als Psychologe, daß er
damals HARRY HARLOW für eine 'Superperson' hielt [sic]. Ich bin
bereits darauf eingegangen, welche Art von Forschung HARLOW betrieben
hat (vgl. Abschnitt 2.2.10.b). Die Rechtfertigung von HARLOWS Forschung
war, ein Modell von Psychopathologie zu entwickeln, das bei der Arbeit
mit Menschen eingesetzt werden soll. BARNES dazu: "Heute kann ich
nicht verstehen, daß ich die Stichhaltigkeit dieser Forschung
nicht schon vor zwanzig Jahren in Frage stellte. Als praktizierender
Krankenhauspsychologe würde ich niemals in der Literatur über
nicht-menschliche Lebewesen nachlesen, um ein Modell für einen
Patienten zu finden. Die Arbeit bringt einfach keinerlei Nutzen. Das
ist ein weiteres Beispiel für 'konditionierte moralische Blindheit',
obwohl man nicht einmal das ethische Problem betrachten muß, um
den Irrtum dieser Forschung zu erkennen" (ebd., 1988, S. 245).
Ad. 2.) Warum sollte jemand diese Art von Experimenten durchführen,
wie es BARNES tat?
BARNES erklärt, daß man ihm natürlich einen Grund nannte,
warum diese Art der Forschung durchgeführt werden mußte.
Der Grund war, daß die Air Force die Überlebensfähigkeit
und Verwundbarkeit ihrer Waffensysteme kennen müsse, damit sie
verbessert werden konnten. Sie haben versucht, die Elektronik gegen
die Wirkung von Strahlung zu 'härten'. Der Mensch ist jedoch auch
ein 'Grundbestandteil' der meisten Waffensysteme der Air Force (z. B.
der Flugzeuge). Daher, so wurde argumentiert, muß die Verwundbarkeit
des menschlichen 'Subsystems' erforscht und definiert werden.
BARNES Aufgabe wurde es, Wahrscheinlichkeitsschätzungen in bezug
auf das Funktionieren der Flugzeugbesatzung nach Nuklearbestrahlung
durchzuführen. Denn wenn beispielsweise der Pilot (Kopilot, Bombenschütze,
usw.) nach 500 rad ins Koma fiel, machte es keinen Sinn, eine Unmenge
an Zeit und Geld in die 'Härtung' elektronischer Bauteile zu investieren,
damit diese 10.000, 15.000 oder 20.000 rad widerstehen konnten.
Ich bin sicher, nicht erst auf den Mangel an humanen Erwägungen
hinweisen zu müssen, der dieser Forschung anhaftet: Ziel der Mission
ist, daß der Auftrag ausgeführt wird und die Bomben abgeworfen
werden. Niemand erwartet, daß die menschlichen Bediener dieser
Waffensysteme von ihrer Mission zurückkehren.
Eine Lösung böte sich an, nämlich den Menschen aus dem
Waffensystem herauszunehmen. Das wäre aufgrund der heutigen Technologie
möglich. Es wird aber nicht getan. Warum? BARNES dazu: "Weil
die Zukunft der US Air Force von der Person im Cockpit abhängt.
Die US Air Force ist eine in sich geschlossene bürokratische Institution.
Sie verewigt sich selbst und hat Verteidigungsmechanismen entwickelt,
um ihre eigene Vernichtung zu verhindern, während sie andere Strategien
zur Verteidigung der Vereinigten Staaten entwickelt; beide Systeme sind
hochentwickelt und gehärtet' gegen Angriffe. Um den Status
quo zu schützen, werden Projekte, die ihn erhalten, anerkannt;
jene, die ihn bedrohen, werden abgelehnt" (BARNES 1988, S. 246
f.). Wenn sie den Menschen nicht aus dem System herausnehmen können,
müssen sie einen Weg finden, um sicherzustellen, daß das
System mit dem Menschen funktioniert. Deshalb werden Milliarden Dollar
ausgegeben, um den existierenden bürokratischen Apparat zu rechtfertigen.
g) Akzeptanz der Rolle als Experimentator
"In dieser Rolle akzeptierte ich die Probleme, wie sie mir von
meinen Vorgesetzten umrissen wurden. Wie kann man aber in der Praxis
die Verwundbarkeit des menschlichen Bedieners' durch Strahlung
bestimmen? Es ist eine Tatsache, daß es in der biomedizinischen
Forschung keinen Ersatz für den Menschen gibt. Das Problem besteht
allerdings darin, daß man einen Stellvertreter für die Experimente
finden muß, die für Menschen schädlich sein könnten.
Der nicht-menschliche Primat gilt als unser engster Verwandter, auf
ihn fällt offensichtlich die Wahl" (ebd., S. 247). BARNES
schreibt weiters über das Problem im Zusammenhang mit dieser Art
der Forschung, daß es eben keinen extrapolativen Index, keine
Formel für die Voraussage menschlichen Verhaltens aus dem Verhalten
nicht-menschlicher Primaten gäbe, denn sonst besäße
die biomedizinische Wissenschaft eine Fülle von Informationen.
Viele der Probleme wären bereits gelöst worden, denn Millionen
nicht-menschlicher Primaten wurden zu diesem Zweck geopfert. "Ich
erkannte aber diese simple Tatsache nicht, und da ich davon überzeugt
war, nicht-menschliche Lebewesen seien für menschliche Zwecke da,
akzeptierte ich blind die Prämisse, 'dicht daran sei besser als
nichts' und machte mich daran, ein ehrgeiziges Programm aufzustellen
für die Bestrahlung trainierter Affen, um dann die Ergebnisse auf
hypothetische menschliche Situationen zu extrapolieren. Sehr viel später
traten dann Ereignisse ein, die mich dazu zwangen, meine Position zu
überdenken. Obwohl mir der Kausalzusammenhang, der mich vom Experimentator
zum Aktivisten für Tierrechte werden ließ, nicht mehr klar
ist, kann ich mich an einige Ereignisse erinnern" (ebd., S. 247
f.).
h) Langsam beginnende Zweifel
an der Wissenschaftlichkeit seiner Forschung
"Ich muß gestehen, daß ich einige Jahre lang einen
Verdacht bezüglich der Nützlichkeit der von uns gesammelten
Daten gehegt hatte" (ebd., S. 248). Damals akzeptierte BARNES aber
allzu bereitwillig die Argumente der US Air Force, daß sie der
Welt einen wichtigen Dienst erwiesen. "Ich benutzte diese Versicherung
als Scheuklappen, um die Realität dessen, was ich 'vor Ort' sah,
nicht zu erkennen; und obwohl die Scheuklappen nicht immer bequem waren,
dienten sie mir doch als Schutz vor den Unsicherheiten, die mit einem
möglichen Verlust von Status und Einkommen verbunden wären.
Heute scheint es total unverständlich, wie ich in der Lage war,
meine Augen vor der Künstlichkeit der von mir betriebenen Forschung
zu verschließen. Die Daten, die wir über die Auswirkungen
von ionisierender Bestrahlung auf das Verhalten sammelten, wurden als
Eingaben in 'Modelle' des Operationssystems benutzt. In diesem Stadium
waren die Zahlen selbst zu 'Wahrheiten' geworden. Die Tatsache, daß
sie in höchst künstlichen Situationen von nicht-menschlichen
Primaten gewonnen worden waren, war vergessen oder ignoriert. Die bloße
Tatsache, daß sie existierten, um als Eingabe bei computergesteuerten
'Kriegsspielen' benutzt zu werden, rechtfertigte ihre Gültigkeit"
(ebd.).
i) Bewußtes Hinterfragen
der Nützlichkeit seiner Forschung und massive Kritik an dieser
BARNES berichtet, wie sich seine Einstellung änderte, als er zuließ,
die Nützlichkeit seiner Forschung zu hinterfragen. Seine Scheuklappen
fielen dann eines Tages ab und er konfrontierte Dr. ROY DeHART, Commander
der 'US Air Force-Schule für Raumfahrtmedizin' mit der Unzulänglichkeit
der von ihm betriebenen Forschung. Er argumentierte, daß es bei
einem nuklearen Konflikt höchst unrealistisch wäre, wenn sich
Einsatzkommados auf Tabellen und Zahlen verlassen würden, die auf
Daten von Rhesusaffen basierten, um Schätzungen für mögliche
Streitmachtstärke oder Zweitschlagfähigkeit zu gewinnen. Dr.
DeHART versicherte den unschätzbaren Wert dieser Daten und erklärte:
"Sie werden nicht wissen, daß die Daten auf Tierversuchen
basieren" (ebd., S. 249). Diese Auseinandersetzung wirkte sich
verheerend auf seinen Status in der Raumfahrtmedizin aus.
j) Emotionale und kognitive Veränderungen
seiner Einstellung
"Rückblickend wird mir klar, daß meine sich verändernde
Einstellung zur Forschung von Veränderungen auf der gefühlsmäßigen
und der intellektuellen Ebene begleitet wurde" (ebd., S. 249).
Er schreibt, wie er während seiner 16jährigen Forschung nicht-menschliche
bestrahlte Primaten auch tötete, um ihnen weiteres Leiden zu ersparen.
Er war kein ausgebildeter Physiologe, doch er glaubte geschickt genug
zu sein, um eine Vene zu finden. Allerdings stellte er sich jedesmal
die Frage, ob er denn das Recht habe, das zu tun. "Ich weiß
heute, daß eine Stimme in mir mit 'Nein' antwortete, doch ich
glaubte, ich hätte keine andere Wahl" (ebd.).
k) Entscheidende Wende seiner
Einstellungsänderung
Zu der entscheidenden Wende seiner Einstellungsveränderung kam
es 1979, als er gebeten wurde, mit einem jungen Statistiker zu sprechen,
der eben erst in das Labor gekommen war und anscheinend recht verstört
gewesen war, als er sah, wie die Affen Elektroschocks bekamen, wenn
sie ihre 'Pflichten' nicht richtig erfüllten; er hatte Bemerkungen
über die Inhumanität des Projekts gemacht. BARNES sollte diese
unangenehme und kritische Situation retten. Könnte er es? "Natürlich!
Ich zählte dem Burschen alle abgedroschenen Argumente auf. Ich
sprach von der 'Notwendigkeit' für die Forschung, rechtfertigte
den Grund für den Gebrauch von Elektroschocks, erklärte, warum
wir Affen verwendeten. Er nahm mir die Argumente ab, ich aber hatte
während des Gesprächs meine Überzeugung verloren"
(ebd., S. 250).
Als er danach beauftragt wurde, ein weiteres Experiment mit vier Rhesusaffen
durchzuführen, die mit 360 rad Gammastrahlen bestrahlt werden sollten,
um das Verhalten der Affen in den folgenden zehn Stunden zu bestimmen,
erhob er Einspruch. Er wußte, daß diese Bestrahlung auf
die Leistung der Affen keinen Einfluß hätte. Außerdem
ist eine Population von vier Affen statistisch gesehen nicht zu rechtfertigen.
Das Ergebnis wäre wissenschaftlich ungültig. Außerdem
kannte BARNES die Affen und wurde immer kritischer im Hinblick darauf,
wie sie 'gebraucht' wurden. Er wollte diese Tiere nicht in einem sinnlosen
Projekt 'gebrauchen'. Dennoch hätte er zu diesem Zeitpunkt noch
nicht gezögert, sie in einem Projekt einzusetzen, das er für
wichtig hielt: "Diesen Punkt in meiner 'Umwandlung' hatte ich noch
nicht erreicht" (ebd.). In einer Arbeitskonferenz brachte er seine
Einwände vor, die anderen Fachleute, einschließlich seines
Vorgesetzten stimmten zu, daß das Experiment negativ verlaufen
würde; die Affen würden in der zehnstündigen Beobachtungszeit
nach der Bestrahlung keine Verhaltensänderungen zeigen. Sie stimmten
zu, daß man das Experiment durch sorgfältiges Studium der
Fachliteratur, ersetzen könnte. Trotzdem hatte sein Vorgesetzter
Angst, dieses Verfahren anstatt des Experiments zu genehmigen. Er versprach
jedoch, mit seinem Vorgesetzten darüber zu sprechen.
BARNES dazu: "Je höher hinauf man in der Befehlskette kommt,
desto weniger kompetenten Rat kann man erwarten, heißt es. Das
hier war keine Ausnahme; mir wurde befohlen, das Experiment aus politischen
Gründen [sic!, angemerkt von A.K.] durchzuführen. Meine Reaktion
war alles andere als zustimmend; es wurden Schritte unternommen, um
mich loszuwerden, da ich zu einer Stachel im Fleisch der Bürokratie
geworden war. Ich wurde gefeuert" (ebd., S. 251).
Ethische Werte waren in diesem Bereich nicht gewünscht. BARNES
war in einem bürokratischen Sumpf gefangen, in dem er bestraft
wurde, als er eine Autorität in Frage stellte.
Dennoch hatte sich BARNES bis jetzt nur gegen die Verschwendung von
wertvollen Ressourcen (Tiere) an schlechte Wissenschaft gewehrt. Sein
Mitgefühl für die Tiere war noch nicht bewußt vorhanden.
"Welches Mitgefühl für die Labortiere auch vorhanden
sein mochte, es war noch in seinem Käfig, ausgesperrt aus meinen
Gedanken" (ebd.).
BARNES schreibt über seine ungerechte Behandlung: "Ich war
verletzt, verwirrt und wütend. Ich hielt nach Munition Ausschau,
nach Werkzeugen der Vergeltung. Ich rief den Generalinspektor an, beklagte
falsches Management und Verschwendung von Regierungsmitteln. Ich beantragte
Wiedereinsetzung bei den entsprechenden Behörden. Ich sprach mit
der Presse. Ich schrieb an humanitäre Organisationen, und während
ich diese Briefe schrieb, erkannte ich in zunehmendem Maße, daß
meine Arbeit und die Forschungsbemühungen meiner Kollegen inhuman
und ohne Wert gewesen waren" (ebd., S. 252).
Als Biomediziner war er von Organisationen, die sich für Tiere
einsetzten, ziemlich abgeschirmt worden. Im Rahmen des Laboratoriums
galt es als üblich, ein Vorurteil gegen die Antivivisektionsphilosophie
zu haben. Während seiner gesamten Berufslaufbahn waren nie Fragen
der Moral und Ethik bezüglich des Gebrauchs von Labortieren diskutiert
worden.
l) Wie kam es schließlich
zur totalen Veränderung seiner Wertvorstellungen?
"In meiner Wut und Enttäuschung hatte ich eine plötzliche
Erkenntnis: die Forschung, die ich durchgeführt hatte und die in
meiner Abwesenheit fortgeführt wurde, war nicht nur wissenschaftlich
unrecht, sie war inhuman. Ich war entsetzt über meine vergangene
Unempfindlichkeit und beschloß, jene Projekte, von denen ich wußte,
daß sie wertlos und grausam waren, aufzuhalten" (ebd., S.
252). BARNES schrieb an die 'Humane Society of the United States' und
es entstand eine lebhafte Diskussion mit Dr. SHIRLEY McGREAL von der
'International Primate League'- eine Korrespondenz, die ihn schließlich
zur humanitären Bewegung führte.
Er gewann seinen Prozeß um Wiedereinstellung, kehrte an die Schule
für Raumfahrtmedizin zurück und forschte nun über Alternativen
zum Gebrauch von Tieren. Denn jetzt konnte er nicht mehr mit Tieren
experimentieren. Als er jedoch wieder in das Labor zurückkehren
sollte, gab er seine Stelle auf und fand Beschäftigung in der humanitären
Bewegung.
"Meine Wertvorstellungen sind heute ganz andere als die im Jahr
1980. Rückblickend erkenne ich, daß ich an meinen konditionierten
Überzeugungen festhielt, bis sie durch Logik und den Nachweis ihrer
Ungültigkeit ins Wanken gerieten. 1980 konnte man mich noch drängen,
Forschung mit nicht-menschlichen Lebewesen in 'bessere' und 'schlechtere'
Kategorien zu trennen. Die Restlogik von 'notwendiger medizinischer
Forschung' blieb bis zu einem gewissen Grad; die anthropozentrische
Auffassung wurde langsam durch den erhöhten Respekt vor anderen
Lebensformen ersetzt. Als Folge davon fielen Fleisch als Nahrungsmittel,
Leder als Kleidung und Rodeos und Zirkusveranstaltungen als Unterhaltung
weg. Meine Empfindungen beim Anblick eines Pelzmantels wechselten von
neidischer Bewunderung zu Gleichgültigkeit, zu Mitleid, schließlich
zu Ekel und Abwehr.
Ich änderte meine Auffassungen nicht schnell und nicht ohne Kampf
und Groll. Ich hoffe nur, daß ich durch den Wechsel in meinen
eigenen Auffassungen dazu befähigt worden bin, ähnliche Veränderungen
in den Anschauungen jener herbeizuführen, die ohne Nachdenken die
Experimente heute noch fortsetzen" (ebd., S. 253).
Wie ich anhand des Milgram-Experiments
und des Beispiels der Entwicklung zum Experimentator versucht habe zu
zeigen, spielen Internalisierungen sehr wohl eine große Rolle
bei der Entstehung von Schuldgefühlen und der Art des moralischen
Urteils einer Person. Die Versuchspersonen im Milgram-Experiment empfanden
einen deutlichen Konflikt bei der Instruktion, Versuchspersonen zu quälen,
da diese gegen ihre verinnerlichte Wertvorstellung sprach. Anhand des
Beispiels des Experimentators BARNES läßt sich erkennen,
daß gerade seine verinnerlichten Wertvorstellungen ihm ermöglichten,
ohne Konflikte grausame Experimente mit Tieren durchzuführen. (Es
geht hier nicht um eine Gleichstellung von Menschen- und Tierexperimenten,
sondern um eine Erklärung zu Internalisierungen).
4.2.2.
Interpretation von Barnes' Biographie im Lichte der theoretischen Konzepte
Ad a) Kindheit: Fünftes bis
Siebtes Lebensjahr
BARNES beschreibt, wie die Familie auf der Farm lebte und es selbstverständlich
war, Tiere ihrer Nützlichkeit wegen zu halten. Genauer gesagt,
wurden Tiere nur darum gehalten, um ihnen zu dienen. Diese Wertvorstellungen
waren in der Familie allgegenwärtig und wurden von BARNES als er
etwa fünf Jahre alt war, verinnerlicht. In der psycho-sexuellen
Phasenlehre spricht man von der ödipalen Phase, die zu dieser Zeit
abgeschlossen wird. Mit dem Abschluß dieser Phase wird das Über-Ich
und das Ich-Ideal errichtet. Das Über-Ich schafft die innere Moral
und vertritt sozusagen die Eltern auch in deren Abwesenheit (vgl. ELHARDT
1971, S. 95 f.). Das Über-Ich entsteht u.a. aus Identifizierungen
mit den Elternfiguren und deren ethischen und moralischen Einstellungen.
Diese Identifizierungen bilden den organisierten Kern des Über-Ichs,
um den sich weitere Identifizierungen aus späteren Entwicklungsstadien,
vor allem während der Pubertät, bilden. Das Über-Ich
ist in FREUDS zweiter Theorie des psychischen Apparats jene Instanz
der Persönlichkeit, die dem Ich gegenüber die moralischen
und ethischen Gebote und Verbote sowie die handlungsleitenden Ideale
vertritt (SCHUSTER et al. 1994, S. 37).
Über das Schlachten schreibt BARNES, daß es in ihm rätselhafte
Fragen auslöste, aber von ihm bald als notwendig akzeptiert wurde.
Die Eltern gaben ihm vermutlich die Antwort, daß es notwendig
und normal sei, Tiere zu töten und daß Tiere dafür da
seien. Ich denke, daß hier die erste Verdrängung in bezug
auf das Töten von Tieren stattfindet und sich diese vermutlich
traumatische Erfahrung später in Szene drängt, als BARNES
selbst Tiere tötet (vgl. Punkt j).
Ad b) Kindheit - Präadoleszenz
- Frühadoleszenz: Siebtes bis ca. 14. Lebensjahr
Bis etwa zum 11. Lebensjahr spricht man in der Phasenlehre von der sogenannten
Latenzzeit. Es ist eine Zeit in der das Lernen und praktische Können
im Vordergrund stehen. Es kommt zu einer wachsenden Kontrolle des Ichs
und des Über-Ichs über die Triebe. Die Ich-Entwicklung ist
wesentlich, um die Pubertät meistern zu können. Triebenergien
können auf verschiedene Gebiete wie Ideale, Normen, Interessen,
soziale Bereiche verlagert werden. Eine strengere innere Kontrolle (Über-Ich)
zeigt sich in motivierten und zielgerichteten Haltungen (vgl. REITER
1995, S. 23). Für ERIKSON ist das die Phase, in der das Kind sagen
könnte: "Ich bin das, was ich lerne" (MENTZOS 1997, S.
101 f.). Das Kind verlegt in dieser Phase sein Interesse auf die Bewältigung
der Realität und die Entwicklung von Fähigkeiten, die ihm
ein erfolgreiches und sinnvolles Tun ermöglichen. PIAGET zu Folge
ist das die Periode der konkreten Operationen, in der das Kind die Lern-
und Denksysteme seiner Kultur übernimmt und wichtige Klassifizierungen
vornimmt.
BARNES lernt zu dieser Zeit wieder und wahrscheinlich intensiver als
zuvor, daß Tiere für den Menschen einen Nutzen haben müssen
und sonst nicht gehalten werden. Er wünscht sich ein Pferd, bekommt
aber einen Esel und wird von seinem Vater überzeugt, daß
ein Pferd nicht wirtschaftlich sei. Außerdem übernimmt BARNES
die Klassifizierungen der Eltern, daß bestimmte Tiere eine Bedrohung
für ihre Existenz darstellen, als Feinde gesehen werden und getötet
werden müssen. Gerade in dieser enorm wichtigen Entwicklungsstufe
des Lernens, der damit verbundenen Gratifikationen und der Zeit der
stabilen Identifizierungen, wird BARNES aufgetragen, Tiere zu töten.
Er wird für das Töten sogar belohnt! Das Töten wird als
notwendig und sinnvoll erlebt und verspricht darüber hinaus Anerkennung
im Rahmen der Familie. Deshalb stellt es für ihn kein Problem mehr
dar - das war in Punkt a) 'Kindheit: Fünftes bis Siebtes Lebensjahr'
noch anders - und erzeugt auch keine Schuldgefühle.
Ad c) Vermutlich Frühadoleszenz
bis Postadoleszenz
Der Adoleszente befindet sich im Übergang vom Kind zum Erwachsenen.
Seine Strukturen sind gelockert, weil seine frühen Strukturen der
Kindheit in neue Strukturen integriert werden müssen. Dieser Lebensabschnitt
ist für die Ausbildung der Persönlichkeit mindestens genauso
wichtig, wie die Kindheit. In der Frühadoleszenz bleibt die Familie
weiterhin das Zentrum des Lebens (vgl. REITER 1995, S. 25). BARNES wird
auf die Jagd und zum Fischen mitgenommen und sehr tüchtig darin.
Es stellt in seiner Familie eine Selbstverständlichkeit dar, obwohl
sie es zum Leben nicht mehr nötig hat. BARNES tötet Tiere
also auch in dieser wichtigen Phase der Identitätsbildung ohne
Schuldgefühle.
Ad d) Frühes Erwachsenenalter
(ca. 24 Jahre): Ausbildung und Assistentenstelle
Als BARNES eine Assistentenstelle angeboten bekommt und Tieren Elektroschocks
verabreichen muß, stellt es überhaupt kein Problem für
ihn dar. BARNES hat im Verlauf seiner ganzen Kindheit und Jugend Tiere
für seine Zwecke benützt und wurde dafür belohnt. Warum
sollte er plötzlich Probleme damit haben?
Ad e) Erwachsenenalter (ca. 30
Jahre): Leiter eines Laboratoriums
BARNES wird Leiter eines Laboratoriums, wo er unter optimalen finanziellen
Bedingungen arbeiten und das Forschungsprogramm nach seinen Wünschen
zusammenstellen kann. Ihm kommt ein hoher Status zu, der sicherlich
eine narzißtische Befriedigung gewährt.
Wiederum wird er dafür belohnt, daß er Tiere benützt;
diesmal im Rahmen der Wissenschaft. Das Argument für das Benützen
der Tiere ist das gleiche wie in seiner Kindheit: Der Gebrauch von Tieren
stelle eine Notwendigkeit dar. Die Frage der Moral wird ebensowenig
gestellt bzw. rationalisiert wie in seiner Kindheit, als der Tod der
Tiere in ihm noch rätselhafte Fragen auslöste.
BARNES führt in dieser Phase
seines Erwachsenenalters qualvolle Experimente mit Affen durch. Er rechtfertigt
die Verabreichung von Elektroschocks mit dem Argument der Notwendigkeit
aus Gründen der Empirie und schreibt dabei nichts über seine
Gefühle. Diese Form der Abwehr wird als Rationalisierung bezeichnet
und beschreibt eine sekundäre Rechtfertigung von Verhaltensweisen
durch Scheinmotive (vgl. MENTZOS 1997, S. 64).
Ad f) Es gibt zwei Fragen, die
an dieser Stelle gestellt werden müssen:
1. Wie kann jemand den Tieren so etwas antun?
2. Und warum sollte jemand so etwas überhaupt tun?
Zur ersten Frage: Angesichts seiner gesamten bisherigen Entwicklung
ist es wirklich nicht besonders verwunderlich, daß BARNES zu dieser
Forschung fähig ist. Er bezeichnet sein Verhalten als Folge 'konditionierter
moralischer Blindheit'. Ich möchte dies als Folge der Internalisierung
entsprechender Wertvorstellungen bezeichnen.
Interessant ist bei diesem Punkt BARNES' Schilderung über sein
unterschiedliches Verhalten gegenüber Tieren. Auf der einen Seite
konnte er sich wie selbstverständlich um einen kranken Vogel, einen
Hund, eine Katze oder ein Kaninchen kümmern, einen Augenblick später
konnte er aber seine Empfindungsfähigkeit unterdrücken und
beispielsweise ein Kaninchen essen. BARNES beschreibt, daß dies
in seinen Augen etwas ganz anderes war: nämlich 'Fleisch'. Er macht
darauf aufmerksam, daß die Bezeichnung 'Fleisch' ebenso wie die
Bezeichnung 'negative Verstärkung' der Distanzierung von dem eigentlichen
Sachverhalt dient. Ich denke, daß diese abstrakten Bezeichnungen
eine emotionale Neutralisierung bewirken und eine Form der Spaltung
darstellen. Bei Spaltungsvorgängen soll vermieden werden, daß
inkompatible Inhalte zusammentreffen. Die inkompatiblen Inhalte bleiben
jedoch, anders als im Falle der Verdrängung, prinzipiell bewußt
oder zumindest vorbewußt. Sie werden zeitweilig und abwechselnd
je nach Bedarf verleugnet (vgl. MENTZOS 1997, S. 63).
Zur zweiten Frage: Wie bereits in
Punkt ad e) beschrieben, ist BARNES Leiter in einem Laboratorium der
US Air Force. Die US Air Force ist eine mächtige bürokratische
Institution, die eine enorme Hintergrundautorität darstellt und
ihn beauftragt, diese Experimente durchzuführen. Angesichts seiner
verinnerlichten Wertvorstellungen, der situativen Einflußfaktoren
dieser einflußreichen Institution und der Wirkung der Abwehrmechanismen
der Rationalisierung und Spaltung führt er die Experimente ohne
zu zögern durch.
Ad g) Akzeptanz der Rolle als
Experimentator
BARNES akzeptiert den Auftrag der US Air Force, ohne die Sinnhaftigkeit
der Experimente zu hinterfragen, obwohl er ein Experte in der biomedizinischen
Forschung ist und insgeheim weiß, daß diese Art der Experimente
nutzlos ist. Das war ihm allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewußt.
Die Verdrängung erlaubt keine bewußte Auseinandersetzung
mit der Frage nach der Wissenschaftlichkeit seiner Forschung.
Ad h) Langsam beginnende Zweifel
an der Wissenschaftlichkeit seiner Forschung
BARNES schreibt, daß er ehrlicherweise zugeben muß, daß
er einen Verdacht bezüglich der Nützlichkeit der von ihm durchgeführten
Experimente hatte, doch die Abwehr und die Identifizierung mit seiner
Rolle als Experimentator halfen ihm, seine Zweifel nicht gänzlich
bewußt werden zu lassen und den damit verbundenen möglichen
Verlust seines Status und Einkommens nicht riskieren zu müssen.
BARNES führte die Experimente also widerstandslos durch und erhielt
Daten, die nutzlos waren, da sie auf den Menschen nicht übertragbar
waren. Doch diese Tatsache wurde von den Forschern vollkommen verleugnet.
Die Zahlen selbst waren zu 'Wahrheiten' geworden. Wie wir anhand dieses
Beispiels sehen, führt die Verleugnung hier zu Einbußen bei
der Funktion der Realitätsprüfung bzw. das Ich der Forscher
scheint sich in einen Teil zu spalten, der die Realität kennt,
und in einen tieferen Teil, der an der Verleugnung der Wahrheit festhält
(vgl. SCHUSTER et al. 1994, S. 49 f.).
Ad i) Bewußtes Hinterfragen
der Nützlichkeit seiner Forschung und massive Kritik an dieser
BARNES hatte bereits einige Jahre lang einen Verdacht bzgl. der Nützlichkeit
der von ihm und seinen Mitarbeitern betriebenen Forschung. Etliche Jahre
konnte er jedoch seine Vermutungen durch entsprechende Mechanismen der
Abwehr (u. a. durch Spaltungsvorgänge) erfolgreich der Realitätsprüfung
entziehen. Diesen Vorgang kann man vermutlich als vorbewußt charakterisieren.
Das System Vorbewußt ist dadurch gekennzeichnet, daß es
jene psychischen Elemente enthält, die prinzipiell bewußtseinsfähig
sind. Die psychischen Inhalte können durch Anspannung der Aufmerksamkeit
bewußt werden, sie sind jedoch momentan nicht bewußt (vgl.
SCHUSTER et al. 1994, S. 29 & S. 33). BARNES berichtet, wie sich
der Vorgang der Bewußtwerdung bei ihm vollzog, als er zuließ,
die Nützlichkeit seiner Forschung wirklich zu hinterfragen und
nicht nur deren oberflächliche Betrachtung zuließ. Ihm wurde
klar, daß die Daten, die er von Rhesusaffen gesammelt hatte, für
den Menschen höchst unwahrscheinlich zu gebrauchen sind. Er konfrontierte
den Commander Dr. ROY DeHART direkt damit und dieser entgegnete: "Sie
werden nicht wissen, daß die Daten auf Tierversuchen basieren".
Das war wirklich die Antwort eines Commanders der 'US Air Force-Schule
für Raumfahrtmedizin'!
Wie bereits von BARNES jahrelang unterschwellig befürchtet, hatte
diese Auseinandersetzung verheerende Folgen für seine Karriere.
Ad j) Emotionale und kognitive
Veränderungen seiner Einstellung
Hier könnte sich eine szenische Wiederbelebung aus seiner Vergangenheit
darstellen, in der BARNES oft Tiere tötete. Damals mußte
er die Tiere aus Gründen der Nützlichkeit im Auftrag seiner
Eltern töten. Die Frage, ob er dazu berechtigt war, stellte er
sich im Alter von fünf Jahren angesichts der Belohnung durch die
Eltern höchstwahrscheinlich nicht. Als Erwachsener stellte er sich
diese Frage jedesmal wenn er einen Primaten tötete, da er kein
ausgebildeter Physiologe war und die Tiere nicht hätte töten
dürfen. Jetzt tötete er die Affen aber, um ihnen weiteres
Leid zu ersparen, und nicht primär aus Gründen der Nützlichkeit.
Man könnte dieses Verhalten vielleicht als Wiederholungszwang mit
symbolischer Wiedergutmachung bezeichnen.
Ad k) Entscheidende Wende seiner
Einstellungsänderung
Wir sehen anhand BARNES' Schilderung, wie langsam aber dennoch bestimmt
sich sein Prozeß der Bewußtwerdung vollzieht. Bisher konnten
wir Abwehrmechanismen der ersten Ebene (vgl. oben Punkt f u. h) wie
die der Verleugnung und Spaltung beobachten. Jetzt treten allmählich
die Abwehrmechanismen der zweiten Ebene anstelle der ersten Ebene. BARNES
leugnet nun nicht mehr die Nutzlosigkeit seiner Forschung und spricht
von der Unwissenschaftlichkeit eines ihm aufgetragenen Experiments,
das er deshalb nicht mehr durchführen wird. Hier tritt eine Rationalisierung
in Erscheinung. Er argumentiert, daß er die Affen nicht in einem
sinnlosen Projekt gebrauchen' will. In einem für ihn sinnvoll
erscheinenden Projekt würde er solche Experimente nach wie vor
durchführen. Er schreibt selbst, daß er zu diesem Zeitpunkt
noch nicht so weit war, jegliche Experimente mit Tieren aus moralischen
Gründen abzulehnen. Dennoch weigert er sich erfolgreich, diesen
Auftrag, der auch nach Ansicht anderer Experten als sinnlos eingestuft
wird, zu erfüllen. Die Folge ist allerdings, daß er entlassen
wird. Wir sehen hier, welch enorme Machtstrukturen in der US Air Force
wirken. Experimente werden aus machtpolitischen Gründen, ohne wissenschaftlichen
Ansprüchen gerecht zu werden, in Auftrag gegeben und Personen,
die sich dieser Autorität in den Weg stellen, werden entlassen.
BARNES' Wut über diese ungerechte Behandlung ist so groß,
daß er sämtliche einflußreiche Stellen anschreibt und
die Verschwendung von Regierungsmitteln beklagt, angesichts der Unwissenschaftlichkeit
dieser Forschung. Während er sich also nochmals eingehend mit seiner
Arbeit auseinandersetzt, wird ihm zunehmend bewußt, daß
die Experimente nicht nur unwissenschaftlich, sondern auch unmenschlich
gewesen waren. Erstmals in seinem Leben läßt er eine moralische
Frage in bezug auf Tiere zu. Wir sollten hier betonen, daß moralische
Fragen in bezug auf Tiere in seiner gesamten bisherigen Laufbahn nie
ein Thema waren; sie wurden von niemandem je angesprochen.
Ad l) Wie kam es schließlich
zur totalen Veränderung seiner Wertvorstellungen?
BARNES läßt in dieser letzten Phase des Prozesses der Bewußtwerdung
erstmals richtige Gefühle in bezug auf seine Arbeit zu. Er ist
sehr wütend und enttäuscht über die völlig ungerechtfertigte
Behandlung. In diesem heftigen Sturm der Gefühle läßt
sich seine bisherige Abwehr nicht länger aufrechterhalten und sein
verdrängtes Wissen drängt ins Bewußtsein. Ab diesem
Zeitpunkt kann er überhaupt keine Experimente mit Tieren mehr durchführen.
Er ist jetzt sogar über seine vergangene Unempfindlichkeit entsetzt!
Wir sehen, wie sich seine verinnerlichten Wertvorstellungen ganz langsam
verändert haben; zuerst konnte er Zweifel auf der rationalen Ebene
zulassen, indem er die Wissenschaftlichkeit seiner Forschung zunehmend
in Frage stellte und aufgrund dieser Ergebnisse feststellte, daß
die Daten im Grunde wertlos waren, da sie nicht auf den Menschen übertragbar
waren. Viel später sah er, daß seine Forschung auch inhuman
war und er konnte sein Mitgefühl für die Labortiere nicht
länger unterdrücken. Es erfolgte also mit der Bewußtwerdung
auf der rationalen Ebene zusätzlich eine Veränderung auf der
emotionalen Ebene, die schließlich eine vollkommene Umwandlung
seiner Wertvorstellungen zur Folge hatte.