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Diplomarbeit von Astrid Kaplan:

Zum Verhältnis von Mensch und Tier
unter Berücksichtigung der hierbei auftretenden
rationalen und emotionalen Widersprüche

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4.2. Fallbeispiel

4.2.1. Barnes' Biographie

Wie wir anhand des Milgram-Experiments und der Mitarbeiter in Tierheimen gesehen haben, spielen die verinnerlichten Wertvorstellungen eine zentrale Rolle bei der Entstehung eines großen psychischen Konflikts. Denn die Aufforderung, gegen die eigenen Wertvorstellungen zu handeln, bedeutet, daß sich im Individuum zwei miteinander unvereinbare innere, psychische Forderungen gegenüberstehen. Werden jedoch an eine Person Anforderungen gestellt, die innerhalb ihrer eigenen Wertvorstellungen liegen, können sie ohne Konflikte erfüllt werden. Die Art der verinnerlichten Wertvorstellungen bestimmt demnach, ob bei der Aufforderung zu einer bestimmten Handlung, ein psychischer Konflikt auftritt oder nicht.

Das folgende Beispiel soll zeigen, wie die Art der verinnerlichten Wertvorstellungen einem Menschen ermöglicht, ohne jeglichen psychischen Konflikt, Tierexperimentator zu werden und wie es aufgrund veränderter Wertvorstellungen der gleichen Person nicht mehr möglich ist, Experimente an Tieren durchzuführen.

DONALD J. BARNES schreibt über seine Entwicklung zum Tierexperimentator und wie er nach 16jähriger Berufsausübung zum Gegner der Vivisektion wurde:
"'Don', sagte ein Bekannter zu mir kürzlich, 'ich will Ihr Engagement für die Prinzipien der Antivivisektionsbewegung nicht in Frage stellen, aber Sie haben doch selbst sechzehn Jahre lang Vivisektion durchgeführt. Was hat eine derart schnelle und radikale Veränderung Ihrer Überzeugung herbeigeführt?' Mir wurde die Frage viele Male gestellt, und von einer Person mehr als von allen anderen... von mir selbst. Die Antwort hat sich mit der Veränderung meiner Wertvorstellungen geändert, jedoch ständig und in ein und derselben Richtung" (BARNES dokumentiert in SINGER 1988, S. 238). Betrachten wir chronologisch die Evolution BARNES' Wertvorstellungen, um alles zu verstehen:

a) Kindheit: Fünftes bis Siebtes Lebensjahr
1941, kurz vor seinem fünften Geburtstag kauften seine Eltern eine Farm von 20 Morgen in Südkalifornien. Denn sie mochten und verstanden das Stadtleben nicht; ihr Umzug auf eigenes Land versprach Sicherheit und Unabhängigkeit.
Das Land ernährte und kleidete sie. Sie bauten eigene Feldfrüchte und Gemüse an. Den Überschuß verkauften sie von Tür zu Tür mit höchstem Gewinn. Tiere waren ein Teil ihrer Existenz. Sie zogen Schweine, Rinder und Hühner für Fleisch, Eier und Milchprodukte auf, stampften eigene Butter und tranken Milch ohne Pasteurisierung und Homogenisierung. Sie behandelten, BARNES´ Schilderung nach, ihre Tiere mit Liebe und Respekt, aber immer im Bewußtsein, daß sie nicht ihrer selbst willen auf der Welt waren, sondern um ihnen zu dienen. Das Schlachten wurde so zweckmäßig wie möglich mit dem Beil und einem Hackklotz für das Geflügel vorgenommen und mit einer wohlplazierten Kugel für die größeren Tiere. "Ihr Tod löste rätselhafte Fragen in mir aus, er wurde aber bald als notwendig akzeptiert, denn das war das Ethos einer Farm" (BARNES dokumentiert in SINGER 1988, S. 239).

b) Kindheit - Präadoleszenz - Frühadoleszenz: Siebtes bis ca.14. Lebensjahr
Als BARNES etwa sieben Jahre alt war, kaufte der Vater ihm und seinem Bruder einen Esel. Sie hatten sich zwar ein Pferd gewünscht, aber sie wurden von ihrem Vater überzeugt, daß ein Pferd wirtschaftlich nicht gerechtfertigt wäre, weil es für die Farm keinen Nutzen hatte. Sie lernten bald, daß der Esel für sie nicht nur ein Spielzeug sein sollte. Auf einer Farm gibt es nämlich viel zu transportieren, der Esel wurde vor einen Karren gespannt und die Buben führten bald den täglichen Transport aus. Trotzdem wurden der Esel und BARNES enge Freunde, und sie verbrachten zusammen viele glückliche Stunden bei der Erkundung des umliegenden Landes.
Es gab auch noch viele andere Tiere, die in den Dienst gestellt wurden. Manche Tiere stellten jedoch eine Bedrohung für ihre Lebensweise dar. So beispielsweise Gopher (rattenähnliches Nagetier) und Erdhörnchen, indem sie im Boden des Obstgartens wühlten und Gemüse und die Wurzeln der Bäume fraßen. Die Felder wurden durch eine einzige Quelle, die in Bewässerungsgräben geleitet wurde, bewässert. Wenn ein Gopher in der Nähe eines Bewässerungsgrabens grub, wurde das Loch mit Steinen und Erde gefüllt, damit das Wasser nicht in dem Gopherbau verschwinden konnte. Skunks (Stinktiere) stellten zwar keine unmittelbare physische Bedrohung dar, sie waren aber ein ständiger Ärger, andere Wildtiere, wie Klapperschlangen, Wiesel oder Koyoten, wurden als Eindringlinge angesehen und als potentielle Feinde für Hühner und den Eiervorrat. BARNES bekam für jedes Erdhörnchen, das er fing und schoß, 25 Cents und 10 Cents für jeden Gopher. Er lernte früh, ohne Schuldgefühle zu töten, denn er tat es im Auftrag seiner Eltern, um der Familie zu helfen.

c) Vermutlich Frühadoleszenz bis Postadoleszenz
Nach mehreren Jahren zog er mit seiner Familie nach Colorado, und das Leben auf der Farm war für immer vorbei. Aber jetzt wurde er auf die Jagd und zum Fischen mitgenommen und er wurde auf beiden Gebieten recht tüchtig. Für die Familie war dies eine vollkommen akzeptable Lebensweise, obwohl sie das Fleisch, das sie auf diese Art beschafften, nicht unbedingt nötig hatten.

d) Frühes Erwachsenenalter (ca. 24 Jahre): Ausbildung und Assistentenstelle
1960 bereitete BARNES seine Promotion in Krankenhauspsychologie [vermutlich Klinische Psychologie, angemerkt von A.K.] vor und war sich der ethischen Verantwortung bei der Arbeit mit psychiatrischen Patienten bewußt. Er bekam eine Anstellung als Lehramtsassistent an der Ohio State University. Seine Aufgabe war, Collegestudenten die Prinzipien des Lernens durch den Gebrauch von conditio-operans-Verfahren bei Ratten zu vermitteln. BARNES dazu: "Das war kein Problem für mich, da meine ganze Vergangenheit darin bestanden hatte, andere Tiere zu meinem Nutzen zu gebrauchen, und ich demonstrierte gewandt die Wirksamkeit verschiedener Trainingsverfahren, einschließlich des Gebrauchs von Elektroschocks als ‚negativer Verstärkung'" (BARNES dokumentiert in SINGER 1988, S. 241).

e) Erwachsenenalter (ca. 30 Jahre): Leiter eines Laboratoriums
Sechs Jahre später, nachdem er seine Assistentenzeit beendet und an der 'US Air Force Officers Training School' promoviert hatte, wurde ihm die Leitung eines Laboratoriums übertragen; die Air Force hatte beschlossen, eine Methode zu entwickeln, um die Wirkung pulsierender Ionisierungsbestrahlung auf das Verhalten nicht-menschlicher Primaten zu bestimmen. (Für das Verteidigungsministerium ist ein Psychologe ein Psychologe: es spielte keine Rolle, daß er Krankenhauspsychologe war). BARNES erhielt ein relativ großes Budget von 200.000 bis 300.000 Dollar pro Jahr und die Freiheit, das Programm nach seinen Wünschen aufzustellen. Ihm standen Soldaten und Zivilisten zur Verfügung, die meisten mit akademischem Grad. Außerdem bekam er die Gelegenheit, zu anderen Labors zu reisen, mit Agenturen zu sprechen, die Geldmittel vergaben, und andere Wissenschaftler zu konsultieren.
Da BARNES Krankenhauspsychologe war, war sein Vokabular für diese Arbeit nicht geeignet. Er beschloß, etwas über experimentelle Psychologie zu lernen und schloß einen Vertrag mit der Baylor University in Waco, Texas. Die Baylor University hatte eine Primateneinrichtung, in der Affen ausgebildet werden sollten. Sie stellten zwei bis drei graduierte Studenten zur Verfügung, die unter BARNES' Leitung als 'Assistenten' an der Schule für Raumfahrtmedizin arbeiten sollten. BARNES lernte von den Studenten und von ihren Professoren.
Die Experimente, die in diesem Rahmen durchgeführt wurden, waren folgende: "Im Verlauf einer Strahlungsverletzung wird das gastrointestinale System frühzeitig angegriffen. Wir konnten daher nicht ohne weiteres Futter oder 'positive Verstärkung' verwenden, um die Affen zu trainieren; wenn sie aufhören würden zu ‚arbeiten', konnten wir das dann nicht ihrer Unfähigkeit zu arbeiten zuschreiben. Die Tiere hatten vielleicht einfach keine Lust zu fressen. Wir mußten uns deshalb bei unseren Experimenten auf das Anwenden von Schocks oder 'negative Verstärkung' beschränken. Wir glaubten, wir müßten den Tieren den stärksten Anreiz geben, um Interpretationsschwierigkeiten zu vermeiden, die auf ‚Motivierung' beruhten. Wir kauften deshalb bei 'Behavioral Research Systems Electronics' besonders konstruierte Schockgeräte. Diese Geräte lieferten zwischen 0 und 50 mA bei 12.000 Volt. Der Ausgang der Schockgeräte wurde an ‚Schockplatten' angeschlossen, Metallplatten unter den Füßen der Affen, die auf starken Federn befestigt waren, um den Kontakt mit den Füßen sicherzustellen. Es war unmöglich, die Stärke des Schocks, den jedes Tier erhielt, zu messen, weil Hautfestigkeit, Schweiß oder die Federspannung des jeweiligen Schockgeräts relativ unkontrolliert waren. Die Trainingssituation wurde deshalb absolut empirisch, weil das Schockgerät hochgedreht wurde, bis das Tier zu reagieren begann. In vielen Fällen war das ein sehr hohes Schockniveau, da die meisten Affen sehr jung und passiv waren und eher dazu neigten, sich zurückzuziehen als auszuschlagen, wenn sie verletzt wurden. Die aggressiveren Tiere erhielten weniger Schocks, weil sie häufiger reagierten und deshalb eher die vom Experimentator gewünschte Reaktion zeigten; an diesem Punkt wurde der Schock beendet. Aber wehe dem Affen, der sich zurückzog, der sich selbst zu verstümmeln begann, der zu entkommen versuchte: ich habe mehr als einen Affen an Herzflimmern sterben sehen, das von wiederholten Stromstößen verursacht wurde" (BARNES dokumentiert in SINGER 1988, S. 242 f.).

f) Es gibt zwei Fragen, die an dieser Stelle gestellt werden müssen:
1. Wie kann jemand den Tieren so etwas antun?
2. Und warum sollte jemand so etwas überhaupt tun?

Ad 1.) BARNES versucht, seine Gedanken, die ihn während derartigen Forschungen bewegten, wiederzugeben: "Zunächst, warum sollte ich keine anderen Tiere für meine Zwecke verwenden? Ich stellte ein klassisches Beispiel für das dar, das ich ‚konditionierte moralische Blindheit' nennen will. Mein ganzes Leben hatte darin bestanden, für den Gebrauch von Tieren belohnt zu werden, indem ich sie als Quelle für menschliches Wohlbefinden oder Vergnügen behandelte. Es hatte nicht eine einzige Person gegeben, die die Kühnheit besaß, mich wegen meines Verhaltens zu anderen Tieren zur Rede zu stellen. Natürlich war ich gut zu Tieren; natürlich mochte ich meine Lieblinge; natürlich hatte ich mich ohne Frage um einen kranken Vogel, ein Kaninchen, einen Hund oder eine Katze gekümmert. Andererseits aber konnte ich mein Zartgefühl einen Augenblick später betrügen, indem ich ein Hühnchen oder ein Kaninchen oder Erdhörnchen oder ein Stück Rindfleisch aß. Das war in meinen Augen etwas ganz anderes; das war ‚Fleisch'. Das Wort ‚Fleisch' ist ein Mittel, uns von den Tieren, die wir verspeisen, zu distanzieren, geradeso wie ‚negative Verstärkung' [diese Bezeichnung dafür, angemerkt von A.K.] ein Mittel ist, uns davon zu distanzieren, wenn wir eine Kreatur, die Schmerz genauso empfindet, wenn nicht sogar stärker als wir Menschen, mit Stromstößen behandeln" (ebd., 1988, S. 243).
Von 1971 bis 1972 besuchte BARNES noch einmal die Ohio State University und hörte ein Jahr experimentelle Psychologie. Er sprach dort offen über seine Arbeit, die er getan hatte, spürte aber das Unbehagen unter seinen Kommilitonen und einigen Professoren. "Sie sagten zwar nichts - aber ich spürte ihre Zurückhaltung" (ebd., S. 244). Er studierte mit einem Ethologen aus Großbritannien, mit physiologischen Psychologen, Lernpsychologen, Motivationspsychologen und Sozialpsychologen aus den USA und mit Graduierten aus allen Bereichen. "Niemals wurde die moralische Frage angeschnitten. Wir diskutierten einerseits die Wirkungen früher Stimulation auf spätere Entwicklung, andererseits die Auswirkung von Hirnverletzungen auf visuelles Verhalten. Die ganze Skala der Forschung wurde stillschweigend als ethisch definiert. Es gab niemals irgendeine Frage. Warum hätte ich mich nicht an einer derartigen Forschung beteiligen sollen?" (ebd.).
BARNES schreibt über seine Amtszeit als Psychologe, daß er damals HARRY HARLOW für eine 'Superperson' hielt [sic]. Ich bin bereits darauf eingegangen, welche Art von Forschung HARLOW betrieben hat (vgl. Abschnitt 2.2.10.b). Die Rechtfertigung von HARLOWS Forschung war, ein Modell von Psychopathologie zu entwickeln, das bei der Arbeit mit Menschen eingesetzt werden soll. BARNES dazu: "Heute kann ich nicht verstehen, daß ich die Stichhaltigkeit dieser Forschung nicht schon vor zwanzig Jahren in Frage stellte. Als praktizierender Krankenhauspsychologe würde ich niemals in der Literatur über nicht-menschliche Lebewesen nachlesen, um ein Modell für einen Patienten zu finden. Die Arbeit bringt einfach keinerlei Nutzen. Das ist ein weiteres Beispiel für 'konditionierte moralische Blindheit', obwohl man nicht einmal das ethische Problem betrachten muß, um den Irrtum dieser Forschung zu erkennen" (ebd., 1988, S. 245).
Ad. 2.) Warum sollte jemand diese Art von Experimenten durchführen, wie es BARNES tat?
BARNES erklärt, daß man ihm natürlich einen Grund nannte, warum diese Art der Forschung durchgeführt werden mußte. Der Grund war, daß die Air Force die Überlebensfähigkeit und Verwundbarkeit ihrer Waffensysteme kennen müsse, damit sie verbessert werden konnten. Sie haben versucht, die Elektronik gegen die Wirkung von Strahlung zu 'härten'. Der Mensch ist jedoch auch ein 'Grundbestandteil' der meisten Waffensysteme der Air Force (z. B. der Flugzeuge). Daher, so wurde argumentiert, muß die Verwundbarkeit des menschlichen 'Subsystems' erforscht und definiert werden.
BARNES Aufgabe wurde es, Wahrscheinlichkeitsschätzungen in bezug auf das Funktionieren der Flugzeugbesatzung nach Nuklearbestrahlung durchzuführen. Denn wenn beispielsweise der Pilot (Kopilot, Bombenschütze, usw.) nach 500 rad ins Koma fiel, machte es keinen Sinn, eine Unmenge an Zeit und Geld in die 'Härtung' elektronischer Bauteile zu investieren, damit diese 10.000, 15.000 oder 20.000 rad widerstehen konnten.
Ich bin sicher, nicht erst auf den Mangel an humanen Erwägungen hinweisen zu müssen, der dieser Forschung anhaftet: Ziel der Mission ist, daß der Auftrag ausgeführt wird und die Bomben abgeworfen werden. Niemand erwartet, daß die menschlichen Bediener dieser Waffensysteme von ihrer Mission zurückkehren.
Eine Lösung böte sich an, nämlich den Menschen aus dem Waffensystem herauszunehmen. Das wäre aufgrund der heutigen Technologie möglich. Es wird aber nicht getan. Warum? BARNES dazu: "Weil die Zukunft der US Air Force von der Person im Cockpit abhängt. Die US Air Force ist eine in sich geschlossene bürokratische Institution. Sie verewigt sich selbst und hat Verteidigungsmechanismen entwickelt, um ihre eigene Vernichtung zu verhindern, während sie andere Strategien zur Verteidigung der Vereinigten Staaten entwickelt; beide Systeme sind hochentwickelt und ‚gehärtet' gegen Angriffe. Um den Status quo zu schützen, werden Projekte, die ihn erhalten, anerkannt; jene, die ihn bedrohen, werden abgelehnt" (BARNES 1988, S. 246 f.). Wenn sie den Menschen nicht aus dem System herausnehmen können, müssen sie einen Weg finden, um sicherzustellen, daß das System mit dem Menschen funktioniert. Deshalb werden Milliarden Dollar ausgegeben, um den existierenden bürokratischen Apparat zu rechtfertigen.

g) Akzeptanz der Rolle als Experimentator
"In dieser Rolle akzeptierte ich die Probleme, wie sie mir von meinen Vorgesetzten umrissen wurden. Wie kann man aber in der Praxis die Verwundbarkeit des ‚menschlichen Bedieners' durch Strahlung bestimmen? Es ist eine Tatsache, daß es in der biomedizinischen Forschung keinen Ersatz für den Menschen gibt. Das Problem besteht allerdings darin, daß man einen Stellvertreter für die Experimente finden muß, die für Menschen schädlich sein könnten. Der nicht-menschliche Primat gilt als unser engster Verwandter, auf ihn fällt offensichtlich die Wahl" (ebd., S. 247). BARNES schreibt weiters über das Problem im Zusammenhang mit dieser Art der Forschung, daß es eben keinen extrapolativen Index, keine Formel für die Voraussage menschlichen Verhaltens aus dem Verhalten nicht-menschlicher Primaten gäbe, denn sonst besäße die biomedizinische Wissenschaft eine Fülle von Informationen. Viele der Probleme wären bereits gelöst worden, denn Millionen nicht-menschlicher Primaten wurden zu diesem Zweck geopfert. "Ich erkannte aber diese simple Tatsache nicht, und da ich davon überzeugt war, nicht-menschliche Lebewesen seien für menschliche Zwecke da, akzeptierte ich blind die Prämisse, 'dicht daran sei besser als nichts' und machte mich daran, ein ehrgeiziges Programm aufzustellen für die Bestrahlung trainierter Affen, um dann die Ergebnisse auf hypothetische menschliche Situationen zu extrapolieren. Sehr viel später traten dann Ereignisse ein, die mich dazu zwangen, meine Position zu überdenken. Obwohl mir der Kausalzusammenhang, der mich vom Experimentator zum Aktivisten für Tierrechte werden ließ, nicht mehr klar ist, kann ich mich an einige Ereignisse erinnern" (ebd., S. 247 f.).

h) Langsam beginnende Zweifel an der Wissenschaftlichkeit seiner Forschung
"Ich muß gestehen, daß ich einige Jahre lang einen Verdacht bezüglich der Nützlichkeit der von uns gesammelten Daten gehegt hatte" (ebd., S. 248). Damals akzeptierte BARNES aber allzu bereitwillig die Argumente der US Air Force, daß sie der Welt einen wichtigen Dienst erwiesen. "Ich benutzte diese Versicherung als Scheuklappen, um die Realität dessen, was ich 'vor Ort' sah, nicht zu erkennen; und obwohl die Scheuklappen nicht immer bequem waren, dienten sie mir doch als Schutz vor den Unsicherheiten, die mit einem möglichen Verlust von Status und Einkommen verbunden wären.
Heute scheint es total unverständlich, wie ich in der Lage war, meine Augen vor der Künstlichkeit der von mir betriebenen Forschung zu verschließen. Die Daten, die wir über die Auswirkungen von ionisierender Bestrahlung auf das Verhalten sammelten, wurden als Eingaben in 'Modelle' des Operationssystems benutzt. In diesem Stadium waren die Zahlen selbst zu 'Wahrheiten' geworden. Die Tatsache, daß sie in höchst künstlichen Situationen von nicht-menschlichen Primaten gewonnen worden waren, war vergessen oder ignoriert. Die bloße Tatsache, daß sie existierten, um als Eingabe bei computergesteuerten 'Kriegsspielen' benutzt zu werden, rechtfertigte ihre Gültigkeit" (ebd.).

i) Bewußtes Hinterfragen der Nützlichkeit seiner Forschung und massive Kritik an dieser
BARNES berichtet, wie sich seine Einstellung änderte, als er zuließ, die Nützlichkeit seiner Forschung zu hinterfragen. Seine Scheuklappen fielen dann eines Tages ab und er konfrontierte Dr. ROY DeHART, Commander der 'US Air Force-Schule für Raumfahrtmedizin' mit der Unzulänglichkeit der von ihm betriebenen Forschung. Er argumentierte, daß es bei einem nuklearen Konflikt höchst unrealistisch wäre, wenn sich Einsatzkommados auf Tabellen und Zahlen verlassen würden, die auf Daten von Rhesusaffen basierten, um Schätzungen für mögliche Streitmachtstärke oder Zweitschlagfähigkeit zu gewinnen. Dr. DeHART versicherte den unschätzbaren Wert dieser Daten und erklärte: "Sie werden nicht wissen, daß die Daten auf Tierversuchen basieren" (ebd., S. 249). Diese Auseinandersetzung wirkte sich verheerend auf seinen Status in der Raumfahrtmedizin aus.

j) Emotionale und kognitive Veränderungen seiner Einstellung
"Rückblickend wird mir klar, daß meine sich verändernde Einstellung zur Forschung von Veränderungen auf der gefühlsmäßigen und der intellektuellen Ebene begleitet wurde" (ebd., S. 249). Er schreibt, wie er während seiner 16jährigen Forschung nicht-menschliche bestrahlte Primaten auch tötete, um ihnen weiteres Leiden zu ersparen. Er war kein ausgebildeter Physiologe, doch er glaubte geschickt genug zu sein, um eine Vene zu finden. Allerdings stellte er sich jedesmal die Frage, ob er denn das Recht habe, das zu tun. "Ich weiß heute, daß eine Stimme in mir mit 'Nein' antwortete, doch ich glaubte, ich hätte keine andere Wahl" (ebd.).

k) Entscheidende Wende seiner Einstellungsänderung
Zu der entscheidenden Wende seiner Einstellungsveränderung kam es 1979, als er gebeten wurde, mit einem jungen Statistiker zu sprechen, der eben erst in das Labor gekommen war und anscheinend recht verstört gewesen war, als er sah, wie die Affen Elektroschocks bekamen, wenn sie ihre 'Pflichten' nicht richtig erfüllten; er hatte Bemerkungen über die Inhumanität des Projekts gemacht. BARNES sollte diese unangenehme und kritische Situation retten. Könnte er es? "Natürlich! Ich zählte dem Burschen alle abgedroschenen Argumente auf. Ich sprach von der 'Notwendigkeit' für die Forschung, rechtfertigte den Grund für den Gebrauch von Elektroschocks, erklärte, warum wir Affen verwendeten. Er nahm mir die Argumente ab, ich aber hatte während des Gesprächs meine Überzeugung verloren" (ebd., S. 250).
Als er danach beauftragt wurde, ein weiteres Experiment mit vier Rhesusaffen durchzuführen, die mit 360 rad Gammastrahlen bestrahlt werden sollten, um das Verhalten der Affen in den folgenden zehn Stunden zu bestimmen, erhob er Einspruch. Er wußte, daß diese Bestrahlung auf die Leistung der Affen keinen Einfluß hätte. Außerdem ist eine Population von vier Affen statistisch gesehen nicht zu rechtfertigen. Das Ergebnis wäre wissenschaftlich ungültig. Außerdem kannte BARNES die Affen und wurde immer kritischer im Hinblick darauf, wie sie 'gebraucht' wurden. Er wollte diese Tiere nicht in einem sinnlosen Projekt 'gebrauchen'. Dennoch hätte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht gezögert, sie in einem Projekt einzusetzen, das er für wichtig hielt: "Diesen Punkt in meiner 'Umwandlung' hatte ich noch nicht erreicht" (ebd.). In einer Arbeitskonferenz brachte er seine Einwände vor, die anderen Fachleute, einschließlich seines Vorgesetzten stimmten zu, daß das Experiment negativ verlaufen würde; die Affen würden in der zehnstündigen Beobachtungszeit nach der Bestrahlung keine Verhaltensänderungen zeigen. Sie stimmten zu, daß man das Experiment durch sorgfältiges Studium der Fachliteratur, ersetzen könnte. Trotzdem hatte sein Vorgesetzter Angst, dieses Verfahren anstatt des Experiments zu genehmigen. Er versprach jedoch, mit seinem Vorgesetzten darüber zu sprechen.
BARNES dazu: "Je höher hinauf man in der Befehlskette kommt, desto weniger kompetenten Rat kann man erwarten, heißt es. Das hier war keine Ausnahme; mir wurde befohlen, das Experiment aus politischen Gründen [sic!, angemerkt von A.K.] durchzuführen. Meine Reaktion war alles andere als zustimmend; es wurden Schritte unternommen, um mich loszuwerden, da ich zu einer Stachel im Fleisch der Bürokratie geworden war. Ich wurde gefeuert" (ebd., S. 251).
Ethische Werte waren in diesem Bereich nicht gewünscht. BARNES war in einem bürokratischen Sumpf gefangen, in dem er bestraft wurde, als er eine Autorität in Frage stellte.
Dennoch hatte sich BARNES bis jetzt nur gegen die Verschwendung von wertvollen Ressourcen (Tiere) an schlechte Wissenschaft gewehrt. Sein Mitgefühl für die Tiere war noch nicht bewußt vorhanden. "Welches Mitgefühl für die Labortiere auch vorhanden sein mochte, es war noch in seinem Käfig, ausgesperrt aus meinen Gedanken" (ebd.).
BARNES schreibt über seine ungerechte Behandlung: "Ich war verletzt, verwirrt und wütend. Ich hielt nach Munition Ausschau, nach Werkzeugen der Vergeltung. Ich rief den Generalinspektor an, beklagte falsches Management und Verschwendung von Regierungsmitteln. Ich beantragte Wiedereinsetzung bei den entsprechenden Behörden. Ich sprach mit der Presse. Ich schrieb an humanitäre Organisationen, und während ich diese Briefe schrieb, erkannte ich in zunehmendem Maße, daß meine Arbeit und die Forschungsbemühungen meiner Kollegen inhuman und ohne Wert gewesen waren" (ebd., S. 252).
Als Biomediziner war er von Organisationen, die sich für Tiere einsetzten, ziemlich abgeschirmt worden. Im Rahmen des Laboratoriums galt es als üblich, ein Vorurteil gegen die Antivivisektionsphilosophie zu haben. Während seiner gesamten Berufslaufbahn waren nie Fragen der Moral und Ethik bezüglich des Gebrauchs von Labortieren diskutiert worden.

l) Wie kam es schließlich zur totalen Veränderung seiner Wertvorstellungen?
"In meiner Wut und Enttäuschung hatte ich eine plötzliche Erkenntnis: die Forschung, die ich durchgeführt hatte und die in meiner Abwesenheit fortgeführt wurde, war nicht nur wissenschaftlich unrecht, sie war inhuman. Ich war entsetzt über meine vergangene Unempfindlichkeit und beschloß, jene Projekte, von denen ich wußte, daß sie wertlos und grausam waren, aufzuhalten" (ebd., S. 252). BARNES schrieb an die 'Humane Society of the United States' und es entstand eine lebhafte Diskussion mit Dr. SHIRLEY McGREAL von der 'International Primate League'- eine Korrespondenz, die ihn schließlich zur humanitären Bewegung führte.
Er gewann seinen Prozeß um Wiedereinstellung, kehrte an die Schule für Raumfahrtmedizin zurück und forschte nun über Alternativen zum Gebrauch von Tieren. Denn jetzt konnte er nicht mehr mit Tieren experimentieren. Als er jedoch wieder in das Labor zurückkehren sollte, gab er seine Stelle auf und fand Beschäftigung in der humanitären Bewegung.
"Meine Wertvorstellungen sind heute ganz andere als die im Jahr 1980. Rückblickend erkenne ich, daß ich an meinen konditionierten Überzeugungen festhielt, bis sie durch Logik und den Nachweis ihrer Ungültigkeit ins Wanken gerieten. 1980 konnte man mich noch drängen, Forschung mit nicht-menschlichen Lebewesen in 'bessere' und 'schlechtere' Kategorien zu trennen. Die Restlogik von 'notwendiger medizinischer Forschung' blieb bis zu einem gewissen Grad; die anthropozentrische Auffassung wurde langsam durch den erhöhten Respekt vor anderen Lebensformen ersetzt. Als Folge davon fielen Fleisch als Nahrungsmittel, Leder als Kleidung und Rodeos und Zirkusveranstaltungen als Unterhaltung weg. Meine Empfindungen beim Anblick eines Pelzmantels wechselten von neidischer Bewunderung zu Gleichgültigkeit, zu Mitleid, schließlich zu Ekel und Abwehr.
Ich änderte meine Auffassungen nicht schnell und nicht ohne Kampf und Groll. Ich hoffe nur, daß ich durch den Wechsel in meinen eigenen Auffassungen dazu befähigt worden bin, ähnliche Veränderungen in den Anschauungen jener herbeizuführen, die ohne Nachdenken die Experimente heute noch fortsetzen" (ebd., S. 253).

Wie ich anhand des Milgram-Experiments und des Beispiels der Entwicklung zum Experimentator versucht habe zu zeigen, spielen Internalisierungen sehr wohl eine große Rolle bei der Entstehung von Schuldgefühlen und der Art des moralischen Urteils einer Person. Die Versuchspersonen im Milgram-Experiment empfanden einen deutlichen Konflikt bei der Instruktion, Versuchspersonen zu quälen, da diese gegen ihre verinnerlichte Wertvorstellung sprach. Anhand des Beispiels des Experimentators BARNES läßt sich erkennen, daß gerade seine verinnerlichten Wertvorstellungen ihm ermöglichten, ohne Konflikte grausame Experimente mit Tieren durchzuführen. (Es geht hier nicht um eine Gleichstellung von Menschen- und Tierexperimenten, sondern um eine Erklärung zu Internalisierungen).


4.2.2. Interpretation von Barnes' Biographie im Lichte der theoretischen Konzepte

Ad a) Kindheit: Fünftes bis Siebtes Lebensjahr
BARNES beschreibt, wie die Familie auf der Farm lebte und es selbstverständlich war, Tiere ihrer Nützlichkeit wegen zu halten. Genauer gesagt, wurden Tiere nur darum gehalten, um ihnen zu dienen. Diese Wertvorstellungen waren in der Familie allgegenwärtig und wurden von BARNES als er etwa fünf Jahre alt war, verinnerlicht. In der psycho-sexuellen Phasenlehre spricht man von der ödipalen Phase, die zu dieser Zeit abgeschlossen wird. Mit dem Abschluß dieser Phase wird das Über-Ich und das Ich-Ideal errichtet. Das Über-Ich schafft die innere Moral und vertritt sozusagen die Eltern auch in deren Abwesenheit (vgl. ELHARDT 1971, S. 95 f.). Das Über-Ich entsteht u.a. aus Identifizierungen mit den Elternfiguren und deren ethischen und moralischen Einstellungen. Diese Identifizierungen bilden den organisierten Kern des Über-Ichs, um den sich weitere Identifizierungen aus späteren Entwicklungsstadien, vor allem während der Pubertät, bilden. Das Über-Ich ist in FREUDS zweiter Theorie des psychischen Apparats jene Instanz der Persönlichkeit, die dem Ich gegenüber die moralischen und ethischen Gebote und Verbote sowie die handlungsleitenden Ideale vertritt (SCHUSTER et al. 1994, S. 37).
Über das Schlachten schreibt BARNES, daß es in ihm rätselhafte Fragen auslöste, aber von ihm bald als notwendig akzeptiert wurde. Die Eltern gaben ihm vermutlich die Antwort, daß es notwendig und normal sei, Tiere zu töten und daß Tiere dafür da seien. Ich denke, daß hier die erste Verdrängung in bezug auf das Töten von Tieren stattfindet und sich diese vermutlich traumatische Erfahrung später in Szene drängt, als BARNES selbst Tiere tötet (vgl. Punkt j).

Ad b) Kindheit - Präadoleszenz - Frühadoleszenz: Siebtes bis ca. 14. Lebensjahr
Bis etwa zum 11. Lebensjahr spricht man in der Phasenlehre von der sogenannten Latenzzeit. Es ist eine Zeit in der das Lernen und praktische Können im Vordergrund stehen. Es kommt zu einer wachsenden Kontrolle des Ichs und des Über-Ichs über die Triebe. Die Ich-Entwicklung ist wesentlich, um die Pubertät meistern zu können. Triebenergien können auf verschiedene Gebiete wie Ideale, Normen, Interessen, soziale Bereiche verlagert werden. Eine strengere innere Kontrolle (Über-Ich) zeigt sich in motivierten und zielgerichteten Haltungen (vgl. REITER 1995, S. 23). Für ERIKSON ist das die Phase, in der das Kind sagen könnte: "Ich bin das, was ich lerne" (MENTZOS 1997, S. 101 f.). Das Kind verlegt in dieser Phase sein Interesse auf die Bewältigung der Realität und die Entwicklung von Fähigkeiten, die ihm ein erfolgreiches und sinnvolles Tun ermöglichen. PIAGET zu Folge ist das die Periode der konkreten Operationen, in der das Kind die Lern- und Denksysteme seiner Kultur übernimmt und wichtige Klassifizierungen vornimmt.
BARNES lernt zu dieser Zeit wieder und wahrscheinlich intensiver als zuvor, daß Tiere für den Menschen einen Nutzen haben müssen und sonst nicht gehalten werden. Er wünscht sich ein Pferd, bekommt aber einen Esel und wird von seinem Vater überzeugt, daß ein Pferd nicht wirtschaftlich sei. Außerdem übernimmt BARNES die Klassifizierungen der Eltern, daß bestimmte Tiere eine Bedrohung für ihre Existenz darstellen, als Feinde gesehen werden und getötet werden müssen. Gerade in dieser enorm wichtigen Entwicklungsstufe des Lernens, der damit verbundenen Gratifikationen und der Zeit der stabilen Identifizierungen, wird BARNES aufgetragen, Tiere zu töten. Er wird für das Töten sogar belohnt! Das Töten wird als notwendig und sinnvoll erlebt und verspricht darüber hinaus Anerkennung im Rahmen der Familie. Deshalb stellt es für ihn kein Problem mehr dar - das war in Punkt a) 'Kindheit: Fünftes bis Siebtes Lebensjahr' noch anders - und erzeugt auch keine Schuldgefühle.

Ad c) Vermutlich Frühadoleszenz bis Postadoleszenz
Der Adoleszente befindet sich im Übergang vom Kind zum Erwachsenen. Seine Strukturen sind gelockert, weil seine frühen Strukturen der Kindheit in neue Strukturen integriert werden müssen. Dieser Lebensabschnitt ist für die Ausbildung der Persönlichkeit mindestens genauso wichtig, wie die Kindheit. In der Frühadoleszenz bleibt die Familie weiterhin das Zentrum des Lebens (vgl. REITER 1995, S. 25). BARNES wird auf die Jagd und zum Fischen mitgenommen und sehr tüchtig darin. Es stellt in seiner Familie eine Selbstverständlichkeit dar, obwohl sie es zum Leben nicht mehr nötig hat. BARNES tötet Tiere also auch in dieser wichtigen Phase der Identitätsbildung ohne Schuldgefühle.

Ad d) Frühes Erwachsenenalter (ca. 24 Jahre): Ausbildung und Assistentenstelle
Als BARNES eine Assistentenstelle angeboten bekommt und Tieren Elektroschocks verabreichen muß, stellt es überhaupt kein Problem für ihn dar. BARNES hat im Verlauf seiner ganzen Kindheit und Jugend Tiere für seine Zwecke benützt und wurde dafür belohnt. Warum sollte er plötzlich Probleme damit haben?

Ad e) Erwachsenenalter (ca. 30 Jahre): Leiter eines Laboratoriums
BARNES wird Leiter eines Laboratoriums, wo er unter optimalen finanziellen Bedingungen arbeiten und das Forschungsprogramm nach seinen Wünschen zusammenstellen kann. Ihm kommt ein hoher Status zu, der sicherlich eine narzißtische Befriedigung gewährt.
Wiederum wird er dafür belohnt, daß er Tiere benützt; diesmal im Rahmen der Wissenschaft. Das Argument für das Benützen der Tiere ist das gleiche wie in seiner Kindheit: Der Gebrauch von Tieren stelle eine Notwendigkeit dar. Die Frage der Moral wird ebensowenig gestellt bzw. rationalisiert wie in seiner Kindheit, als der Tod der Tiere in ihm noch rätselhafte Fragen auslöste.

BARNES führt in dieser Phase seines Erwachsenenalters qualvolle Experimente mit Affen durch. Er rechtfertigt die Verabreichung von Elektroschocks mit dem Argument der Notwendigkeit aus Gründen der Empirie und schreibt dabei nichts über seine Gefühle. Diese Form der Abwehr wird als Rationalisierung bezeichnet und beschreibt eine sekundäre Rechtfertigung von Verhaltensweisen durch Scheinmotive (vgl. MENTZOS 1997, S. 64).

Ad f) Es gibt zwei Fragen, die an dieser Stelle gestellt werden müssen:
1. Wie kann jemand den Tieren so etwas antun?
2. Und warum sollte jemand so etwas überhaupt tun?

Zur ersten Frage: Angesichts seiner gesamten bisherigen Entwicklung ist es wirklich nicht besonders verwunderlich, daß BARNES zu dieser Forschung fähig ist. Er bezeichnet sein Verhalten als Folge 'konditionierter moralischer Blindheit'. Ich möchte dies als Folge der Internalisierung entsprechender Wertvorstellungen bezeichnen.
Interessant ist bei diesem Punkt BARNES' Schilderung über sein unterschiedliches Verhalten gegenüber Tieren. Auf der einen Seite konnte er sich wie selbstverständlich um einen kranken Vogel, einen Hund, eine Katze oder ein Kaninchen kümmern, einen Augenblick später konnte er aber seine Empfindungsfähigkeit unterdrücken und beispielsweise ein Kaninchen essen. BARNES beschreibt, daß dies in seinen Augen etwas ganz anderes war: nämlich 'Fleisch'. Er macht darauf aufmerksam, daß die Bezeichnung 'Fleisch' ebenso wie die Bezeichnung 'negative Verstärkung' der Distanzierung von dem eigentlichen Sachverhalt dient. Ich denke, daß diese abstrakten Bezeichnungen eine emotionale Neutralisierung bewirken und eine Form der Spaltung darstellen. Bei Spaltungsvorgängen soll vermieden werden, daß inkompatible Inhalte zusammentreffen. Die inkompatiblen Inhalte bleiben jedoch, anders als im Falle der Verdrängung, prinzipiell bewußt oder zumindest vorbewußt. Sie werden zeitweilig und abwechselnd je nach Bedarf verleugnet (vgl. MENTZOS 1997, S. 63).

Zur zweiten Frage: Wie bereits in Punkt ad e) beschrieben, ist BARNES Leiter in einem Laboratorium der US Air Force. Die US Air Force ist eine mächtige bürokratische Institution, die eine enorme Hintergrundautorität darstellt und ihn beauftragt, diese Experimente durchzuführen. Angesichts seiner verinnerlichten Wertvorstellungen, der situativen Einflußfaktoren dieser einflußreichen Institution und der Wirkung der Abwehrmechanismen der Rationalisierung und Spaltung führt er die Experimente ohne zu zögern durch.

Ad g) Akzeptanz der Rolle als Experimentator
BARNES akzeptiert den Auftrag der US Air Force, ohne die Sinnhaftigkeit der Experimente zu hinterfragen, obwohl er ein Experte in der biomedizinischen Forschung ist und insgeheim weiß, daß diese Art der Experimente nutzlos ist. Das war ihm allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewußt. Die Verdrängung erlaubt keine bewußte Auseinandersetzung mit der Frage nach der Wissenschaftlichkeit seiner Forschung.

Ad h) Langsam beginnende Zweifel an der Wissenschaftlichkeit seiner Forschung
BARNES schreibt, daß er ehrlicherweise zugeben muß, daß er einen Verdacht bezüglich der Nützlichkeit der von ihm durchgeführten Experimente hatte, doch die Abwehr und die Identifizierung mit seiner Rolle als Experimentator halfen ihm, seine Zweifel nicht gänzlich bewußt werden zu lassen und den damit verbundenen möglichen Verlust seines Status und Einkommens nicht riskieren zu müssen. BARNES führte die Experimente also widerstandslos durch und erhielt Daten, die nutzlos waren, da sie auf den Menschen nicht übertragbar waren. Doch diese Tatsache wurde von den Forschern vollkommen verleugnet. Die Zahlen selbst waren zu 'Wahrheiten' geworden. Wie wir anhand dieses Beispiels sehen, führt die Verleugnung hier zu Einbußen bei der Funktion der Realitätsprüfung bzw. das Ich der Forscher scheint sich in einen Teil zu spalten, der die Realität kennt, und in einen tieferen Teil, der an der Verleugnung der Wahrheit festhält (vgl. SCHUSTER et al. 1994, S. 49 f.).

Ad i) Bewußtes Hinterfragen der Nützlichkeit seiner Forschung und massive Kritik an dieser
BARNES hatte bereits einige Jahre lang einen Verdacht bzgl. der Nützlichkeit der von ihm und seinen Mitarbeitern betriebenen Forschung. Etliche Jahre konnte er jedoch seine Vermutungen durch entsprechende Mechanismen der Abwehr (u. a. durch Spaltungsvorgänge) erfolgreich der Realitätsprüfung entziehen. Diesen Vorgang kann man vermutlich als vorbewußt charakterisieren. Das System Vorbewußt ist dadurch gekennzeichnet, daß es jene psychischen Elemente enthält, die prinzipiell bewußtseinsfähig sind. Die psychischen Inhalte können durch Anspannung der Aufmerksamkeit bewußt werden, sie sind jedoch momentan nicht bewußt (vgl. SCHUSTER et al. 1994, S. 29 & S. 33). BARNES berichtet, wie sich der Vorgang der Bewußtwerdung bei ihm vollzog, als er zuließ, die Nützlichkeit seiner Forschung wirklich zu hinterfragen und nicht nur deren oberflächliche Betrachtung zuließ. Ihm wurde klar, daß die Daten, die er von Rhesusaffen gesammelt hatte, für den Menschen höchst unwahrscheinlich zu gebrauchen sind. Er konfrontierte den Commander Dr. ROY DeHART direkt damit und dieser entgegnete: "Sie werden nicht wissen, daß die Daten auf Tierversuchen basieren". Das war wirklich die Antwort eines Commanders der 'US Air Force-Schule für Raumfahrtmedizin'!
Wie bereits von BARNES jahrelang unterschwellig befürchtet, hatte diese Auseinandersetzung verheerende Folgen für seine Karriere.

Ad j) Emotionale und kognitive Veränderungen seiner Einstellung
Hier könnte sich eine szenische Wiederbelebung aus seiner Vergangenheit darstellen, in der BARNES oft Tiere tötete. Damals mußte er die Tiere aus Gründen der Nützlichkeit im Auftrag seiner Eltern töten. Die Frage, ob er dazu berechtigt war, stellte er sich im Alter von fünf Jahren angesichts der Belohnung durch die Eltern höchstwahrscheinlich nicht. Als Erwachsener stellte er sich diese Frage jedesmal wenn er einen Primaten tötete, da er kein ausgebildeter Physiologe war und die Tiere nicht hätte töten dürfen. Jetzt tötete er die Affen aber, um ihnen weiteres Leid zu ersparen, und nicht primär aus Gründen der Nützlichkeit. Man könnte dieses Verhalten vielleicht als Wiederholungszwang mit symbolischer Wiedergutmachung bezeichnen.

Ad k) Entscheidende Wende seiner Einstellungsänderung
Wir sehen anhand BARNES' Schilderung, wie langsam aber dennoch bestimmt sich sein Prozeß der Bewußtwerdung vollzieht. Bisher konnten wir Abwehrmechanismen der ersten Ebene (vgl. oben Punkt f u. h) wie die der Verleugnung und Spaltung beobachten. Jetzt treten allmählich die Abwehrmechanismen der zweiten Ebene anstelle der ersten Ebene. BARNES leugnet nun nicht mehr die Nutzlosigkeit seiner Forschung und spricht von der Unwissenschaftlichkeit eines ihm aufgetragenen Experiments, das er deshalb nicht mehr durchführen wird. Hier tritt eine Rationalisierung in Erscheinung. Er argumentiert, daß er die Affen nicht in einem sinnlosen Projekt ‚gebrauchen' will. In einem für ihn sinnvoll erscheinenden Projekt würde er solche Experimente nach wie vor durchführen. Er schreibt selbst, daß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht so weit war, jegliche Experimente mit Tieren aus moralischen Gründen abzulehnen. Dennoch weigert er sich erfolgreich, diesen Auftrag, der auch nach Ansicht anderer Experten als sinnlos eingestuft wird, zu erfüllen. Die Folge ist allerdings, daß er entlassen wird. Wir sehen hier, welch enorme Machtstrukturen in der US Air Force wirken. Experimente werden aus machtpolitischen Gründen, ohne wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden, in Auftrag gegeben und Personen, die sich dieser Autorität in den Weg stellen, werden entlassen.
BARNES' Wut über diese ungerechte Behandlung ist so groß, daß er sämtliche einflußreiche Stellen anschreibt und die Verschwendung von Regierungsmitteln beklagt, angesichts der Unwissenschaftlichkeit dieser Forschung. Während er sich also nochmals eingehend mit seiner Arbeit auseinandersetzt, wird ihm zunehmend bewußt, daß die Experimente nicht nur unwissenschaftlich, sondern auch unmenschlich gewesen waren. Erstmals in seinem Leben läßt er eine moralische Frage in bezug auf Tiere zu. Wir sollten hier betonen, daß moralische Fragen in bezug auf Tiere in seiner gesamten bisherigen Laufbahn nie ein Thema waren; sie wurden von niemandem je angesprochen.

Ad l) Wie kam es schließlich zur totalen Veränderung seiner Wertvorstellungen?
BARNES läßt in dieser letzten Phase des Prozesses der Bewußtwerdung erstmals richtige Gefühle in bezug auf seine Arbeit zu. Er ist sehr wütend und enttäuscht über die völlig ungerechtfertigte Behandlung. In diesem heftigen Sturm der Gefühle läßt sich seine bisherige Abwehr nicht länger aufrechterhalten und sein verdrängtes Wissen drängt ins Bewußtsein. Ab diesem Zeitpunkt kann er überhaupt keine Experimente mit Tieren mehr durchführen. Er ist jetzt sogar über seine vergangene Unempfindlichkeit entsetzt!
Wir sehen, wie sich seine verinnerlichten Wertvorstellungen ganz langsam verändert haben; zuerst konnte er Zweifel auf der rationalen Ebene zulassen, indem er die Wissenschaftlichkeit seiner Forschung zunehmend in Frage stellte und aufgrund dieser Ergebnisse feststellte, daß die Daten im Grunde wertlos waren, da sie nicht auf den Menschen übertragbar waren. Viel später sah er, daß seine Forschung auch inhuman war und er konnte sein Mitgefühl für die Labortiere nicht länger unterdrücken. Es erfolgte also mit der Bewußtwerdung auf der rationalen Ebene zusätzlich eine Veränderung auf der emotionalen Ebene, die schließlich eine vollkommene Umwandlung seiner Wertvorstellungen zur Folge hatte.


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