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Diplomarbeit von Astrid
Kaplan:
Zum Verhältnis
von Mensch und Tier
unter Berücksichtigung
der hierbei auftretenden
rationalen und emotionalen Widersprüche
4.3. Erziehung zum Fleischessen
Ein wesentlicher Einflußfaktor
widersprüchlichen Verhaltens gegenüber Tieren, liegt meines
Erachtens in der frühen Erziehung des Kindes zum Fleischessen.
"Das Kind zeigt noch keine Spur von jenem Hochmut, welcher dann
den erwachsenen Kulturmenschen bewegt, seine eigene Natur durch eine
scharfe Grenzlinie von allem anderen Animalischen abzusetzen. Es gesteht
dem Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbürtigkeit zu; im ungehemmten
Bekennen zu seinen Bedürfnissen fühlt es sich wohl dem Tiere
verwandter als dem ihm wahrscheinlich rätselhaften Erwachsenen"
(FREUD 1996-75, S. 412).
Zum Fleischessen werden wir in einem Alter erzogen, in dem wir noch
gar nicht verstehen, daß das, was wir essen, tote Tiere sind.
Fleischessen ist daher psychologisch die wichtigste speziesistische
Praktik (den Begriff 'Speziesismus' habe ich in 2.3.3.
erläutert): In bezug auf die Frage, ob wir Fleisch essen wollen
bzw. sollen oder nicht, haben wir nie eine eigene freie Entscheidung
aufgrund vollständiger Informationen getroffen. Wir sind dazu in
frühester Kindheit erzogen worden, bevor wir sie bewußt ablehnen
oder akzeptieren konnten (vgl. KAPLAN 1993, S. 33 f.).
Zur gleichen Zeit sind kleine Kinder von Natur aus tierliebend und werden
in ihrer positiven emotionalen Einstellung zu Tieren durch die Haltung
der Eltern verstärkt (z.B. durch Kuscheltiere und Kinderbücher).
"Diese Tatsachen sind die Grundlage des deutlichsten Merkmals der
Einstellung von Kindern gegenüber Tieren in unserer Gesellschaft
- daß es nämlich nicht eine einheitliche Einstellung zu Tieren
gibt, sondern zwei miteinander in Konflikt stehende Einstellungen, die
im gleichen Individuum nebeneinander bestehen, sorgfältig voneinander
getrennt, so daß der zwischen ihnen bestehende Widerspruch selten
Schwierigkeiten verursacht" (SINGER 1982, S. 237).
Wenn ein Kind jedoch Gewalt an Tieren beobachtet und erkennt, daß
die gleichen Geschöpfe, denen seine Liebe (als reale Objekte, Kinderbuchgestalten
oder Stofftiere) gilt, getötet werden, um von ihm gegessen werden
zu können, kann es das Verhalten des Erwachsenen nicht begreifen.
Es versucht, eine Erklärung für dieses Verhalten von den Eltern
zu bekommen. Die Eltern, deren eigene 'Lösung' des Problems in
der Verdrängung sowie in der Anwendung anderer Abwehrmechanismen,
vor allem der Spaltung und der Rationalisierung, besteht, können
dem Bedürfnis des Kindes nach kritischer Auseinandersetzung nicht
nachkommen. So sagt man dem Kind beispielsweise: 'Schweine sind zum
Schlachten da'. Das heißt, das Kind erfährt die Grausamkeit
unter dem Vorzeichen von Normalität. Gegen diese Normalität
gilt kein Einwand.
Auf diese Weise sich selbst überlassen und mit dem täglichen
Verhalten der Eltern konfrontiert, bleibt dem Kind nichts anderes übrig,
als das Verhalten der Eltern als 'normal' zu akzeptieren. Es verinnerlicht
die Wertvorstellungen der Eltern, übernimmt deren Abwehrkonstellation
und identifiziert sich mit ihrem Verhalten.
Aufgrund dieser Entwicklung wird das Fleischessen im Erwachsenenalter
gewöhnlich nicht wieder hinterfragt. Wenn Erwachsene unmittelbar
mit der Problematik des Fleischessens konfrontiert werden, lassen sich
oft jene Abwehrmechanismen in ihren Argumenten für die Rechtfertigung
ihres Fleischkonsums wiederfinden, die sie in der Kindheit entwickelt
hatten.
Ein weiterer wichtiger Aspekt hinsichtlich des Fleischessens ist, daß
diese Praxis die psychologische Grundlage für alle speziesistischen
Praktiken ist. Fleischessen ist das Fundament für die speziesistische
Grundhaltung. Denn wenn wir erst einmal innerlich akzeptiert haben,
daß wir leidensfähige Lebewesen für unsere Geschmacksvorlieben
quälen und umbringen, dann akzeptieren wir auch leicht jede andere
Form der Ausbeutung von Tieren.