Auf dem Prüfstand:

Albert Schweitzer und die Ethik der

Ehrfurcht vor dem Leben

 

Stefan Bernhard Eck
Arbeitskreis Tierrechte & Ethik – A.K.T.E.




Mit einem Vorwort von
Dr. Helmut F. Kaplan



Vorwort von Dr. Helmut F. Kaplan

Stefan Bernhard Eck präsentiert hier eine solide, anschauliche und spannende Einführung in die biographischen, philosophischen und weltanschaulichen Grundlagen von Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Seine Darstellung ist eine unschätzbare Hilfe für alle, die sich ein objektives Bild von diesem ebenso gefeierten wie geschmähten Philosophen machen möchten.

Schweitzers historisches Verdienst ist es, den grundlegenden Defekt der abendländischen Ethik erkannt und benannt zu haben: die willkürliche Beschränkung auf die eigene Art, den menschlichen Speziesismus, wie wir heute sagen würden. Eck demonstriert, dass Schweitzers Lehre aber dennoch nicht wegweisend für die Tierrechtsbewegung sein kann. Dabei vermeidet er den naheliegenden Fehler, Schweitzer dadurch nicht gerecht zu werden, dass er dessen zeitbedingte Rahmenbedingungen vernachlässigen oder gar vergessen würde.

Eck verdeutlicht, dass und warum beide verbreiteten Extrempositionen gegenüber Schweitzer falsch sind:

-die hochmütige und vollkommene Ablehnung - weil, Schweitzers Werk und Wirken bei aller möglicher und nötiger Kritik eine höchst beeindruckende Lebensleistung darstellen;
-die bedingungslose und begeisterte Zustimmung - weil es Schweitzers Ethik an Konsistenz und Schweitzers Leben an Konsequenz fehlt.

Der Grundwiderspruch, der Schweitzers Werk durchzieht, ist, dass er einerseits stets die grundsätzliche Gleichwertigkeit allen Lebens behauptet und betont, andererseits aber dennoch laufend Prioritätensetzungen vornimmt - zugunsten eines christlich geprägten Anthropozentrismus. Dieser theoretische Widerspruch schlägt sich auch im praktischen Handeln nieder.

Ecks Ausführungen machen deutlich, warum die Philosophie der Tierrechtsbewegung auf christlichem Boden nie hätte entstehen können: wegen der systemimmanenten christlichen Irrationalität - man denke etwa an das "Credo, quia absurdum" ("Ich glaube es, weil es widersinnig ist") - und weil die christliche Grundhaltung gegenüber dem Tier der Tierrechtsposition diametral entgegengesetzt ist.

Es kann als die Tragik von Schweitzers Leben betrachtet werden, dass er mit all diesem christlichen Denk- und Glaubensmüll beladen philosophieren musste. Und es wäre ein lohnendes Experiment zu rekonstruieren, zu welchen Ergebnissen er gelangt wäre, hätte er nicht ständig diese ungeheure Last mit sich herumtragen müssen.

Angesichts der Schwere dieser Behinderung und der Größe der Widersprüche, mit denen jeder konfrontiert wird, der Christentum und Tierrechte zu versöhnen versucht, ist es geradezu ein Wunder, dass Schweitzer nicht verrückt geworden ist. Dass er es nicht wurde, hat er wohl seiner robusten Natur zu verdanken - und dem Umstand, dass er, immer wenn es philosophisch brenzlig wurde, sich auf vermeintlich sicheren christlichen Boden flüchtete.

Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist ein imposantes Lehrstück dafür, welch verheerende Folgen religiöse Scheuklappen im allgemeinen und christliche Denkhemmungen im besonderen haben können - und eine ernste Mahnung an die Tierrechtsbewegung, sich von keiner Religion oder Weltanschauung vereinnahmen zu lassen.

Helmut F. Kaplan

 



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